Lukas 5:32
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ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße!
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir den Zusammenhang an: Jesus sitzt gerade bei Levi, dem Zöllner, zu Tisch – zusammen mit einem ganzen Haufen "Sünder", also Leuten, die als religiös und moralisch verdorben galten Matthew Henry. Die Pharisäer und Schriftgelehrten sind entsetzt und murren darüber. Und Jesus antwortet nicht mit einer Entschuldigung, sondern mit einer Grundsatzerklärung seiner ganzen Mission: "Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße."
Auf den ersten Blick klingt das simpel: Jesus sucht die Verlorenen, nicht die Braven. Aber schau genauer hin – das Wort "Gerechte" ist hier mit einem feinen Stachel versehen. Jesus sagt nicht: "Es gibt tatsächlich Menschen, die keine Buße brauchen." Er nimmt die Pharisäer bei ihrem eigenen Selbstbild John Gill. Sie halten sich für gerecht, sie brauchen (in ihren eigenen Augen) keinen Arzt. Genau das ist ihr Problem – und der Grund, warum sie draußen vor der Tür stehen bleiben, während die Zöllner drinnen am Tisch mit Jesus essen.
Das ist einer der Angelpunkte im Lukasevangelium: Lukas zeigt immer wieder, wie Jesus die religiösen Außenseiter hereinholt und die selbstsicheren Insider vor eine Wand des eigenen Stolzes stellt. Hier hörst du christliche Traditionen unterschiedlich betonen: Katholische und orthodoxe Leser hören in "Buße" oft eine ganze Bewegung – Reue, Bekenntnis, Umkehr, ein Weg, der auch sakramental gelebt wird. Protestantische Leser betonen stärker die innere Herzenswende, die diesem Weg vorausgeht und ihn trägt. Beide meinen letztlich dasselbe griechische Wort, aber sie hören verschiedene Akzente heraus.
Historischer Hintergrund
Lukas schreibt sein Evangelium wahrscheinlich zwischen 60 und 85 n. Chr., vermutlich für einen gebildeten, nichtjüdischen Leser namens Theophilus – jemand, der die jüdische Welt nicht selbstverständlich verstand und dem Lukas die Geschichte Jesu sorgfältig und geordnet erklären wollte.
Die Szene selbst spielt in Galiläa, vermutlich in Kapernaum, kurz nachdem Jesus seinen öffentlichen Dienst begonnen hat. Levi (auch Matthäus genannt) war ein Zöllner – das heißt, er kassierte im Auftrag der römischen Besatzungsmacht Steuern von seinen eigenen Landsleuten ein, oft mit ordentlichem Aufschlag für die eigene Tasche. Zöllner galten deshalb nicht nur als unehrlich, sondern als Volksverräter, die mit der heidnischen Besatzungsmacht kollaborierten. Ein frommer Jude aß nicht mit solchen Leuten – Tischgemeinschaft war im ersten Jahrhundert kein beiläufiges Zusammensitzen, sondern ein Statement: Wer mit dir isst, erkennt dich als gleichwertig an.
Genau deshalb ist Levis Festmahl ein Skandal. Jesus legt sich nicht nur mit einem Zöllner an den Tisch, sondern mit "einer großen Menge von Zöllnern und andern" ( Lukas 5:29) – Menschen, die von den religiösen Autoritäten, den Pharisäern, als hoffnungslos unrein galten. Die Pharisäer waren eine Laienbewegung, die die Reinheitsgesetze mit großer Sorgfalt einhielt und genau solche Grenzen zog: wer drinnen ist, wer draußen bleibt. Ihr Murren an Jesu Jünger (Vers 30) ist keine Nebensache – es ist die zentrale Frage, um die dieses ganze Kapitel kreist: Zu wem gehört Gottes Reich?
Ursprache
Zwei Wörter tragen das ganze Gewicht dieses Satzes. Das eine ist δίκαιος (díkaios, G1342) – "gerecht", "rechtschaffen", im Griechischen ein Wort, das auch "unschuldig" oder "heilig" bedeuten kann Strong's. Jesus benutzt es hier nicht als objektive Beschreibung, sondern spiegelt den Pharisäern ihr eigenes Selbstbild zurück. Das andere ist ἁμαρτωλός (hamartōlós, G268) – "Sünder", abgeleitet vom Verb ἁμαρτάνω, "das Ziel verfehlen" Strong's. Ursprünglich ein Bild aus dem Bogenschießen: der Pfeil, der am Ziel vorbeigeht.
Dann καλέω (kaléō, G2564) – "rufen", "einladen", oft im Sinne eines lauten, absichtsvollen Rufs Strong's. Es ist dasselbe Wort, das benutzt wird, wenn jemand zu einem Fest eingeladen wird – passend zur Szene, denn genau das passiert gerade: eine Einladung an den Tisch.
Und schließlich μετάνοια (metánoia, G3341) – oft mit "Buße" übersetzt, aber das deutsche Wort "Buße" klingt heute nach Strafe oder Bußgeld absitzen. Das griechische Wort meint wörtlich einen Sinneswandel, eine Umkehr des Denkens, die die ganze Richtung des Lebens ändert Strong's. Es ist kein Gefühl der Zerknirschung allein, sondern eine Kehrtwende – du gehst nicht mehr in die Richtung, in die du liefst.
