Jesaja 35:5
Eine verständliche Vertiefung zu diesem Vers. Kapitel lesen →
Alsdann werden der Blinden Augen aufgetan und der Tauben Ohren geöffnet werden;
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Lies den Satz langsam: „Dann werden der Blinden Augen aufgetan und der Tauben Ohren geöffnet." Zwei kaputte Sinne, zwei Wunder. Das ist keine vage Zukunftsmusik – Jesaja meint einen ganz konkreten Moment: "dann", also wenn Gott selbst kommt. Schau dir Vers 4 an, der direkt davor steht: "Sagt den verzagten Herzen: Seid stark, fürchtet euch nicht! Siehe, euer Gott kommt." Vers 5 ist die Antwort auf diese Ankunft. Gott kommt nicht, um nur zuzuschauen – er kommt, um Dinge zu reparieren, die kaputt sind, und zwar Dinge, die kein Mensch reparieren kann. Ein Blinder kann sich seine Augen nicht selbst öffnen. Ein Tauber kann sich nicht selbst das Hören beibringen. Das ist der Punkt: Hier passiert etwas, das nur Gott kann.
Leicht zu übersehen: Das hebräische Wort für „öffnen" bei den Augen (פָּקַח, paqach) ist ein anderes Wort als bei den Ohren (פָּתַח, patach) Strong's – beide bedeuten „aufmachen", aber Jesaja variiert bewusst, fast wie ein Dichter, der zwei verschiedene Türen beschreibt, die beide aufgehen. Das zeigt: Es geht nicht um eine einzige mechanische Heilung, sondern um eine umfassende Öffnung des ganzen Menschen.
In der großen Erzählung von Jesaja steht dieser Vers am Ende eines Blocks (Kapitel 28–35), der voller Gericht und Drohung war – und jetzt bricht plötzlich Hoffnung durch wie Sonnenlicht nach einem langen Gewitter. Kapitel 35 ist wie eine Insel der Freude mitten in dunklen Prophezeiungen.
Wo Christen sich uneinig sind: Manche Ausleger (wie Keil-Delitzsch) bestehen darauf, dass hier wörtliche körperliche Heilung gemeint ist, kein bloßes Bild Keil-Delitzsch Old Testament. Andere (wie John Gill) lesen die körperliche Heilung als äußeres Zeichen für eine viel tiefere geistliche Öffnung der Augen und Ohren des Herzens John Gill. Wahrscheinlich ist beides richtig – Jesaja meint wohl beides zugleich, und genau das macht den Vers so reich.
Historischer Hintergrund
Jesaja wirkte in Juda etwa zwischen 740 und 700 v. Chr. – eine Zeit, in der das assyrische Weltreich wie eine Dampfwalze durch den Nahen Osten rollte. Das Nordreich Israel war bereits gefallen (722 v. Chr.), und Juda im Süden lebte in ständiger Angst, das nächste Opfer zu sein. König Hiskia musste zusehen, wie assyrische Truppen unter Sanherib fast bis vor die Tore Jerusalems zogen.
Kapitel 35 gehört zu einem Abschnitt, der oft „kleine Apokalypse" genannt wird (Kapitel 24–35) – eine Sammlung von Gerichtsworten gegen die Völker und Verheißungen für Gottes Volk. Historisch gesehen sprach Jesaja wahrscheinlich zunächst in einen Kontext hinein, wo die Menschen an der Rückkehr aus der Verbannung zweifelten – sei es die drohende oder später tatsächliche Deportation nach Babylon (587 v. Chr., über hundert Jahre nach Jesaja, aber von ihm bereits vorausgesehen). Die Bilder von aufblühender Wüste und geheilten Körpern waren für ein Volk gedacht, das dachte, seine Geschichte sei zu Ende – vertrieben, zerschlagen, ohne Zukunft.
Für die ursprünglichen Hörer war „Blindheit" und „Taubheit" nicht nur medizinisch gemeint. Es waren im ganzen Alten Orient auch Bilder für Randgruppen, für Menschen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren – ein Blinder oder Tauber konnte im Tempel nicht wie andere dienen, hatte im wirtschaftlichen Leben kaum eine Stimme. Wenn Gott verspricht, genau diese Menschen zu heilen, verspricht er eine völlige Umkehrung der gesellschaftlichen Ordnung: Die Ausgeschlossenen werden hineingeholt. Das war eine Bombe unter den Erwartungen der Zeit.
Ursprache
Das Wort für „Blinde" ist עִוֵּר (ʻivver, H5787) – eine verstärkte Form, die sowohl wörtliche Blindheit als auch übertragene, geistliche Blindheit meinen kann Strong's. Das ist wichtig: Jesaja benutzt kein Wort, das nur körperlich funktioniert. Wenn er später in Jesaja 43:8 sagt „bringt das blinde Volk hervor, das doch Augen hat", meint er offensichtlich geistliche Blindheit – dasselbe Wort, andere Anwendung.
Für „öffnen" bei den Augen steht פָּקַח (paqach, H6491) – ein Wort, das speziell für das Öffnen der Sinne verwendet wird, mit der Nebenbedeutung „aufmerksam werden" Strong's. Es ist nicht nur ein Türöffnen, sondern ein Wachwerden, ein Bemerken.
Bei den Ohren steht ein anderes Verb, פָּתַח (pathach, H6605) – „weit aufmachen", dasselbe Wort, das auch für das Öffnen von Toren, Büchern oder sogar Furchen beim Pflügen benutzt wird Strong's. Es trägt die Vorstellung von etwas, das gewaltsam oder mit Nachdruck geöffnet wird, nicht sanft.
