Matthäus 8:17
Eine verständliche Vertiefung zu diesem Vers. Kapitel lesen →
auf daß erfüllt würde, was durch Jesaja gesagt ist, den Propheten, welcher spricht: »Er hat unsere Gebrechen weggenommen und die Krankheiten getragen.«
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir an, was hier passiert: Matthäus hat gerade beschrieben, wie Jesus abends Kranke heilt und Dämonen austreibt – ein ganzer Zug von Leidenden, der zu seiner Tür kommt ( Matthäus 8:16). Und dann, mitten in diesem Bericht über schmutzige, körperliche, alltägliche Not, hält Matthäus inne und sagt: Das hier ist die Erfüllung eines Prophetenwortes. Er zitiert Jesaja 53:4 – jenen Text über den leidenden Gottesknecht, den man normalerweise mit dem Kreuz verbindet – und wendet ihn auf Jesu Heilungswunder an, nicht auf seinen Tod.
Das ist der Punkt, den man leicht überliest: Matthäus sagt nicht „Jesus starb für unsere Sünden, wie Jesaja vorhergesagt hat" – das kommt später, bei Petrus ( 1. Petrus 2:24). Er sagt: „Jesus nahm die Krankheiten weg, wie Jesaja vorhergesagt hat." Für Matthäus reicht der eine Vers aus Jesaja, um sowohl die körperliche Heilung als auch – später – das stellvertretende Leiden am Kreuz zu erklären. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Ausweitung: Jesaja 53 beschreibt einen Knecht, der die ganze Last des kaputten Menschseins trägt – Krankheit, Sünde, Schmerz, Tod – und Matthäus zeigt, dass Jesus diese Last schon in seinem irdischen Dienst zu tragen beginnt, lange bevor er ans Kreuz geht Tyndale.
Das Wort „weggenommen" (er nahm weg, nicht nur „heilte") ist wichtig. Jesus steht nicht daneben und repariert Krankheit von außen wie ein Arzt. Er nimmt sie auf sich, trägt sie fort. Wo Matthäus theologisch hinwill: Dieser Vers ist einer von mehreren „Erfüllungszitaten" im Buch (vgl. Matthäus 1:22, 2:15, 2:23) – Matthäus baut systematisch den Beweis auf, dass Jesus der versprochene König Israels ist, dessen Leben Punkt für Punkt die Schrift wahr macht.
Wo Christen uneins sind: Manche lesen Jesaja 53:4/ Matthäus 8:17 als Versprechen, dass körperliche Heilung im Sühnewerk des Kreuzes automatisch enthalten ist (Grundlage mancher Heilungsbewegungen). Andere sagen: Die volle, endgültige Heilung – die Auferstehung des Leibes – ist im Kreuz garantiert, aber nicht jede Heilung jetzt, in diesem Leben.
Historischer Hintergrund
Matthäus schreibt sein Evangelium vermutlich zwischen 60 und 85 n. Chr., wahrscheinlich für eine judenchristliche Gemeinde – Menschen, die in der jüdischen Schrift zu Hause waren und wissen wollten, ob dieser Jesus wirklich der versprochene Messias ist. Deshalb zitiert Matthäus ständig das Alte Testament, öfter als jeder andere Evangelist. Er schreibt wie ein Anwalt, der Beweisstück um Beweisstück vorlegt.
Der Kontext dieses konkreten Verses: Kapitel 8 beginnt mit einer Serie von Wunderberichten – ein Aussätziger wird rein, ein römischer Hauptmann bittet um Heilung seines Dieners, dann Petrus' Schwiegermutter mit Fieber, und schließlich, am Abend, bringt man Jesus „viele Besessene" und Kranke Matthew Henry. In der Kultur der Zeit war Krankheit kein rein medizinisches Thema – sie war sozial und religiös aufgeladen. Ein Aussätziger war ausgestoßen aus der Gemeinschaft, ein Besessener galt als von Dämonen beherrscht, körperliches Leiden wurde oft mit Sünde oder göttlicher Strafe in Verbindung gebracht. Wenn Jesus diese Menschen anfasst und heilt, tut er also mehr als Medizin: Er holt Ausgestoßene zurück in die Gemeinschaft.
