Psalmen 13:5
Eine verständliche Vertiefung zu diesem Vers. Kapitel lesen →
daß mein Feind nicht sagen kann, er habe mich überwältigt, und meine Widersacher nicht frohlocken, weil ich wanke.
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Lies den Satz langsam: David bittet nicht in erster Linie um Rettung aus Angst vor dem Tod, sondern um Rettung vor einem Satz, den sein Feind sagen könnte: „Ich habe ihn überwältigt." Es geht um das letzte Wort. Wer das letzte Wort spricht, hat scheinbar recht – und David kann es nicht ertragen, dass sein Untergang wie ein Urteil über ihn (und über seinen Gott) klingen würde. Das Wort „wanke" malt ein Bild: jemand, der auf einem schmalen Grat steht und ins Straucheln gerät, kurz davor umzukippen. Genau in diesem Moment des Wankens würden die Gegner „frohlocken" – triumphierend jubeln, als hätten sie gewonnen.
Was man leicht übersieht: David bittet Gott nicht, den Feind zu vernichten. Er bittet, dass der Feind nicht behaupten kann, er habe gesiegt. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied – hier geht es um Ehre und Wahrheit, nicht um Rache. Wenn David fällt, würde das öffentlich so gelesen: Gott hat ihn im Stich gelassen. David verteidigt also nicht nur sein eigenes Leben, sondern Gottes Ruf.
Im Aufbau des Psalms steht dieser Vers am Scharnier: Fünf Verse voller Klage („Wie lange noch, HERR?"), dann das Gebet, und genau hier – am Übergang zur Zuversicht, die im nächsten Vers ausbricht Matthew Henry. Wer schon einmal beten musste, obwohl Gott schwieg, kennt diesen genauen Punkt: die Bitte, wenigstens nicht öffentlich beschämt zu werden, bevor die Antwort kommt.
Christen sind sich uneinig, wie man mit solchen Bitten gegen Feinde umgehen soll – manche lesen sie als legitime Sorge um Gottes Ehre, andere als menschliche, noch unreife Rachegefühle, die im Neuen Testament überwunden werden (vgl. Matthäus 5,44). Beide Lesarten ringen ehrlich mit dem Text.
Historischer Hintergrund
Die Überschrift nennt David als Verfasser und einen „Vorsänger" – das heißt, dieser Psalm war von Anfang an für den gemeinsamen Gottesdienst gedacht, nicht nur für die stille private Klage. Wann genau David das geschrieben hat, sagt der Text nicht Matthew Henry. Die grobe Zeit: David lebte um 1010–970 v. Chr., zunächst als gejagter Flüchtling vor König Saul, später als König mit eigenen inneren und äußeren Feinden – Absaloms Aufstand, Kriege mit Nachbarvölkern, Verrat aus dem eigenen Hof.
Man muss sich die Welt vorstellen, in der solche Gebete entstanden: keine Gerichtssäle mit Beweisaufnahme, sondern eine Ehrenkultur, in der öffentliche Niederlage gleichbedeutend war mit Gottesverlassenheit. Wenn ein Feind triumphierend rief „Wo ist jetzt dein Gott?", war das keine bloße Beleidigung – es war ein Angriff auf die Glaubwürdigkeit des ganzen Bundes zwischen Israel und dem HERRN. David, ob als Verfolgter in der Wüste Judäas oder als König, der plötzlich schwach wurde, wusste: seine Feinde warteten nur auf den Moment, in dem sie sagen könnten, Gott habe ihn verlassen.
Später, als Israel diesen Psalm im Tempel sang – vielleicht schon zur Zeit des ersten Tempels (ab etwa 950 v. Chr.), sicher aber weiterhin nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil (nach 538 v. Chr.), als der zweite Tempel stand –, bekam der Vers eine kollektive Dimension: nicht nur ein einzelner Mann, sondern das ganze Volk betete diese Worte, wenn fremde Mächte über Jerusalems Schwäche spotteten.
Ursprache
Das hebräische Wort für „wanken" steht hier nicht in den mir vorliegenden Belegen, aber sein Bild ist klar: ins Rutschen kommen, kurz vorm Fall. Genau diesem Bild antwortet das Wort direkt daneben im nächsten Vers: בָּטַח (bâṭach, H982) – „vertrauen", wörtlich aber „sich zum Schutz verstecken, Zuflucht suchen" Strong's. Das ist kein passives Gefühl, sondern eine Bewegung: du wankst, und dann wirfst du dich hinein in etwas Festes. Das Gegenteil von Wanken ist nicht Standhaftigkeit aus eigener Kraft – es ist Zuflucht.
