Römer 8:1
Eine verständliche Vertiefung zu diesem Vers. Kapitel lesen →
So gibt es nun keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind.
Was es bedeutet
Schau dir zuerst an, wie der Satz anfängt: „So … nun". Paulus zieht hier eine Schlussfolgerung. Er legt nicht einfach einen neuen Gedanken auf den Tisch, sondern sagt: Wenn alles stimmt, was ich in den Kapiteln 5 bis 7 gesagt habe, dann folgt daraus das hier. Weder die Sünde (Kapitel 6) noch das Gesetz (Kapitel 7) können denen das Leben nehmen, die zu Christus gehören. Tyndale
Dann das Wort „keine". Im Griechischen steht die Verneinung ganz vorne, so stark wie möglich: nicht ein einziges Urteil. workingpreacher.org Nicht „wenig Verdammnis" oder „abgemilderte Verdammnis", sondern gar keine.
Leicht zu übersehen ist, was Paulus nicht sagt. Er sagt nicht, dass es keine Anklage gäbe. Angeklagt werden Christen durchaus, vom eigenen Gewissen, von der Welt, vom Teufel. Er sagt auch nicht, dass in ihnen nichts wäre, was Verdammnis verdiente. Das gibt es, und sie sehen es und trauern darüber. Aber die Anklage wird abgewiesen, das Urteil wird nicht gesprochen. Matthew Henry
Der Grund steht am Ende: „in Christus Jesus". Nicht wegen eurer Fortschritte, nicht wegen eurer Reue, sondern wegen des Ortes, an dem ihr steht. Wer in Christus ist, steht dort, wo Gott sein Urteil schon vollzogen hat.
Im größeren Bogen des Römerbriefs ist dieser Vers eine Tür. Hinter dir liegt der Schrei aus Römer 7,24: „Ich elender Mensch!" Vor dir liegt Römer 8,38-39, wo nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann. Das Kapitel beginnt mit „keine Verdammnis" und endet mit „keine Trennung", und dazwischen wandert Paulus vom Freispruch über das neue Leben bis zur Herrlichkeit. bible.org
Ein Hinweis zum Text: In manchen älteren Übersetzungen folgt hier noch „die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist". Die ältesten Handschriften haben diesen Zusatz nicht; er wurde wohl früh aus Vers 4 hierher übertragen, um den Übergang zu erklären. Jamieson-Fausset-Brown Deine Schlachter-Ausgabe lässt ihn deshalb weg. Das ändert die Aussage nicht, aber es zeigt, dass der Vers ohne jede Bedingung an unser Verhalten dasteht.
Christen lesen das Verhältnis von Freispruch und Veränderung unterschiedlich. Die reformatorische Tradition betont: Der Freispruch kommt zuerst und trägt alles Weitere. Katholische und orthodoxe Christen betonen stärker, dass „in Christus sein" ein lebendiges Verbundensein ist, das in der Taufe beginnt und in dem man bleiben muss. Beide Lesarten finden sich im Text, und wir kommen darauf zurück.
Historischer Hintergrund
Paulus schreibt diesen Brief etwa im Jahr 57 nach Christus, wahrscheinlich aus Korinth, am Ende einer langen Missionsreise. Er plant, über Jerusalem und Rom nach Spanien zu reisen, und möchte die Gemeinde in Rom vorbereiten. Das Besondere: Er hat diese Gemeinde nie besucht. Er kennt einige Leute dort, aber nicht die Gemeinde als Ganzes.
Rom war damals eine Stadt von rund einer Million Menschen, laut, eng, voller Migranten aus allen Provinzen. Der junge Kaiser Nero regierte seit drei Jahren, noch nicht der Tyrann der späteren Jahre. Die Christen trafen sich in Wohnungen und Werkstätten, kleine Gruppen über die Stadt verstreut, ohne eigene Gebäude.
Ein paar Jahre zuvor, um das Jahr 49, hatte Kaiser Claudius die Juden aus Rom ausgewiesen, offenbar wegen Unruhen um einen gewissen „Chrestus", vermutlich Streit um Jesus. Die jüdischen Christen mussten gehen; die heidnischen Christen blieben. Als die Juden nach dem Tod des Claudius im Jahr 54 zurückkehrten, fanden sie Gemeinden vor, die sich ohne sie weiterentwickelt hatten. Man kann sich die Spannung vorstellen: Wer hat hier eigentlich das Sagen? Gelten die jüdischen Gebote noch? Wer steht vor Gott besser da?
