Römer 4:17
Eine verständliche Vertiefung zu diesem Vers. Kapitel lesen →
wie geschrieben steht: »Ich habe dich zum Vater vieler Völker gesetzt« vor dem Gott, dem er glaubte, welcher die Toten lebendig macht und dem ruft, was nicht ist, als wäre es da.
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir diesen Vers genau an – er hat zwei Teile, die man leicht durcheinanderbringt. Der erste Teil ist ein Zitat aus 1. Mose 17,5: Gott sagt zu Abraham, bevor der überhaupt einen einzigen Sohn hat: „Ich habe dich zum Vater vieler Völker gesetzt." Vergangenheitsform – obwohl noch gar nichts passiert ist. Das ist die erste Sprengkraft des Verses: Gott spricht über eine Zukunft, als wäre sie schon Vergangenheit.
Der zweite Teil ist Paulus' eigener Kommentar dazu: Abraham stand „vor dem Gott", dem er glaubte – und dieser Gott hat zwei Eigenschaften, die Paulus hier bewusst nebeneinanderstellt: Er „macht die Toten lebendig" und er „ruft, was nicht ist, als wäre es da". Das ist keine allgemeine Beschreibung Gottes irgendwo im luftleeren Raum. Das ist genau die Beschreibung, die Abrahams konkrete Situation braucht Matthew Henry. Sara war unfruchtbar, Abraham war uralt – nach jedem menschlichen Maßstab „tot" für die Aufgabe, Vater zu werden. Der Gott, dem Abraham vertraute, ist kein Gott, der mit vorhandenem Material arbeitet und es ein bisschen verbessert. Er ist der Gott, der aus Nichts Etwas macht und aus Tod Leben.
Leicht zu übersehen: Das Wort „ruft" (καλέω-Verwandtes, hier τίθημι/kaleō-Kontext) meint kein Bitten oder Wünschen, sondern ein schöpferisches Sprechen – dasselbe Muster wie „Es werde Licht" in 1. Mose 1,3. Paulus benutzt Abrahams Geschichte hier als Fenster in Gottes Wesen selbst.
Im großen Bogen des Römerbriefs sitzt dieser Vers mitten in Kapitel 4, wo Paulus beweist: Abraham wurde nicht durch Werke, sondern durch Glauben gerecht gesprochen – und zwar bevor er beschnitten war, also bevor es überhaupt ein „jüdisches Gesetz" gab. Das ist Paulus' Waffe gegen die Vorstellung, Rechtfertigung sei etwas, das man sich verdient. Wo Christen unterschiedlicher Meinung sind: Manche lesen „Vater vieler Völker" primär als Verheißung an das physische Volk Israel plus angeschlossene Nationen, andere (mit Paulus' eigener Argumentation in diesem Kapitel) sehen darin bereits die geistliche Vaterschaft über alle Glaubenden, Juden wie Heiden, ganz unabhängig von Blutlinie.
Historischer Hintergrund
Paulus schreibt den Römerbrief vermutlich um das Jahr 57 n. Chr. von Korinth aus, an eine Gemeinde in Rom, die er noch nie persönlich besucht hat. Das ist wichtig: Er baut hier keine Beziehung auf bekanntem Boden, sondern legt seine Theologie von Grund auf dar, weil er die Gemeinde bald besuchen will und sich vorher erklären muss.
Die römische Gemeinde bestand aus einer Mischung von Juden und Heiden – Menschen, die aus dem Judentum kamen und die jüdische Tora kannten, und Menschen aus heidnischen Hintergründen, die nie unter dem Gesetz Mose gelebt hatten. Das erzeugte Spannung: Wer gehört eigentlich wirklich zu Gottes Volk? Braucht man die Beschneidung, die jüdischen Speisegesetze, den ganzen Sabbat-Kalender, um wirklich „drin" zu sein?
Paulus greift für seine Antwort ganz bewusst auf Abraham zurück – die am meisten geehrte Figur im jüdischen Selbstverständnis, der Stammvater schlechthin. Und er zeigt: Abraham selbst wurde für gerecht erklärt, bevor er beschnitten war (das kommt in 1. Mose 15, die Beschneidung erst in 1. Mose 17). Wenn also sogar der Urvater Israels durch Glauben und nicht durch Gesetzeswerke gerecht wurde, dann kann kein Nachkomme – ob leiblich oder geistlich – sich auf etwas anderes berufen.
