Hoheslied 7:12
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Komm, mein Lieber, wir wollen aufs Feld hinausgehen, in den Dörfern übernachten,
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Was es bedeutet
Lies den Satz einmal ganz langsam: "Komm, mein Lieber, wir wollen aufs Feld hinausgehen, in den Dörfern übernachten." Das ist keine vage romantische Geste – das ist ein Plan. Die Frau nimmt die Initiative. Sie sagt nicht "vielleicht könnten wir mal" – sie packt ihn förmlich an der Hand und zieht ihn aus der Stadt hinaus, weg von den Mauern, den Betten, dem Gewohnten, hinein in die offene Landschaft. Das Feld, die Dörfer – das ist die Welt der Arbeit, der Jahreszeiten, des echten Lebens, nicht der Palast mit seinem Luxus. Sie will ihn nicht im Schlafzimmer, sie will ihn in ihrer Welt, unterwegs, im Freien, wo man einander wirklich begegnet, ohne die Kulissen.
Leicht zu übersehen: Dieser Vers ist der Anfang eines Satzes, der sich über mehrere Verse zieht ( Hoheslied 7,12-14 gehören zusammen). Was hier beginnt, ist eine ganze Choreographie – aufbrechen, übernachten, früh aufstehen, prüfen, ob die Weinstöcke blühen. Das Verb für "früh aufstehen" (dazu gleich mehr) taucht schon in Hoheslied 6,11 auf, wo sie allein in den Nussgarten hinabsteigt, um zu sehen, ob der Weinstock ausgeschlagen hat. Jetzt wiederholt sie diese Bewegung, aber sie tut es nicht mehr allein – sie nimmt ihn mit. Das ist eine bewusste Spiegelung im Buch: was einst einsame Sehnsucht war, wird jetzt geteilte Freude.
Im großen Bogen des Hohelieds steht dieser Vers in dem Teil, wo die Beziehung gereift ist, wo die Frau selbstbewusst und ohne Scham ihre Liebe ausdrückt und aktiv gestaltet, nicht mehr nur passiv wartet. Christen sind sich seit Jahrhunderten uneinig, wie sie dieses Buch überhaupt lesen sollen: manche (besonders in der jüdischen und frühkirchlichen Tradition) lesen es fast ausschließlich als Bild für die Liebe Gottes zu seinem Volk oder Christi zur Kirche John Gill, andere lesen es zuerst wörtlich als ein Loblied auf die eheliche Liebe zwischen Mann und Frau – und beides muss sich nicht ausschließen.
Historischer Hintergrund
Das Hohelied wird traditionell Salomo zugeschrieben (etwa 10. Jahrhundert v. Chr.), doch viele Ausleger vermuten, dass es in seiner jetzigen Form erst später, vielleicht zwischen dem 10. und 5. Jahrhundert v. Chr., zusammengestellt oder überarbeitet wurde. Wer genau es geschrieben hat, wissen wir nicht sicher – aber das Buch atmet die Welt des alten Israel: Weinberge, Granatapfelbäume, Hirten, Dörfer, Marktplätze, ein Land, in dem die Jahreszeiten den Rhythmus des Lebens bestimmen.
Man muss sich vorstellen: In dieser Kultur war die Ehe meist arrangiert, Familienehre stand über persönlicher Wahl, und öffentliche Zurschaustellung von Zuneigung zwischen Mann und Frau war alles andere als selbstverständlich. Umso auffälliger ist es, dass hier eine Frau spricht – nicht der Mann –, die offen ihre Sehnsucht ausdrückt und den Ausflug plant. Das war für die damalige Zeit ungewöhnlich mutig. Das Buch wurde vermutlich bei Hochzeitsfeiern gesungen oder rezitiert, eine Art gesungene Liebespoesie, die die Freude und das Verlangen zwischen Braut und Bräutigam feierte, ohne sich dafür zu schämen.
