Markus 15:34
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Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lama sabachthani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir zuerst an, was tatsächlich dasteht: Es ist Nachmittag, die neunte Stunde – nach unserer Zählung etwa drei Uhr –, und Jesus hängt schon seit Stunden am Kreuz. Drei Stunden lang war es dunkel über dem ganzen Land ( Markus 15:33), und jetzt, aus dieser Finsternis heraus, schreit er. Nicht flüstert – schreit, mit lauter Stimme Strong's. Das ist kein leises, frommes Sterben. Das ist ein Aufschrei.
Und dann die Worte selbst: „Eloi, Eloi, lama sabachthani" – Aramäisch, die Alltagssprache, die Jesus wirklich gesprochen hat. Markus lässt sie stehen, unübersetzt zuerst, so wie sie aus Jesu Mund kamen, und übersetzt sie dann für seine griechischsprachigen Leser Strong's. Das ist wichtig: Markus will, dass du den echten, rohen Klang hörst, bevor er dir erklärt, was es heißt.
Was leicht zu übersehen ist: Das sind keine Jesu eigenen, spontanen Worte der Verzweiflung – es ist ein Zitat. Der erste Vers von Psalm 22, einem Psalm Davids. Ein frommer Jude, der diesen Psalm kannte (und das taten sie fast alle), hätte sofort den ganzen Psalm im Kopf gehabt – nicht nur die Klage am Anfang, sondern auch den Umschwung am Ende, wo aus Todesangst plötzlich Lobpreis und Sieg wird. Jesus betet am Kreuz mit den Worten der Schrift, sogar in seinem tiefsten Moment.
Wo Christen sich uneinig sind: War das ein echter, innerer Bruch zwischen Vater und Sohn – hat Gott sich wirklich von Gott getrennt? Oder war es „nur" das Erleben der Verlassenheit, ohne dass die Dreieinigkeit selbst zerriss? Das ist keine Randfrage – daran hängt, was am Kreuz theologisch eigentlich passiert. Diese Stelle steht im Herzstück des Markusevangeliums: dem langsamen, schonungslosen Bericht von Jesu Leiden, der zeigt, wie ernst „Menschensohn, der sein Leben gibt als Lösegeld für viele" ( Markus 10:45) tatsächlich gemeint war Tyndale.
Historischer Hintergrund
Markus schrieb sein Evangelium vermutlich in den 60er Jahren nach Christus, wahrscheinlich in Rom, für eine Gemeinde, die selbst schon unter Verfolgung litt – manche vermuten, kurz vor oder während der Christenverfolgung unter Kaiser Nero. Seine Leser waren keine jüdischen Bibelgelehrten, sondern größtenteils Heidenchristen, die Aramäisch nicht verstanden – deshalb übersetzt er sofort, was Jesus gerufen hat.
Die Szene selbst spielt etwa im Jahr 30 oder 33 n. Chr., am Karfreitag, vor den Toren Jerusalems. Kreuzigung war eine römische Strafe, ausdrücklich dafür gedacht, öffentlich zu demütigen und abzuschrecken – man starb nackt, sichtbar für alle Vorbeigehenden, oft tagelang. Die Zeitangabe „neunte Stunde" folgt der jüdischen Tageszählung, bei der der Tag mit Sonnenaufgang beginnt: die dritte Stunde ist etwa neun Uhr morgens (als Jesus gekreuzigt wurde, Markus 15:25), die sechste Stunde Mittag, die neunte Stunde also etwa drei Uhr nachmittags.
Um diese Zeit, zur neunten Stunde, wurde im Tempel in Jerusalem – nur wenige hundert Meter entfernt – gerade das tägliche Abendopfer dargebracht, ein Lamm, geschlachtet für die Sünden des Volkes. Während dort das Blut eines Tieres floss, hing draußen vor der Stadt der, den Johannes der Täufer „das Lamm Gottes" genannt hatte. Die drei Stunden Finsternis davor ( Markus 15:33) waren für jeden, der die Schrift kannte, ein Alarmsignal: In den Propheten ist Dunkelheit am hellen Tag ein Zeichen des Gerichts Gottes (etwa Amos 8:9). Die Zuschauer verstehen den Schrei zunächst falsch – manche meinen, er rufe nach Elija ( Markus 15:35-36), weil „Eloi" ähnlich klingt wie der Name des Propheten.
Ursprache
Das Herzstück ist das aramäische ἐλοΐ (eloḯ), G1682 – „mein Gott" Strong's. Es stammt aus dem Chaldäischen (also aramäischen) Wort für „Gott" mit einem angehängten Possessivsuffix – nicht „Gott" allgemein, sondern mein Gott, ganz persönlich. Das ist entscheidend: Selbst im Moment der Verlassenheit spricht Jesus Gott nicht als fremde Macht an, sondern als seinen eigenen.
Dann λαμά (lamá), G2982 – „warum" Strong's, und σαβαχθάνι (sabachtháni), G4518, was Markus wörtlich mit „du hast mich verlassen" wiedergibt Strong's. Die Strong's-Notiz beschreibt es treffend als „ein Schrei der Not" – kein theologischer Fachbegriff, sondern der Laut, den ein Mensch ausstößt, der wirklich, körperlich, verzweifelt allein gelassen wurde.
Beachte das Verb, mit dem Markus den Ausruf einführt: βοάω (boáō), G994 – „hallohen", „schreien um Hilfe", ein „tumultuartiger Ruf" Strong's. Kein ruhiges Beten. Und dazu φωνή μεγάλη – „große/laute Stimme" Strong's, dieselbe Formulierung, die Markus wenige Verse später ( Markus 15:37) noch einmal verwendet, als Jesus stirbt. Zwei laute Schreie umrahmen seinen Tod.
