Lukas 20:17
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Er aber blickte sie an und sprach: Was bedeutet denn das, was geschrieben steht: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden?«
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir zuerst an, was gerade passiert ist: Jesus hat eben ein Gleichnis erzählt – von bösen Weinbergpächtern, die die Knechte des Besitzers verprügeln und schließlich sogar seinen Sohn umbringen ( Lukas 20:9-16). Die Zuhörer, allen voran die führenden Priester und Schriftgelehrten, verstehen genau, wer gemeint ist – sie sind die Pächter. Ihre Reaktion ist ein entsetztes „Das sei ferne!" Und dann tut Jesus etwas Entwaffnendes: Er blickt sie an. Das griechische Wort dahinter, ἐμβλέπω (emblépō), heißt nicht einfach „hinschauen", sondern jemanden fest fixieren, ihm direkt in die Augen sehen Strong's. Das ist kein beiläufiger Blick – das ist ein Blick, der sagt: Ich meine genau euch.
Dann zitiert er Psalm 118:22, einen Vers, den jedes Kind im Tempel auswendig kannte, weil er beim Laubhüttenfest gesungen wurde. Ein Stein, den die Bauleute – die Fachleute, die Experten – als unbrauchbar aussortiert haben, wird ausgerechnet zum wichtigsten Stein des ganzen Gebäudes: dem Eckstein, der zwei Mauern zusammenhält und die ganze Statik trägt Tyndale.
Was leicht zu übersehen ist: Jesus stellt das als Frage – „Was bedeutet denn das?" Er zwingt sie, selbst die Konsequenz zu ziehen. Sie sind die Bauleute. Er ist der Stein, den sie gerade verwerfen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – wird Gott ihn zum Fundament machen. Der Vers steht damit als Scharnier zwischen dem Gleichnis (Ablehnung) und dem, was direkt danach folgt: der Stein, der zermalmt ( Lukas 20:18). Christen sind sich einig, dass hier die Kreuzigung und Auferstehung vorausgesagt werden; uneinig sind sie eher in der Frage, wie hart das Gericht über Israel als Volk in diesem Bild mitschwingt gegenüber dem universalen Angebot an alle, die den Stein annehmen Jamieson-Fausset-Brown.
Historischer Hintergrund
Lukas schreibt sein Evangelium wahrscheinlich zwischen 60 und 85 n. Chr., vermutlich für einen nicht-jüdischen Leser namens Theophilus, dem er die Geschichte Jesu sorgfältig und in historischer Reihenfolge erzählen will ( Lukas 1:1-4). Diese Szene selbst spielt aber Jahrzehnte früher, in der letzten Woche vor Jesu Kreuzigung, im Tempel in Jerusalem, wahrscheinlich um das Jahr 30 n. Chr.
Die Situation ist explosiv. Jesus ist gerade als König in Jerusalem eingezogen ( Lukas 19:28-40), hat die Händler aus dem Tempel geworfen und lehrt jetzt öffentlich im Tempelbezirk. Die religiöse Führungsschicht – die Hohepriester, Schriftgelehrten und Ältesten – hat allen Grund zur Nervosität: Sie kontrollieren den Tempelbetrieb, ziehen daraus Einkommen und Macht, und stehen gleichzeitig unter der Aufsicht der römischen Besatzungsmacht. Ein Volksaufstand, ausgelöst durch einen zu populären Wanderprediger, könnte die Römer dazu bringen, hart durchzugreifen und die letzten Reste jüdischer Selbstverwaltung zu beschneiden. Genau deshalb fragen sie ihn kurz zuvor nach seiner Vollmacht ( Lukas 20:1-8) und lauern ihm auf.