Das Zitat „Vater vieler Völker" aus 1. Mose 17,5 stammt aus einer uralten Verheißungsszene: Ein neunundneunzigjähriger Mann ohne leiblichen Sohn von seiner Frau Sara bekommt einen neuen Namen und eine Verheißung, die menschlich gesehen absurd klingt. Für die ursprünglichen Hörer im 2. Jahrtausend v. Chr. war Kinderlosigkeit nicht nur persönliches Leid, sondern ein Zeichen göttlicher Ablehnung. Genau in dieser Situation spricht Gott sein Wort – und Paulus benutzt diese uralte Szene, um seinen Lesern in Rom elf-, zwölfhundert Jahre später zu zeigen, wie Glaube tatsächlich funktioniert.
Ursprache
Das Herzstück des Verses steckt in zwei griechischen Ausdrücken, die Paulus bewusst nebeneinanderstellt.
ζωοποιέω (zōopoiéō), G2227 Strong's – „lebendig machen", wörtlich „Leben schaffen". Die Wurzel steckt in ζῷον (Lebewesen) und ποιέω (machen, herstellen). Das ist kein sanftes „aufmuntern" oder „unterstützen" – das ist das Verb für Auferweckung. Genau dieses Wort taucht in Johannes 5,21 auf, wo Jesus sagt, der Sohn mache lebendig, wen er will. Paulus beschreibt Gott hier mit demselben Vokabular, das später für die Auferstehung Jesu selbst benutzt wird.
καλέω-Verwandtes im Ausdruck „ruft, was nicht ist" – hier geht es nicht um bloßes Benennen, sondern um ein Sprechen, das Wirklichkeit erzeugt. Wenn Gott „ruft, was nicht ist, als wäre es da", dann ist sein Wort keine Beschreibung von etwas Vorhandenem, sondern die Ursache dafür, dass es entsteht.
θεός (theós), G2316 Strong's – einfach „Gott", aber im Kontext entscheidend: Paulus sagt nicht „vor irgendeinem Gott", sondern vor diesem Gott, definiert durch genau diese zwei Eigenschaften.
νεκρός (nekrós), G3498 Strong's – „tot", von der Wurzel für „Leiche". Hart, konkret, ohne Beschönigung. Abrahams und Saras Fähigkeit, Kinder zu bekommen, wird nicht als „schwierig" oder „unwahrscheinlich" beschrieben, sondern als tot.
πιστεύω (pisteúō), G4100 Strong's – „glauben", aber mit der Grundbedeutung „vertrauen, sich verlassen auf". Es geht nicht um intellektuelle Zustimmung zu einem Satz, sondern darum, sein ganzes Gewicht auf jemanden zu legen.
ἔθνος (éthnos), G1484 Strong's – „Volk, Nation", im Neuen Testament oft speziell für die nicht-jüdischen Völker gebraucht. Genau das Wort, das die ganze Spannung des Kapitels trägt: Wird Abraham Vater nur der Juden – oder aller Völker?
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Vers ist ein Fenster, durch das du direkt auf das Kreuz und das leere Grab schaust, auch wenn Jesus noch nicht namentlich genannt wird. Der Gott, „der die Toten lebendig macht" – das ist exakt derselbe Gott, der drei Kapitel später in Römer 8,11 beschrieben wird als der, „der Jesus von den Toten auferweckt hat". Paulus zieht die Linie selbst: Der Gott von Abrahams Glauben und der Gott, der Ostern gemacht hat, sind kein anderer.
Und hier liegt die tiefste Pointe: Abrahams Glaube war schon eine Vorwegnahme dessen, was am Kreuz und Grab vollständig sichtbar wird. Wenn du in Römer 4,24-25 weiterliest (nur ein paar Zeilen nach unserem Vers), sagt Paulus ausdrücklich: Diese Verheißung an Abraham wurde nicht nur seinetwegen geschrieben, sondern auch für uns, „denen es zugerechnet werden soll, die wir glauben an den, der Jesus, unseren Herrn, von den Toten auferweckt hat". Abrahams Glaube an den lebendigmachenden Gott ist das Muster für unseren Glauben an den auferstandenen Christus.