Jesaja, aus dem Matthäus zitiert, schrieb sein Buch (zumindest die Kapitel um Jesaja 53) im 8. Jahrhundert vor Christus oder – nach Ansicht vieler kritischer Forscher – ein späterer Prophet schrieb Jesaja 40–66 während oder nach dem babylonischen Exil, also im 6. Jahrhundert vor Christus, als Nebukadnezars Heer Jerusalem zerstört und die Überlebenden nach Babylon verschleppt hatte. Das Bild vom leidenden Gottesknecht in Jesaja 53 war für die ersten Leser rätselhaft – wer sollte das sein? Ein Prophet? Israel selbst? Matthäus liest diesen Text im Rückblick und sagt: Das war Jesus, die ganze Zeit.
Ursprache
Das Zitat selbst greift auf Jesaja 53:4 zurück, aber schau dir an, wie Matthäus die griechischen Verben wählt. λαμβάνω (lambánō, G2983) heißt „ergreifen, nehmen, an sich reißen" Strong's – im Unterschied zu bloßem passivem Empfangen bedeutet es aktives Zugreifen, etwas an sich holen. Matthäus schreibt: Er nahm unsere Gebrechen (ἀσθένεια, asthéneia, G769) – ein Wort für „Schwachheit, Kraftlosigkeit", körperlich wie auch übertragen moralisch gemeint Strong's. Das zweite Verb, βαστάζω (bastázō, G941), bedeutet „aufheben, tragen, eine Last schleppen" Strong's – dasselbe Wort, das man benutzen würde, um einen schweren Sack auf dem Rücken zu beschreiben. Zusammen malen diese zwei Verben ein Bild: Jesus greift zu und lädt sich die Last der Krankheiten (νόσος, nósos, G3554 – „ein Gebrechen, ein Leiden") buchstäblich auf die Schultern.
Und dann das kleine Wort, das die ganze Konstruktion trägt: ὅπως (hópōs, G3704), „damit, auf dass" Strong's – zusammen mit πληρόω (plēróō, G4137), das „erfüllen, vollmachen, zum Ziel bringen" bedeutet, wörtlich sogar „ein Netz vollstopfen" oder „eine Vorhersage zur Deckung bringen" Strong's. Matthäus benutzt diese Formel wieder und wieder in seinem Evangelium – hier signalisiert sie: Das, was gerade vor euren Augen passiert ist, ist keine zufällige Anekdote. Es ist der Moment, in dem ein jahrhundertealtes Wort endlich seinen Boden berührt.
Wie es auf Christus hinweist
Hier siehst du Matthäus etwas Kühnes tun: Er nimmt den berühmtesten Vers über das stellvertretende Leiden des Gottesknechts – Jesaja 53:4, den die Kirche seit jeher mit dem Kreuz verbindet – und legt ihn über eine Szene, in der niemand blutet, niemand stirbt. Jesus geht einfach nur durchs Dorf und legt Menschen die Hände auf.
Das ist keine Fehllesung. Es ist eine Erweiterung, die zeigt, wer Jesus wirklich ist: nicht nur der, der am Kreuz die Strafe für Sünde trägt, sondern der, der von Anfang seines Dienstes an die ganze zerbrochene Wirklichkeit des Menschseins auf sich nimmt – Krankheit, Schmerz, Erschöpfung, die tausend kleinen und großen Arten, wie ein Körper und eine Seele in einer gefallenen Welt zerbrechen. Petrus wird später genau denselben Jesaja-Vers zitieren und ihn auf das Kreuz anwenden: „durch seine Wunden seid ihr heil geworden" ( 1. Petrus 2:24). Zusammen zeichnen die beiden Stellen ein volles Bild: Das Kreuz ist der Ort, an dem die Last endgültig und für immer abgeladen wird, aber Jesu ganzes Leben – jedes Wunder, jede Berührung eines Aussätzigen, jede Heilung am Abend – ist schon ein Vorgeschmack darauf, wohin das Kreuz führt.
