1. Mose 48:16
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der Engel, der mich erlöset hat von allem Übel, der segne die Knaben, und durch sie werde mein Name genannt und der Name meiner Väter Abraham und Isaak, und sie sollen zu einer großen Menge werden auf Erden!
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau genau hin, was hier passiert: Ein blinder, sterbender alter Mann, aufgestützt im Bett, legt seine Hände auf zwei Jungen und spricht einen Segen, der eigentlich ein juristischer Akt ist. Jakob hat gerade (Vers 5) Ephraim und Manasse offiziell als seine eigenen Söhne adoptiert – gleichrangig mit Ruben und Simeon. Jetzt, in Vers 16, benennt er, wer eigentlich segnet: nicht er selbst, sondern „der Engel, der mich erlöset hat von allem Übel". Das ist kein Nebensatz, den man überlesen darf – im Vers davor (V. 15) parallelisiert Jakob „der Gott" mit „der Engel", als wären es dieselbe Person. Das ist theologisch brisant, und Christen sind sich hier nicht einig: War das ein geschaffener Engel, oder war es Gott selbst in einer Gestalt, die man später als Vorausschau auf Christus liest? Adam Clarke und John Gill bestehen darauf, dass hier nur der ewige Sohn Gottes gemeint sein kann, weil Engel nicht segnen dürfen – Segen ist Gottes Vorrecht allein Adam Clarke John Gill. Andere, wie Keil-Delitzsch, lesen es zurückhaltender als dieselbe geheimnisvolle Gottesbote-Figur, die schon früher in Jakobs Leben aufgetaucht ist Keil-Delitzsch Old Testament.
Leicht zu übersehen: Der dreifache Segen ist konkret – Segen für die Jungen, Namensverleihung (sie sollen zu Jakobs, Abrahams und Isaaks Familie gehören, nicht zu Ägypten, obwohl ihre Mutter Ägypterin war), und Vermehrung „auf Erden". Das ist der Moment, in dem aus einem Stamm Josephs zwei ganze Stämme Israels werden – eine Entscheidung, die die spätere Landkarte Israels für Jahrhunderte prägt. In der großen Erzählung des Buches Mose steht das am Ende der Patriarchen-Geschichte: der letzte große Segensakt, bevor Jakob stirbt, und er wiederholt bewusst das Muster seines eigenen Lebens – der Jüngere bekommt Vorrang vor dem Älteren (das sehen wir gleich in den nächsten Versen mit den gekreuzten Händen) Matthew Henry.
Historischer Hintergrund
Der traditionelle Verfasser des ersten Buches Mose ist Mose, der die Erzählungen der Erzväter überliefert – auch wenn viele der eigentlichen Ereignisse Jahrhunderte vor ihm liegen. Wir befinden uns hier in Ägypten, wahrscheinlich um 1859 v. Chr. (nach traditioneller Chronologie), am Ende einer langen Geschichte: Jakob war nach Ägypten gezogen, weil eine Hungersnot Kanaan verwüstet hatte und sein Sohn Joseph inzwischen der zweitmächtigste Mann Ägyptens war. Jakob ist jetzt 147 Jahre alt, todkrank, blind – und Joseph bringt seine beiden Söhne Ephraim und Manasse zu ihm, damit der alte Mann sie noch segnet, bevor er stirbt.
Man muss verstehen: Ephraim und Manasse waren keine „reinrassigen" Hebräer. Ihre Mutter, Asenath, war die Tochter eines ägyptischen Priesters aus On ( 1. Mose 41:45). Sie wuchsen am ägyptischen Königshof auf, sprachen wahrscheinlich Ägyptisch, kannten ägyptische Sitten. Und trotzdem holt Jakob sie mit diesem Segen vollständig in die Familie Israels hinein – sie werden gleichberechtigte Stammväter, wie Ruben oder Simeon. Das ist kein sentimentaler Moment, sondern ein rechtlich bindender Akt: In dieser Kultur war der Segen eines sterbenden Vaters oder Großvaters kein frommer Wunsch, sondern etwas Verbindliches, vergleichbar mit einem letzten Willen vor Zeugen verlesen. Die Szene spielt sich im Land Goschen ab, wo die Familie Jakobs als geschätzte Gäste des Pharaos lebte – die spätere Versklavung der Israeliten liegt zu diesem Zeitpunkt noch Generationen in der Zukunft. Auffällig ist, dass Jakob – blind, wie er ist – bewusst seine Hände kreuzt und dem jüngeren Ephraim den Vorrang gibt, genau das Muster wiederholend, nach dem er selbst als Jüngerer den Segen vor Esau erhalten hatte.