Und die zweite Hälfte – „ruft, was nicht ist, als wäre es da" – findet ihren stärksten Widerhall in 1. Korinther 1,28, wo Paulus sagt, Gott habe „das Unedle der Welt und das Verachtete" erwählt, „das, was nichts ist", um zunichte zu machen, was etwas ist. Das ist die Logik des Kreuzes selbst: Ein gekreuzigter, scheinbar besiegter, „nichtiger" Mann wird von Gott zum Fundament einer neuen Menschheit gemacht. Dieselbe schöpferische Kraft, die Sara ein Kind gab und Abraham zum Vater vieler Völker machte, ist die Kraft, die einen toten Leib im Grab wieder zum Leben ruft und aus einem Häuflein verängstigter Jünger die Kirche formt, die heute Menschen aus jedem Volk umfasst – genau die „vielen Völker", die Gott Abraham verheißen hatte.
Für dein Leben
Sei ehrlich mit dir: Wo in deinem Leben ist gerade „Sara". Wo ist der Bereich, den du längst abgeschrieben hast – eine Beziehung, ein Traum, eine Gewohnheit, deine eigene Herzenshärte gegenüber Gott – wo du sagst: „Da ist einfach kein Leben mehr drin, das ist tot"? Genau da will dich dieser Vers ansprechen.
Abrahams Glaube war nicht positives Denken. Er hat sich nicht selbst eingeredet, dass alles gut wird. Er hat auf einen Gott geschaut, der außerhalb der Grenzen seiner eigenen Fähigkeiten steht – einen Gott, dessen Spezialität Tote und Nichts ist. Das kostet etwas: Es kostet dich, aufzuhören, deine Hoffnung an das zu binden, was du selbst noch bewegen kannst. Solange du glaubst, es liegt an dir, das Tote wieder lebendig zu machen, wirst du entweder verzweifeln oder dich selbst betrügen. Glaube im Sinn dieses Verses heißt: Ich gebe zu, dass es hier tot ist – und ich schaue trotzdem auf den, der lebendig macht.
Das ist unbequem, weil es Kontrolle kostet. Du kannst nicht gleichzeitig sagen „Gott, ich vertraue dir völlig" und weiter mit angezogener Handbremse versuchen, alles selbst zu retten. Wo brauchst du heute diesen konkreten Gott – nicht einen vagen „höheren Sinn", sondern den, der wirklich aus Nichts Etwas ruft? Nenn ihm die tote Stelle beim Namen. Und dann warte nicht darauf, erst Beweise zu sehen, bevor du glaubst – Abraham hat geglaubt, bevor Isaak geboren wurde, nicht danach.
Gebetsanliegen
- Vater, ich bringe dir die Bereiche meines Lebens, die sich tot anfühlen – nenne sie mir beim Namen vor dir, ohne sie zu beschönigen.
- Herr, vergib mir, wo ich versucht habe, selbst Leben zu erschaffen, statt auf dich zu vertrauen, der die Toten lebendig macht.
- Ich glaube – hilf meinem Unglauben; lehre mich, wie Abraham gegen alle sichtbare Hoffnung auf dein Wort zu bauen.
- Danke, dass du derselbe Gott bist, der Jesus aus dem Grab gerufen hat – ich bitte dich, mir zu zeigen, wo diese Auferstehungskraft heute in meinem Leben wirken will.
- Mach mich zu jemandem, der ruft, was nicht ist, mit deinem Wort – gib mir Mut, in Glauben zu sprechen und zu handeln, auch wo ich nichts sehe.
Zum Nachdenken
- Welche Stelle in deinem Leben würdest du selbst als „tot" bezeichnen – und wann hast du zuletzt wirklich Gott damit konfrontiert, statt es zu verdrängen?
- Wo versuchst du, Kontrolle zu behalten, weil du im Grunde nicht glaubst, dass Gott wirklich aus Nichts Etwas machen kann?
- Abraham musste Jahrzehnte warten. Was tust du, wenn Gottes Versprechen sich nicht sofort erfüllt – wirst du ungeduldig und greifst selbst ein, oder wartest du in Vertrauen?
- Glaubst du wirklich, dass der Gott der Auferstehung derselbe Gott ist, dem du heute gegenüberstehst – oder behandelst du ihn praktisch wie einen kleineren Gott, der nur mit „machbaren" Dingen umgehen kann?
- Wenn du ehrlich bist: Beruht deine Hoffnung gerade mehr auf sichtbaren Umständen oder auf dem Charakter Gottes selbst?