Das Bild vom „Eckstein" war jedem im Publikum vertraut aus dem Bauhandwerk der Zeit: Der erste, sorgfältig behauene Stein einer Mauer, der als Maßstab für Ausrichtung und Winkel aller weiteren Steine diente. Wurde er falsch gewählt, wackelte am Ende das ganze Gebäude. Psalm 118 war zudem kein obskurer Text, sondern ein Fest-Psalm, gesungen bei den großen Wallfahrtsfesten – ein Triumphlied über einen Verworfenen, den Gott rettet und erhöht. Die Zuhörer kannten den Text; was sie nicht erwarteten, war, dass Jesus ihn auf sich selbst und auf sie anwenden würde Matthew Henry.
Ursprache
Das Verb ἐμβλέπω (emblépō, G1689) beschreibt einen fixierten, durchdringenden Blick – nicht flüchtig, sondern absichtlich, jemanden „ins Visier nehmen" im wörtlichen Sinn Strong's. Lukas will, dass du spürst: Jesus sucht in diesem Moment Augenkontakt mit genau den Männern, die er gerade entlarvt hat.
Zentral ist λίθος (líthos, G3037), „Stein" – ein ganz gewöhnliches Wort, das aber im Alten Testament ( Psalm 118:22, Jesaja 28:16, Sacharja 3:9) längst zu einem messianischen Codewort geworden war Strong's. Wer diesen Stein hört, hört mehr als Baumaterial.
Das Verb ἀποδοκιμάζω (apodokimázō, G593) heißt „prüfen und verwerfen" – die Vorsilbe ἀπό (apó, „weg von") plus δοκιμάζω (dokimázō, „prüfen, testen"). Es ist nicht die Verwerfung eines Unwissenden, sondern eines Prüfers, der sich für inkompetent zur Beurteilung erweist Strong's. Genau das ist die Pointe: Die „Bauleute" – die religiösen Fachleute, die eigentlich wissen sollten, was gut und tragfähig ist – prüfen den Stein und lehnen ihn ab. Sie irren sich gerade in dem, wofür sie ausgebildet sind.
Und οἰκοδομέω (oikodoméō, G3618), verwandt mit dem Substantiv für „Bau", steckt in „Bauleute" (οἰκοδομοῦντες) – wörtlich „die Bauenden" Strong's. Das ganze Bild ist also durchgehend architektonisch: Menschen, die ein Gebäude errichten wollen, und ausgerechnet der Stein, den sie aussortieren, wird von einer höheren Autorität zum tragenden Element erklärt.
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Vers ist keine ferne Andeutung – Jesus sagt hier fast unverblümt: „Ich bin dieser Stein." Petrus greift genau dieses Bild später wieder auf, als er vor demselben Sanhedrin steht, vor dem Jesus einst stand, und den führenden Männern ins Gesicht sagt: „Das ist der Stein, der von euch, den Bauleuten, verschmäht wurde, der zum Eckstein geworden ist" ( Apostelgeschichte 4:11). Was Jesus als Frage formuliert, wird nach Kreuzigung und Auferstehung zur unumkehrbaren Tatsache verkündigt.
Das Muster reicht noch weiter zurück. Jesaja 28:16 spricht von einem „köstlichen Eckstein", auf den man sich verlassen kann, ohne zu wanken. Sacharja 3:9 zeigt einen Stein mit „sieben Augen" – ein Bild vollkommener göttlicher Aufmerksamkeit und Reinigung von Sünde „an einem einzigen Tag". Beide Fäden laufen in Jesus zusammen: Er ist der Grund, auf dem man bauen kann, weil er selbst die Sünde ein für alle Mal am Kreuz getragen hat.
Und die bittere Ironie bleibt bestehen: Ausgerechnet die religiösen Experten, die Bibelkenner, die „Bauleute" mit der theologischen Ausbildung, sind es, die den entscheidenden Stein wegwerfen John Gill. Das ist eine Warnung, die bis heute steht – auch fromme, bibelkundige Menschen können den Messias verfehlen, wenn er nicht ihren Erwartungen entspricht. Aber Gottes Bauplan lässt sich von menschlicher Fehleinschätzung nicht aufhalten: Der verworfene Stein wird trotzdem – oder gerade deshalb – zum Fundament, auf dem die ganze neue Gemeinschaft der Glaubenden steht, Juden und Nichtjuden gleichermaßen (vgl. Epheser 2:20).
