Matthäus 27:46
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Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lama sabachthani! das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau genau hin, was hier passiert: Es ist die neunte Stunde – nach jüdischer Zeitrechnung also drei Uhr nachmittags Strong's. Seit der sechsten Stunde, seit Mittag, lag eine Finsternis über dem Land. Und aus dieser Dunkelheit heraus schreit Jesus – nicht flüstert, nicht betet leise, sondern schreit „mit lauter Stimme". Das griechische Wort dafür, ἀναβοάω, meint ein lautes Aufschreien, fast ein Halloh, ein Ruf, der aus der Tiefe kommt Strong's. Das ist kein stilles Sterben. Das ist ein Aufschrei.
Und dann diese Worte: „Eli, Eli, lama sabachthani." Matthäus lässt sie im Aramäischen (bzw. einer Mischform mit Hebräisch) stehen und übersetzt sie sofort für seine Leser: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Das ist wörtlich der erste Vers von Psalm 22 – Jesus betet nicht spontan seine eigenen Worte, er zitiert die Heilige Schrift, ein Gebet, das jeder fromme Jude auswendig kannte.
Was leicht zu übersehen ist: Dieses Zitat ist kein Zeichen des Glaubensverlusts, sondern eines der schärfsten Gebete der Bibel überhaupt – ein Klagepsalm, der mit tiefstem Vertrauen endet ( Psalm 22 schließt triumphal). Trotzdem: Matthäus zitiert nur den Anfang, den Schrei der Verlassenheit, nicht das Ende. Das ist bewusst. Hier, an diesem Punkt der Erzählung, ist die Dunkelheit real, nicht nur literarisch.
Christen streiten sich seit jeher, was dieser Schrei bedeutet: Erlebt Jesus tatsächlich eine Trennung von Gott dem Vater – eine Art Bruch in der Dreieinigkeit? Oder betet er als Mensch, der sich mit dem leidenden Volk Israel identifiziert, und zitiert den Psalm gerade wegen seines Ausgangs im Vertrauen? Die meisten reformatorischen Theologen sagen: Hier trägt Jesus tatsächlich den Zorn Gottes gegen die Sünde – real, nicht nur gefühlt Tyndale. Andere, besonders in der östlichen Tradition, betonen mehr die Identifikation mit dem leidenden Beter, ohne die innertrinitarische Einheit zu zerreißen. Dieser Vers steht am dunkelsten Punkt des ganzen Matthäusevangeliums – kurz bevor Jesus stirbt und der Vorhang im Tempel zerreißt.
Historischer Hintergrund
Matthäus schreibt sein Evangelium vermutlich zwischen 60 und 85 n. Chr., wahrscheinlich für eine jüdisch-christliche Gemeinde, die genau wissen wollte: Ist dieser gekreuzigte Jesus wirklich der versprochene Messias? Das ist keine Nebensache – für einen Juden war ein gekreuzigter Messias ein Skandal, fast ein Widerspruch in sich, denn das Gesetz sagte, wer am Holz hängt, sei von Gott verflucht ( 5. Mose 21,23).
Die Szene selbst spielt sich um das Jahr 30 oder 33 n. Chr. in Jerusalem ab, am Vorabend des jüdischen Passahfestes. Golgatha lag vermutlich direkt vor den Stadtmauern, an einer belebten Straße – Passanten liefen vorbei, sahen die Gekreuzigten und konnten sie verhöhnen (das erklärt, warum Menschen dabeistehen und mithören können). Die Kreuzigung war die grausamste Hinrichtungsart der Römer, reserviert für Sklaven, Rebellen und Aufrührer gegen das Reich – eine öffentliche, langsame, entwürdigende Demonstration römischer Macht.