Worauf David sich wirft, heißt חֵסֵד (chêçêd, H2617) – meist mit „Gnade" oder „Güte" übersetzt, aber das Wort trägt die ganze Wucht der Bundestreue in sich: die verlässliche, verpflichtende Liebe, die Gott seinem Volk zugesagt hat Strong's. David vertraut nicht auf ein Gefühl Gottes, sondern auf ein Versprechen.
Dann folgt לֵב (lêb, H3820) – „Herz", aber im Hebräischen viel mehr als Gefühl: der ganze innere Mensch, Wille, Verstand, Empfinden zusammen Strong's. Und dieses ganze Innere soll גִּיל (gîyl, H1523) – wörtlich „sich im Kreis drehen vor Erregung", also ausgelassen jubeln Strong's – erleben, und zwar wegen יְשׁוּעָה (yᵉshûwʻâh, H3444), „Rettung", von der Wurzel „retten" Strong's. Dieses Wort ist eng verwandt mit dem Namen Jeschua – Jesus. Wenn David von seiner „Rettung" singt, benutzt er dasselbe Wortfeld, aus dem später der Name des Retters selbst kommt.
Wie es auf Christus hinweist
Denk einmal an das Kreuz mit diesem Vers im Ohr. Da stand einer, der äußerlich vollkommen „überwältigt" wirkte – geschlagen, verspottet, an Händen und Füßen festgenagelt, unfähig, sich selbst herunterzuholen. Und genau da riefen seine Feinde triumphierend genau das, wovor David sich fürchtet: „Er hat anderen geholfen, sich selbst kann er nicht helfen!" ( Matthäus 27,42). Das war der Moment, in dem es aussah, als hätten die Gegner das letzte Wort. Als hätte der wankende Mann tatsächlich verloren.
Aber die Auferstehung war Gottes Antwort auf genau diese Bitte – nur größer, als David sie je hätte formulieren können. Der Feind konnte am Ende nicht sagen „ich habe ihn überwältigt". Das Grab war leer. Der Triumph der Spötter drehte sich um, und der Jubel, den David für sich erhoffte (dieses גִּיל, dieses ausgelassene Freuen), wurde am Ostermorgen Wirklichkeit für die ganze Welt.
Und das Wort יְשׁוּעָה, „Rettung", das David besingt, ist keine Zufälligkeit der Sprache: Es ist dieselbe Wurzel, aus der der Name Jesus (hebräisch Jeschua, „der HERR rettet") stammt. Wenn du diesen Psalm betest, betest du im Grunde nach dem Namen deines Retters – lange bevor er geboren wurde. David wusste noch nicht, wie Gott ihn retten würde. Du weißt es: durch einen, der selbst wankte am Kreuz, damit du nicht endgültig fallen musst.
Für dein Leben
Es gibt Momente, in denen du genau das spürst, was David hier in Worte fasst: du stehst auf wackligem Grund – finanziell, körperlich, seelisch, in einer Beziehung – und irgendjemand oder irgendeine innere Stimme wartet nur darauf zu sagen: „Siehst du, ich hab's dir gesagt. Gott ist nicht bei dir." Vielleicht ist es ein Kollege, der dich hat scheitern sehen. Vielleicht ist es dein eigener innerer Ankläger.
David lehrt dich hier etwas Unbequemes: Es ist erlaubt, das laut vor Gott zu sagen. Nicht schön verpackt, nicht fromm geglättet – roh: „Lass sie nicht triumphieren über mein Wanken." Das ist kein Mangel an Glauben. Es ist der Anfang von echtem Glauben, weil du aufhörst, so zu tun, als würdest du nicht wanken.
Die Kosten dieses Verses: Ehrlichkeit. Du musst zugeben, dass du gerade nicht stehst, sondern kippst. Das kostet Stolz. Es ist leichter, ein tapferes Gesicht aufzusetzen, als Gott zu sagen: „Ich falle gerade, und es sieht so aus, als würdest du zuschauen." Aber genau diese Ehrlichkeit ist der Türspalt, durch den das Vertrauen des nächsten Verses hereinkommt – das Vertrauen, das nicht wartet, bis der Sturz aufhört, sondern sich mitten im Wanken an Gottes Treue klammert Keil-Delitzsch Old Testament.
Frag dich heute Abend ehrlich: Wo wankst du gerade? Und traust du dich, Gott genau das zu sagen – nicht die geglättete, sondern die echte Version? </SERMONETT