Matthäus 19:26
Eine verständliche Vertiefung zu diesem Vers. Kapitel lesen →
Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist das unmöglich; aber bei Gott ist alles möglich.
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Stell dir die Szene vor: Gerade hat Jesus einem reichen jungen Mann gesagt, er solle alles verkaufen und ihm nachfolgen – und der Mann ist traurig weggegangen. Die Jünger sind geschockt. Sie fragen: "Wer kann dann überhaupt gerettet werden?" Und jetzt kommt unser Vers: Jesus sieht sie an – nicht flüchtig, sondern fixiert, forschend, wie einer, der genau weiß, was in dir vorgeht Strong's – und sagt zwei Sätze, die eigentlich das ganze Evangelium zusammenfassen: "Bei den Menschen ist das unmöglich; aber bei Gott ist alles möglich."
Auf den ersten Blick klingt das wie eine allgemeine Ermutigung: "Gott kann alles." Aber lies den Kontext genau: Es geht hier nicht um Wunder wie Sturmstillen oder Krankenheilung. Es geht um die Frage, ob ein Mensch – egal wie reich, wie fromm, wie moralisch – sich selbst retten kann. Die Antwort ist ein hartes Nein. Kein Mensch schafft es aus eigener Kraft, sein Herz von Geld, Stolz oder Selbstgerechtigkeit zu lösen und ins Reich Gottes zu kommen. Das ist "unmöglich" – ein Wort, das Jesus bewusst so stark wählt (ἀδύνατος, adýnatos, "kraftlos, unfähig") Strong's. Aber genau da, wo Menschen aufgeben müssen, fängt Gott erst an.
Leicht zu übersehen: Jesus sagt nicht "bei Gott ist es leichter", sondern "bei Gott ist alles möglich" – ein Umsonst-Wechsel von menschlicher Anstrengung zu göttlicher Gnade. Das ist der Kern, um den in der Kirchengeschichte viel gerungen wurde: Reformierte und lutherische Theologen lesen hier vor allem die Rettung eines Sünders durch reine Gnade, unabhängig vom menschlichen Verdienst; katholische Ausleger betonen zusätzlich, dass diese Gnade den Menschen tatsächlich verändert und ihn befähigt, mitzuwirken – aber beide sind sich einig: der Anfang liegt allein bei Gott Tyndale. Dieser Vers steht damit an einem Scharnierpunkt im Matthäusevangelium – kurz vor Jesu letztem Weg nach Jerusalem, wo genau das "Unmögliche" geschehen wird: Rettung durch das Kreuz Jamieson-Fausset-Brown.
Historischer Hintergrund
Matthäus schreibt sein Evangelium wahrscheinlich zwischen 60 und 85 n. Chr., vermutlich für eine judenchristliche Gemeinde, die genau wissen wollte: Ist dieser Jesus wirklich der versprochene König Israels? Die Szene selbst spielt später im öffentlichen Wirken Jesu, als er Galiläa endgültig verlässt und Richtung Jerusalem zieht – über das Gebiet jenseits des Jordan, Peräa, das damals unter Herodes Antipas stand Jamieson-Fausset-Brown. Das ist kein Zufall: Jesus bewegt sich bewusst auf das Kreuz zu, und diese Reise ist gepflastert mit Gesprächen darüber, was es kostet, ihm nachzufolgen.
Kurz vor unserem Vers hatte ein wohlhabender junger Mann Jesus gefragt, wie er das ewige Leben bekommt. Reichtum war im ersten Jahrhundert nicht nur Bequemlichkeit – er galt in der jüdischen Kultur oft als sichtbares Zeichen von Gottes Segen. Ein reicher Mann, der das Gesetz hielt, galt als Vorzeigebeispiel für Frömmigkeit. Wenn also selbst so einer nicht "einfach so" gerettet werden kann, dann bricht für die Jünger eine ganze Denkwelt zusammen. Ihre entsetzte Frage "Wer kann dann gerettet werden?" ist deshalb kein rhetorisches Achselzucken, sondern echte Panik: Wenn nicht mal die Reichen und Frommen es schaffen, wer dann?
