Hoheslied 5:1
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Ich komme zu meinem Garten, meine Schwester, meine Braut; ich pflücke meine Myrrhe samt meinem Balsam; ich esse meine Wabe samt meinem Honig, ich trinke meinen Wein samt meiner Milch. Esset, meine Freunde, trinkt und werdet trunken, ihr Geliebten!
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Lies genau, was hier passiert: Der Geliebte antwortet. In Kapitel 4,16 hatte die Frau ihn eingeladen: „Komm in deinen Garten." Jetzt sagt er: „Ich komme zu meinem Garten" – die Einladung ist angenommen, die Ehe ist vollzogen. Der „Garten" ist die Frau selbst, ihr Leib, ihre Liebe – das war schon in Kapitel 4 klar. Was hier neu ist: Er nennt sie „meine Schwester, meine Braut" – zwei Worte, die eigentlich nicht zusammengehören. Schwester meint Vertrautheit, Herkunft, ein Zuhause; Braut meint Verlangen, Verpflichtung, neue Bindung. Zusammen sagen sie: Diese Liebe ist so vertraut wie Familie und so leidenschaftlich wie eine Hochzeitsnacht – kein Widerspruch, sondern das Ziel jeder guten Ehe.
Dann folgt eine Aufzählung, die im ersten Moment wie eine Speisekarte klingt: Myrrhe, Balsam, Honigwabe, Honig, Wein, Milch. Das ist keine zufällige Liste – es sind die kostbarsten, süßesten, reichsten Dinge, die die alte Welt kannte, und jedes einzelne kommt paarweise vor, „samt". Der Text malt Überfluss, nicht Mangel: Hier wird nichts rationiert.
Und dann der Umschwung, den man leicht überliest: Am Ende spricht plötzlich eine andere Stimme – nicht mehr die zwei Liebenden, sondern ein Chor: „Esset, meine Freunde, trinkt und werdet trunken, ihr Geliebten!" Die Hochzeitsgesellschaft wird eingeladen, mitzufeiern, ja sich zu berauschen an dieser Liebe.
Christen sind sich seit Jahrhunderten uneinig, wie man dieses Buch lesen soll: Manche lesen es rein allegorisch – als Bild für Gott und sein Volk, oder Christus und die Kirche Jamieson-Fausset-Brown. Andere lesen es zuerst wörtlich – als gefeierte, gute, körperliche Liebe zwischen Mann und Frau in der Ehe, ohne Scham Tyndale. Beides muss sich nicht ausschließen, aber es macht einen Unterschied, wo man anfängt zu lesen.
Historischer Hintergrund
Das Hohelied wird traditionell Salomo zugeschrieben (regierte etwa 970–930 v. Chr.), doch viele Sprachforscher datieren die endgültige Fassung später, vielleicht ins 5.–3. Jahrhundert v. Chr., nach der babylonischen Gefangenschaft. So oder so: Es ist Liebespoesie – vermutlich gesungen oder vorgetragen bei Hochzeiten, ähnlich wie man heute noch in manchen nahöstlichen Traditionen tagelange Hochzeitsfeiern mit Liedern für Braut und Bräutigam kennt.
Der „Garten" als Bild für die Geliebte war in der Liebesdichtung der ganzen Region üblich – in Ägypten und Mesopotamien finden sich ganz ähnliche Bilder: ein eingezäunter, geschützter Ort voller Duft und Frucht, zu dem nur einer Zugang hat. Myrrhe und Balsam waren extrem teure Importwaren, meist aus Arabien oder Ostafrika über Handelskarawanen eingeführt – man benutzte sie im Tempel als Räucherwerk, bei der Einbalsamierung, aber auch als Parfüm der Reichen. Wenn ein Liebeslied sagt „ich pflücke meine Myrrhe", dann spricht es die Sprache des Luxus, nicht des Alltags.