Genau in diese Frage hinein schreibt Paulus. Römer 7 schildert einen Menschen, der das Gesetz liebt und es trotzdem nicht halten kann, der Vergebung und Kraft im Gesetz sucht und beides nicht findet, bis er am Rand der Verzweiflung von Jesus Christus hört. Adam Clarke Das „nun" in Römer 8,1 meint deshalb nicht nur den Wechsel vom alten Bund zum neuen, sondern den Übergang dieses einen Menschen von der Dunkelheit ins Licht. Adam Clarke
Noch etwas zur Bildwelt: „Verdammnis" ist in der Antike kein religiöses Gefühl, sondern ein Rechtsbegriff. Jeder in Rom kannte das Bild des Richters, der nach der Verhandlung das Urteil über den Angeklagten ausspricht. Paulus sagt: Dieser Moment, in dem das Urteil fällt, kommt für die in Christus nicht. Das ist auch die Linie von Jesaja 54,17, wo Gott seinen Knechten verspricht, dass keine Zunge, die sich vor Gericht gegen sie erhebt, Recht bekommen wird.
Ursprache
ἄρα (ára), G686: „also, folglich". Ein kleines Wort, das eine mehr oder weniger zwingende Schlussfolgerung anzeigt. Strong's Paulus knüpft damit an Kapitel 7 an. Das Trostwort ist kein Stimmungswechsel, sondern die logische Folge dessen, was Christus getan hat.
νῦν (nŷn), G3568: „jetzt". Ein Zeitwort, das einen Übergang oder eine Betonung markiert. Strong's Nicht irgendwann, nicht nach dem Endgericht, sondern jetzt, in diesem Leben, mitten im Kampf mit der Sünde.
οὐδείς (oudeís), G3762: „nicht ein einziger, niemand, nichts". Strong's Im Deutschen hören wir „keine Verdammnis", aber das Griechische ist noch schärfer: nicht ein einziges Urteil, von keiner Seite. Nicht vom Vater, der rechtfertigt; nicht vom Sohn, durch dessen Gerechtigkeit wir gerechtfertigt sind; nicht vom Geist, der unserem Geist bezeugt, dass wir Gottes Kinder sind. John Gill
κατάκριμα (katákrima), G2631: „das Verurteilungsurteil, der Schuldspruch". Strong's Wörtlich steckt darin ein „Herab-Urteil", das Urteil, das auf den Angeklagten herabfällt. Es geht nicht um das Gefühl, schlecht zu sein, sondern um den Richterspruch selbst, der jemanden zur Strafe bestimmt.
ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ (en Christō Iēsou), G1722, G5547, G2424: „in Christus Jesus". Das ἐν bezeichnet eine feste Lage, ein Ruhen in etwas. Strong's Man ist nicht „bei" Christus wie ein Begleiter, sondern „in" ihm wie in einem Haus, in einer Stadt, in einem Körper.
Die übrigen Wörter in deiner Aufstellung, περιπατέω (peripatéō), G4043 „wandeln", σάρξ (sárx), G4561 „Fleisch" und πνεῦμα (pneûma), G4151 „Geist", stammen aus dem Zusatz, der in späteren Handschriften an diesen Vers angehängt wurde. In Vers 4 gehören sie ohne Zweifel zum Text, und dort beschreiben sie, wie das Leben derer aussieht, die den Freispruch empfangen haben.
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Vers ist kein Echo auf Jesus, er ist die direkte Folge seines Sterbens. Warum fällt kein Urteil? Weil das Urteil schon gefallen ist, nur nicht auf uns. Galater 3,13 sagt es ohne Umschweife: Christus wurde für uns zum Fluch, denn „verflucht ist jeder, der am Holze hängt". Das Kreuz war der Ort, an dem die Verdammnis, die über uns ausgesprochen werden müsste, auf ihn herabfiel.
Paulus beschreibt das in 2. Korinther 5,21 als einen Tausch: Der, der keine Sünde kannte, wurde für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden. In Gottes Rechnung sind wir eins mit ihm; was ihm zugerechnet wird, wird uns zugerechnet. Jamieson-Fausset-Brown
Aber Paulus belässt es nicht bei einer Rechtsfigur. „In Christus" ist eine Lebensverbindung, so eng wie Kopf und Glieder eines Leibes, die ein Leben teilen. Jamieson-Fausset-Brown Jesus selbst gebraucht in Johannes 15,4 das Bild vom Weinstock und den Reben. Die Rebe steht nicht frei, weil sie ein Dokument besitzt, sondern weil sie am Stock hängt und von ihm lebt.
