Jesaja 63:9
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Und so ward er ihr Retter. Bei aller ihrer Angst war ihm auch angst, und der Engel seines Angesichts rettete sie; aus Liebe und Mitleid hat er sie erlöst, er nahm sie auf und trug sie alle Tage der Vorzeit.
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Lies den Satz langsam: "Und so ward er ihr Retter." Nicht ein Fremder, nicht ein Zufall – er wurde ihr Retter. Das ist der erste Satz eines ganzen Rückblicks ( Jesaja 63,7-14), in dem das Volk sich erinnert, wie Gott sich in der Not seines Volkes verhalten hat.
Dann kommt der schwierigste Satz des ganzen Verses: "Bei aller ihrer Angst war ihm auch angst." Im hebräischen Text steht hier eines der berühmtesten Textprobleme der ganzen Bibel – ein einziger Buchstabe entscheidet, ob dort "ihm" (lo) oder "nicht" (lo, anders geschrieben) steht Keil-Delitzsch Old Testament. Je nachdem, wie man liest, heißt es entweder: "In all ihrer Not war keine Not" (Gott griff so schnell ein, dass die Not nie ganz überwältigend wurde) – oder, wie diese Übersetzung es liest: "Ihm selbst tat es weh." Die meisten alten jüdischen und christlichen Ausleger haben sich für die zweite Lesart entschieden John Gill, und genau die ist theologisch das Sprengstoffhaltigste am ganzen Vers: Gott ist nicht der unbeteiligte Zuschauer eures Leidens. Er leidet mit.
Wer ist dann "der Engel seines Angesichts"? Wörtlich: der Bote, der zu seinem eigenen Gesicht gehört, der in seiner unmittelbaren Gegenwart steht (vergleiche 2. Mose 33,14, wo Gott selbst verspricht: "Mein Angesicht soll mitgehen"). Manche Ausleger sehen darin schlicht einen literarischen Ausdruck für "Gott selbst persönlich" Jamieson-Fausset-Brown; andere sehen darin eine geheimnisvolle Gestalt, die zugleich Gott ist und von Gott unterschieden – eine Vorahnung dessen, was später klarer wird. Diese Uneinigkeit ist alt und ehrlich, nicht künstlich.
Der Vers endet mit zwei Bildern: "erlöst" (wie ein Verwandter, der einen Sklaven oder ein Erbe zurückkauft) und "trug" (wie ein Vater sein Kind trägt, 5. Mose 1,31). Der Vers steht mitten in einem Gebet, das die Not der Gegenwart mit der Erinnerung an vergangene Rettung verbindet – "weil du es damals getan hast, tu es wieder."
Historischer Hintergrund
Diese Kapitel ( Jesaja 56–66) sprechen zu einer Gemeinschaft, die nach der babylonischen Gefangenschaft – als Nebukadnezars Armee 586 v. Chr. Jerusalem dem Erdboden gleichmachte und die Überlebenden nach Babylon verschleppte – wieder in ihrem Land lebt, aber enttäuscht ist. Der Tempel liegt noch in Trümmern oder ist bestenfalls notdürftig wiederaufgebaut, die Stadt ist arm, die Nachbarvölker sind feindselig, und die großen Verheißungen von einer strahlenden Rückkehr (wie in Jesaja 40) haben sich noch nicht erfüllt. Es ist eine Zeit des Wartens, in der der Glaube leicht bröckelt.
In genau diese Lage hinein schreibt der Prophet ein Gebet, das die Erinnerung als Waffe gegen die Verzweiflung benutzt. Das Volk blickt zurück – ganz weit zurück, bis in die Zeit des Auszugs aus Ägypten (nach traditioneller Zeitrechnung etwa im 13. Jahrhundert v. Chr.) – und ruft sich in Erinnerung, wie Gott damals gehandelt hat: die Rettung am Roten Meer, die Führung durch die Wüste, die Geduld mit einem widerspenstigen Volk. Das ist keine nostalgische Schwärmerei. Es ist eine Strategie: "Du warst so einer damals – sei so einer jetzt wieder." Die Not der Gegenwart (Ruinen, Armut, Fremdherrschaft) wird bewusst neben die Not der Vergangenheit (Sklaverei in Ägypten) gestellt, um Gott – und sich selbst – daran zu erinnern, wer er ist.
Man kann sich vorstellen, wie diese Worte in einer versammelten Trauergemeinde vorgetragen wurden, vielleicht bei einem Fasttag, während Menschen buchstäblich zwischen den Trümmern der Stadtmauer standen und beteten.
Ursprache
יָשַׁע (yâshaʻ, H3467) – "retten", wörtlich: weit machen, aus der Enge herausholen Strong's. Das Bild dahinter: Not ist wie eine Zwangsjacke, und Rettung heißt, dass Platz zum Atmen entsteht.