Jesus antwortet mit einem Bild, das seine Zuhörer sofort verstanden: ein Kamel – das größte bekannte Tier in ihrer Alltagswelt – durch das Nadelöhr, die kleinste bekannte Öffnung. Eine absurde, unmögliche Vorstellung. Genau darauf zielt sein Satz: Menschlich gesehen ist Rettung genauso absurd wie ein Kamel durchs Nadelöhr. Diese Denkfigur – "bei Menschen unmöglich, bei Gott möglich" – war den Jüngern übrigens nicht fremd. Sie kannten sie aus ihren eigenen Schriften: Sara, die im hohen Alter noch einen Sohn bekommt ( 1. Mose 18:14), oder Hiob, der am Ende erkennt, dass Gott keinen Plan unausführbar ist ( Hiob 42:2).
Ursprache
Drei Wörter tragen das ganze Gewicht dieses Satzes. Zuerst ἐμβλέπω (emblépō, G1689) – nicht einfach "ansehen", sondern jemanden fixiert, durchdringend anschauen Strong's. Jesus schaut den Jüngern nicht beiläufig zu, sondern direkt in ihre Angst hinein. Das ist wichtig für die Atmosphäre: Das, was folgt, ist keine trockene Lehre, sondern ein persönlicher, mitfühlender Blick, bevor die Worte kommen.
Dann ἀδύνατος (adýnatos, G102) – zusammengesetzt aus dem verneinenden "a-" und δυνατός (dynatós, G1415, "mächtig, fähig") Strong's. Es bedeutet wörtlich "kraftlos, ohnmächtig, unmöglich". Jesus sagt nicht "schwer" oder "eine Herausforderung" – er sagt: bei Menschen ist hier schlicht keine Kraft vorhanden. Das ist eine steile Aussage über den Zustand des Menschen ohne Gott: nicht bloß schwach, sondern machtlos, dieses eine Ding zu tun.
Und dann kippt der Satz um, mit demselben Wortstamm: πᾶς δυνατός (pâs dynatós, G3956 + G1415) – "alles ist möglich/mächtig" Strong's. Beachte die Spiegelung: dasselbe griechische Wort für "Kraft" (dynatós) taucht zweimal auf – einmal negiert bei Menschen, einmal uneingeschränkt bei Gott. Das ist kein Zufall der Übersetzung, sondern die Pointe des Satzes selbst: Wo menschliche Kraft endet, beginnt Gottes Kraft – nicht als Ergänzung, sondern als völliger Ersatz. Schließlich θεός (theós, G2316), einfach "Gott" – aber die Präposition davor, παρά (pará, G3844), bedeutet "bei, in der Nähe von, im Bereich von" Strong's. Wörtlich: "Im Bereich Gottes ist alles möglich." Es geht nicht um eine abstrakte Allmacht irgendwo im Himmel, sondern um den Raum, in dem Gott selbst wirkt.
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Satz ist kein losgelöstes Prinzip über göttliche Allmacht im Allgemeinen – er steht direkt vor Jesu Weg ans Kreuz. Und genau dort geschieht das eigentliche "Unmögliche": Dass ein heiliger Gott einen Weg findet, schuldige, geldverliebte, selbstgerechte Menschen wie den reichen jungen Mann – wie dich, wie mich – gerecht zu machen, ohne seine eigene Gerechtigkeit zu verraten. Kein Mensch kann sich selbst aus seiner Schuld herauskaufen oder herausleben. Aber Gott, in Christus, tut das Unmögliche: Er wird selbst Mensch, trägt selbst die Strafe, öffnet selbst das Nadelöhr.
Markus erzählt diese Szene fast wortgleich ( Markus 10:27), und Lukas verwendet denselben Gedanken gleich zweimal – einmal bei der Ankündigung von Jesu eigener Geburt an Maria ( Lukas 1:37: "Bei Gott ist kein Ding unmöglich") und einmal in fast derselben Reichtums-Szene ( Lukas 18:27). Das ist kein Zufall: Die Geburt Jesu aus einer Jungfrau und die Rettung eines Sünders sind für die Evangelisten dieselbe Sorte Wunder – Dinge, die Menschen niemals selbst herbeiführen könnten, die aber Gott aus reinem Willen tut.
