Lukas 6:38
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Gebet, so wird euch gegeben werden; ein gutes, vollgedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man euch in den Schoß geben. Denn mit eben dem Maße, mit welchem ihr messet, wird euch wieder gemessen werden.
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir den Satzbau an: Zuerst ein Befehl – „Gebet" – dann eine Zusage – „so wird euch gegeben werden". Jesus redet hier nicht abstrakt über Großzügigkeit im Allgemeinen, sondern er malt dir ein ganz konkretes Bild vor Augen: einen Getreidehändler auf dem Markt, der dir Weizen abmisst. Ein gutes Maß bedeutet: reichlich zugemessen. Vollgedrückt heißt: er presst das Korn zusammen, damit noch mehr reinpasst. Gerüttelt heißt: er schüttelt das Gefäß, damit sich die Körner setzen und noch Platz frei wird. Und dann schüttet er so lange nach, bis es überfließt – direkt in deinen Gewandbausch, den man damals wie eine Tasche über dem Gürtel trug, um Waren hineinzupacken Tyndale. Das ist kein knapp bemessenes Almosen. Das ist ein Händler, der es wirklich gut mit dir meint.
Der zweite Satz ist der Haken: „Denn mit eben dem Maße, mit welchem ihr messet, wird euch wieder gemessen werden." Das ist kein Zufall, sondern ein Prinzip – Gott behandelt dich mit demselben Maßstab, den du an andere anlegst. Wichtig: Das Vers steht am Ende der großen Feldrede ( Lukas 6,20-49), einer Sammlung von Jesu Unterweisung über das Leben im Reich Gottes – Liebe zu Feinden, Nicht-Richten, wahre Frömmigkeit Matthew Henry. Es folgt direkt auf die Aufforderung, nicht zu richten und zu verurteilen, sondern zu geben ( Lukas 6,37-38 gehören zusammen).
Wo Christen sich streiten: Manche lesen das als reine „Wohlstandsformel" – gib, und du wirst reich. Andere (und das trifft näher den Text) sehen hier keine Garantie auf materiellen Gewinn, sondern eine Aussage über Gottes Charakter und über das Gesetz der Gegenseitigkeit, das er in die Schöpfung gelegt hat: Wer geizig lebt, erntet Geiz; wer großzügig lebt, erntet Großzügigkeit – letztlich von Gott selbst.
Historischer Hintergrund
Lukas schreibt sein Evangelium wahrscheinlich zwischen 60 und 90 n. Chr., vermutlich für einen griechisch-römischen Leserkreis außerhalb Israels – Theophilus wird in Lukas 1,3 als Adressat genannt, offenbar ein gebildeter Mann, vielleicht ein römischer Beamter. Lukas selbst war Arzt und Begleiter des Paulus, kein Augenzeuge von Jesu Leben, sondern jemand, der sorgfältig recherchiert hat ( Lukas 1,1-4).
Die Szene selbst – Jesu Feldrede – spielt in Galiläa, vermutlich Anfang der 30er Jahre n. Chr., vor einer gemischten Menge aus Juden und Menschen aus dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon ( Lukas 6,17). Das ist eine bäuerliche, marktorientierte Gesellschaft. Jeder in der Menge kannte das Bild vom Getreidemarkt: Man ging mit einem leeren Gefäß hin und hoffte auf einen ehrlichen, großzügigen Händler – und fürchtete den geizigen, der beim Abmessen betrog. Das war Alltagserfahrung, keine abstrakte Metapher.
Im Hintergrund steht die alttestamentliche Tora, die immer wieder zur Großzügigkeit gegenüber den Armen aufruft – etwa 5. Mose 15,10, wo Gott verspricht, den zu segnen, der willig gibt statt mit „verdrießlichem Herzen". Jesu Zuhörer kannten diese Linie aus den Sprüchen: „Gesegnet wird der Mitleidige" ( Sprüche 22,9). Jesus greift keine neue Idee auf, sondern spitzt eine uralte Weisheit radikal zu: Gib nicht nur, weil es sich lohnt – gib, weil Gott so ist, und du wirst behandelt, wie du behandelst.
Ursprache
Das Verb δίδωμι (dídōmi, G1325) – „geben" Strong's – zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Vers: erst als Imperativ „gebet", dann als Passiv „wird euch gegeben werden". Im Griechischen steckt hier ein göttliches Passiv – wenn nicht gesagt wird, wer gibt, ist meistens Gott gemeint. Das heißt: Am Ende ist es nicht „die Welt" oder „das Karma", das dir zurückzahlt, sondern Gott selbst.
Μέτρον (métron, G3358) heißt „Maß" – ein abgemessenes Portion, eine Menge mit fester Grenze Strong's. Interessant ist, dass genau dieses Wort das ganze Bild trägt: Gott arbeitet nicht mit unendlicher, gestaltloser Fülle, sondern mit einem konkreten, sichtbaren Maß, das trotzdem überquillt.
Die drei Verben, die das Maß beschreiben, sind fast wie eine kleine Filmszene: πιέζω (piézō, G4085) – „packen, zusammendrücken" Strong's; σαλεύω (saleúō, G4531) – eigentlich „schütteln, wanken lassen", von der Wurzel für unruhige, hin- und herbewegte Dinge Strong's; und ὑπερεκχύνω (hyperekchýnō, G5240) – „überfließend ausschütten", ein zusammengesetztes Wort aus „über" (ὑπέρ) und „ausgießen" Strong's. Kein anderes neutestamentliches Wort drückt „überfließen" so wörtlich aus – es ist Fülle, die über den Rand des Gefäßes hinausschwappt.
