Römer 7:22
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Denn ich habe Lust an dem Gesetz Gottes nach dem inwendigen Menschen;
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Lies den Satz langsam: "Ich habe Lust an dem Gesetz Gottes nach dem inwendigen Menschen." Das ist ein Geständnis mitten in einem der ehrlichsten Abschnitte der Bibel. Paulus beschreibt hier einen Menschen, der zerrissen ist – nicht zwischen "ich will Gott gehorchen" und "ich will einfach nur sündigen dürfen", sondern zwischen zwei echten, tief empfundenen Wünschen, die im selben Herzen wohnen. Das griechische Wort für "Lust haben" (dazu gleich mehr) ist stärker als bloßes Zustimmen – es ist echte Freude, ein inneres Ja zum Guten Jamieson-Fausset-Brown. Das Überraschende: Er sagt das nicht über sein Leben vor Christus, sondern mitten in seinem Ringen als Christ. Der "inwendige Mensch" ist nicht bloß "das Gewissen" oder "die Vernunft" – es ist das tiefste Zentrum seiner Person, das, was er im Kern wirklich will, im Unterschied zum "äußeren Menschen", der noch von Fleisch, Gewohnheit und Sünde gezogen wird Tyndale. Leicht zu überlesen: Paulus verteidigt hier das Gesetz Gottes selbst gegen den Verdacht, es sei etwas Schlechtes, weil es ihn ja anscheinend nur zum Scheitern bringt. Nein, sagt er – das Gesetz ist gut, ich liebe es von innen heraus; das Problem liegt woanders, nämlich in Vers 23 in "einem anderen Gesetz in meinen Gliedern" John Gill. Dieser Vers steht mitten in Römer 7, wo Paulus den Kampf zwischen dem Wollen und dem Tun beschreibt, bevor er in Kapitel 8 die Antwort gibt: den Geist Gottes. Christen streiten seit Augustinus, ob dieser "Ich"-Kampf einen wiedergeborenen Christen beschreibt oder einen Menschen unter dem Gesetz, der noch nicht durch den Geist lebt – Augustin selbst wechselte im Laufe seines Lebens die Meinung, und die Reformatoren lasen es meist als Beschreibung des Christen, der bis zum Tod mit der Sünde ringt.
Historischer Hintergrund
Paulus schreibt den Römerbrief um das Jahr 57 n. Chr., wahrscheinlich aus Korinth, an eine Gemeinde, die er selbst noch nie besucht hat. Er will nach Rom reisen und plant, von dort aus weiter nach Spanien zu ziehen – der Brief ist also auch eine Art Visitenkarte, in der er seine Verkündigung ausführlich und sorgfältig darlegt, bevor er persönlich ankommt. Die Gemeinde in Rom besteht aus Judenchristen und Heidenchristen, die gerade erst wieder zusammenfinden, nachdem Kaiser Claudius um 49 n. Chr. alle Juden aus Rom vertrieben hatte – darunter vermutlich viele Judenchristen – und diese nach Claudius' Tod 54 n. Chr. langsam zurückkehrten. Es gibt Spannungen: Wie verhalten sich das jüdische Gesetz und der Glaube an Jesus zueinander? Genau in dieser Frage steckt Römer 7 mitten drin. Paulus, selbst ein ehemaliger Pharisäer, der das Gesetz sein Leben lang studiert und geliebt hatte, spricht hier mit der Autorität eines Mannes, der weiß, wovon er redet, wenn er über die innere Zerrissenheit zwischen Wollen und Können schreibt. Die "Ich"-Form in diesem Kapitel war in der antiken Rhetorik eine bekannte Stilform – ein Redner konnte eine typische menschliche Erfahrung in der ersten Person darstellen, ohne unbedingt nur von sich selbst zu sprechen. Das erklärt, warum Ausleger bis heute uneins sind, ob Paulus hier autobiografisch von sich selbst als Christ redet oder eine allgemeinmenschliche Erfahrung unter dem Gesetz beschreibt, die er selbst durchlebt hat.
Ursprache
Das Wort, das mit "ich habe Lust" übersetzt wird, ist συνήδομαι (synēdomai, G4913) – wörtlich "mit-mich-erfreuen", zusammengesetzt aus "mit" (σύν) und der Wurzel für Freude/Genuss (ἡδονή) Strong's. Das ist kein müdes Pflichtgefühl, sondern echte, innere Freude – man könnte fast sagen: Es macht ihm Spaß. Genau dieses Wort macht den Vers so scharf: Paulus sagt nicht "ich weiß, dass das Gesetz gut ist", sondern "es macht mir Freude von innen heraus" Jamieson-Fausset-Brown. Das Wort für "Gesetz", νόμος (nómos, G3551), stammt von einer Wurzel, die "zuteilen, austeilen" bedeutet – ursprünglich das, was einem Tier zum Grasen zugewiesen wird, dann übertragen: die Ordnung, die Gott seinem Volk zugewiesen hat Strong's. Und dann das entscheidende Wortpaar: ἔσω ἄνθρωπος (ésō ánthrōpos), "der innere Mensch" – aus ἔσω (ésō, G2080, "innen, drinnen") und ἄνθρωπος (ánthrōpos, G444, "Mensch") Strong's. Dieser Ausdruck war in der griechischen Philosophie geläufig, um die Seele oder den vernünftigen Teil des Menschen im Gegensatz zum Körper zu bezeichnen Adam Clarke. Paulus greift eine bekannte Sprache auf, füllt sie aber neu: Bei ihm ist der "innere Mensch" nicht einfach die unsterbliche Seele, sondern der Ort, wo Gottes Geist wirkt und den Menschen von innen heraus zum Guten zieht – derselbe Ausdruck, den er in 2. Korinther 4:16 benutzt, wo der "innere Mensch" Tag für Tag erneuert wird, während der äußere zerfällt.