Am Kreuz und an der Auferstehung wird dieser Vers vollständig wahr. Da, wo der Tod menschlich gesehen das letzte, unumkehrbare Wort hat, spricht Gott ein neues Wort. Paulus wird später genau diese Logik auf die Rettung selbst anwenden: aus Gnade seid ihr gerettet, nicht aus euch selbst, es ist Gottes Geschenk ( Epheser 2:8-9, sinngemäß dieselbe Bewegung). Wenn du also diesen Vers liest, schau nicht nur auf ein allgemeines "Gott kann alles" – schau auf das Kreuz. Dort ist das Unmögliche für dich möglich gemacht worden.
Für dein Leben
Sei ehrlich mit dir: Wo versuchst du gerade, dich selbst zu retten? Vielleicht nicht mit Geld – vielleicht mit Leistung, mit Perfektionismus, mit der Hoffnung, dass du irgendwann "gut genug" wirst, wenn du nur noch ein bisschen mehr an dir arbeitest. Genau diese Haltung hatte der reiche junge Mann. Er war moralisch, fromm, ehrlich – und trotzdem unfähig, loszulassen. Jesus sagt dir dasselbe, was er den Jüngern damals sagte: Aus eigener Kraft schaffst du das nicht. Nicht "schwer" – unmöglich.
Das ist unangenehm zu hören, wenn du gewohnt bist, Probleme selbst zu lösen. Es kostet dich etwas, das zuzugeben: deine Kontrolle, deinen Stolz, die Illusion, dass du dir Gottes Wohlwollen irgendwie verdienen könntest. Aber genau da, wo du aufhörst, dich selbst retten zu wollen, macht Jesus Platz für das, was er wirklich tun will.
Und die zweite Hälfte des Verses ist keine billige Ermutigung nach dem Motto "Gott kann alles, also wird schon alles gut". Es ist eine konkrete Zusage: Der Gott, der Sara im hohen Alter ein Kind schenkte, der Hiob aus dem Nichts wiederherstellte, der ein Kamel durchs Nadelöhr bringt – dieser Gott ist bereit, dein verhärtetes Herz zu verändern. Nicht irgendwann, sondern heute, wenn du bereit bist, ihm die Sache zu überlassen, die du am meisten festhältst. Was ist das bei dir? Nenn es beim Namen, vor Gott, jetzt.
Gebetsanliegen
- Herr, ich gebe zu, dass ich versuche, mich selbst zu retten – durch Leistung, Kontrolle oder Ansehen. Zeig mir, wo genau das ist.
- Gott, ich glaube, dass du das Unmögliche in meinem Leben tun kannst. Stärke meinen kleinen Glauben.
- Jesus, du hast mich angeschaut, wie du die Jünger angeschaut hast – nicht mit Verachtung, sondern mit Verständnis. Danke dafür.
- Herr, zeig mir, woran mein Herz hängt, das ich nicht loslassen will, und gib mir den Mut, es dir zu übergeben.
- Danke, dass du am Kreuz das absolut Unmögliche für mich möglich gemacht hast. Lass mich daraus heute leben.
Zum Nachdenken
- Was in deinem Leben behandelst du gerade so, als könntest du es aus eigener Kraft "retten" oder in Ordnung bringen – ohne Gott?
- Wenn Jesus dich gerade jetzt so ansähe wie die Jünger damals – forschend, direkt – was würde er in dir sehen, das du lieber verstecken würdest?
- Woran hängt dein Herz so sehr, dass es dir schwerfällt, dir vorzustellen, es loszulassen?
- Glaubst du wirklich, dass Gott dich verändern kann – oder rechnest du insgeheim damit, dass du dich selbst ändern musst, bevor Gott dich annimmt?
- Wo in deiner aktuellen Situation brauchst du nicht mehr Anstrengung, sondern die ehrliche Erkenntnis: "Das schaffe ich nicht – aber Gott schon"?