Matthäus 28:18
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Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir die Szene an: Jesus, gerade auferstanden, tritt auf seine elf Jünger zu – auf einem Berg in Galiläa, wo er sie hinbestellt hat. Und das Erste, was er sagt, ist kein "Hallo" oder "Habt keine Angst mehr". Er sagt: Mir ist alle Gewalt gegeben, im Himmel und auf Erden.
Das griechische Wort für "Gewalt" hier ist nicht Kraft im Sinne von Muskeln, sondern exousia – Vollmacht, Autorität, das Recht zu herrschen Strong's. Und dieses "alle" ist total – nicht "ziemlich viel", sondern alles, ohne Rest, im Himmel und auf der Erde. Zwei Bereiche, die sonst getrennt gedacht werden, gehören jetzt einem einzigen Herrscher.
Leicht zu übersehen: das Wort "gegeben". Jesus sagt nicht "ich habe mir Macht genommen" oder "ich bin schon immer allmächtig gewesen" (was als Gott natürlich stimmt), sondern "mir ist gegeben". Das ist eine Übertragung, ein Akt des Vaters an den Sohn – und zwar an den Sohn als den, der gerade den Tod besiegt und das Grab leer gelassen hat. Hier ist der Punkt, den viele Ausleger betonen: Es geht nicht um die ewige Gottheit Jesu an sich, sondern um seine Autorität als der auferstandene Mittler, der König, der jetzt öffentlich eingesetzt wird, um sein Reich zu regieren John Gill Tyndale.
Diese Aussage ist das Scharnier des ganzen Matthäusevangeliums. Das Buch beginnt mit "Immanuel – Gott mit uns" ( Matthäus 1,23) und endet mit "ich bin bei euch alle Tage" ( Matthäus 28,20) – aber dazwischen liegt dieser eine Satz, der erklärt, warum er bei ihnen bleiben und sie in alle Welt senden kann: weil ihm alles gegeben ist.
Wo Christen unterschiedlich lesen: Manche betonen stärker die ewige Gottessohnschaft (die Macht war "immer" da, jetzt wird sie nur sichtbar), andere die tatsächliche Verleihung an den Menschgewordenen als Belohnung für seinen Gehorsam bis zum Tod (vgl. Philipper 2,8-9). Beides lässt sich im Text finden – die Spannung ist gewollt, nicht ein Fehler.
Historischer Hintergrund
Matthäus schreibt sein Evangelium wahrscheinlich zwischen 60 und 85 n. Chr., an eine Leserschaft, die stark jüdisch geprägt ist – Menschen, die die hebräischen Schriften kennen und die Frage im Kopf haben: Ist dieser Jesus wirklich der versprochene König aus der Linie Davids? Das ganze Buch ist darauf gebaut, diese Frage zu beantworten.
Die Szene selbst spielt sich unmittelbar nach der Auferstehung ab, wahrscheinlich um 30 n. Chr., auf einem Berg in Galiläa – der Region im Norden, wo Jesus die meiste Zeit seines öffentlichen Wirkens verbracht hat, fernab vom religiösen Machtzentrum Jerusalem. Das ist kein Zufall: Berge sind in Matthäus immer wieder Orte der Offenbarung (die Bergpredigt, die Verklärung), Orte, wo Himmel und Erde sich berühren.
Politisch lebt diese kleine Gruppe von elf verängstigten Männern unter der Besatzung Roms. Der Kaiser in Rom, damals Tiberius, hält sich für den mächtigsten Menschen der Welt, mit dem Anspruch, "Herr" und fast göttlich verehrt zu werden. Und ausgerechnet in diesem Moment, wo Rom seine Legionen über den halben Erdkreis verteilt hat, steht ein hingerichteter jüdischer Handwerker auf einem galiläischen Hügel und beansprucht: alle Macht im Himmel und auf Erden – nicht nur über ein Territorium, sondern über beide Reiche der Wirklichkeit.
