Hoheslied 7
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Was es bedeutet
Dieses Kapitel ist ein einziges großes Liebesgedicht, aber es hat eine klare Bewegung. In den Versen 1–6 beschreibt der Mann die Frau – und zwar von unten nach oben: erst ihre tanzenden Füße in den Sandalen, dann die Hüften, den Leib, die Brüste, den Hals, die Augen, die Nase, bis hin zum Haar. Das ist ungewöhnlich, denn solche Preisgedichte gehen sonst vom Kopf abwärts Tyndale John Gill. Er malt sie mit den größten und schönsten Bildern seines Landes: Türme, Teiche, der Karmel, der Libanon, königlicher Purpur. Sie ist für ihn nicht einfach hübsch – sie ist Landschaft, Architektur, Königreich.
Ab Vers 7 wechselt das Bild: Sie wird zur Palme, schlank und aufrecht, und er will hinaufsteigen, ihre Zweige greifen, ihre Frucht kosten. Das ist unverhohlenes Verlangen, kein verschämtes Andeuten.
Der eigentliche Wendepunkt liegt in Vers 10. Bisher hat nur der Mann geredet. Jetzt spricht sie – und ihr Satz ist das Herzstück des ganzen Kapitels: „Ich gehöre meinem Geliebten, und sein Verlangen steht nach mir.“ Von da an übernimmt sie die Initiative: Sie lädt ihn ein, hinaus aufs Feld, in die Dörfer, zu den Weinbergen zu gehen – und sie ist es, die am Ende sagt: „dort will ich dir meine Liebe schenken“ (V. 13) und alles Neue und Alte für ihn aufbewahrt hat (V. 14).
Dieses Kapitel steht kurz vor dem Schluss des Hohenliedes, das in Kapitel 8 mit dem berühmten Wort „Liebe ist stark wie der Tod“ kulminiert. Hier bereitet sich das vor: gegenseitiges, ungehemmtes, gleichwertiges Begehren zwischen zwei Menschen.
Christen sind sich seit jeher uneinig, wie dieses Buch zu lesen ist. Die einen (viele Kirchenväter, auch spätere Ausleger wie Gill oder Jamieson-Fausset-Brown) lesen jeden Vers allegorisch – Christus und seine Gemeinde, Gott und Israel Jamieson-Fausset-Brown John Gill. Andere, besonders in der neueren evangelikalen Auslegung, lesen es zuerst als das, was es an der Oberfläche ist: ein Feiergedicht über eheliche, körperliche Liebe zwischen Mann und Frau Tyndale. Beide Lesarten müssen ernst genommen werden – aber keine darf die andere ganz verschlucken.
Historischer Hintergrund
Die Überschrift des Hohenliedes verbindet das Buch mit Salomo (10. Jahrhundert vor Christus, um 950 v. Chr.), der laut 1. Könige 4,32 tausendundfünf Lieder gedichtet haben soll. Viele Sprachwissenschaftler halten die endgültige Form der Texte allerdings für jünger – manche Wortformen und Lehnwörter deuten auf eine spätere Bearbeitung hin, vielleicht zwischen dem 5. und 3. Jahrhundert vor Christus, auch wenn der Kern der Lieder viel älter sein kann. Es ist also am ehesten ein Werk, das über Generationen gesammelt, gesungen und weitergegeben wurde, bevor es seine heutige Gestalt bekam.
Man merkt der Sprache an, dass sie aus einer agrarischen, ländlichen Welt kommt: Weinberge, Granatäpfel, Weizenhaufen, Herden – das ganze Bildmaterial ist der Landwirtschaft und Geographie Israels entnommen. Wenn der Dichter die Frau mit dem „Reigen von Mahanaim“ vergleicht (V. 1), spielt er auf einen bekannten Volkstanz an, benannt nach dem Ort, wo einst Jakob den zwei Lagern der Engel begegnete ( 1. Mose 32). Wenn er ihre Augen mit den „Teichen zu Hesbon“ vergleicht, denkt er an eine reale Stadt jenseits des Jordan im ammonitischen Gebiet – ein Ort mit berühmten Wasserbecken. Der Libanon und Damaskus im Norden, der Karmel an der Küste – der Dichter breitet buchstäblich die Landkarte des ganzen verheißenen Landes über den Körper der geliebten Frau aus.
In einer Kultur, in der Ehen meist arrangiert wurden und die Frau oft die passivere Rolle spielte, ist es bemerkenswert, dass dieses Buch der Frau eine eigene, kräftige Stimme gibt – sie begehrt genauso deutlich, wie sie begehrt wird, und in diesem Kapitel ist sie es, die am Ende die Initiative ergreift.
Ursprache
יָפָה (yâphâh, H3302) – „schön, hell, leuchtend“ – aus Vers 1. Dieses Wort ist der Grundton des ganzen Kapitels; es beschreibt nicht kühle, distanzierte Ästhetik, sondern etwas, das aufleuchtet Strong's.
בַּת־נָדִיב (bath-nâdîyb, H1323 + H5081) – wörtlich „Tochter eines Edlen/Großzügigen“ – ebenfalls Vers 1, mit „Edelfräulein“ übersetzt. Ob sie wirklich adlig war oder nicht: Der Mann behandelt sie, als wäre sie Königin Tyndale.