Wichtig: Die Umstehenden hören „Eli" und meinen, Jesus rufe nach dem Propheten Elia ( Matthäus 27,47). Das ist entweder ein ehrliches Missverständnis wegen der Klangähnlichkeit, oder – wahrscheinlicher bei den Jerusalemer Juden, die genau zuhörten – ein bewusster, bösartiger Spott John Gill. Elia galt als der Prophet, der am Ende der Zeiten zurückkehren und den Gerechten helfen würde. Wenn wirklich Elia käme und nichts täte, wäre das die endgültige Bloßstellung: Sogar der Himmel schweigt.
Für die ersten Leser des Matthäus war entscheidend, dass Jesus hier Psalm 22 betet – einen Psalm, den jeder fromme Jude kannte, der mit Leiden beginnt und mit dem Sieg Gottes über die ganze Welt endet. Wer den Anfang zitierte, rief den ganzen Psalm ins Bewusstsein, so wie du heute mit einer Textzeile ein ganzes Lied aufrufst.
Ursprache
Der Schrei selbst steht nicht auf Griechisch, sondern in der Sprache, die Jesus tatsächlich sprach – Aramäisch, vermischt mit hebräischen Klängen. Ἠλί (ēlí), G2241, heißt schlicht „mein Gott" – von der hebräischen Wurzel für „Gott" mit angehängtem Possessivpronomen Strong's. Λαμά (lamá), G2982, bedeutet „warum" Strong's. Und σαβαχθάνι (sabachtháni), G4518, kommt aus dem Aramäischen und heißt „du hast mich verlassen" – das Wort trägt buchstäblich die Bedeutung eines Schmerzensschreis, eines Notschreis in sich Strong's.
Matthäus gibt sich extra Mühe, das zu übersetzen: τουτέστι (toutésti), G5123, „das heißt" – eine Formel, die er nur benutzt, wenn er sicherstellen will, dass seine Leser die volle Wucht der Worte verstehen Strong's. Das ist kein beiläufiges Zitat – Matthäus will, dass du genau diesen Satz auf Deutsch (oder Griechisch) hörst.
Beachte auch das Verb für „rufen": ἀναβοάω (anaboáō), G310, ein zusammengesetztes Wort, das ein lautes, aufsteigendes Schreien beschreibt – wörtlich fast „hinaufschreien" Strong's. Kombiniert mit φωνῇ μεγάλῃ – „mit lauter/großer Stimme" (G5456, G3173) – malt der Text bewusst kein leises, resigniertes Sterben, sondern einen körperlichen, hörbaren Aufschrei, der jeden Umstehenden aufschrecken ließ Strong's. Die Sprache selbst trägt die Rohheit des Moments – kein geglättetes liturgisches Gebet, sondern ein Schrei aus dem Abgrund.
Wie es auf Christus hinweist
Das ist kein beiläufiger Nebensatz in der Passionsgeschichte – das ist einer der theologisch schwersten Momente im ganzen Neuen Testament. Wenn du willst, wo sich Gottes ganze Geschichte mit dem Leiden der Menschen zuspitzt, dann hier.
Jesus zitiert Psalm 22,1 – und in dem Moment, wo er das tut, identifiziert er sich vollständig mit jedem Menschen, der je geschrien hat: „Gott, wo bist du?" Klagelieder 1,12 fragt: „Ist ein Schmerz wie mein Schmerz?" – und die Antwort, die das Kreuz gibt, lautet: Ja, jetzt gibt es einen. Jesaja 53,10 hatte längst vorausgesagt, dass es Gott selbst gefallen würde, seinen Diener zu zerschlagen – nicht weil Gott grausam ist, sondern weil dort, am Kreuz, die Schuld der ganzen Welt landet. Der Hebräerbrief (5,7) beschreibt genau diesen Moment: mit starkem Geschrei und Tränen betete Jesus zu dem, der ihn retten konnte – und wurde erhört, aber anders, als du erwarten würdest: nicht durch Rettung vor dem Tod, sondern durch die Auferstehung danach.
