Johannes 9:4
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Ich muß die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, wo niemand wirken kann.
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir zuerst an, wo Jesus gerade steht: Seine Jünger haben ihn eben gefragt, wer schuld ist, dass ein Mann blind geboren wurde – er selbst oder seine Eltern ( Johannes 9,2). Jesus schiebt diese ganze Schuldfrage beiseite und sagt stattdessen: Hier geht es nicht ums Zurückblicken, sondern ums Handeln. „Ich muss die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat" – das ist keine fromme Floskel, das ist eine Notwendigkeit, ein „muss", das keinen Aufschub kennt Strong's. Dann kommt das Bild: Tag und Nacht. Solange es Tag ist, kann gearbeitet werden. Die Nacht kommt – und dann ist die Zeit des Wirkens vorbei.
Was leicht übersehen wird: Jesus sagt hier „ich muss", nicht „ihr müsst" – aber im nächsten Vers (9,5) weitet er es aus: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt." Das heißt, dieser Satz ist zunächst ganz persönlich auf seine eigene, begrenzte Zeit auf Erden gemünzt – er weiß, dass seine Kreuzigung näher rückt, vermutlich nur noch wenige Monate entfernt Adam Clarke. Gleichzeitig ist es ein Muster für jeden, der ihm nachfolgt: Es gibt eine Zeit zum Handeln, und die läuft ab.
Manche Ausleger streiten, ob „die Nacht" hier speziell Jesu Tod meint oder allgemeiner das Ende jeder Gelegenheit zum Guttun John Gill. Beides schließt sich nicht aus – aber der Ton ist eindeutig dringlich, nicht beruhigend. Dieser Vers steht mitten in der Heilung des blindgeborenen Mannes und bereitet das große Thema des Kapitels vor: Jesus als Licht, das sehend macht, bevor die Finsternis der Ablehnung und des Kreuzes hereinbricht Matthew Henry.
Historischer Hintergrund
Das Johannesevangelium wurde vermutlich gegen Ende des ersten Jahrhunderts geschrieben, wahrscheinlich zwischen 85 und 100 n. Chr., von Johannes, dem Jünger, den Jesus liebte – für eine Gemeinde, die längst mit der Frage kämpfte: Wer war dieser Jesus wirklich, und was bedeutet es, ihm treu zu bleiben, wenn die jüdische Synagoge einen zunehmend ausschließt?
Die Begebenheit selbst spielt sich vermutlich beim Laubhüttenfest im Herbst ab, mit den vorangehenden Kapiteln 7 und 8, und den folgenden Ereignissen dann beim Fest der Tempelweihe im Dezember ( Johannes 10,22) Matthew Henry. Das heißt: Jesus ist in Jerusalem, mitten im Machtbereich der religiösen Führer, die ihn bereits mehrfach steinigen wollten ( Johannes 8,59). Die Spannung ist konkret spürbar – jeder öffentliche Auftritt ist riskant.
Ein blind geborener Mann sitzt vermutlich am Straßenrand oder am Tempeleingang und bettelt – das war im damaligen Palästina fast die einzige Überlebensmöglichkeit für jemanden, der von Geburt an nichts sehen konnte und keine Familie hatte, die ihn versorgen konnte. Blindheit galt in der Kultur der Zeit oft als Zeichen göttlicher Strafe, deshalb die Frage der Jünger nach Schuld. Jesus heilt ihn ausgerechnet am Sabbat ( Johannes 9,14) – ein bewusster Affront gegen die pharisäische Sabbatauslegung, der die ganze restliche Erzählung in Bewegung setzt: Verhör, Ausschluss aus der Synagoge, öffentlicher Streit. Wenn Jesus sagt „es kommt die Nacht", ist das keine abstrakte Zeitphilosophie – er weiß, dass genau diese Art von Tat ihn dem Kreuz näherbringt, das etwa ein halbes Jahr später auf ihn wartet Adam Clarke.
Ursprache
Das Wort, das mit „ich muss" übersetzt wird, ist δεῖ (deî), G1163 – ein unpersönliches Verb, das im Griechischen etwas bezeichnet, das bindend notwendig ist, nicht bloß wünschenswert Strong's. Das ist kein „ich sollte vielleicht", sondern ein „es ist gebunden, es muss geschehen" – wie eine Schiene, auf der etwas läuft, ob man will oder nicht. Jesus benutzt dieses Wort öfter für sein eigenes Schicksal (etwa wenn er von seinem bevorstehenden Leiden spricht) – hier steht es für die Arbeit, die genauso zwingend zu seiner Sendung gehört wie später das Kreuz.
Das Verb für „wirken" ist ἐργάζομαι (ergázomai), G2038, abgeleitet von ἔργον (érgon), G2041 – „Werk", „Tat" Strong's. Es ist dasselbe Wortfeld, das in Johannes immer wieder auftaucht, wenn Jesus von den „Werken" spricht, die der Vater ihm gegeben hat ( Johannes 5,36; 10,37) – seine Wunder sind keine Show, sondern Arbeit im eigentlichen Sinn: Mühe, Einsatz, Auftrag.
„Der mich gesandt hat" kommt von πέμπω (pémpō), G3992 – „aussenden", oft mit dem Beiklang eines Auftrags mit Ziel und Zweck, nicht bloß eines zufälligen Wegschickens Strong's. Jesus versteht sich durchgängig als Gesandter, nicht als jemand, der aus eigenem Antrieb handelt.
