Psalmen 14:3
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aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben; keiner ist, der Gutes tut, auch nicht einer!
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Lies den Satz langsam: „alle abgewichen", „allesamt verdorben", „keiner... auch nicht einer". Drei Hammerschläge, die dasselbe sagen, nur immer schärfer. David beschreibt hier keine Randgruppe von besonders bösen Menschen – er beschreibt die ganze Menschheit, wie sie ist, wenn Gott nicht dazwischenkommt. Das Wort „abgewichen" malt ein Bild: Leute, die vom Weg abkommen, wie eine Karawane, die sich verirrt. Es ist nicht in erster Linie von Einzeltaten die Rede, sondern von einer Richtungsänderung – man ist unterwegs, aber weg von Gott Keil-Delitzsch Old Testament. „Verdorben" ist noch drastischer: Es meint etwas, das sauer geworden ist, verfault, wie Fleisch, das man zu lange liegen ließ Jamieson-Fausset-Brown. Und dann der Nachsatz, der jede Hintertür schließt: keiner, wirklich keiner, tut Gutes.
Leicht zu überlesen: Vers 1 hatte gesagt, „der Tor spricht: es ist kein Gott" – und man denkt vielleicht, das gilt nur für diesen einen Narren. Aber Vers 2 zeigt Gott, der vom Himmel herabschaut, um „einen Verständigen" zu suchen, der „nach Gott fragt" – und Vers 3 ist das Ergebnis dieser Suche: nichts gefunden. Nicht ein Ausreißer, sondern die gesamte Menschheit steht unter demselben Urteil.
Dieser Psalm sitzt in einer Reihe von Klagepsalmen Davids, in denen er sich über Feinde und Verfolger beschwert – aber hier zieht er die Linie tiefer: Das eigentliche Problem ist nicht dieser oder jener Feind, sondern die verdorbene Natur, die alle Menschen teilen Matthew Henry. Die große Streitfrage unter Christen: Heißt „keiner tut Gutes" wirklich buchstäblich niemand – oder ist das orientalische Übertreibung, um die Schwere der Sünde zu betonen? Paulus in Römer 3,10-12 nimmt es wörtlich und macht daraus die Grundlage seiner Lehre, dass alle Menschen ausnahmslos unter der Sünde stehen.
Historischer Hintergrund
Dieser Psalm trägt die Überschrift „Von David" und stammt vermutlich aus der Zeit seiner Regierung, etwa 1000–970 v. Chr. Wir wissen nicht genau, welcher konkrete Anlass dahintersteht – manche vermuten die Verfolgung durch König Saul, andere den Aufstand seines Sohnes Absalom –, aber solche Vermutungen bleiben Spekulation Matthew Henry. Was wir sicher wissen: David hat sein Leben lang Verrat, Intrigen und Gewalt am eigenen Leib erfahren – von Männern, die ihm nach dem Leben trachteten, obwohl sie zum selben Volk Gottes gehörten.
Israel zur Zeit Davids verstand sich als das Volk, dem Gott sich in besonderer Weise offenbart hatte – mit dem Gesetz vom Sinai, mit dem Tempelkult, mit der Verheißung, Gottes Eigentum zu sein. Umso schockierender ist dieser Psalm: David richtet seinen Blick nicht nach außen, auf die heidnischen Völker, sondern zieht eine Linie, die sein eigenes Volk mit einschließt. Der „Tor" von Vers 1 ist kein Ausländer – er könnte der Nachbar sein, der Beamte am Hof, vielleicht sogar David selbst in schwachen Stunden.
In der Poesie des Alten Orients war es üblich, mit Bildern von Weg und Abweg, von Reinheit und Verderbnis zu arbeiten – Bilder, die jeder Hirte, jeder Bauer, jeder Händler sofort verstand: ein Weg, der aus der Spur gerät; Fleisch, das in der Hitze verdirbt. David nutzt diese vertrauten Bilder, um etwas Unbequemes zu sagen, das seine Zuhörer lieber nicht gehört hätten: dass die Fäulnis nicht nur „da draußen" bei den Fremden sitzt, sondern mitten im eigenen Haus, im eigenen Herzen. Später, in Psalm 53, wiederholt David fast wortgleich denselben Gedanken – ein Zeichen, wie zentral ihm diese Wahrheit war.
Ursprache
Das hebräische Verb hinter „abgewichen" ist סוּר (çûwr), H5493 – wörtlich: sich abwenden, vom Kurs abkommen Strong's. Es ist dasselbe Wortfeld, das benutzt wird, wenn jemand vom vorgeschriebenen Weg abbiegt – kein einmaliger Ausrutscher, sondern eine Bewegung weg von der Richtung, in die man gehen sollte.
Dann kommt יַחַד (yachad), H3162 – „zusammen", „vereint" Strong's. Das ist wichtig: Es ist keine Ansammlung einzelner, unabhängiger Fälle von Bösartigkeit. Es ist wie eine Fläche, die komplett bedeckt ist – „die Gesamtheit", wie Keil-Delitzsch es ausdrückt Keil-Delitzsch Old Testament.
Das Wort für „verdorben" ist אָלַח (ʼâlach), H444 – ursprünglich: trüb, sauer, verdorben werden, moralisch fauligwerden Strong's. Dasselbe Wort taucht in Hiob 15,16 auf, wo es Menschen beschreibt, die „Unrecht trinken wie Wasser". Es ist ein Bild aus der Küche oder dem Stall: Milch, die kippt, Fleisch, das riecht.
