Psalmen 135:6
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Alles, was er will, das tut der HERR im Himmel und auf Erden, im Meer und in allen Tiefen:
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Lies den Satz langsam: "Alles, was er will, das tut der HERR." Nicht "alles, was er kann" – sondern alles, was er will. Das ist der Unterschied zwischen einem König mit Macht und einem König mit Macht und freiem Willen, der durch nichts eingeschränkt wird. Der Psalmist zählt dann die vier Stockwerke der ganzen Schöpfung auf: Himmel, Erde, Meer, und die "Tiefen" – damit ist wahrscheinlich der Ozeanboden gemeint, oder sogar die unterirdischen Wasserquellen, die man sich als das dunkelste, unzugänglichste Gebiet der Welt vorstellte. Es gibt also keinen Ort, egal wie hoch oder wie tief, wo Gottes Wille nicht regiert.
Was man leicht überliest: Das ist kein philosophisches Statement über Allmacht im Abstrakten. Es steht mitten in einem Loblied Matthew Henry, das aufzählt, was Gott konkret getan hat – Israel aus Ägypten geführt, Könige geschlagen, ein Land gegeben (Verse 8–12). Der Vers 6 ist die Überschrift, die Begründung dafür, warum diese Geschichte überhaupt Sinn ergibt: weil der, der sie geschrieben hat, wirklich der Herr über alles ist, nicht nur über ein Stück Land am Mittelmeer.
Hier liegt auch der Punkt, an dem sich Christen seit Jahrhunderten reiben: Wenn Gott wirklich alles tut, was er will, wie steht es dann um menschliche Freiheit, um das Böse in der Welt, um Leid? Manche lesen diesen Vers als reine Ermutigung – nichts entgleitet Gott. Andere ringen damit, weil er auch bedeutet: Gott hätte manches verhindern können und hat es nicht. Der Psalm selbst löst dieses Rätsel nicht auf – er lädt eher zur Anbetung ein als zur Erklärung.
Historischer Hintergrund
Psalm 135 gehört zu einer Gruppe von Loblied-Psalmen, die vermutlich im Tempelgottesdienst nach der babylonischen Gefangenschaft gesungen wurden – also nach 538 v. Chr., als die Perser den Juden erlaubten, aus Babylon zurückzukehren und den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Wer genau ihn geschrieben hat, wissen wir nicht; er trägt keinen Autorennamen, anders als viele Davidspsalmen.
Stell dir die Situation vor: Ein Volk, das gerade erst aus der Fremdherrschaft zurückgekehrt ist, dessen Tempel in Trümmern lag, dessen Königtum zerbrochen war. Sie hatten gesehen, wie mächtige Reiche – Assyrien, Babylon – über sie herrschten, wie fremde Götter (Baal, Marduk, die Götzen Ägyptens) angebetet wurden, während ihr eigener Gott scheinbar geschwiegen hatte. In diesem Klima ist ein Vers wie dieser eine steile Behauptung: Nicht Nebukadnezar, nicht die Götzen Babylons, sondern der HERR, der Gott Israels, ist derjenige, der wirklich tut, was er will – überall, auch in Babylon, auch im Exil.
Der Psalm zitiert bewusst ältere Texte – Psalm 115:3 sagt fast wortwörtlich dasselbe – und webt Erinnerungen an die Herausführung aus Ägypten und die Landnahme ein (Verse 8–12). Das war Erinnerungsarbeit für eine Generation, die ihre eigene Geschichte fast verloren hätte: Wir singen nicht, weil alles gut aussieht, sondern weil wir wissen, wer wirklich regiert.
Ursprache
Das Herzstück des Verses ist das Zusammenspiel zweier hebräischer Wörter: חָפֵץ (châphêts, H2654) und עָשָׂה (ʻâsâh, H6213) Strong's. Châphêts bedeutet nicht bloß "wollen" im Sinne von "beschließen", sondern eher "Lust haben an", "sich zuneigen zu" – es steckt ein Element von Zuneigung, von innerem Wohlgefallen drin, nicht nur kalte Entscheidungsmacht. Und ʻâsâh ist das ganz gewöhnliche Wort für "machen, tun" – dasselbe Verb, das in 1. Mose 1 für Gottes Schöpfungshandeln benutzt wird. Zusammen heißt der Satz also fast: "Woran der HERR Gefallen findet, das bringt er auch zur Ausführung." Wille und Tat fallen bei ihm nie auseinander – bei Menschen oft schon.
Der Name יְהֹוָה (Yᵉhôvâh, H3068) Strong's – der Eigenname Gottes, abgeleitet von der Wurzel "sein/existieren" – steht bewusst hier, nicht ein allgemeines Wort für "Gott". Es ist der Bundesname, der Name, den Gott Mose am brennenden Dornbusch offenbart hat. Der Psalm sagt also nicht "irgendeine göttliche Macht tut, was sie will", sondern: der Gott, der sich Israel persönlich zu erkennen gegeben hat, ist derselbe, der über die ganze Schöpfung regiert.
Und dann die vier Räume: שָׁמַיִם (shâmayim, H8064) "Himmel", אֶרֶץ (ʼerets, H776) "Erde", יָם (yâm, H3220) "Meer" und תְּהוֹם (tᵉhôwm, H8415) "die Tiefe, der Abgrund" Strong's – dasselbe Wort, das in 1. Mose 1,2 für die urzeitliche Wasserflut steht, über der der Geist Gottes schwebte. Der Klang dieses Wortes trägt etwas Unheimliches, Chaotisches – und genau da, im Chaos, sagt der Psalm: auch dort tut er, was er will.