Die "Dörfer", von denen die Rede ist, waren keine romantischen Ferienorte, sondern einfache landwirtschaftliche Siedlungen, wo Menschen bei der Weinlese, bei der Feldarbeit lebten. Dass die Frau vorschlägt, dort zu übernachten – nicht in der Stadt, nicht im Palast –, zeigt, wie sehr sie die Nähe zu ihm der Bequemlichkeit vorzieht. Es ist auch bezeichnend, dass das jüdische Passahfest und andere Feste oft mit landwirtschaftlichen Ausflügen verbunden waren; die Verbindung von Liebe und Natur, von Beziehung und Erde, war den ursprünglichen Hörern völlig vertraut, während wir heute oft eine Trennung zwischen "romantisch" und "ländlich-praktisch" ziehen, die es damals so nicht gab.
Ursprache
Das Wort für "Lieber" hier ist דּוֹד (dôwd, H1730) – dasselbe Wort, das im ganzen Hohelied für den Geliebten verwendet wird Strong's. Es trägt eine Wärme in sich, die über bloße Zuneigung hinausgeht; die Wurzel deutet auf etwas Kochendes, Aufwallendes hin – eine Liebe, die nicht kühl kalkuliert, sondern brodelt.
Interessant ist auch das Verb, das im nächsten Vers (7,13) auftaucht und die ganze Szene einleitet: שָׁכַם (shâkam, H7925), das eigentlich "sich früh aufmachen, eine Last auf die Schulter laden" bedeutet Strong's. Es beschreibt die Energie und Entschlossenheit des frühen Aufbruchs – man lässt sich nicht treiben, man packt an. Dieses Wort verbindet den Vers direkt mit Hoheslied 6,11, wo dieselbe Bewegung des Hinabsteigens zum Garten beschrieben wird, um zu sehen, ob גֶּפֶן (gephen, H1612), der Weinstock, schon פָּרַח (pârach, H6524) – "ausgeschlagen, geblüht" hat, und ob die רִמּוֹן (rimmôwn, H7416), die Granatapfelbäume, ihre Blüten treiben.
Auch das Bild des כֶּרֶם (kerem, H3754), des Weinbergs oder Gartens, ist im ganzen Buch ein durchgängiges Symbol – manchmal für den Körper der Geliebten selbst, manchmal für den geteilten Raum ihrer Liebe. Wenn sie vorschlägt, gemeinsam in die Weinberge zu gehen, lädt sie ihn ein in einen Raum, der im Buch immer wieder für Intimität steht. Diese wenigen Wörter zeigen: Hier geht es nicht um beiläufige Freizeitgestaltung, sondern um eine bewusste, körperlich und emotional aufgeladene Bewegung zueinander hin.
Wie es auf Christus hinweist
Ich will hier ehrlich sein: Das Hohelied nennt Jesus nicht, und man sollte nicht so tun, als stünde er wörtlich zwischen den Zeilen dieses Verses. Aber die christliche Auslegungstradition – von den Kirchenvätern bis heute – hat in diesem Buch seit fast zwei Jahrtausenden ein Echo einer größeren Liebesgeschichte gehört: die Liebe zwischen Christus und seiner Braut, der Kirche John Gill. Paulus selbst macht diesen Sprung explizit, wenn er in Epheser 5,25-32 die Ehe als Bild für Christi Liebe zur Kirche beschreibt.
Was mich an diesem konkreten Vers berührt: Die Initiative liegt hier bei ihr. Sie ruft ihn zum Aufbruch, sie will bei ihm sein, sie will nicht warten, bis er sie holt. Wenn man das als Bild liest, dann ist das eine steile Umkehrung dessen, was wir oft über den Glauben denken – dass wir Gott suchen müssen, dass alles von unserer Anstrengung abhängt. Aber die tiefere Wahrheit der ganzen Bibel ist: Gott hat zuerst geliebt ( 1. Johannes 4,19), Christus ist zuerst zu uns gekommen. Und doch – als Antwort auf diese Liebe entsteht in uns genau diese Sehnsucht, die die Frau hier ausdrückt: "Komm, lass uns zusammen hinausgehen." Das ist die Sehnsucht der Kirche nach der ungestörten Gegenwart ihres Herrn, die auch in Hebräer 4,16 anklingt – mit Freimütigkeit hinzutreten, nicht zögernd, sondern eingeladen.