Schließlich μεθερμηνεύω (methermēneúō), G3177 – „übersetzen, hinüber-deuten" Strong's. Markus tut selbst genau das, was der Leser tun soll: das fremde, unverständliche Wort in etwas übersetzen, das man begreifen kann. Aber manche Dinge – wie diese Verlassenheit – bleiben letztlich unübersetzbar in ihrer vollen Tiefe.
Wie es auf Christus hinweist
Das ist keine beiläufige Anspielung – Jesus betet wörtlich Psalm 22:1. Und wenn du diesen ganzen Psalm liest (nicht nur den ersten Vers), siehst du, wie erschreckend genau er auf das Kreuz passt: Verspottung durch Umstehende, die den Kopf schütteln ( Psalm 22:8, vgl. Markus 15:29), durchbohrte Hände und Füße, das Los-Werfen um die Kleider ( Psalm 22:19, vgl. Markus 15:24). David schrieb diesen Psalm tausend Jahre vorher aus eigener Not heraus – und doch trifft er auf Jesus wie ein Schlüssel ins Schloss.
Aber der Kern ist nicht nur das Zitat – es ist die Sache selbst: der Sohn, der ewig eins mit dem Vater war, erlebt jetzt echte Trennung, echte Gottverlassenheit. Paulus deutet später, was hier geschieht: „Er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht" ( 2. Korinther 5:21) und „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns wurde" ( Galater 3:13) Tyndale. Das ist das Lösegeld, von dem Jesus selbst in Markus 10:45 sprach – jetzt wird es bezahlt, und der Preis ist diese Verlassenheit.
Der Hebräerbrief beschreibt dasselbe Geschehen von der anderen Seite: „Er hat mit lautem Schreien und Tränen gebetet und ist erhört worden" ( Hebräer 5:7). Erhört – nicht indem er vom Tod verschont blieb, sondern indem der Vater ihn durch den Tod hindurch zur Auferstehung führte.
Und der Bogen schließt sich mit Lukas 23:46: derselbe Jesus, der hier schreit „Warum hast du mich verlassen?", ruft kurz darauf ruhig: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist." Von der Finsternis der Trennung zurück ins Vertrauen des Sohnes. Das ist der ganze Weg des Evangeliums in zwei Sätzen.
Für dein Leben
Es gibt Momente, in denen du betest und der Himmel schweigt. Momente, in denen du das Gefühl hast, Gott hat den Hörer aufgelegt. Vielleicht bist du gerade genau da. Diese Stelle sagt dir nicht: „Beruhige dich, es fühlt sich nur so an." Sie sagt dir etwas Radikaleres: Jesus selbst, der Sohn Gottes, hat diese Verlassenheit real erlebt – nicht als Schauspiel, sondern als Wahrheit.
Und das kostet dich etwas: Es bedeutet, dass du deine dunkelsten, unfrömmsten Momente vor Gott nicht verstecken musst. Du darfst schreien. David hat es getan, Jesus hat es getan. Ein Glaube, der so tut, als hätte man immer alles im Griff, ist kein tieferer Glaube – er ist nur ein unehrlicherer.
Aber es kostet dich noch mehr: Es bedeutet zuzugeben, dass diese Trennung – die Jesus erlebt hat – eigentlich deine war. Der Grund, warum du nie ganz von Gott verlassen sein musst, ist, dass er einmal ganz verlassen war, an deiner Stelle. Das ist unbequem, weil es dich daran erinnert, wie schwer deine Sünde wirklich wiegt – schwer genug, dass Gott selbst den Preis bezahlen musste.
Wo bist du gerade? Vielleicht in der Dunkelheit, im Schweigen, in einer Zeit, in der Gott sich fern anfühlt. Dann geh nicht an dieser Stelle vorbei, sondern setz dich mit deinem Schrei genau hierhin – neben den Mann am Kreuz, der genau das schon durchgemacht hat, damit du nicht allein bist, selbst wenn es sich so anfühlt.
Gebetsanliegen
- Herr, ich bekenne, dass ich manchmal so tue, als müsste ich meine Zweifel und mein Gefühl der Verlassenheit vor dir verstecken. Lehre mich, wie Jesus, ehrlich zu schreien.
- Danke, dass du in Jesus die Trennung selbst getragen hast, damit ich sie nicht ewig tragen muss.
- Wenn ich gerade in einer dunklen Zeit bin, in der ich dich nicht spüre – hilf mir, an deiner Treue festzuhalten, auch wenn meine Gefühle mir etwas anderes sagen.
- Öffne mir die Augen für die ganze Geschichte von Psalm 22 – dass auf die Klage am Anfang der Sieg am Ende folgt.
- Gib mir den Mut, das Gewicht meiner Sünde ernst zu nehmen, weil ich sehe, was es Jesus gekostet hat.
Zum Nachdenken
- Wann hast du zuletzt das Gefühl gehabt, Gott sei fern – und was hast du in diesem Moment getan: gebetet, geschwiegen, oder dich abgewandt?
- Fällt es dir leichter, Gott deine Freude oder deine Verzweiflung zu zeigen? Warum?
- Wenn Jesus wirklich diese Trennung für dich getragen hat – verändert das, wie du über deine eigene Schuld denkst?
- Liest du die Bibel manchmal nur bis zum bequemen Teil, so wie man Psalm 22 leicht nach Vers 1 abbrechen könnte? Was würde es bedeuten, den ganzen Psalm zu lesen?
- Was würde es kosten, ehrlicher mit Gott zu sein über die Momente, in denen du ihn nicht spürst?