Für die Jünger, von denen einige noch zweifelten ( Matthäus 28,17 sagt das ganz offen), muss das eine gewaltige Umkehrung gewesen sein. Sie hatten ihren Rabbi gekreuzigt gesehen – die römischste aller Hinrichtungsarten, gedacht, um Schande und Machtlosigkeit vorzuführen. Und jetzt steht er vor ihnen und redet nicht von Niederlage, sondern von universaler Herrschaft. Dieser Satz ist die Grundlage für das, was direkt danach kommt: der Missionsbefehl, alle Völker zu Jüngern zu machen ( Matthäus 28,19-20). Ohne Vers 18 wäre Vers 19 Größenwahn. Mit ihm ist es einfach Gehorsam gegenüber dem, dem alles gehört.
Ursprache
Das Kernwort ist ἐξουσία (exousía, G1849) – oft mit "Macht" übersetzt, aber genauer ist "Vollmacht" oder "Autorität, die man ausüben darf" Strong's. Es geht nicht bloß um rohe Kraft (dafür gäbe es andere griechische Wörter), sondern um das Recht, zu herrschen und zu befehlen. Ein römischer Statthalter hatte exousia über seine Provinz – er musste nicht jeden Tag gegen Widerstand kämpfen, sein Wort war einfach Recht. Genau das beansprucht Jesus hier, nur eben über den ganzen Kosmos.
Dazu πᾶσα von pâs (G3956) – "alle", "jede", ohne Ausnahme Strong's. Kein Zipfel des Himmels oder der Erde bleibt außen vor.
Und δίδωμι (dídōmi, G1325), hier im Passiv "ist gegeben" – ein sogenanntes "göttliches Passiv": Wer gibt, wird nicht genannt, weil jeder jüdische Zuhörer sofort wusste, wer gemeint ist – Gott der Vater Strong's. Das echot Daniel 7,14, wo dem "Menschensohn" ewige Herrschaft über alle Völker gegeben wird. Matthäus, der ständig auf das Alte Testament anspielt, will, dass du diese Verbindung hörst.
Schließlich προσέρχομαι (prosérchomai, G4334) – "herzutreten, sich nähern" Strong's. Es ist derselbe Bewegungsablauf wie bei jemandem, der sich einem König oder Gott naht (das Wort trägt auch die Bedeutung "anbeten, sich nähern um zu verehren"). Der Auferstandene tritt nicht wie ein Geist auf Abstand, sondern kommt nah heran zu seinen verängstigten Freunden, um zu ihnen zu reden.
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Vers ist Christus, sichtbar gemacht als der, auf den die ganze hebräische Bibel hinauslief. Denk an Daniel 7,13-14: Ein Menschensohn kommt mit den Wolken des Himmels vor den Hochbetagten, und ihm wird Herrschaft, Ehre und Reich gegeben, damit alle Völker, Nationen und Sprachen ihm dienen – eine Herrschaft, die ewig ist und nie vergeht. Das ist kein zufälliger Nachhall. Matthäus schreibt seinen Vers fast wie ein Echo davon, und Jesus selbst hat sich am liebsten "Menschensohn" genannt.
Der Weg dorthin führte über das Kreuz. Paulus fasst genau diese Bewegung zusammen in Philipper 2,8-9: Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod – darum hat ihn Gott auch erhöht. Matthäus 28,18 ist der Moment, in dem diese Erhöhung öffentlich ausgesprochen wird. Der Gekreuzigte ist der Gekrönte.
Und diese Autorität ist nicht abstrakt – sie ist funktional. Johannes 5,27 sagt, der Vater hat ihm Vollmacht gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. Epheser 1,20-22 malt dasselbe Bild aus: Gott hat ihn zu seiner Rechten gesetzt, über alle Fürstentümer und Gewalten, und alles unter seine Füße getan. Hebräer 2,8 gibt allerdings ehrlich zu, dass wir "noch nicht" sehen, dass ihm alles unterworfen ist – die Herrschaft ist real, aber noch nicht vollständig sichtbar vollzogen. Das ist die Spannung, in der du lebst: der König regiert schon, aber die Welt sieht es noch nicht ganz.
