Epheser 3:20
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Dem aber, der weit mehr zu tun vermag, als wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
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Was es bedeutet
Schau dir zuerst die Grammatik an: Dieser Vers ist eigentlich kein vollständiger Satz. Er hängt am Ende von Paulus' großem Gebet ( Epheser 3,14-19) und mündet in Vers 21 in "ihm sei Ehre". Das ganze Stück ist ein einziger, außer Atem geratener Lobpreis – Paulus betet zuerst für die Epheser (dass Christus in ihren Herzen wohne, dass sie die Liebe Christi erfassen), und dann kann er gar nicht anders, als in Anbetung umzuschlagen. Das Wort "Dem aber" ist wie ein Ausatmen nach einem langen Gebet.
Dann die eigentliche Aussage: Gott kann "weit mehr" tun, als wir bitten oder verstehen. Beachte die zwei Verben: bitten und verstehen. Es reicht Paulus nicht zu sagen, Gott übertreffe unsere Wünsche – er übertrifft sogar unsere Vorstellungskraft. Das ist eine doppelte Grenze, die gesprengt wird Adam Clarke. Und dann kommt die entscheidende Einschränkung, die man leicht überliest: "nach der Kraft, die in uns wirkt". Das ist keine abstrakte Allmacht irgendwo im Himmel – es ist eine Kraft, die schon jetzt in den Gläubigen am Werk ist. Paulus hat genau diese Kraft schon in Epheser 1,19-20 benannt: die Kraft, die Christus von den Toten auferweckt hat.
Dieser Vers ist ein Scharnier im Brief: Er schließt den ersten, lehrhaften Teil (Kapitel 1-3, was Gott getan hat) ab, bevor Paulus in Kapitel 4-6 zur praktischen Ermahnung übergeht (wie wir leben sollen). Wo Christen unterschiedlich lesen: Manche betonen hier vor allem materielle und lebensweltliche Segnungen ("Gott kann alles in deinem Leben verändern"), andere lesen es enger im Kontext von Vers 17-19 – als Zusage, dass Gott uns tiefer in die Liebe Christi hineinführen kann, als wir selbst zu bitten wagen. Beides steckt im Text, aber der Zusammenhang zieht eher Richtung geistliches Wachstum als Richtung Wunscherfüllung.
Historischer Hintergrund
Paulus schreibt diesen Brief vermutlich zwischen 60 und 62 n. Chr., als Gefangener in Rom – er sagt das selbst in Epheser 3,1 ("ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu"). Das ist wichtig für diesen Vers: Ein Mann in Ketten schreibt über grenzenlose Kraft. Das ist kein Zufall, sondern die ganze Pointe – seine Situation widerspricht scheinbar seinen Worten, und genau das macht sie glaubwürdig.
Der Brief geht an die Gemeinde in Ephesus (oder, nach mancher Ansicht, als Rundschreiben an mehrere Gemeinden in der römischen Provinz Asia, im heutigen Westtürkei). Ephesus war eine der größten Hafenstädte des römischen Reiches, berühmt für den Tempel der Artemis – eines der sieben Weltwunder – und für seine Magier und Zauberer. In Apostelgeschichte 19 lesen wir, wie neubekehrte Christen dort öffentlich ihre Zauberbücher verbrannten, weil sie erkannten, dass die Kraft Christi jede andere Macht übertrifft. Genau diese Stadt, in der Menschen jahrzehntelang an Amulette, Beschwörungsformeln und Götzenbilder geglaubt hatten, um "Kraft" zu bekommen, bekommt jetzt einen Brief, in dem Paulus sagt: Die wahre Kraft wohnt schon in euch, durch den Geist Gottes.
Das direkt vorausgehende Gebet (3,14-19) ist Paulus' eigenes, sehr persönliches Bittgebet für diese Christen – nicht um Geld, Gesundheit oder Erfolg, sondern darum, dass Christus in ihren Herzen wohne und sie die Liebe Christi in ihrer ganzen Weite erfassen. Erst danach bricht dieser Lobpreis auf. Es ist die Reaktion eines Menschen, der gerade selbst gebetet hat und merkt: Ich habe gerade um viel gebeten – und Gott kann noch viel mehr.
Ursprache
Das Herzstück des Verses im Griechischen ist eine ungewöhnliche Wortstapelung: ὑπὲρ ἐκ περισσοῦ (hypér ek perissoû). Wörtlich: "über – aus – überfließend". Paulus türmt hier drei Verstärkungswörter aufeinander Strong's – hypér (G5228, "über, hinaus"), ek (G1537, "aus, heraus") und perissós (G4053, "überreichlich, im Überfluss") –, um zu sagen: mehr als überreichlich mehr. Kein Übersetzer bringt das elegant ins Deutsche, deshalb steht meist "weit mehr" oder "unendlich viel mehr" da – aber das griechische Original ist fast komisch übertrieben, als würde Paulus nach Worten ringen, die groß genug sind.
δύναμαι (dýnamai, G1410) – "können, fähig sein" – ist das Verb, das Gottes Fähigkeit beschreibt. Und δύναμις (dýnamis, G1411, verwandtes Nomen) taucht am Ende auf: "die Kraft, die in uns wirkt". Das ist dasselbe Wortfeld, das Paulus in Epheser 1,19-20 für die Auferstehungskraft benutzt – keine allgemeine Energie, sondern eine ganz konkrete, historisch verankerte Macht.
