1. Mose 43:14
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Und der allmächtige Gott gebe euch Barmherzigkeit vor dem Manne, daß er euch euren andern Bruder wieder mitgebe und Benjamin! Ich aber, wenn ich doch der Kinder beraubt sein soll, so sei ich ihrer beraubt!
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir an, wo Jakob hier steht: Er hat Josef verloren (glaubt er), er hat Simeon in Ägypten als Geisel sitzen, und jetzt soll er auch noch Benjamin gehen lassen – sein letztes Kind von Rahel, sein Lieblingssohn seit Josefs "Tod". Und was tut der alte Mann? Er betet. Nicht ein frommes Floskelgebet, sondern ein Gebet, das direkt aus der Angst kommt: "Der allmächtige Gott gebe euch Barmherzigkeit vor dem Manne" – gemeint ist Josef, den Jakob nicht als seinen Sohn erkennt, sondern nur als "der Mann", der ägyptische Machthaber, der über Leben und Tod seiner Familie entscheidet.
Leicht zu übersehen: Jakob nennt Gott hier El Schaddai – genau der Name, mit dem Gott sich Abraham ( 1. Mose 17:1) und Jakob selbst ( 1. Mose 35:11) offenbart hat, als große Verheißungen im Raum standen. Jakob greift also zurück auf den Gott, der seiner Familie schon einmal unmögliche Dinge zugesagt hat. Das ist kein zufälliger Gottesname – das ist ein Griff nach dem Bund Adam Clarke.
Und dann der letzte Satz, der wie ein Aufgeben klingt, aber eigentlich das Gegenteil ist: "Ich aber, wenn ich doch der Kinder beraubt sein soll, so sei ich ihrer beraubt!" Das ist keine Resignation ins Schicksal, sondern eine Übergabe an Gott – ich kann die Kontrolle nicht behalten, also lasse ich los, in Gottes Hand hinein Keil-Delitzsch Old Testament. Genau diese Formel – "komme, was da wolle" – findet sich fast wortgleich bei Ester ( Ester 4:16), wenn sie vor den König tritt: "Komme ich um, so komme ich um!"
In der großen Josefsgeschichte ist das der Wendepunkt zwischen der bitteren Trennung in Kanaan und dem überraschenden Wiedersehen in Ägypten ( 1. Mose 43:15ff) Matthew Henry. Wo Ausleger sich unterscheiden: Manche lesen Jakobs letzten Satz als Kapitulation eines gebrochenen alten Mannes, andere als reifen Glaubensakt – ich neige mit den meisten Kommentatoren zur zweiten Lesart.
Historischer Hintergrund
Wir befinden uns in der Erzväterzeit, grob im 19.–17. Jahrhundert vor Christus – eine genaue Jahreszahl lässt sich nicht festmachen, aber es ist die Welt der Nomadenfamilien, die mit Zelten, Herden und Brunnen leben, lange bevor es ein Volk Israel oder einen Staat gibt. Das Buch Mose (die Tora) wurde später aufgeschrieben und zusammengestellt, aber die Erzählung selbst atmet die Welt der Sippen und Familienverbände.
Die konkrete Lage: Eine Hungersnot hat das ganze Land erfasst – nicht nur Kanaan, sondern auch Ägypten, das aber dank Josefs kluger Vorratswirtschaft ( 1. Mose 41) noch Getreide hat. Jakobs Söhne mussten schon einmal nach Ägypten reisen, um Brot zu kaufen, und dort haben sie – ohne es zu wissen – vor ihrem eigenen Bruder Josef gestanden, den sie Jahre zuvor als Sklaven verkauft hatten. Josef hat Simeon als Pfand zurückbehalten und verlangt, dass sie bei der nächsten Reise Benjamin mitbringen, um ihre Ehrlichkeit zu beweisen.
