Apostelgeschichte 22:16
Eine verständliche Vertiefung zu diesem Vers. Kapitel lesen →
Und nun, was zögerst du? Steh auf, laß dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst!
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir die Satzstruktur an: Drei Befehle stehen hintereinander wie Kommandos. Steh auf. Laß dich taufen. Laß deine Sünden abwaschen. Das sagt Hananias (Ananias) zu Saulus – zu Paulus, wie er später heißt –, drei Tage nachdem der Christenverfolger auf der Straße nach Damaskus geblendet vom Licht Christi zusammengebrochen ist. Paulus erzählt diese Geschichte hier zum zweiten Mal in der Apostelgeschichte, diesmal vor einer aufgebrachten Menge in Jerusalem, die ihn gerade fast gelyncht hätte.
Was leicht zu übersehen ist: Im Griechischen stehen "taufen lassen" und "abwaschen lassen" in einer Form, die man eher übersetzen könnte mit "laß dich taufen" und "laß dich abwaschen" – Paulus tut nicht selbst etwas, er empfängt etwas Strong's. Das ist keine Leistung, die er erbringt, sondern etwas, das an ihm geschieht. Und die Frist ist knapp: "Was zögerst du?" – kein Aufschub, keine Bedenkzeit, kein "wenn ich mich besser fühle". Sofort.
Diese Verbindung von Taufe, Sündenvergebung und "den Namen anrufen" ist genau der Ort, an dem Christen seit Jahrhunderten unterschiedlich lesen: Manche (katholisch, orthodox, lutherisch) sehen hier, dass die Taufe selbst die Sünde wirklich wegnimmt – Gott handelt durch das Wasser. Andere (baptistisch, viele reformierte Christen) lesen die Taufe als das sichtbare Siegel für eine Vergebung, die im Moment des Glaubens – des "Anrufens" – schon geschehen ist, so wie Jamieson-Fausset-Brown es formulieren: die Taufe ist das sichtbare Siegel der Vergebung, nicht ihre Ursache Jamieson-Fausset-Brown. Beide Lesarten nehmen den Vers ernst; sie streiten darüber, was genau das Zeichen und was die Sache selbst ist.
In der großen Erzählung der Apostelgeschichte steht dieser Vers am Übergang: der ärgste Verfolger der Gemeinde wird zum Gefäß für die Völker ( Apg 22,21) – aber bevor er ausgesandt wird, muss er sich erst selbst waschen lassen.
Historischer Hintergrund
Lukas schreibt die Apostelgeschichte vermutlich Anfang der 60er Jahre nach Christus, adressiert an einen gewissen Theophilus – wahrscheinlich ein römischer Beamter oder wohlhabender Gönner, der mehr über den christlichen Glauben wissen will. Die Szene selbst, die Paulus hier erzählt, spielt sich auf zwei Zeitebenen ab: Die eigentliche Begegnung mit Hananias fand um 34 n. Chr. in Damaskus statt, kurz nach Paulus' dramatischer Bekehrung. Erzählt wird sie aber rückblickend um das Jahr 57 n. Chr. in Jerusalem.
Der Kontext, in dem Paulus das erzählt, ist brenzlig: Er wurde gerade im Tempel von einer wütenden Menge fast totgeschlagen, weil man ihm vorwarf, einen Heiden in den inneren Tempelbezirk gebracht und damit den heiligen Ort entweiht zu haben. Der römische Kommandant der Garnison rettete ihn buchstäblich in letzter Sekunde und ließ ihn dann – auf Paulus' Bitte hin – von der Treppe der Festung Antonia aus zur Menge sprechen. Paulus redet auf Aramäisch (oder Hebräisch), damit die Menge ihn versteht, und er tut das Klügste, was er tun kann: Er erzählt seine eigene Geschichte, angefangen bei seiner Vergangenheit als eifernder Pharisäer und Christenverfolger.
Hananias selbst war, wie Paulus betont ( Apg 22,12), ein frommer, gesetzestreuer Jude, gut angesehen bei allen Juden in Damaskus – kein Außenseiter, kein Fanatiker. Das war wichtig für Paulus' jüdisches Publikum: Der Mann, der ihn getauft hat, war einer von ihnen, kein Verräter am Glauben der Väter. Man muss sich die Szene in Damaskus konkret vorstellen: Saulus liegt drei Tage blind und fastend in einem Haus in der "Straße, die man die Gerade nennt" ( Apg 9,11), der ehemalige Jäger der Christen, jetzt selbst hilflos wie ein Kind, wartend darauf, dass jemand kommt und ihm sagt, was jetzt geschehen soll.
Ursprache
Drei Wörter tragen das Gewicht dieses Verses Strong's:
ἀνίστημι (anístēmi, G450) – "aufstehen". Nicht nur körperlich aufrichten, sondern loskommen, sich in Bewegung setzen. Es ist das Wort für: genug gelegen, genug gewartet.
ἀπολούω (apoloúō, G628) – "vollständig abwaschen", von ἀπό (weg von) und λούω (waschen). Das Wort steht in einer Form, die man ungefähr übersetzen könnte mit "laß dich abwaschen" – Paulus wäscht sich nicht selbst rein, er lässt es an sich geschehen. Genau wie βαπτίζω (baptízō, G907), "untertauchen, ganz durchnässen", steht auch dieses Verb so, dass Paulus der Empfangende ist, nicht der Handelnde.