Und „taub" ist חֵרֵשׁ (cheresh, H2795), das der Strong-Eintrag selbst schon ausdrücklich „ob wörtlich oder geistlich" nennt Strong's – die Doppeldeutigkeit steckt also direkt im Wortstamm, nicht erst in der Auslegung. Das gibt dir Rückendeckung: Wenn du diesen Vers sowohl körperlich als auch geistlich liest, tust du dem hebräischen Wort keine Gewalt an – du liest es genau richtig.
Wie es auf Christus hinweist
Hier ist die Sache: Dieser Vers ist keine vage Hoffnung, die irgendwann irgendwie erfüllt wurde. Als Johannes der Täufer aus dem Gefängnis Boten zu Jesus schickt und fragen lässt: „Bist du der, der da kommen soll?", antwortet Jesus nicht mit einer Glaubenserklärung, sondern mit einer Liste: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören" ( Matthäus 11:5). Das ist Jesaja 35:5 – wörtlich zitiert als Beweis. Jesus sagt damit im Grunde: Lest euren Jesaja. Ich bin das "dann".
Matthäus 12:22 zeigt genau dieses Muster in Aktion: ein Blinder und Stummer wird zu Jesus gebracht und geheilt. Das ist kein Zufallswunder unter vielen – es ist Jesaja 35 in Fleisch und Blut vor den Leuten in Galiläa Matthew Henry.
Aber die tiefere Erfüllung geht weiter als die körperlichen Wunder. Johannes 9 erzählt die Heilung eines Blindgeborenen und endet mit dem verstörenden Satz Jesu: „Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit die, die nicht sehen, sehend werden, und die, die sehen, blind werden" ( Johannes 9:39). Das dreht die ganze Sache um. Die religiösen Führer, die perfekt sehende Augen hatten, waren die eigentlich Blinden. Jesus erfüllt Jesaja 35:5 nicht nur an Körpern, sondern an Herzen – genau wie Paulus es in Epheser 5:14 beschreibt: „Wache auf, der du schläfst … so wird dir Christus leuchten."
Und in Lukas 4:18, als Jesus in der Synagoge in Nazareth aufsteht und Jesaja vorliest (dort ist es Jesaja 61, aber dieselbe Bewegung), erklärt er: Heute ist dieses Wort erfüllt. Das "dann" von Jesaja 35 ist in Jesus zum "jetzt" geworden.
Für dein Leben
Sei ehrlich mit dir für einen Moment: Wo bist du blind? Nicht körperlich vielleicht – aber wo hast du dir angewöhnt, wegzuschauen? Vor welcher Wahrheit über dich selbst, über Gott, über einen anderen Menschen hast du die Augen zugekniffen, weil Sehen zu schmerzhaft wäre?
Und wo bist du taub? Wessen Stimme hast du absichtlich überhört – Gottes Wort in der Schrift, das Gewissen, das dich seit Wochen anstupst, den Freund, der dir eine unbequeme Wahrheit sagen wollte?
Der Vers ist tröstlich, ja – aber er ist auch eine Herausforderung. Denn er setzt voraus, dass du zugibst, blind und taub zu sein. Das ist der Preis: Bevor Gott deine Augen öffnen kann, musst du aufhören, so zu tun, als würdest du schon klar sehen. Die Pharisäer in Johannes 9 scheiterten genau daran – sie sagten „wir sehen" und blieben deshalb in ihrer Blindheit gefangen.
Christus kommt nicht zu denen, die meinen, sie hätten alles im Blick. Er kommt zu denen, die zugeben: Ich brauche, dass mir jemand die Augen öffnet, den ich mir selbst nicht öffnen kann. Das ist eine demütigende Position. Aber es ist die einzige Position, von der aus dieser Vers für dich wahr werden kann.
Frag dich heute nicht: „Wo brauche ich Hilfe?" – frag: „Wo bin ich mir sicher, dass ich schon sehe, obwohl ich es vielleicht nicht tue?" Das ist die unbequeme Tür, durch die dieser Vers dich einlädt zu gehen.
Gebetsanliegen
- Herr, öffne mir die Augen für die Bereiche meines Lebens, in denen ich mich absichtlich blind gemacht habe.
- Gib mir Ohren, die wirklich hören, wenn du zu mir sprichst – durch dein Wort, durch andere Menschen, durch mein Gewissen.
- Ich bekenne, dass ich manchmal wie die Pharisäer denke, ich sähe schon klar – zeig mir meine wahre Blindheit.
- Danke, dass du in Jesus tatsächlich gekommen bist, um genau das zu tun, was Jesaja versprochen hat – öffne mein Herz für diese Wahrheit ganz neu.
- Hilf mir, heute jemandem mit den Augen und Ohren zu begegnen, die du mir gibst, nicht mit den alten, verschlossenen.
Zum Nachdenken
- Wo in deinem Leben tust du gerade so, als könntest du „sehen", obwohl du in Wahrheit weggeschaut hast?
- Welche Stimme – Gottes, eines Menschen, deines Gewissens – hast du in den letzten Wochen bewusst überhört?
- Kannst du dich erinnern an einen Moment, in dem Gott dir tatsächlich „die Augen geöffnet" hat für etwas, das du vorher nicht sehen konntest? Was hat sich dadurch verändert?
- Was würde es dich kosten, zuzugeben, dass du geistlich blind oder taub bist, statt so zu tun, als hättest du alles im Griff?
- Wenn Jesus heute vor dich träte und fragte „Willst du sehen?" – was würdest du zögern zu antworten, und warum?