Ich will diesen Faden nicht überziehen zu einer Allegorie, in der jedes Detail eine geheime Bedeutung trägt. Aber die Grundbewegung – eine Liebe, die den anderen aus dem Gewohnten herausruft, hinein in geteiltes Leben, in Nähe, die nicht auf Distanz bleiben will – das ist eine Melodie, die durch die ganze Schrift läuft und in Christus ihren tiefsten Ton findet: Er ist gekommen, um bei uns zu sein, und er lädt uns ein, mit ihm zu gehen.
Für dein Leben
Frag dich mal ehrlich: Wann hast du zuletzt jemanden – Gott eingeschlossen – so eingeladen wie diese Frau ihren Geliebten einlädt? Nicht beiläufig, nicht "wenn's grad passt", sondern mit dieser Entschlossenheit: Komm, lass uns aufbrechen, lass uns die vertraute Sicherheit verlassen und zusammen irgendwo hin, wo es ungemütlicher, einfacher, echter ist.
Viele von uns behandeln ihre Beziehung zu Gott wie einen Palast, in dem man wartet, dass etwas Besonderes passiert – aber diese Frau zieht ihn hinaus aufs Feld, in die Dörfer, dorthin, wo das wirkliche Leben stattfindet: Arbeit, Erde, Unsicherheit. Vielleicht ist das die Einladung, die du heute annehmen musst – nicht Gott in einer sonntäglichen Schublade zu lassen, sondern ihn mit hinauszunehmen in dein eigentliches Leben: in die Arbeit, in die Beziehungen, die dir Angst machen, in die Orte, wo du dich nicht sicher fühlst.
Der Preis, den dieser Vers von dir fordert, ist die Initiative. Es ist bequemer, zu warten, bis Gott sich meldet, bis das Gefühl von selbst kommt. Aber die Liebe, die dieses Buch beschreibt, ist eine, die aufsteht, plant, ruft, geht. Wo in deinem Leben wartest du auf ein Gefühl, das eigentlich einen Schritt von dir verlangt? Wo müsstest du sagen: "Komm, lass uns hinausgehen" – zu Gott, zu deinem Ehepartner, zu jemandem, den du liebst, aber vor dem du dich versteckst?
Und wenn du niemanden hast, dem du das sagen kannst – dann fang bei Gott an. Er wartet nicht darauf, dass du perfekt bist, bevor du ihn einlädst, in dein wirkliches Leben mitzukommen.
Gebetsanliegen
- Herr, lehre mich, dich nicht nur in bequemen, sicheren Momenten zu suchen, sondern dich einzuladen, mit mir hinauszugehen in das, was mir Angst macht.
- Gib mir den Mut, so wie die Frau im Hohelied die Initiative zu ergreifen – in meiner Beziehung zu dir und zu den Menschen, die ich liebe.
- Danke, dass du zuerst zu mir gekommen bist, bevor ich überhaupt wusste, dich zu suchen.
- Zeige mir, wo ich auf ein Gefühl warte, obwohl du einen Schritt von mir verlangst.
- Öffne mein Herz, damit meine Sehnsucht nach dir nicht bloß gedacht, sondern gelebt wird – in konkreten, mutigen Schritten.
Zum Nachdenken
- Wann hast du zuletzt eine Beziehung – zu Gott oder zu einem Menschen – aktiv gesucht, statt passiv zu warten?
- Was ist dein "Palast" – der bequeme, sichere Ort, den du nicht verlassen willst, obwohl echte Nähe woanders liegt?
- Ertappst du dich dabei, deine Liebe zu Gott eher zu denken als zu zeigen?
- Wo müsstest du heute jemandem sagen: "Komm, lass uns hinausgehen" – und was hält dich davon ab?
- Wenn Gott dich heute einladen würde, mit ihm irgendwohin aufzubrechen – würdest du gehen, auch wenn es unbequem ist?