Für dein Leben
Stell dir vor, jemand blickt dich genau so an, wie Jesus die Priester angeblickt hat – fest, ohne Ausweichen, direkt in die Augen. Was würde er dir zeigen? Wahrscheinlich nicht in erster Linie deine groben Sünden, sondern die leiseren: die Stellen, an denen du längst entschieden hast, wie Gott zu sein hat, wie sein Handeln auszusehen hat, was „passend" für ihn ist – und alles andere achselzuckend zur Seite legst, so wie die Bauleute den Stein zur Seite legten, weil er nicht in ihr Schema passte.
Das ist die eigentliche Herausforderung dieses Verses: Nicht die offen Gottlosen verwerfen den Stein zuerst, sondern die Fachleute, die Prüfer, die es eigentlich besser wissen sollten. Wenn du seit Jahren in der Kirche bist, die Bibel kennst, die richtigen Antworten geben kannst – bist du dann automatisch sicher davor, den Stein zu übersehen? Die Geschichte sagt: nein. Gerade Vertrautheit kann blind machen.
Die Kosten hier sind konkret: Es kostet dich, zuzugeben, dass deine Vorstellung von Gott vielleicht revidiert werden muss – dass Jesus nicht so kommt, wie du ihn geplant hast, sondern anders, unbequemer, demütiger, als der Verworfene, der leidet, bevor er erhöht wird. Es kostet dich, ihn nicht nur als Ergänzung zu deinem Leben zu behandeln, sondern als das Fundament, auf dem alles andere steht oder fällt. Ein Eckstein trägt nicht nebenbei – er trägt alles. Die Frage an dich heute ist schlicht: Hast du ihn als Fundament gebaut, oder hast du ihn irgendwo an den Rand deines Lebens gelegt, weil er nicht ganz in dein Bauprojekt passte?
Gebetsanliegen
- Herr, zeig mir ehrlich, wo ich dich – vielleicht ohne es zu merken – wie die Bauleute geprüft und zur Seite gelegt habe, weil du nicht in meine Erwartungen gepasst hast.
- Danke, dass du der verworfene Stein bist, der trotzdem zum Fundament wurde – gib mir die Demut, mein ganzes Leben auf dich zu bauen, nicht nur einen Teil davon.
- Gib mir ein waches Herz, damit fromme Gewohnheit und Bibelwissen mich nicht blind machen für das, was du wirklich von mir willst.
- Herr, halte mich fest, wenn ich stolpere über Dinge an dir, die mir unbequem erscheinen – lass mich lieber fallen und zerbrechen an dir, als dich zu übergehen.
- Danke, dass dein Bauplan trotz menschlicher Fehlurteile nicht aufzuhalten ist – stärke meinen Glauben daran, auch wenn die Kirche und die Welt manchmal chaotisch aussehen.
Zum Nachdenken
- Gibt es einen Bereich in deinem Glauben, in dem du Jesus schon längst „geprüft und für unpassend befunden" hast – eine Lehre, ein Anspruch von ihm, den du leise weggelegt hast?
- Wenn Jesus dich gerade jetzt so fest anblicken würde wie damals die Priester – wovor würdest du wegschauen wollen?
- Baust du dein Leben tatsächlich auf ihn als Fundament, oder benutzt du ihn eher als schmückenden Stein irgendwo an der Fassade?
- Wo in deinem Leben verwechselst du religiöses Fachwissen mit echter Erkenntnis Gottes?
- Was würde es dich kosten, zuzugeben, dass Gottes Plan anders aussieht, als du ihn dir zurechtgelegt hast?