תָּמָר (tâmâr, H8558) und אֶשְׁכּוֹל (ʼeshkôwl, H811) – „Palme“ und „Traubenkluster“ – aus den Versen 7–8. Die Palme steht aufrecht, unbeugsam schön; die Traube ist prall von Saft und Süße. Beides sind Bilder von Fruchtbarkeit und Fülle, nicht von bloßer Oberflächenschönheit.
תְּשׁוּקָה (tᵉshûwqâh, H8669) – „Verlangen, Sehnsucht“ – aus Vers 10. Dieses seltene Wort kommt im ganzen Hebräischen nur dreimal vor: hier, und in 1. Mose 3,16 (das Verlangen der Frau nach dem Mann, im Fluch) und 1. Mose 4,7 (das Verlangen der Sünde nach Kain). Genau dasselbe Wort – aber hier klingt es nicht mehr nach Kontrolle oder Gefahr, sondern nach freiem, gutem Begehren zwischen zwei Menschen, die sich gehören Strong's.
דּוּדַי (dûwday, H1736) – „Liebesäpfel“, gemeint sind Alraunen – Vers 13. Diese Pflanze galt im Alten Orient als fruchtbarkeitsfördernd (vgl. 1. Mose 30,14); hier ist sie einfach Teil eines duftenden, blühenden Feldes.
מֶגֶד (meged, H4022) – „köstliche, wertvolle Frucht“ – Vers 13, wo die Frau „Neues und Altes“ für ihn aufbewahrt hat. Ein Wort für etwas Kostbares, Ausgewähltes.
Wie es auf Christus hinweist
Dieses Kapitel predigt Christus nicht direkt – man muss ehrlich sagen, dass hier kein Zitat, keine Weissagung, keine offene Vorausschau steht. Aber die Bibel erzählt durchgehend eine Geschichte von einem Bräutigam und einer Braut, und dieses Kapitel liegt mitten in diesem Strom. Paulus nimmt genau dieses Bild – Mann und Frau, Liebe, Hingabe – und liest die Ehe als ein Gleichnis für Christus und die Gemeinde ( Epheser 5,25-32). Die Offenbarung schließt die ganze Bibel mit der Hochzeit des Lammes ab ( Offenbarung 19,7-9). Wenn hier also die Frau sagt: „Ich gehöre meinem Geliebten, und sein Verlangen steht nach mir“ (V. 11), klingt darin – leise, aber wirklich – das nach, was Gott seinem Volk immer wieder zusagt: Du gehörst mir, und ich begehre dich, nicht weil du perfekt bist, sondern weil ich dich erwählt habe.
Besonders auffällig ist das Wort für „Verlangen“ in Vers 10 (תְּשׁוּקָה, teshuqah): Dasselbe Wort beschreibt in 1. Mose 3,16 das gebrochene, machtsüchtige Verlangen nach dem Sündenfall. Hier erscheint es geheilt – gegenseitig, freiwillig, ohne Herrschaft. Das ist ein Echo dessen, was Christus wiederherstellt: Beziehungen, die nicht mehr von Kontrolle, sondern von freier Hingabe geprägt sind.
Und wenn Jamieson-Fausset-Brown die „schönen Füße“ aus Vers 1 mit Jesaja 52,7 verbindet – „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten“ – dann berührt das eine Linie, die im Neuen Testament in Römer 10,15 wieder aufgenommen wird: die Füße derer, die gute Nachricht bringen Jamieson-Fausset-Brown. Auch das „Neue und Alte“, das die Frau für ihren Geliebten aufbewahrt hat (V. 14), erinnert entfernt an Jesu Bild vom Schriftgelehrten, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt ( Matthäus 13,52) – ein leiser, aber schöner Klang.
Für dein Leben
Vielleicht hast du gelernt, die Bibel und den Körper irgendwie getrennt zu halten – als wäre das Geistliche „oben“ und das Körperliche „unten“, fast peinlich. Dieses Kapitel weigert sich, das mitzumachen. Gott hat ein ganzes Buch der Heiligen Schrift dafür reserviert, mit unverschämter Freude die Schönheit eines geliebten Menschen zu besingen – Füße, Hüften, Brüste, Haar, Duft. Wenn du das unangenehm findest, frag dich ehrlich, warum. Vielleicht schämst du dich für etwas, wofür Gott sich nicht schämt.
Aber die eigentliche Herausforderung liegt tiefer, im Wendepunkt des Kapitels: „Ich gehöre meinem Geliebten, und sein Verlangen steht nach mir.“ Kannst du das über deine Beziehung zu Gott sagen – nicht nur „ich gehöre ihm“ als Pflicht, sondern „sein Verlangen steht nach mir“, als Freude? Und wenn du verheiratet bist oder es einmal sein wirst: Traust du dich, so offen, so ungeniert zu begehren und begehrt zu werden, wie diese beiden es tun? Oder hast du Verlangen zu etwas Gefährlichem, Beherrschendem gemacht – oder zu etwas, das du erstickst, weil es dir peinlich ist?
Die Kosten, die dieses Kapitel dir zumutet, sind konkret: Ehrlichkeit über dein Begehren – vor