Für Jakob ist das eine Katastrophe zweiter Ordnung: Er hat schon geglaubt, Josef sei von einem wilden Tier zerrissen worden. Simeon ist jetzt in fremder Hand. Und der ägyptische Herrscher – ein Fremder, ein Mann mit absoluter Macht über Leben und Tod, wie es in der damaligen Welt normal war – verlangt nun auch noch Benjamin, sein letztes Kind von seiner geliebten Rahel. In dieser Kultur war ein Mann ohne männliche Nachkommen praktisch ausgelöscht; der Verlust der Söhne war nicht nur persönlicher Schmerz, sondern der Untergang der ganzen Zukunft der Familie. Genau in diese Enge hinein spricht Jakob seinen Segen und sein Gebet über die Söhne, bevor er sie wieder ziehen lässt – ähnlich wie später ein Mundschenk namens Nehemia, bevor er vor den persischen König tritt ( Nehemia 1:11), oder wie Ester, bevor sie ungebeten vor den König geht ( Ester 4:16).
Ursprache
Der Gottesname, den Jakob wählt, ist kein Zufall: אֵל שַׁדַּי (El Schaddai), zusammengesetzt aus אֵל (ʼêl, H410) – "Stärke, der Mächtige" – und שַׁדַּי (Shadday, H7706) – "der Allmächtige" Strong's. Das ist genau der Name, unter dem Gott Abraham ( 1. Mose 17:1) und Jakob selbst ( 1. Mose 35:11) begegnet ist, als er unmögliche Verheißungen aussprach. Wenn Jakob ihn hier gebraucht, greift er bewusst nach dem Gott, der schon einmal Unmögliches wahr gemacht hat.
Das Wort für "Barmherzigkeit" ist רַחַם (racham, H7356) Strong's – ein Wort, das seine tiefste Wurzel im "Mutterschoß" hat, also im mütterlichen Erbarmen, das sich einem hilflosen Kind zuwendet. Jakob bittet nicht um kühle diplomatische Gnade, sondern um mütterliches, aus dem Innersten kommendes Mitleid – vor אִישׁ (ʼîysh, H376), "dem Mann", womit er (ohne es zu wissen) von seinem eigenen Sohn spricht.
Am Ende steht שָׁכֹל (shâkôl, H7921) Strong's – "kinderlos werden, beraubt werden, ein Kind verlieren". Die hebräische Form hier ist bewusst pathetisch zugespitzt (die Grammatiker nennen das eine "Pausa-Form", die die Emotion des Sprechers betont) Keil-Delitzsch Old Testament – Jakob spricht diesen Satz nicht sachlich, sondern mit zitternder Stimme. Es ist derselbe Klageklang, den man in "Komme ich um, so komme ich um!" ( Ester 4:16) wiederfindet.
Wie es auf Christus hinweist
Diese Geschichte ist voll von Vorausschatten auf Jesus, aber gerade dieser Vers zeigt vor allem das Herz eines Vaters, der loslassen muss, um Rettung zu ermöglichen. Jakob muss seinen geliebten Sohn Benjamin – "Sohn der rechten Hand" (so bedeutet der Name, H1144) – in fremde Hände, in ein fremdes Land geben, damit die ganze Familie überleben kann. Und ohne dass Jakob es weiß, ist der "Mann", vor dem er um Barmherzigkeit bittet, in Wahrheit der Sohn, den er verloren glaubte – der Retter, der längst bereitsteht, um seine Brüder zu versorgen, obwohl sie ihn einst verraten hatten.
Genau das ist die Bewegung des Evangeliums: Der Vater gibt seinen geliebten Sohn hin ( Johannes 3:16), und der Sohn, den man verworfen und verkauft hatte, wird zum Retter derer, die ihn verworfen haben ( Apostelgeschichte 2:23-24). Josef ist hier ein Bild – kein perfektes, aber ein bewegendes – auf Christus: verkauft von den Seinen, in die Tiefe hinabgestoßen, und doch am Ende derjenige, der Brot und Leben austeilt an die, die ihm Böses wollten ( 1. Mose 50:20).