Und schließlich ἡμέρα (hēméra), G2250, und νύξ (nýx), G3571 – „Tag" und „Nacht", ganz wörtlich die Zeitspanne zwischen Morgengrauen und Dunkelheit, aber im Johannesevangelium immer auch aufgeladen mit der größeren Bedeutung von Licht gegen Finsternis, Offenbarung gegen Verwerfung Strong's.
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Vers ist keine Randbemerkung – er ist eine Selbstauskunft darüber, wer Jesus ist und warum er überhaupt gekommen ist. Schon in Johannes 4,34 hatte er gesagt: „Meine Speise ist die, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat" – hier wiederholt er dasselbe Muster, nur jetzt mit der zusätzlichen Note der Dringlichkeit: Die Zeit ist begrenzt. Am Ende seines Lebens, in seinem großen Gebet, kann er dann sagen: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden, indem ich das Werk vollendet habe" ( Johannes 17,4) – das Werk, von dem er hier in Kapitel 9 spricht, ist genau dasselbe Werk, das er am Kreuz mit den Worten „es ist vollbracht" ( Johannes 19,30) abschließt.
Die Heilung des Blinden selbst ist ein lebendiges Bild von dem, was Jesus für die ganze Menschheit tut: Er gibt Sehende, wo Finsternis herrschte. Das ist kein Zufall, dass genau dieser Vers über Tag und Nacht direkt vor diesem Wunder steht – Jesus wirkt Licht in die Dunkelheit hinein, während er selbst noch „das Licht der Welt" ist ( Johannes 9,5; siehe auch 12,35). Aber die Nacht, von der er spricht, ist auch eine Vorausschau auf sein eigenes Sterben – die Stunde, in der die Mächte der Finsternis kurz die Oberhand zu gewinnen scheinen ( Lukas 22,53), bevor am dritten Tag ein neuer, endgültiger Morgen anbricht. Wer an Jesus glaubt, lebt also nicht in ständiger Angst vor der Nacht – denn er hat die Nacht des Todes selbst durchschritten und ist als der auferstandene Herr wieder zum Licht geworden, das nie mehr untergeht.
Für dein Leben
Sei ehrlich mit dir: Wie oft schiebst du das Gute, das dir heute vor Augen steht, auf morgen? Ein Anruf, den du machen solltest. Eine Entschuldigung, die überfällig ist. Ein Gespräch mit Gott, das du seit Wochen aufschiebst, weil „später bestimmt ein besserer Zeitpunkt kommt". Jesus lebt hier mit einem völlig anderen Zeitgefühl: Er weiß, dass seine Uhr tickt, und deshalb heilt er diesen Mann, obwohl es Sabbat ist, obwohl die Pharisäer ihn dafür hassen werden, obwohl es ihn seiner Zerstörung näherbringt.
Das ist die unbequeme Wahrheit dieses Verses: Der Tag, an dem du etwas tun kannst, ist nicht unendlich. Nicht dramatisch gemeint, sondern ganz nüchtern – Prediger 9,10 sagt dasselbe: Im Totenreich gibt es kein Wirken mehr. Deine Gelegenheit, jemandem zu vergeben, jemandem zu dienen, ein Wort der Wahrheit zu sagen, wird nicht ewig offenstehen.
Das kostet dich etwas Konkretes: Es bedeutet, dass du nicht warten kannst, bis alle Umstände perfekt sind. Jesus wartete nicht auf einen bequemeren Tag als den Sabbat. Wo wartest du auf einen „besseren" Moment, der eigentlich eine Ausrede ist? Frag dich heute Abend: Was hat Gott mir heute vor die Füße gelegt, das ich aus Bequemlichkeit oder Angst liegen gelassen habe? Die Nacht kommt nicht als Drohung, sondern als Realität – und die Frage ist, ob du den Tag, den du hast, tatsächlich als Geschenk behandelst oder als etwas, das dir sowieso zusteht.
Gebetsanliegen
- Herr, zeig mir, wo ich Gutes aufschiebe, weil ich denke, es gäbe morgen noch Zeit dafür.
- Gib mir den Mut, das zu tun, was richtig ist, auch wenn es unbequem oder riskant ist – so wie du am Sabbat gehandelt hast.
- Danke, dass du dein Werk am Kreuz vollendet hast, obwohl es dich alles gekostet hat.
- Hilf mir, meine begrenzte Zeit auf dieser Erde nicht zu vergeuden, sondern für das zu nutzen, wozu du mich gesandt hast.
- Wenn Dunkelheit in mein Leben oder das Leben anderer einbricht, erinnere mich daran, dass du das Licht bist, das nicht ausgeht.
Zum Nachdenken
- Was schiebe ich seit Wochen oder Monaten auf, obwohl ich genau weiß, dass es getan werden müsste?
- Gibt es eine Situation, in der ich auf „den richtigen Zeitpunkt" warte, obwohl das eigentlich Angst vor Konsequenzen ist?
- Lebe ich so, als hätte ich unendlich viel Zeit – oder wie jemand, der weiß, dass die Nacht kommt?
- Wo habe ich zuletzt etwas Gutes unterlassen, weil es „nicht der richtige Tag" oder „nicht meine Aufgabe" war?
- Wenn Jesus mir heute sagen würde „du musst dieses eine Werk noch tun" – wüsste ich, welches er meint?