Hier ist das Erschütternde: Wenn Jesus wirklich Gott ist – und das Matthäusevangelium besteht darauf, das ist er –, dann trägt hier Gott selbst die Erfahrung, von Gott verlassen zu sein. Das ist kein Trick, keine Show. Am Kreuz nimmt Jesus den Platz ein, den eigentlich du und ich verdient hätten: getrennt von Gott, wegen der Sünde. Und drei Stunden später, in Lukas 23,46, wird derselbe Mund einen ganz anderen Satz rufen: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist." Von der Verlassenheit zur Übergabe. Vom Schrei zum Vertrauen. Das ist der Bogen des Kreuzes – und der Grund, warum du, wenn du selbst schreist „Gott, wo bist du?", nie allein bist. Er war schon dort.
Für dein Leben
Es gibt Momente, in denen du beten willst und nichts kommt außer der Frage: Wo bist du? Vielleicht am Krankenbett. Vielleicht in der Nacht, in der die Diagnose kam. Vielleicht einfach in den Jahren, in denen der Himmel sich anfühlt wie zugeschlagen.
Dieser Vers sagt dir etwas Radikales: Diese Frage ist kein Zeichen von Unglauben. Jesus selbst hat sie geschrien – laut, öffentlich, in den Worten der Heiligen Schrift. Du musst deine Zweifel nicht verstecken, bevor du zu Gott kommst. Du darfst mit der Klage kommen, mit dem ehrlichen „warum", und trotzdem beten.
Aber hier ist der Preis, den dieser Vers von dir verlangt: Du musst aufhören, so zu tun, als sei der Glaube ein Gefühl von ständiger Nähe zu Gott. Er ist es nicht immer. Manchmal ist Glaube genau das: weiter „mein Gott" zu sagen, auch wenn du ihn gerade nicht spürst. Jesus sagt nicht „Gott, du bist weg" – er sagt „mein Gott, mein Gott". Er hält fest an der Beziehung, mitten in der erlebten Trennung. Das ist bitterer und ehrlicher als jede fromme Formel, aber es ist auch stärker.
Und dann die stille, harte Wahrheit: Wenn Jesus diese Verlassenheit trug, dann nicht für sich selbst, sondern für dich. Damit du – wenn dein eigener dunkler Moment kommt – nie wirklich verlassen bist, auch wenn es sich genau so anfühlt. Die Frage an dich heute: Traust du dich, deine eigene Verlassenheitserfahrung ehrlich vor Gott zu bringen – nicht poliert, nicht theologisch abgerundet, sondern roh wie dieser Schrei am Kreuz?
Gebetsanliegen
- Herr, ich bringe dir meine eigenen Momente der Gottverlassenheit – die Nächte, in denen ich dich nicht gespürt habe. Ich will sie nicht verstecken.
- Danke, dass Jesus selbst diesen Schrei geschrien hat, damit ich nie wirklich allein bin, auch wenn es sich so anfühlt.
- Gib mir den Mut, mit ehrlicher Klage zu dir zu kommen, statt fromme Worte zu benutzen, die meinen wahren Zustand verdecken.
- Hilf mir zu glauben, dass du auch dann noch „mein Gott" bist, wenn ich dich nicht fühlen kann.
- Lass mich nie vergessen, was es Jesus gekostet hat, dass ich mit Gott versöhnt bin.
Zum Nachdenken
- Wann hast du das letzte Mal ehrlich zu Gott geschrien „Warum hast du mich verlassen?" – und was hast du danach getan: gebetet weiter, oder aufgehört?
- Verwechselst du manchmal das Gefühl der Nähe zu Gott mit dem eigentlichen Glauben? Was, wenn beides nicht dasselbe ist?
- Kannst du aushalten, dass Jesus hier keine schnelle Erklärung bekommt, kein sofortiges „aber es wird alles gut"? Was macht das mit deinem Bild von Leiden?
- Wenn du an das Kreuz denkst – fühlst du eher Distanz oder tiefe persönliche Betroffenheit, dass diese Trennung für dich geschah?
- Gibt es einen Bereich in deinem Leben, in dem du Gott gerade nicht spürst – und traust du dich, das heute laut auszusprechen, statt es zu verdrängen?