Der Satz insgesamt hat eine klare Struktur: οὐ... ἀλλά (ou... allá, G3756/G235) – "nicht... sondern" – ein scharfer Gegensatz. Jesus grenzt hier bewusst ab, wen er sucht und wen nicht.
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Vers ist im Grunde Jesu eigene Zusammenfassung seines Auftrags – eine Art Kurzformel dessen, was in Lukas 19:10 ausformuliert wird: "Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist." Levis Festmahl ist keine Nebenepisode, sondern eine gelebte Illustration dieses Satzes: Jesus geht nicht zu denen, die sich für gesund halten, sondern zu denen, die wissen, dass sie krank sind.
Und hier liegt die eigentliche Pointe für dich: Am Kreuz nimmt Jesus genau diese Bewegung – hin zu den Sündern – auf die Spitze. Er stirbt nicht zwischen zwei angesehenen Bürgern, sondern zwischen zwei Verbrechern. Er isst mit Zöllnern zu Lebzeiten und hängt am Ende neben einem verurteilten Verbrecher, dem er das Paradies verspricht. Die ganze Logik dieses Verses – "nicht die Gerechten, sondern die Sünder" – zieht sich bis ans Kreuz durch.
Beachte auch: Jesus sagt nicht, dass manche Menschen wirklich gerecht sind und Gott nicht brauchen. Der ganze Rest des Neuen Testaments (zum Beispiel Römer 3:23) macht klar: Es gibt niemanden, der nicht das Ziel verfehlt hat. Die "Gerechten" in diesem Vers sind Menschen, die sich selbst für gerecht halten – und genau dieses Selbstbild ist die Tür, die sie vor Jesus zuschlägt. Das Freudenmotiv aus Lukas 15:7 und 15:10 – Freude im Himmel über einen umkehrenden Sünder – zeigt dir, wie Gott diese Bewegung sieht: nicht als Notlösung, sondern als das Fest, auf das der ganze Himmel wartet.
Für dein Leben
Frag dich ehrlich: Zu welcher Gruppe am Tisch gehörst du gerade – zu denen, die drinnen sitzen und wissen, dass sie es nicht verdient haben, oder zu denen, die draußen murren, weil sie insgeheim denken, sie hätten es eigentlich verdient?
Das Gefährliche an diesem Vers ist nicht, dass er Sünder ausschließt – er ist geradezu eine offene Tür für sie. Das Gefährliche ist, dass er die "Gerechten" ausschließt – also alle, die sich zu fein, zu ordentlich, zu gefestigt fühlen, um zuzugeben, dass sie einen Arzt brauchen. Vielleicht bist du nie mit Drogen, Betrug oder offensichtlicher Sünde in Berührung gekommen – aber wenn du deswegen im Stillen denkst, du bräuchtest Jesus nur ein bisschen weniger als der Typ neben dir, dann bist du genau in der Position der Pharisäer an diesem Tisch.
Was dieser Vers dich kostet, ist dein Selbstbild. Du musst den Platz des "im Grunde ganz okay" verlassen und dich selbst als jemanden ansehen, der am Ziel vorbeigeschossen hat – das ist die wörtliche Bedeutung von "Sünder" hier. Das ist unbequem. Aber es ist auch die einzige Tür, durch die du eingeladen wirst. Buße heißt nicht: dich selbst fertigmachen. Es heißt: dich umdrehen und in die Richtung gehen, in die Jesus schon geht. Das ist kein einmaliger Akt, den du vor Jahren getan hast und abhaken kannst – es ist eine Haltung, in der du täglich neu lebst.
Gebetsanliegen
- Herr, zeig mir die Stellen, an denen ich mich heimlich für "gerecht genug" halte und deine Einladung überhöre.
- Danke, dass du nicht zu den Selbstgerechten, sondern zu mir gekommen bist, als ich am Ziel vorbeigeschossen bin.
- Gib mir den Mut, meine Sünde beim Namen zu nennen, statt sie zu verstecken oder zu beschönigen.
- Schenk mir eine echte Umkehr des Denkens, keine oberflächliche Reue, sondern eine neue Richtung meines Lebens.
- Lehre mich, mich über einen umkehrenden Menschen zu freuen wie der Himmel es tut, statt zu murren wie die Pharisäer.
Zum Nachdenken
- Wo in deinem Leben spielst du gerade den "Gerechten", der Jesu Einladung eigentlich gar nicht braucht?
- Welche Sünde hast du dir so lange schöngeredet, dass du sie kaum noch als Sünde erkennst?
- Wenn Jesus heute mit den Menschen essen würde, die deine Kirche oder dein Umfeld als "zu weit draußen" ansehen – würdest du mit an diesem Tisch sitzen?
- Was würde sich in deinem Alltag konkret ändern, wenn deine Umkehr mehr als ein Gefühl wäre?
- Über wen in deinem Leben freust du dich nicht, wenn er umkehrt – und warum nicht?