ἐπικαλέομαι (epikaléomai, G1941) – "anrufen, anrufend um Hilfe bitten". Zusammengesetzt aus ἐπί (auf, zu) und καλέω (rufen). Wichtig: Es steht in der Form, die eine Handlung "für sich selbst" ausdrückt – man ruft nicht irgendjemanden an, man ruft jemanden an, damit er einem selbst hilft. Und wen ruft man an? Sein ὄνομα (ónoma, G3686) – "Name", aber im biblischen Denken viel mehr als ein Etikett: Name bedeutet Autorität, Charakter, Person selbst. Wessen Name? Der Name des κύριος (kýrios, G2962), "des Herrn" – ein Titel, der im Griechischen Alten Testament für Gott selbst reserviert war.
Man ruft also nicht bloß eine Formel an. Man ruft die Person Jesu Christi an, unter seiner ganzen Autorität, damit er etwas an einem tut, das man sich selbst nicht geben kann.
Wie es auf Christus hinweist
Der Schlüssel liegt in diesem "Namen anrufen". Wenige Kapitel vorher, in Apostelgeschichte 2,21, zitiert Petrus den Propheten Joel: "Jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden." Im hebräischen Original ist "der Herr" dort JHWH selbst – der Gott Israels. Wenn Ananias also Paulus sagt, er solle "seinen Namen" – den Namen Jesu – anrufen, um die Vergebung zu empfangen, dann setzt er Jesus stillschweigend an die Stelle, die im Alten Testament nur Gott zusteht. Das ist keine kleine Sache. Das ist das ganze Evangelium in einem Nebensatz versteckt: Jesus trägt den Namen, der rettet (siehe Philipper 2,9-11).
Die Waschung selbst zeigt zurück auf das Kreuz. Titus 3,5 und 1. Korinther 6,11 – beide von den Lesern dieses Verses zitiert – verbinden das "Abwaschen" direkt mit dem Namen Jesu und dem Geist Gottes: nicht ein Ritual, das aus eigener Kraft reinigt, sondern eine Reinigung, die von außen kommt, weil Christus sein Blut vergossen hat ( Hebräer 9,14, 1. Johannes 1,7). Paulus – der Mann, der Christen in Gefängnisse geschleppt und ihren Tod betrieben hatte – ist selbst der lebende Beweis, dass diese Reinigung wirklich bis auf den Grund geht. Wenn er sauber werden kann, kann jeder.
Und die Taufe selbst, wie Paulus es später in Römer 6,3-4 durchdenkt, ist ein Untertauchen in Christi Tod und ein Auftauchen in seine Auferstehung. Als Ananias zu Saulus sagt "steh auf, laß dich taufen", spricht er über eine Bewegung, die Christus selbst schon vollzogen hat – gestorben, begraben, auferstanden – und in die Paulus jetzt hineingezogen wird.
Für dein Leben
"Was zögerst du?" Diese Frage ist nicht rhetorisch. Sie trifft. Paulus hatte jeden erdenklichen Grund zu warten: Er war blind, traumatisiert, sein ganzes Weltbild lag in Trümmern, er hatte gerade erst begriffen, dass er drei Jahre lang Gottes eigenen Sohn verfolgt hatte. Wer würde ihm nicht ein bisschen Zeit zugestehen, um das zu verdauen? Aber Hananias gibt ihm keine Zeit. Steh auf. Jetzt.
Frag dich ehrlich: Worauf wartest du gerade? Auf das Gefühl, "bereit" zu sein? Auf den perfekten Moment, wenn du weniger Angst hast, weniger Zweifel, weniger zu verlieren? Der Vers sagt dir: Das ist nicht, wie Gott arbeitet. Er wäscht dich nicht, weil du sauber genug bist, um gewaschen zu werden. Er wäscht dich, weil du es nicht selbst kannst – und die einzige Frage ist, ob du aufstehst und dich waschen lässt.
Das kostet dich etwas: Kontrolle. Die Verben in diesem Vers sind so gebaut, dass du nicht der Handelnde bist – du wirst getauft, du wirst gewaschen. Das heißt, du musst zugeben, dass du dich selbst nicht reinigen kannst. Für einen ehemaligen Musterschüler des Gesetzes wie Paulus – jemand, der stolz war auf seine eigene Leistung – ist das ein harter Schluck. Für dich vielleicht auch. Es kostet dich das Aufgeben deiner Selbstrechtfertigung, deiner Ausreden, deines "ich mach das schon selbst".
Also: Was zögerst du?
Gebetsanliegen
- Herr, ich bekenne, dass ich zögere – zeig mir, wovor ich mich wirklich drücke.
- Danke, dass du mich nicht wäschst, weil ich sauber genug bin, sondern weil ich es nicht selbst kann.
- Gib mir den Mut, deinen Namen anzurufen, nicht nur mit Worten, sondern mit meinem ganzen Leben.
- Hilf mir, meine Taufe nicht als vergangenes Ritual zu betrachten, sondern als tägliche Wirklichkeit, in die ich immer wieder zurückkehre.
- Herr, wo ich Kontrolle festhalte statt mich dir zu überlassen, brich das auf.
Zum Nachdenken
- Wo in deinem Leben sagst du innerlich "noch nicht" zu Gott – und warum genau jetzt nicht?
- Wenn Paulus, der Christenverfolger