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Vers ist wie ein Aufschrei, der nach einer Antwort verlangt – und die Antwort kommt nicht in Vers 22, sondern zwei Kapitel weiter, in Römer 8:2: "Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes." Paulus beschreibt hier den Menschen, der das Gute will, aber es nicht aus eigener Kraft schafft – und genau diese Lücke schließt Jesus. Er ist der eine Mensch, bei dem der "innere Mensch" und der "äußere Mensch" nie auseinanderklafften: Er wollte den Willen des Vaters tun und tat ihn auch, vollkommen, bis in den Tod hinein ( Johannes 4:34, Philipper 2:8). Wo Paulus scheitert, gehorcht Christus vollkommen – und stellvertretend für uns. Aber die Verbindung geht noch tiefer: Hebräer 8:10 zitiert die Verheißung des neuen Bundes, dass Gott sein Gesetz nicht mehr auf Steintafeln, sondern in die Herzen seines Volkes schreiben will. Genau das ist die Freude, die Paulus in Römer 7:22 schon spürt, obwohl der Kampf noch nicht vorbei ist: Der Geist Christi hat begonnen, ihm ein neues Herz zu geben, das Gottes Gesetz liebt – nicht aus Angst, sondern aus Lust, wie Psalm 1:2 und Psalm 119:35 es von dem Gerechten beschreiben. Christus erfüllt also nicht nur das Gesetz stellvertretend für dich, er pflanzt auch die Liebe zum Gesetz in dich hinein, durch seinen Geist. Der Kampf, den Paulus beschreibt, ist der Kampf eines Menschen, der schon zu Christus gehört, aber noch auf die vollständige Erlösung seines Leibes wartet ( Römer 8:23) – ein Kampf, der erst endet, wenn Christus wiederkommt und der innere und äußere Mensch endlich ganz eins sind.
Für dein Leben
Vielleicht kennst du das: Du liest die Bibel und etwas in dir jubelt – ja, so will ich leben, das ist wahr, das ist gut, das ist schön. Und eine Stunde später sitzt du vor demselben alten Muster, derselben Sünde, demselben Versagen, das du eigentlich hinter dir lassen wolltest. Fühl dich davon nicht zum Aufgeben verleitet. Paulus, der Apostel, der halb Kleinasien evangelisierte, sagt genau das über sich selbst. Die Freude am Guten und das Scheitern am Guten schließen sich nicht aus – sie beschreiben das normale christliche Leben zwischen Bekehrung und Vollendung. Die Falle, in die viele tappen, ist zu denken: "Wenn ich wirklich Christ wäre, würde ich nicht mehr kämpfen." Das Gegenteil ist wahr: Der Kampf selbst ist ein Zeichen, dass der Geist Gottes in dir arbeitet und dein "inwendiger Mensch" schon zu leben begonnen hat. Aber dieser Vers verlangt auch etwas Konkretes von dir: Er verlangt Ehrlichkeit. Nicht die fromme Fassade, die tut, als sei alles gut, und nicht die zynische Resignation, die sagt, es ändere sich sowieso nichts. Sondern die nüchterne, tägliche Anerkennung: Ich liebe Gottes Gesetz von innen – und ich brauche jeden Tag neu die Kraft, die nur der Geist Christi geben kann, um dieser Liebe auch zu folgen. Wo hast du aufgehört zu kämpfen, weil du dachtest, es lohne sich nicht? Wo hast du deine eigene Zerrissenheit als Beweis genommen, dass du kein echter Christ seist? Kehre heute genau dahin zurück und bring diesen Kampf ehrlich vor Gott.
Gebetsanliegen
- Herr, danke, dass du mir ein Herz gegeben hast, das sich wirklich an deinem Wort freuen kann – öffne meine Augen, diese Freude neu zu entdecken.
- Vergib mir, wo ich zwischen Wollen und Tun so weit auseinanderklaffe, und hilf mir, ehrlich vor dir zu bleiben statt eine Fassade zu pflegen.
- Gib mir durch deinen Geist die Kraft, das zu tun, was mein innerer Mensch schon liebt und will.
- Erneuere meinen inwendigen Menschen Tag für Tag, auch wenn mein äußeres Leben mühsam und unvollkommen bleibt.
- Bewahre mich davor, meinen Kampf mit der Sünde als Beweis zu nehmen, dass ich dir nicht gehöre – stattdessen lass mich darin deine Gnade erkennen.
Zum Nachdenken
- Wann hast du zuletzt echte Freude an Gottes Wort gespürt – nicht Pflichtgefühl, sondern echte Lust? Was löste das aus?
- An welcher Stelle klafft dein "wollen" und dein "tun" gerade am schmerzhaftesten auseinander?
- Hast du diesen inneren Kampf schon einmal als Zeichen der Ferne von Gott gedeutet, obwohl er vielleicht ein Zeichen seiner Nähe ist?
- Was würde sich in deinem Alltag ändern, wenn du glaubtest, dass der Geist Gottes wirklich in deinem "inwendigen Menschen" arbeitet, gerade jetzt?
- Wo neigst du dazu, Ehrlichkeit gegenüber Gott durch eine fromme oder eine zynische Fassade zu ersetzen?