צַר (tsar, H6862) – "eng, Bedrängnis" Strong's – genau das Gegenteil, und genau das Wort, um das der berühmte Textstreit (lo/lo) kreist: War er in ihrer Enge? Oder gab es keine Enge, weil er so schnell rettete?
מַלְאָךְ (mălʼâk, H4397) – "Bote, Gesandter", auch von Gott gebraucht als "Engel" Strong's – und פָּנִים (pânîym, H6440) – "Angesicht" Strong's. Zusammen: "der Bote seines Angesichts" – jemand, der so nah an Gott dran ist, dass er quasi aus Gottes eigenem Gesicht hervorgeht.
אַהֲבָה (ʼahăbâh, H160) – "Liebe" und חֶמְלָה (chemlâh, H2551) – "Mitleid, Erbarmen" Strong's – zwei Worte, die zusammen die Motivation nennen: nicht Pflicht, nicht Verdienst, sondern Zuneigung und Erbarmen.
גָּאַל (gâʼal, H1350) – "erlösen" im Sinn des nächsten Verwandten, der eine Schuld bezahlt oder einen Verwandten aus Sklaverei zurückkauft Strong's. Das ist Familienrecht, kein juristischer Fachbegriff aus der Ferne – es bedeutet: Gott handelt wie ein Verwandter, der einspringt, weil er zur Familie gehört.
נָשָׂא (nâsâʼ, H5375) – "tragen, heben" Strong's – und עוֹלָם (ʻôwlâm, H5769) – "ferne Zeit, Ewigkeit" Strong's. "Alle Tage der Vorzeit" heißt: nicht nur einmal, sondern durch die ganze lange Geschichte hindurch, immer wieder getragen.
Wie es auf Christus hinweist
"Der Engel seines Angesichts" ist eine der geheimnisvollsten Gestalten des Alten Testaments – jemand, der so eng mit Gott verbunden ist, dass er Gottes eigenen Namen trägt (vergleiche 2. Mose 23,21) und doch als "gesandt" beschrieben wird. Viele alte Ausleger haben in ihm eine frühe Erscheinung dessen gesehen, der später Fleisch werden würde Jamieson-Fausset-Brown. Das ist keine sichere Beweiskette, aber es ist eine ehrliche und alte Spur – und Maleachi 3,1 nimmt genau diese Sprache auf, wenn er von "dem Engel des Bundes" spricht, der zu seinem Tempel kommt.
Wichtiger noch als diese Identifikationsfrage ist das, was der Vers über Gottes Herz sagt – und das läuft schnurgerade auf Jesus zu. "Bei aller ihrer Angst war ihm auch angst" ist genau das, was in Hebräer 4,15 mit anderen Worten gesagt wird: Wir haben keinen Hohenpriester, der unser Elend nicht mitfühlen könnte, sondern einer, der selbst versucht wurde, selbst gelitten hat. Isaiah 63,9 sagt: Gott leidet mit seinem Volk mit, bevor er es rettet. Jesus tut mehr: Er wird selbst Fleisch, selbst müde, selbst durstig, selbst verlassen am Kreuz – nicht nur Mitgefühl von außen, sondern Leiden von innen.
Und das Bild des "Erlösers" (goel), der aus Liebe kauft, was verloren war, findet in Jesus seine letzte Form: nicht mit Silber oder Gold erlöst, sondern mit seinem eigenen Blut (vergleiche das, was Petrus in seinem ersten Brief später ausführt). Das "Tragen" – wie ein Vater sein Kind trägt – ist die Handbewegung, die sich im ganzen Leben Jesu wiederholt: er nimmt Kranke, Kinder, Verlorene auf die Arme, und am Ende trägt er das Kreuz für die, die er liebt.
Für dein Leben
Frag dich ehrlich: Glaubst du das wirklich – dass Gott bei deiner Angst auch Angst empfindet? Oder glaubst du insgeheim an einen Gott, der auf einer Wolke sitzt, unberührt, während du unten zerbrichst? Die meiste Zeit lebst du wahrscheinlich so, als wäre Letzteres wahr. Du betest, aber du erwartest kein Herz auf der anderen Seite, nur eine Verwaltung von Anfragen.
Dieser Vers stellt sich quer dazu. Er sagt: In deiner Enge war er selbst beengt. Nicht weil er schwach ist, sondern weil er liebt, und Liebe, die nicht mitleidet, ist keine Liebe, sondern nur Zuständigkeit.
Das kostet dich etwas: Du musst aufhören, deine Not allein zu tragen, als wäre das ein Zeichen von Stärke. Das Bild am Ende des Verses ist ein Kind auf dem Arm, nicht ein Soldat, der sich zusammenreißt. Wann hast du zuletzt zugelassen, dass Gott dich trägt, statt dass du versucht hast, selbst zu laufen, während du innerlich zusammenb