Lukas 19:10
Eine verständliche Vertiefung zu diesem Vers. Kapitel lesen →
denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist.
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Lies den Satz langsam: "Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist." Das ist kein Nebensatz – das ist die Erklärung für alles, was gerade vorher passiert ist. Jesus hat sich bei einem korrupten Zöllner namens Zachäus zum Essen eingeladen, einem Mann, den die ganze Stadt Jericho verachtet hat, weil er für die römische Besatzungsmacht Steuern eintrieb und sich dabei selbst bereicherte. Die Leute murren: Wie kann er bei so einem Sünder einkehren? Und Jesus antwortet mit diesem einen Satz, der wie eine Türe aufgeht: Genau deshalb bin ich gekommen.
Beachte das Verb "gekommen" – nicht "bin hier" oder "wurde geschickt", sondern ein bewusster, zielgerichteter Weg von irgendwoher hierher. Und "suchen" kommt vor "retten": Bevor Zachäus überhaupt wusste, dass er gesucht wird, war er schon gefunden. Er ist auf den Baum geklettert, weil er neugierig war – aber die Initiative liegt bei Jesus, nicht bei ihm.
Leicht zu übersehen: "was verloren ist" – nicht "wer", sondern "was". Im Griechischen steht ein neutrales Partizip, das bewusst offen bleibt und Menschen wie Zachäus, aber auch das verlorene Schaf, die verlorene Drachme, den verlorenen Sohn aus Kapitel 15 mit einschließt. Dieser Vers ist die Zusammenfassung der ganzen Reihe von Gleichnissen, die Lukas gerade erzählt hat.
Dieser Satz steht am Ende von Jesu öffentlichem Wirken in Galiläa und Judäa, kurz bevor er nach Jerusalem hinaufzieht, um zu sterben ( Lukas 19:28) – er ist wie ein Motto über seiner ganzen Mission Matthew Henry. Wo Christen unterschiedlich lesen: Manche betonen stark, dass Jesus sucht (Gottes Initiative, die Gnade geht voran), andere betonen, dass der Mensch trotzdem antworten muss – Zachäus steigt tatsächlich vom Baum, er gibt tatsächlich die Hälfte seines Besitzes den Armen. Beides steht im Text, die Frage ist nur, wo die Betonung liegt.
Historischer Hintergrund
Lukas schreibt sein Evangelium wahrscheinlich zwischen 60 und 85 n. Chr., vermutlich an einen griechisch gebildeten Leser namens Theophilus, aber mit Blick auf eine wachsende Gemeinde aus Juden und Nichtjuden, die wissen wollte: Wer war dieser Jesus wirklich, und was bedeutet das für uns?
Die Szene selbst spielt in Jericho, einer wohlhabenden Handelsstadt nahe dem Jordan, ungefähr 25 Kilometer von Jerusalem entfernt John Gill. Zachäus war "Oberzöllner" – das heißt, er hat nicht nur selbst Steuern eingetrieben, sondern andere Zöllner unter sich gehabt und an ihren Einnahmen mitverdient. Für die jüdische Bevölkerung war so ein Mann ein Verräter in doppelter Hinsicht: Er kollaborierte mit der römischen Besatzungsmacht, und er bereicherte sich systematisch auf Kosten seiner eigenen Landsleute. Zöllner standen auf einer Stufe mit "Sündern" – ausgeschlossen von der religiösen Gemeinschaft, gemieden bei Tisch, verachtet in der Synagoge.
Dass ein angesehener Rabbi wie Jesus öffentlich ankündigt, bei so einem Mann zu übernachten, ist ein gesellschaftlicher Skandal – vergleichbar damit, dass ein bekannter Pfarrer sich demonstrativ zum Essen bei einem korrupten Betrüger einlädt, den die ganze Nachbarschaft hasst. Die Menge murrt genau deshalb ( Lukas 19:7). Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, wo er wenige Tage später sterben wird ( Lukas 19:28ff.) – dieser Vers fällt also fast im letzten Moment seines öffentlichen Wirkens, wie ein letztes klares Wort darüber, warum er überhaupt gekommen ist.
Ursprache
Das Wort für "Menschensohn" verbindet υἱός (huiós, G5207, "Sohn") mit ἄνθρωπος (ánthrōpos, G444, "Mensch") Strong's – Jesu liebster Titel für sich selbst, der gleichzeitig auf den geheimnisvollen, himmlischen Menschensohn aus Daniel 7 anspielt und seine ganz reale, irdische Menschlichkeit betont. Er ist keiner, der von oben herab rettet – er ist mitten drin.
ἔρχομαι (érchomai, G2064) heißt "kommen, gehen" Strong's, aber im Griechischen des Neuen Testaments schwingt oft mehr mit: ein bewusstes, zielgerichtetes Kommen, fast wie eine Sendung, die einen Ursprung und ein Ziel hat.
Die beiden Verben, die die Mission beschreiben, sind ζητέω (zētéō, G2212, "suchen") und σώζω (sṓzō, G4982, "retten, heilen, bewahren") Strong's. Suchen kommt zuerst – das ist wichtig. Es beschreibt nicht ein passives Warten, bis jemand um Hilfe bittet, sondern aktives, hartnäckiges Nachgehen, wie ein Hirte, der ein verirrtes Schaf durchs Dickicht verfolgt.
Und dann ἀπόλλυμι (apóllymi, G622) – "völlig zugrunde gehen, verloren gehen, umkommen" Strong's. Das ist kein sanftes Wort. Es beschreibt nicht nur "sich verlaufen haben", sondern einen Zustand, der ohne Eingreifen in völligem Ruin endet. Das Partizip steht neutral, allgemein: "was verloren ist" – offen für jeden, der sich darin wiederfindet, ob Zöllner oder nicht.