Jesus hat genau dieses Wort gesagt, bevor Paulus es schrieb: Wer sein Wort hört und dem glaubt, der ihn gesandt hat, „kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen" ( Johannes 5,24). Dasselbe Bild, dieselbe Gegenwart: nicht erst einmal, sondern jetzt.
Und am Ende des Kapitels zeigt Paulus, wer den Freispruch aufrechterhält. In Römer 8,34 fragt er: „Wer will verdammen?" Und die Antwort ist Christus, der gestorben ist, der auferweckt ist, der zur Rechten Gottes sitzt und für uns eintritt. Der Richter hat seinen Platz nicht verlassen. Aber neben ihm steht einer, der die Narben trägt, und solange er dort steht, bleibt der Vers wahr.
Für dein Leben
Ich kenne dich nicht, aber ich kenne die Stimme, die du vermutlich kennst. Sie meldet sich abends, wenn der Tag vorbei ist, oder morgens, bevor du richtig wach bist. Sie sagt: Schon wieder. Du hast es schon wieder getan. Du bist nicht besser geworden. Und dann der leise Nachsatz: Vielleicht gehörst du gar nicht dazu.
Paulus hat diese Stimme in Römer 7 wörtlich aufgeschrieben. Und dann setzt er, ohne Luft zu holen, dieses „So gibt es nun" davor. Er wischt die Anklage nicht weg, als wäre sie unbegründet. Er sagt: Sie ist begründet, und trotzdem fällt kein Urteil, weil du in Christus bist. seedbed.com
Was kostet dich dieser Vers? Etwas Unerwartetes: Er kostet dich deine eigene Verurteilung. Viele von uns halten an ihr fest, als wäre sie ein Zeichen von Ernsthaftigkeit. Wer sich selbst weiter verdammt, nachdem Gott den Freispruch gesprochen hat, spielt Richter über ein Urteil, das nicht ihm gehört. Du musst das loslassen, und das fühlt sich an wie ein Verlust.
Es kostet dich auch deine eigene Gerechtigkeit. Philipper 3,9 nennt das beim Namen: nicht meine Gerechtigkeit, sondern die aus Gott. Du darfst nichts mitbringen, keinen Nachweis, kein Besserungsprotokoll. Nur den Ort: in Christus.
Und dann, ehrlich gesagt, ist das noch nicht alles. Wer von der Verdammnis frei ist, ist auch von der Herrschaft der Sünde frei. Christen streiten darüber, was zuerst kommt: Manche sagen, der Freispruch trägt die Befreiung, andere sagen, die Befreiung erklärt den Freispruch. desiringgod.org Aber alle sind sich einig, dass beides zusammengehört. Ein Mensch ohne Verdammnis bleibt nicht derselbe.
Also, heute: Wo läufst du vor Gott weg, weil du ein Urteil erwartest? Geh hin. Das Urteil ist nicht da. Was da ist, ist einer, der für dich eintritt.
Gebetsanliegen
- Herr Jesus, ich komme heute nicht mit meiner Besserung, sondern nur mit dem einen Grund, den du mir gegeben hast: Ich bin in dir. Lass mich dort bleiben.
- Vater, wenn mein Gewissen mich anklagt, erinnere mich daran, dass du der Richter bist und dass dein Urteil über mich schon am Kreuz gefallen ist.
- Heiliger Geist, bezeuge meinem Geist, dass ich Gottes Kind bin, gerade an den Tagen, an denen ich es am wenigsten spüre.
- Herr, nimm mir die Gewohnheit, mich selbst zu verdammen, als wäre das Demut. Lehre mich, dein „keine Verdammnis" ernster zu nehmen als meine eigene Anklage.
- Jesus, du bist zum Fluch für mich geworden. Lass mich das nie als selbstverständlich hinnehmen, und lass mich aus dieser Freiheit heraus so leben, wie du es verdienst.
Zum Nachdenken
- Welches Urteil über dich selbst trägst du mit dir herum, das Gott nie gesprochen hat? Woher stammt es?
- Paulus sagt nicht, dass in dir nichts Verdammenswertes wäre. Kannst du beides zugleich ehrlich aussprechen: „Das in mir verdient Verurteilung" und „Es gibt keine Verdammnis für mich"? Wo fällt dir eines von beidem schwer?
- Das Wort „nun" meint jetzt, nicht erst nach dem Tod. Wo lebst du so, als würde der Freispruch noch ausstehen?
- „In Christus" ist ein Ort, nicht eine Leistung. Was versuchst du trotzdem mitzubringen, um dir diesen Ort zu verdienen?
- Wenn wirklich kein Urteil mehr über dir hängt, was würdest du dann anders tun, sagen oder bekennen, und zwar schon heute?