Wie es auf Christus hinweist
Wenn du diesen Vers liest und dann zu Matthäus 28,18 springst, hörst du fast ein Echo: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden." Der auferstandene Jesus beansprucht genau die Reichweite, die Psalm 135,6 dem HERRN zuschreibt – Himmel und Erde, ohne Rest. Das ist keine zufällige Formulierung. Matthäus will, dass du den Anspruch Jesu im Licht des ganzen Alten Testaments hörst: Der, der da vor den Jüngern steht, beansprucht nichts Geringeres als das, was Israel Jahrhunderte lang seinem Gott zugesungen hat.
Und dann gibt es noch das leisere, aber sehr konkrete Echo in Matthäus 14,25: Jesus geht auf dem Meer. Denk an die "Tiefen" (תְּהוֹם) aus unserem Vers – das dunkle, chaotische, unkontrollierbare Element, über das nur Gott Macht hat (siehe auch Amos 9,6, wo der HERR den Meereswassern befiehlt). Wenn Jesus über genau dieses Element geht, als wäre es fester Boden, ist das kein bloßes Wunder zur Show. Es ist eine leise, aber unmissverständliche Behauptung: Der, der über den Wellen wandelt, ist derselbe, der "im Meer und in allen Tiefen" tut, was er will.
Das ist keine erzwungene Verbindung – die neutestamentlichen Autoren selbst haben diese Sprache bewusst aufgegriffen. Was sich im Alten Testament als Beschreibung des unsichtbaren, souveränen Gottes findet, wird im Neuen Testament auf einen konkreten, greifbaren Menschen übertragen, der isst, schläft, weint – und trotzdem den Sturm zum Schweigen bringt. Wenn du an Jesus glaubst, glaubst du nicht an einen zweiten Gott neben dem HERRN aus Psalm 135, sondern an denselben Willen, dieselbe Macht, jetzt mit einem menschlichen Gesicht.
Für dein Leben
Sei ehrlich mit dir: Wie oft betest du eigentlich so, als würdest du diesen Vers glauben? Die meiste Zeit lebst du vermutlich so, als hinge das Ergebnis deines Lebens von deiner eigenen Kontrolle ab – von deiner Planung, deiner Anstrengung, deiner Angst, die dich nachts wachhält. Und dieser Vers stellt sich einfach vor dich hin und sagt: Nein. Nicht du hältst die Fäden. Nicht dein Chef, nicht die Politik, nicht die Diagnose, die dir Angst macht. Der HERR tut, was er will – im Himmel, auf der Erde, im Meer, in den Tiefen. Auch in den Tiefen deines Lebens, die gerade dunkel und undurchsichtig sind wie das tᵉhôwm.
Das ist tröstlich – aber es kostet dich auch etwas. Es kostet dir die Illusion, dass du der Regisseur deines eigenen Lebens bist. Wenn Gott wirklich tut, was er will, dann bist du nicht der letzte Entscheider über deine Zukunft. Das kann sich anfühlen wie ein Verlust der Kontrolle – weil es genau das ist. Aber die Frage, die dieser Vers dir stellt, ist nicht "Kannst du das akzeptieren?", sondern "Vertraust du dem, dessen Wille es ist?" Denn hier steckt ein zweiter Gedanke drin, den man leicht übersieht: Sein Wille ist kein kaltes Fatum, sondern ein Wille, der sich in Jesus konkret als liebend, rettend, treu erwiesen hat. Kannst du heute, in dem, was dich beunruhigt, sagen: Er tut, was er will – und ich vertraue, dass es gut ist, weil ich weiß, wer er ist?
Gebetsanliegen
- Herr, ich bekenne, dass ich oft so lebe, als würde ich die Kontrolle über mein Leben haben – vergib mir meine Angst, die aus diesem falschen Glauben kommt.
- Danke, dass es keinen Ort gibt – nicht in den Höhen, nicht in den Tiefen meines Lebens – wo dein Wille nicht regiert.
- Hilf mir, in der Sache, die mich gerade am meisten beunruhigt, deinem Willen zu vertrauen, auch wenn ich das Ergebnis noch nicht sehe.
- Ich bete, dass ich Jesus, der über den Wellen wandelt, nicht nur als Wundertäter sehe, sondern als denselben Herrn, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist.
- Gib mir ein Herz, das über deine Souveränität nicht nur nachdenkt, sondern dich dafür anbetet.
Zum Nachdenken
- Wo in deinem Leben kämpfst du gerade am härtesten darum, die Kontrolle zu behalten – und was würde es bedeuten, das loszulassen?
- Wenn du wirklich glaubst, dass Gott tut, was er will, warum betest du dann manchmal wie jemand, der ihn erst überzeugen muss?
- Gibt es eine "Tiefe" in deinem Leben – etwas Dunkles, Chaotisches, Unkontrollierbares – von dem du insgeheim denkst, Gott hätte dort keinen Zugriff?
- Wie verändert sich dein Blick auf Jesus, wenn du ihn nicht nur als guten Menschen, sondern als den siehst, der über dem Meer geht wie über festem Boden?
- Was kostet es dich konkret, diese Woche so zu leben, als sei Gottes Wille tatsächlich das Letzte, das zählt?