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Vers ist kein einzelnes Bild, sondern die Erfüllung eines Versprechens, das Gott Jahrhunderte vorher durch den Propheten Hesekiel gegeben hat: "Das Verlorene will ich suchen und das Verscheuchte zurückholen" ( Hesekiel 34:16) Tyndale. Dort spricht Gott selbst als der Hirte Israels, der die schlechten menschlichen Hirten – die korrupten Führer des Volkes – ablösen und die Herde selbst wieder heimholen wird. Wenn Jesus in Lukas 19:10 sagt, er sei gekommen "zu suchen und zu retten, was verloren ist", beansprucht er wörtlich diese Rolle für sich. Er ist der Hirte aus Hesekiel 34, jetzt in Menschengestalt unterwegs.
Der Engel hatte es schon vor Jesu Geburt Josef angekündigt: "Du sollst ihm den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden" ( Matthäus 1:21). Der Name selbst – Jesus, Jeschua, "der HERR rettet" – ist ein Programm, das sich in Lukas 19:10 buchstabiert.
Und Zachäus ist keine Ausnahme, sondern ein Beispiel: Genau darum ging es schon in den drei Gleichnissen von Lukas 15 – das verlorene Schaf, die verlorene Drachme, der verlorene Sohn, bei dem der Vater sagt: "er war verloren und ist wiedergefunden worden" ( Lukas 15:32). Lukas 19:10 ist die Zusammenfassung dieser ganzen Erzählstrecke in einem Satz.
Und dieser Satz kostet Jesus alles. Wenige Tage später hängt "des Menschen Sohn" am Kreuz – "als wir noch schwach waren, ist Christus für Gottlose gestorben" ( Römer 5:6). Das Suchen führt ihn nicht nur zu Zachäus' Haustür, sondern bis nach Golgatha. Und weil er dort gestorben ist und lebt, "kann er auch bis aufs äußerste die retten, welche durch ihn zu Gott kommen" ( Hebräer 7:25) – nicht nur einmal gefunden, sondern für immer gehalten.
Für dein Leben
Hier ist die unbequeme Frage, die dieser Vers dir stellt: Glaubst du wirklich, dass du zu den "Verlorenen" gehörst, für die Jesus gekommen ist? Nicht theoretisch – konkret. Die meisten von uns lesen Geschichten wie die von Zachäus und denken insgeheim: Gott sei Dank bin ich nicht so schlimm wie der. Aber genau diese Haltung war das Problem der murrenden Menge, nicht Zachäus' Problem. Er wusste, dass er verloren war. Sie wussten es nicht von sich selbst.
Die Frage ist nicht, ob du öffentlich Steuern unterschlagen hast. Die Frage ist, ob du bereit bist zuzugeben, wo du in deinem eigenen Leben zugrunde gehst – in einer Gewohnheit, einer Lüge, die du dir selbst erzählst, einer Beziehung, die du kaputtmachst, einer Bitterkeit, die dich innerlich auffrisst. Jesus sucht nicht die, die sich für gerettet halten. Er sucht die, die wissen, dass sie ohne ihn verloren sind.
Und wenn er dich findet, kostet dich das etwas – genauso wie Zachäus, der sofort die Hälfte seines Vermögens verschenkte und alle Betrogenen vierfach entschädigte. Rettung ist kostenlos, aber sie ist nie folgenlos. Wenn Jesus wirklich in dein Haus einkehrt, verändert das, wie du mit deinem Geld, deiner Zeit, deinen Beziehungen umgehst.
Heute, ganz konkret: Wo bist du verloren, und traust du dich, das vor Gott laut auszusprechen? Nicht vor Menschen zuerst – vor ihm. Er sucht nicht die Unversehrten. Er sucht dich.
Gebetsanliegen
- Herr Jesus, danke, dass du nicht gewartet hast, bis ich mich selbst gefunden habe, sondern dass du mich gesucht hast, als ich noch gar nicht wusste, dass ich verloren bin.
- Ich bekenne dir konkret, wo ich mich selbst verstecke oder mir selbst etwas vormache – hilf mir, ehrlich zu sein wie Zachäus, der nichts verbarg.
- Gib mir den Mut, das zu tun, was Zachäus getan hat: nicht nur Vergebung anzunehmen, sondern mein Leben – meinen Besitz, meine Zeit, meine Beziehungen – tatsächlich zu verändern.
- Herr, hilf mir, andere Menschen mit deinen Augen zu sehen, nicht mit den Augen der murrenden Menge, die niemanden für rettbar hielt.
- Danke, dass du als der lebendige, auferstandene Hirte immer noch für mich einstehst und mich nicht nur einmal findest, sondern für immer hältst.
Zum Nachdenken
- Wo in deinem Leben tust du gerade so, als wärst du "gefunden", obwohl du innerlich weißt, dass du in etwas verloren bist?
- Wen in deinem Umfeld verachtest oder meidest du innerlich so, wie die Menge Zachäus gemieden hat – und was würde es kosten, wie Jesus mit dieser Person Zeit zu verbringen?
- Wenn Jesus heute buchstäblich vor deiner Tür stünde und sagen würde "ich möchte heute bei dir einkehren", was würdest du schnell verstecken wollen, bevor er hereinkommt?
- Zachäus reagierte auf Gnade mit radikaler, konkreter Umkehr. Wo in deinem Leben ist deine Antwort auf Gottes Gnade eher vage geblieben als konkret?
- Glaubst du wirklich, dass Gottes Initiative deiner Suche vorausgeht – oder lebst du innerlich so, als müsstest du ihn zuerst finden, bevor er dich retten kann?