Am Ende, in 1. Korinther 15,24-28, wird Jesus diese ganze übertragene Herrschaft wieder dem Vater übergeben – "auf dass Gott sei alles in allem". Matthäus 28,18 ist also nicht das Ende der Geschichte, sondern die Krönungsurkunde, mit der Jesus in die letzte, entscheidende Phase seiner Herrschaft eintritt – eine Herrschaft, die genau in dem Missionsauftrag, der direkt danach folgt, ausgeübt wird.
Für dein Leben
Hier ist die unbequeme Frage, die dieser Vers dir stellt: Wenn Jesus wirklich alle Macht im Himmel und auf Erden hat – nicht nur in der Kirche, nicht nur in deinem "geistlichen Leben", sondern über deinen Chef, deine Diagnose, deine Kontoauszüge, die Nachrichten, die dich heute Morgen beunruhigt haben – lebst du dann so, als ob das stimmt?
Die meisten von uns glauben theoretisch an einen allmächtigen Christus und leben praktisch, als wäre die Welt ein Machtvakuum, das wir selbst füllen müssen. Wir planen unsere Sicherheit, unsere Zukunft, unseren Ruf, als hinge alles von unserer eigenen Kontrolle ab. Aber der auferstandene Jesus tritt genau in diesem Moment zu seinen verängstigten Jüngern und sagt nicht "Macht euch keine Sorgen, es wird schon irgendwie gehen" – er sagt: "Mir ist alle Gewalt gegeben." Die Grundlage für Frieden ist nicht positives Denken, sondern eine Tatsache über wer regiert.
Das kostet dich etwas Konkretes: Es bedeutet, dass du aufhörst, so zu tun, als wärst du der letzte Verteidiger deines eigenen Lebens. Es bedeutet, Bereiche loszulassen, die du fest umklammert hältst – deine Kinder, deine Karriere, deine Angst vor dem, was morgen kommt – und sie tatsächlich unter die Herrschaft dessen zu legen, dem alles gegeben ist. Nicht als frommes Ritual, sondern als echter Vertrauensakt.
Und es bedeutet auch: Wenn er alle Macht hat, dann ist sein nächster Satz – geh, mach Jünger, tauf sie, lehr sie – kein optionaler Zusatz, sondern der logische nächste Schritt für jeden, der diesen König wirklich anerkennt. Du kannst nicht Matthäus 28,18 bejubeln und Matthäus 28,19 ignorieren.
Gebetsanliegen
- Herr Jesus, ich bekenne, dass ich oft lebe, als läge alle Macht bei mir selbst oder bei den Umständen – vergib mir dieses kleine, ängstliche Denken.
- Danke, dass dir wirklich alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist – hilf mir, das heute konkret zu glauben, in der Sache, die mir gerade am meisten Angst macht.
- Zeig mir den Bereich meines Lebens, den ich fest umklammert halte, weil ich dir nicht wirklich zutraue, dass du dort regierst.
- Gib mir den Mut, aus diesem Vertrauen heraus zu handeln – im Reden über dich, im Dienen, im Loslassen von Kontrolle.
- Lass mich in Zeiten der Ohnmacht daran festhalten, dass der gekreuzigte König jetzt der gekrönte König ist.
Zum Nachdenken
- Wo in meinem Leben handle ich, als hätte ich die letzte Kontrolle, statt dem König zu vertrauen, dem alle Macht gegeben ist?
- Wenn ich wirklich glaubte, dass Jesus über den Bereich Herrschaft hat, der mir am meisten Angst macht, was würde sich morgen konkret ändern?
- Bejuble ich seine Autorität nur, solange sie mich beschützt – oder unterwerfe ich mich ihr auch, wenn sie mir etwas kostet?
- Wo zweifle ich innerlich noch, wie die Jünger auf dem Berg ( Matthäus 28,17), auch wenn ich äußerlich glaube?
- Nehme ich den Missionsauftrag ernst, der direkt aus dieser Vollmacht folgt – oder halte ich ihn für optional?