Und κόλπος (kólpos, G2859) – „Bausch, Schoß, Busen" Strong's – meint den Stofffalten des Gewandes, wo man Ware trug. Das Bild ist also: Du kommst mit leerer Tasche, und Gott füllt sie so voll, dass sie überläuft.
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Vers steht mitten in Jesu eigener Predigt, also hörst du hier direkt seine Stimme – aber schau genauer hin: Wer ist der großzügigste Geber, von dem die Bibel erzählt? Jesus selbst. Er hat nicht nur gesagt, gib und es wird dir gegeben – er hat es vorgelebt, bis zum Äußersten. Paulus fasst das so zusammen: „Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dass er, obwohl er reich war, um euretwillen arm wurde, damit ihr durch seine Armut reich würdet" ( 2. Korinther 8,9). Er hat sich selbst restlos ausgeschüttet – sein Leben, sein Blut, seine Herrlichkeit –, damit du überreich beschenkt wirst.
Und genau das Maß, mit dem er misst, ist kein knappes: Als er von seinem Geist spricht, sagt er, Gott gibt „nicht nach Maß" ( Johannes 3,34) – anders als bei uns, die immer irgendwo eine Grenze ziehen. Bei Jesus ist die Grenze aufgehoben. Das „gute, vollgedrückte, gerüttelte und überfließende Maß" aus Lukas 6,38 ist letztlich ein Bild dafür, wie Gott selbst in Christus mit dir umgeht – nicht kleinlich, nicht sparsam, sondern verschwenderisch gnädig.
Aber die Kehrseite darfst du nicht überspringen: „Mit welchem Maß ihr messet..." Am Kreuz trägt Jesus genau das Gericht, das wir eigentlich verdient hätten, wenn Gott uns mit unserem eigenen harten Maß gemessen hätte. Er nimmt das strenge Maß auf sich, damit dir das gnädige Maß zufließen kann. Jakobus greift das später auf: „Die Barmherzigkeit rühmt sich wider das Gericht" ( Jakobus 2,13) – und das ist am tiefsten wahr geworden am Kreuz, wo Barmherzigkeit das Gericht überwunden hat.
Für dein Leben
Die ehrliche Frage, die dieser Vers dir stellt, ist nicht: „Wie viel Geld gebe ich?" Sie ist tiefer: „Mit welchem Maß behandle ich Menschen?" Denk an den letzten Streit, wo du recht behalten wolltest, den letzten, dem du eine zweite Chance verweigert hast, den Kollegen, den du innerlich abgeschrieben hast, weil er dich enttäuscht hat. Genau das ist das Maß, das du gerade an die Welt anlegst. Und Jesus sagt dir schonungslos: Das ist das Maß, mit dem du selbst gemessen wirst.
Das ist unbequem, wenn du ehrlich bist. Wir wollen Gnade für uns und Gerechtigkeit für andere. Aber Jesus dreht das um. Er verlangt nicht nur, dass du gibst, sondern dass du großzügig gibst – gepresst, geschüttelt, überfließend, ohne nachzurechnen, ohne heimlich Buch zu führen über das, was dir „zusteht".
Das kostet etwas: Es kostet dich das Recht, kleinlich zu sein. Es kostet dich die Genugtuung, jemandem seine Schuld vorzuhalten. Es kostet dich die Sicherheit, immer erst zu rechnen, ob sich Großzügigkeit „lohnt". Aber hier ist der Trost, der tiefer geht als jede Berechnung: Du gibst nicht ins Leere. Du gibst in die offenen Hände eines Gottes, der selbst schon in Christus überflossen hat vor dir – und der dich einlädt, aus dieser Fülle heraus zu leben, nicht aus Angst vor dem Mangel. Frag dich heute ehrlich: Wem verweigerst du gerade das gute Maß?
Gebetsanliegen
- Herr, zeig mir ehrlich, wo ich mit knappem, geizigem Maß messe – bei Geld, bei Vergebung, bei Geduld mit anderen.
- Vater, ich danke dir, dass du mich in Christus mit einem überfließenden Maß beschenkt hast, obwohl ich es nicht verdiene.
- Gib mir den Mut, heute konkret jemandem großzügig zu begegnen, ohne zu rechnen, was mich das kostet.
- Herr, befreie mich von der Angst, dass ich zu kurz komme, wenn ich gebe – lehre mich, aus deiner Fülle zu leben.
- Hilf mir, das Maß, das ich anderen zumesse, mit dem Maß zu vergleichen, das du mir am Kreuz gezeigt hast.
Zum Nachdenken
- Wem gegenüber bin ich in den letzten Wochen kleinlich gewesen – mit Geld, mit Zeit, mit Vergebung?
- Wenn Gott mich genau mit dem Maß behandeln würde, das ich anderen zugestehe – würde ich das aushalten?
- Gebe ich, weil ich Gott vertraue, oder rechne ich innerlich immer mit, was ich zurückbekomme?
- Wo in meinem Leben lebe ich aus Angst vor Mangel statt aus dem Wissen, dass Gott überreich gibt?
- Gibt es eine Person, der ich heute konkret „überfließend" begegnen könnte – und was hält mich davon ab?