Wenn du willst, ist das die ganze Bibel in einem Satz: Ein Gott, der nicht zuschaut, sondern hingeht und trägt. Jesaja hat es Jahrhunderte vorher gesehen, ohne den Namen zu kennen. Matthäus steht daneben und sagt: Ich habe ihn gesehen, mit eigenen Augen, wie er es getan hat.
Für dein Leben
Es ist verlockend, diesen Vers als Beweis zu lesen, dass Gott dich immer sofort heilen wird, wenn du nur genug glaubst. Das ist nicht, was hier steht. Was hier steht, ist tiefer und ehrlicher: Gott ist kein distanzierter Beobachter deines Leidens. Er hat es sich selbst auf die Schultern geladen.
Frag dich ehrlich: Wo trägst du gerade eine Last, von der du im Stillen denkst, Gott sei zu weit weg, um sie zu sehen? Eine Diagnose, eine Erschöpfung, die niemand versteht, ein Schmerz, den du keinem zeigst? Dieser Vers sagt dir: Er hat genau diese Art von Last schon einmal auf sich genommen, mit eigenen Händen, in einem echten Dorf, an echten Menschen. Das ist kein frommer Spruch – das ist eine Person, die sich bückt und zugreift.
Aber hier ist der Preis, den der Vers von dir verlangt: Wenn du glaubst, dass Jesus wirklich Krankheit und Schwachheit trägt, musst du aufhören, deine Not heimlich zu tragen, als wäre sie zu klein oder zu peinlich für Gott. Du musst sie ihm tatsächlich hinhalten – nicht nur theoretisch glauben, sondern in einem konkreten Gebet, heute, benennen, was dich kaputtmacht. Das kostet Ehrlichkeit. Und es kostet auch die Bereitschaft, nicht sofort eine Antwort zu bekommen – denn die endgültige Heilung, die Jesaja verspricht, kommt am Ende der Geschichte, nicht immer am Ende dieser Woche. Trag deine Last nicht allein, aber sei auch bereit, sie mit Geduld zu tragen, bis er sie ganz abnimmt.
Gebetsanliegen
- Herr, ich lege dir heute konkret die Last hin, die ich zu lange allein getragen habe – [nenne sie beim Namen].
- Danke, dass du kein Gott bist, der von weitem zusieht, sondern einer, der zugreift und trägt.
- Gib mir Geduld für die Zeit zwischen jetzt und der endgültigen Heilung, die du versprochen hast.
- Hilf mir, anderen, die krank oder erschöpft sind, so nahezukommen, wie du damals den Menschen nahegekommen bist.
- Öffne mir die Augen dafür, wie das Kreuz und deine Wunder zusammengehören – ein Bild von deiner ganzen Liebe.
Zum Nachdenken
- Welche Last trägst du gerade heimlich, weil du denkst, sie sei zu klein oder zu unwichtig, um sie Gott vorzulegen?
- Glaubst du wirklich, dass Jesus deine körperliche und seelische Schwachheit ernst nimmt – oder nur deine „geistlichen" Probleme?
- Wenn Gott dich heute nicht sofort heilt, wie reagierst du – mit Vertrauen oder mit Rückzug?
- Wo in deinem Leben verwechselst du „Gott heilt sofort" mit „Gott trägt mich durch"?
- Wem in deinem Umfeld könntest du diese Woche so nahekommen, wie Jesus den Kranken nahegekommen ist – nicht nur mit Worten, sondern mit Zeit und Anwesenheit?