Honig, Milch und Wein wiederum waren die Grundnahrungsmittel des verheißenen Landes selbst – „ein Land, das von Milch und Honig fließt" war die uralte Formel für Fülle und Segen. Wenn dieses Liebeslied genau diese Worte benutzt, dann verknüpft es die eheliche Liebe mit dem größten Segen, den Israel kannte: dem verheißenen Land selbst.
In der jüdischen Auslegungstradition wurde das Hohelied früh und fast ausschließlich allegorisch gelesen – als Liebeslied zwischen Gott (JHWH) und seinem Volk Israel. Das machte es überhaupt erst „gottesdiensttauglich" für viele Rabbiner, die sonst zögerten, ein so offen erotisches Buch in den Kanon aufzunehmen. Die frühe Kirche übernahm dieses allegorische Lesemuster, deutete es aber auf Christus und die Kirche um.
Ursprache
Das Verb für „kommen" ist בּוֹא (bôwʼ, H935) Strong's – ein ganz gewöhnliches Wort, aber hier trägt es das ganze Gewicht: Er ist angekommen, die Tür ist offen, die Trennung vorbei. Der „Garten" ist גַּן (gan, H1588) – wörtlich ein eingezäuntes Grundstück; das Bild von Kapitel 4 wird hier eingelöst.
Die doppelte Anrede „meine Schwester, meine Braut" nutzt אָחוֹת (ʼâchôwth, H269) und כַּלָּה (kallâh, H3618) Strong's – Letzteres kommt von einer Wurzel, die „vollkommen machen" bedeutet: die Braut als die, die den Mann erst vollständig macht.
Bei den Genussmitteln lohnt sich ein Blick auf יַעַר (yaʻar, H3293) – normalerweise „Wald" oder „Dickicht", hier aber ganz konkret „Honig aus der Wabe", wie er sich in Bäumen bildet Strong's. Das Bild ist wild und unverarbeitet – Honig direkt aus der Natur, im Gegensatz zum bereits fließenden דְּבַשׁ (dᵉbash, H1706). Wein, יַיִן (yayin, H3196), stammt von einer Wurzel, die „gären, aufbrausen" bedeutet – das Wort trägt schon die Vorstellung von Rausch in sich, was den Schlussruf „werdet trunken" vorbereitet. Und das Verb für „berauscht werden" ist mit שָׁתָה (shâthâh, H8354, „trinken") verwandt, aber steigert es bewusst: nicht nur trinken, sondern sich hineinfallen lassen.
Schließlich: רֵעַ (rêaʻ, H7453) – „Freunde", die am Ende angesprochen werden. Dasselbe Wort, das oft für enge Vertraute oder Nächste steht, deutet an: Diese Liebe ist nicht Privatsache im luftleeren Raum, sie hat Zeugen, sie hat eine Gemeinschaft, die mitfeiert.
Wie es auf Christus hinweist
Sei ehrlich mit dir selbst: Das Hohelied nennt Jesus nicht beim Namen, und es wäre unredlich, jedes Bild hier krampfhaft auf ihn zu pressen. Aber die Bibel selbst zeichnet eine Linie von der menschlichen Ehe zur Ehe zwischen Christus und seinem Volk – Paulus tut genau das in Epheser 5,31-32, wenn er über die Ehe schreibt: „Dies Geheimnis ist groß; ich deute es aber auf Christus und die Gemeinde." Wenn du das ernst nimmst, dann ist jede echte, gute, treue Ehe – mit all ihrer Freude, ihrem Verlangen, ihrer Zärtlichkeit – ein kleines, unvollkommenes Abbild von etwas Größerem, das noch kommt.
Und dieses „noch Kommende" wird ganz ausdrücklich am Ende der Bibel wieder aufgegriffen. In Offenbarung 22,17 ruft die Braut – jetzt ist es die Kirche – dasselbe Wort, das hier der Bräutigam sagt: „Komm!" Und die Einladung zum Essen und Trinken kehrt zurück: „wer will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst." Was hier im Hohelied ein Fest zwischen zwei Liebenden ist, wird dort zum Hochzeitsmahl des Lammes (vgl. Offenbarung 19,9) – ein Fest, zu dem alle geladen sind, die kommen wollen.