αἰτέω (aitéō, G154, "bitten") und νοέω (noiéō, G3539, "verstehen, sich vorstellen") sind die zwei Maßstäbe, die Gott sprengt – unsere Gebete und unsere Vorstellungskraft.
Und schließlich ἐνεργέω (energéō, G1754, "wirken, tätig sein, energisch handeln") – die Wurzel unseres Wortes "Energie". Diese Kraft ist nicht ruhend, sie arbeitet gerade jetzt in dir.
Wie es auf Christus hinweist
Der Schlüssel zu diesem Vers liegt nicht in ihm selbst, sondern ein paar Zeilen zuvor, in Epheser 1,19-20: Dort nennt Paulus dieselbe Kraft ("die Wirkung seiner mächtigen Stärke") ausdrücklich die Kraft, "die er in Christus wirksam werden ließ, indem er ihn von den Toten auferweckte". Das ist keine vage, allgemeine Gotteskraft. Es ist die Kraft, die einen toten Körper wieder atmen ließ. Wenn Paulus also in Epheser 3,20 sagt, Gott handle "nach der Kraft, die in uns wirkt", meint er: Dieselbe Macht, die das Grab aufgebrochen hat, ist jetzt in dir am Werk.
Das ist der Grund, warum Paulus so vermessen beten kann. Nicht weil er optimistisch ist, sondern weil er weiß, was am Ostermorgen passiert ist. Die Auferstehung ist der Beweis, dass Gottes Fähigkeit unsere Vorstellungskraft tatsächlich übersteigt – niemand hatte sich das ausgedacht, niemand hatte darum gebeten, und trotzdem geschah es.
Und diese Kraft ist nicht abgeschlossene Vergangenheit. Hebräer 7,25 sagt von Christus, er lebe für immer, um für uns einzutreten – die Rettungskraft, die in der Auferstehung sichtbar wurde, wirkt weiter, jetzt, durch den lebendigen Fürsprecher. Was Paulus in Epheser 3,20 als abstrakte "Kraft" beschreibt, hat also ein Gesicht: den auferstandenen Christus, der in dir durch seinen Geist wohnt (das war ja genau der Inhalt des Gebets in 3,17: "dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne"). Dieser Vers ist also kein Blankoscheck für Wunscherfüllung, sondern eine Einladung, mit der Auferstehungskraft selbst zu rechnen, wenn du betest.
Für dein Leben
Sei ehrlich mit dir: Wie klein betest du eigentlich? Die meisten von uns beten Wünsche, die wir schon für plausibel halten – eine bestandene Prüfung, ein ruhiger Tag, eine geheilte Erkältung. Nichts falsch daran. Aber dieser Vers stellt eine unbequeme Frage: Betest du so, als würdest du wirklich an eine Kraft glauben, die "weit mehr" tun kann, als du dir überhaupt vorstellen kannst? Oder hast du dein Gebetsleben längst so zurechtgestutzt, dass es zu deinem kleinen Glauben passt?
Der Haken liegt im letzten Halbsatz: "nach der Kraft, die in uns wirkt." Das heißt, Gottes Größe hier ist nicht bloß eine Tatsache über den Himmel – sie ist eine Behauptung über dich, jetzt, heute. Wenn du Christ bist, wohnt in dir schon die Kraft, die Tote auferweckt. Das ist entweder die aufregendste Wahrheit, die du diese Woche hörst – oder eine bequeme Floskel, an die du nie wirklich glaubst.
Die Kosten dieses Verses: Er verlangt von dir, größer zu bitten – und dann loszulassen, wie die Antwort aussieht. Denn Paulus sagt nicht "Gott tut, was du dir vorstellst", sondern "mehr, als du dir vorstellen kannst". Das bedeutet, Gottes Antwort könnte anders aussehen als dein Plan – nicht weniger, sondern anders, größer, tiefer, unbequemer. Bist du bereit, dieses Risiko einzugehen: groß zu bitten, ohne die Antwort zu diktieren?
Gebetsanliegen
- Herr, vergib mir, dass ich meine Gebete so klein halte, als hätte ich Angst, dich zu enttäuschen oder mich selbst zu enttäuschen.
- Ich bitte dich, öffne meine Vorstellungskraft – zeig mir, wo ich dich längst auf das reduziert habe, was ich mir vorstellen kann.
- Danke, dass die Auferstehungskraft, die Christus aus dem Grab holte, in mir wohnt – lass mich heute nach dieser Kraft leben, nicht nach meiner eigenen.
- Herr, gib mir Mut, größer zu bitten – und Demut, deine Antwort anzunehmen, auch wenn sie anders aussieht als mein Plan.
- Wecke in mir echte Anbetung, nicht nur Bitten – lass diesen Vers heute in Lobpreis enden, wie er es bei Paulus tat.
Zum Nachdenken
- Wann hast du zuletzt etwas erbeten, das größer war als das, was du dir realistisch zutraust? Warum so selten?
- Glaubst du wirklich, dass "die Kraft, die in uns wirkt" dieselbe Kraft ist, die einen Toten auferweckte – oder ist das für dich nur eine schöne Formulierung?
- Wo hast du Gott in eine Schublade gesteckt, die zu deiner Vorstellungskraft passt, statt zu seiner?
- Paulus schreibt diesen Vers als Gefangener. Wo müsstest du gerade jetzt, in deiner eigenen begrenzten Lage, an diese Kraft glauben – und tust es nicht?
- Wenn Gottes Antwort auf dein G