Und schließlich das doppelte Nein am Ende: אֵין... אֶחָד – „keiner... auch nicht einer", wobei אֶחָד (ʼechâd), H259, schlicht „eins" bedeutet Strong's. Das Hebräische liebt solche Verstärkungen: erst die allgemeine Verneinung, dann die Zahl „eins", um jede mögliche Ausnahme im Voraus zu ersticken. עָשָׂה (ʻâsâh), H6213, „tun, machen", und טוֹב (ṭôwb), H2896, „gut" – zusammen also „Gutes tun" – das ist die eine Handlung, die laut diesem Vers schlicht niemandem gelingt Strong's.
Wie es auf Christus hinweist
Paulus zitiert genau diesen Vers – zusammen mit Jesaja 64,6 und ähnlichen Stellen – in Römer 3,10-12, um den Boden für das Evangelium zu bereiten. Bevor er von Gnade sprechen kann, muss er zeigen: Es gibt niemanden, der sich retten könnte, weil es niemanden gibt, der die Prüfung besteht. Jude und Grieche, Fromme und Gottlose – alle stehen unter demselben Urteil, das David hier beschreibt. Und genau da, in Römer 3,21-24, wenige Verse später, kommt der Umschwung: „Jetzt aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden... die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesus Christus." Ohne Psalm 14,3 versteht man nicht, warum das Kreuz nötig war.
Denk an Jesaja 53,6, das ganz ähnlich klingt: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe" – dasselbe Bild vom Abweg, das David benutzt. Aber Jesaja fügt hinzu, was David noch nicht wissen konnte: „der HERR warf unser aller Schuld auf ihn." Auf wen? Auf den leidenden Knecht, der die Krankheit trägt, die eigentlich uns gehört.
Jesus ist der eine Mensch, von dem Vers 3 nicht gesagt werden kann. Er ist der Eine, der wirklich Gutes tat – nicht nur äußerlich, sondern von Herzen, sein ganzes Leben lang. Und weil er allein diese Bilanz vorweisen konnte, konnte er stellvertretend das Urteil tragen, das eigentlich über „alle" liegt. Am Kreuz nimmt er den Platz der Abgewichenen ein, damit die Abgewichenen seinen Platz bekommen. Das ist keine kleine, symbolische Rettung – es ist ein Tausch mit unendlichen Konsequenzen: Sein „Gutestun" wird dir angerechnet, dein „Abweichen" wird ihm angerechnet.
Für dein Leben
Es gibt eine leise Versuchung beim Lesen dieses Verses: Du denkst an die anderen. An Politiker, an Verbrecher, an diesen einen Menschen, der dir wehgetan hat. Aber David schreibt nicht „sie sind alle abgewichen" im Sinne von „die da drüben". Er schließt sich selbst ein – der Mann nach dem Herzen Gottes, der König, der Psalmen schrieb, der auch Mord und Ehebruch auf dem Gewissen hatte. Wenn David sich einschließen musste, tust du das auch.
Das ist unbequem, weil unsere Kultur uns ständig einredet, wir seien im Grunde gut, nur ein bisschen fehlgeleitet, nur ein paar schlechte Entscheidungen von der besten Version unserer selbst entfernt. Dieser Vers widerspricht dem frontal. Er sagt: nicht ein bisschen abgewichen, sondern verdorben, wie Fleisch, das man zu lange in der Sonne liegen ließ. Nicht die meisten tun Gutes, mit ein paar Ausnahmen – sondern keiner, auch nicht einer, aus eigener Kraft, ohne Gnade.
Das kostet dich etwas: die Illusion, dass du dich selbst retten könntest, dass du „gut genug" bist, dass Gott dich am Ende gegen die schlimmeren Leute abwägen wird und du schon irgendwie durchkommst. Dieser Vers zwingt dich, ehrlich in den Spiegel zu schauen, bevor du dich Gott zuwendest. Aber – und das ist entscheidend – er ist nicht das letzte Wort im Psalm. Vers 7 endet mit Hoffnung auf Rettung aus Zion. Die Diagnose ist brutal, damit die Rettung wirklich Rettung sein kann, keine Kosmetik. Heute, wenn du diesen Vers liest: Lass dir nicht ausreden, dass du die Ausnahme bist.
Gebetsanliegen
- Herr, ich gebe zu, dass ich nicht die Ausnahme bin – auch ich bin abgewichen, auch mein Herz ist mir fremder als ich zugeben will.
- Zeige mir die Stellen in meinem Leben, wo ich mich für „ganz in Ordnung" halte, obwohl ich es nicht bin.
- Danke, dass Jesus der Eine ist, der wirklich Gutes tat, und dass sein Leben mir angerechnet wird.
- Bewahre mich davor, andere zu verurteilen, während ich mich selbst für besser halte.
- Rette mich, Herr, nicht weil ich es verdiene, sondern weil du barmherzig bist.
Zum Nachdenken
- Wo in deinem Leben redest du dir ein, du seist die Ausnahme von diesem Vers?
- Wann hast du zuletzt gemerkt, dass dein Herz „abgewichen" ist – nicht in einer großen Sünde, sondern in einer leisen, alltäglichen Richtungsänderung weg von Gott?
- Wenn keiner Gutes tut, auch nicht einer – wie verändert das deinen Blick auf Menschen, die du gerade verurteilst?
- Fällt es dir leichter, an die Sündhaftigkeit „der Welt" zu glauben als an deine eigene? Warum?
- Was würde sich in deinem Alltag ändern, wenn du wirklich glaubtest, dass Rettung ganz und gar Gnade ist, nicht Verdienst?