Auch Johannes der Täufer greift genau dieses Bild auf, wenn er in Johannes 3,29 sagt, er sei nur „der Freund des Bräutigams" – derselbe Begriff wie das רֵעַ hier – der sich freut, wenn er die Stimme des Bräutigams hört. Das ist kein Zufall: Die ganze Bibel spricht immer wieder von Gott als dem, der um sein Volk wirbt, es sich zur Braut macht, es einlädt zu einem Fest, das größer ist als jedes irdische Hochzeitsmahl. Dieses Verlangen zwischen zwei Menschen, so echt es ist, zeigt dir – wenn du hinschaust – wonach dein Herz eigentlich hungert: nach dem endgültigen „Komm" des Bräutigams, der einmal wirklich kommt und alles vollendet.
Für dein Leben
Falls du mit einer christlichen Erziehung aufgewachsen bist, in der Sex ein Thema war, über das man leise sprach oder gar nicht – lies diesen Vers noch einmal langsam. Gott selbst hat diesen Text in seine Bibel aufgenommen: ein offen sinnliches Liebeslied, in dem zwei Ehepartner einander genießen, und in dem eine ganze Festgesellschaft eingeladen wird, sich mitzufreuen, ja „berauscht" zu sein an dieser Liebe. Es gibt hier keine Spur von Scham, keine Entschuldigung, keine Fußnote, die sagt „aber eigentlich meint das nur geistliche Dinge". Das ist zuerst ein Wort über echten, körperlichen, ehelichen Genuss – als gutes Geschenk Gottes.
Das kostet dich etwas, wenn du ehrlich bist. Wenn du unverheiratet bist, kostet es dich, dieses Verlangen nicht vorzeitig zu stillen, sondern es als etwas zu behandeln, das seinen eigenen, richtigen Ort hat. Wenn du verheiratet bist, kostet es dich vielleicht etwas ganz anderes: die Ehrlichkeit einzugestehen, dass du diese Freude längst zur Pflichtübung oder zur Routine hast verkümmern lassen – und wieder anzufangen, deinen Partner tatsächlich wie einen Garten zu behandeln, den man mit Freude betritt, nicht wie ein Feld, das man abarbeitet.
Und wenn du das Bild über die Ehe hinaus weiterdenkst: Was hungert wirklich in dir? Dieser Text lehrt dich, dass Verlangen an sich nicht die Krankheit ist, die du bekämpfen musst – die Frage ist, wohin es dich führt. Lass dieses Verlangen dich heute an die größere Einladung erinnern: Der Bräutigam ruft „Komm", und du bist eingeladen, dich wirklich sattzuessen an ihm, nicht nur an seinen Gaben.
Gebetsanliegen
- Vater, danke, dass du körperliche Liebe erschaffen und für gut erklärt hast – hilf mir, sie ohne Scham anzunehmen, wo sie mir rechtmäßig geschenkt ist.
- Herr, wo ich mein Verlangen missbraucht oder falsch gerichtet habe, mach mich ehrlich davor und führ mich zur Umkehr.
- Wenn ich verheiratet bin: Erneuere die Freude in meiner Ehe, wo Routine oder Verletzung sie verdunkelt haben.
- Wecke in mir den Hunger nach dem größeren Fest – dem Hochzeitsmahl des Lammes – und lass mich heute schon „Komm" zu dir sagen.
- Danke, dass du mich nicht nur als Gast, sondern als Geliebte(n) an deinen Tisch rufst.
Zum Nachdenken
- Habe ich Sexualität und körperliches Verlangen insgeheim als etwas Schmutziges behandelt, das Gott nur widerwillig erlaubt – oder als