Jakobs Satz "wenn ich doch der Kinder beraubt sein soll, so sei ich ihrer beraubt" ist auch ein leiser Vorklang auf Gethsemane: "Nicht mein, sondern dein Wille geschehe" ( Lukas 22:42). Es ist derselbe Glaube, den später die ersten Christen in Apostelgeschichte 21:14 aussprechen: "Des Herrn Wille geschehe!" Jakob kann nicht kontrollieren, was mit seinen Söhnen passiert – er kann nur loslassen in die Hand des Allmächtigen. Genau das tut der Vater am Kreuz, im viel größeren Maßstab: Er lässt seinen Sohn los, damit viele Söhne heimkommen ( Hebräer 2:10).
Für dein Leben
Es gibt Momente, in denen du alles getan hast, was du tun kannst, und trotzdem musst du loslassen, was dir am kostbarsten ist – und du weißt nicht, wie es ausgeht. Das ist Jakobs Situation. Kein cleverer Plan, kein Trick, keine Garantie. Nur ein Gebet und ein Satz, der aus zusammengebissenen Zähnen kommt: "wenn ich doch beraubt sein soll, so sei ich beraubt."
Frag dich ehrlich: Wo hältst du gerade etwas so fest, dass deine Knöchel weiß werden – ein Kind, eine Beziehung, ein Plan, eine Gesundheit, eine Kontrolle über dein Leben – weil Loslassen sich anfühlt wie Sterben? Jakob zeigt dir, dass Glaube nicht bedeutet, dass du keine Angst hast. Er betet mit zitternder Stimme. Aber er betet trotzdem, und dann handelt er trotzdem – er schickt sie los.
Das kostet etwas. Es kostet die Illusion, dass du die Kontrolle hast. Es kostet die Bequemlichkeit, alles unter deinen eigenen Händen zu behalten. Aber es öffnet den Raum dafür, dass Gott handeln kann, wo du am Ende deiner Möglichkeiten bist. Genau da, wo Jakob nichts mehr tun kann außer beten und loslassen, bereitet Gott längst die Rettung vor – durch einen Sohn, den Jakob tot glaubte.
Vielleicht ist heute der Tag, an dem du das Gleiche tun musst: nicht die Situation lösen, sondern loslassen, beten, und dann – komme, was wolle – vertrauen, dass der Allmächtige schon am Werk ist, lange bevor du es siehst.
Gebetsanliegen
- Herr, ich bringe dir das, was ich am meisten fürchte zu verlieren, und bitte dich um Kraft, es aus meinen Händen in deine zu legen.
- Allmächtiger Gott, gib mir Barmherzigkeit bei den Menschen, in deren Hand mein Weg gerade liegt.
- Ich bekenne, dass ich versuche, alles zu kontrollieren, statt dir zu vertrauen – vergib mir und lehre mich loszulassen.
- Wie Jakob will ich sagen: dein Wille geschehe, komme was wolle – hilf mir, das nicht nur mit dem Mund, sondern mit dem Herzen zu meinen.
- Danke, dass du der Gott bist, der aus Verlust noch Rettung schaffen kann, auch wenn ich es jetzt nicht sehen kann.
Zum Nachdenken
- Was hältst du gerade so fest, dass du innerlich weißt: Loslassen würde sich wie Sterben anfühlen?
- Jakob betet UND handelt – er lässt seine Söhne trotz seiner Angst wirklich gehen. Betest du nur, oder handelst du auch entsprechend deinem Gebet?
- Wo in deinem Leben nennst du Gott "der Allmächtige" nur mit den Lippen, lebst aber, als läge alles an dir?
- Kannst du ehrlich den Satz sagen: "Wenn ich es doch verlieren soll, so sei es so"? Was hindert dich daran?
- Wo hat Gott in deinem Leben schon einmal Rettung durch genau die Tür gebracht, die du am meisten gefürchtet hast?