Ursprache
Das Herzstück des Verses ist das Wort für „erlöset": גָּאַל (ga'al, H1350). Das ist kein allgemeines Wort für „retten" – es ist ein Familienrechtsbegriff. Der go'el war der nächste Blutsverwandte, der verpflichtet war, verlorenes Land zurückzukaufen, eine Witwe zu heiraten oder Blutrache zu üben Strong's. Wenn Jakob Gott „meinen Erlöser" nennt, sagt er damit etwas sehr Persönliches: Gott hat für ihn gehandelt wie der nächste Verwandte handeln muss – als jemand, der ihn buchstäblich zurückgeholt hat, wenn alles verloren schien.
מַלְאָךְ (mal'ak, H4397) heißt „Bote" – dasselbe Wort, das für menschliche Boten, Propheten und für Gott selbst in Erscheinung als Bote verwendet wird Strong's. Genau diese Doppeldeutigkeit macht den Vers so spannend – Jakob benutzt ein Wort, das offenlässt, ob er von einem Geschöpf oder von Gott selbst spricht.
בָּרַךְ (barak, H1288) heißt „segnen" – ursprünglich mit „knien" verwandt, ein Bild von Ehrerbietung, das dann zur Handlung wird, durch die Gott (oder ein Mensch in seinem Namen) Gutes zuspricht.
Und schließlich דָּגָה (dagah, H1711), verwandt mit dem Wort für „Fisch" – „sich vermehren wie Fischschwärme" Strong's. Ein wildes, überschwängliches Bild für Fruchtbarkeit, das Jakob über seine Enkel spricht: nicht nur „viele", sondern eine geradezu unkontrollierbare Fülle.
Wie es auf Christus hinweist
Das Wort ga'al – Erlöser als naher Verwandter – ist eine Linie, die sich durch die ganze Bibel zieht und in Jesus ihre volle Gestalt findet. Der Hebräerbrief sagt es direkt: Christus musste wie wir Fleisch und Blut annehmen, „damit er durch den Tod den zu nichte mache, der des Todes Gewalt hatte" ( Hebräer 2:14) – er wurde unser Verwandter, damit er unser Erlöser sein konnte. Jakob spricht von „dem Engel, der mich erlöset hat von allem Übel" – und wenn du das neben Jesu eigenes Gebet legst, „ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nehmest, sondern dass du sie bewahrest vor dem Argen" ( Johannes 17:15), und Paulus' Sterbewort „der Herr wird mich von jedem boshaften Werk erlösen" ( 2. Timotheus 4:18), siehst du ein durchgehendes Muster: derselbe Gott, der Jakob durch ein Leben voller Flucht, Betrug und Verlust hindurch bewahrt hat, ist der, den Christen am Ende ihres Lebens genauso anrufen.
Ob der „Engel" in diesem Vers wirklich eine Vorausdeutung auf den fleischgewordenen Sohn ist, wie Clarke und Gill glauben, oder ob man vorsichtiger nur ein Echo sehen sollte – ich will da ehrlich sein: Der Text selbst lässt beides offen. Aber es gibt noch eine zweite, unaufdringlichere Linie: Jakob legt seinen Namen und die Namen Abrahams und Isaaks auf zwei halb-ägyptische Jungen. Das ist ein früher Riss in der Vorstellung, dass Gottes Volk nur ein reines Blutserbe ist. Genau dieses Motiv – Menschen von außen, über die Gottes Name „angerufen" wird – nimmt Jakobus in der Apostelgeschichte auf, wenn er von den Heiden spricht, „über welche mein Name angerufen worden ist" ( Apostelgeschichte 15:17, zitiert aus Amos 9:12). Was in Ephraim und Manasse im Kleinen geschieht, geschieht durch Christus im Großen: Fremde werden mit vollem Namensrecht in die Familie hineingeholt.
Für dein Leben
Setz dich einen Moment neben diesen alten, blinden Mann. Er blickt zurück auf ein Leben, das alles andere als glatt war: Er hat seinen Bruder betrogen, er ist zwanzig Jahre lang vor ihm geflohen, er wurde von seinem eigenen Schwiegervater übers Ohr gehauen, er hat seinen geliebten Sohn Joseph für tot gehalten und zweiundzwanzig Jahre um ihn getrauert. Und jetzt, am Ende, ist das erste Wort, das ihm über die Lippen kommt, nicht Klage, sondern: „der Engel, der mich erlöset hat von allem Übel." Nicht „der mich vor allem Übel bewahrt hat" –