Psalmen 12:5
Eine verständliche Vertiefung zu diesem Vers. Kapitel lesen →
die da sagen: »Wir wollen mit unsern Zungen herrschen, unsere Lippen stehen uns bei! Wer wird uns meistern?«
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Schau dir den Satz genau an: Er steht in Anführungszeichen. Der Psalmist zitiert hier wörtlich, was die Gottlosen sagen – nicht was er selbst denkt. Das ist wichtig, denn sonst liest du diesen Vers als frommen Ausspruch, dabei ist es eine Karikatur der Arroganz. „Wir wollen mit unsern Zungen herrschen" – die Zunge wird zur Waffe, zum Herrschaftsinstrument. Nicht Schwert, nicht Gesetz, sondern Worte: Lügen, Schmeicheleien, Verleumdung, geschickte Rede, die andere klein macht und einen selbst groß. „Unsere Lippen stehen uns bei" heißt wörtlich so etwas wie: unsere Lippen gehören uns, wir müssen niemandem Rechenschaft ablegen für das, was wir sagen. Und die Krönung: „Wer wird uns meistern?" – wer will uns je zur Verantwortung ziehen?
In der deutschen Zählung (die die Überschrift als Vers 1 mitzählt) ist das der Vers, den englische und viele andere Bibeln als Vers 4 kennen. Merk dir das, denn es erklärt, warum manche Kommentare, die du zu diesem Kapitel liest, scheinbar „einen Vers weiter" sprechen.
Im großen Bogen des Psalms sitzt dieser Satz genau an der Kippstelle. Davor (Verse 2–4) klagt David: Die Treuen sterben aus, jeder redet Falschheit mit „glatter Lippe und doppeltem Herzen". Hier hörst du diese Falschheit einmal live, im O-Ton der Täter. Und direkt danach – Vers 6 – antwortet Gott selbst: „Nun will ich mich aufmachen." Der ganze Psalm lebt von diesem Kontrast: menschliche Selbstermächtigung durch Worte gegen Gottes Wort, das tatsächlich hält, was es verspricht (Vers 7). Manche Ausleger streiten sich, ob „unsere Lippen stehen uns bei" eher heißt „unsere Lippen sind unser Eigentum" oder „unsere Lippen kämpfen für uns" – der Grundgedanke bleibt derselbe: keine Autorität über uns.
Historischer Hintergrund
Die Überschrift ordnet den Psalm David zu, und viele Ausleger vermuten die Zeit König Sauls, als am Hof und im Land Ehrlichkeit und Frömmigkeit rapide verfielen Matthew Henry. Das ist konkret vorstellbar: David selbst wurde von falschen Freunden verraten und von offenen Feinden bedroht, in einer Zeit voller Intrigen, Verleumdungen und höfischer Machtspiele. Es gab keine Presse, keine Gerichte, die schnelle Wahrheitsfindung garantierten – wer mit gewandter Zunge log oder schmeichelte, konnte damit tatsächlich jemandes Ruf zerstören, einen Rivalen ausschalten oder sich selbst an die Macht reden. Worte waren keine Nebensache, sie waren ein reales Machtinstrument, so wie heute Gerüchte, Verleumdungen oder geschickt gestreute Lügen ganze Karrieren vernichten können.
Der Psalm trägt die musikalische Angabe „Sheminith" (wahrscheinlich eine tiefere Tonlage oder ein Instrument mit acht Saiten) und wurde offenbar für den öffentlichen Gottesdienst bestimmt – also nicht nur Davids privates Stoßgebet, sondern ein Lied, das die ganze versammelte Gemeinde mitsingen und mitbeten sollte, wenn Lüge und Unterdrückung überhandnahmen. Das passt zur Zeit: In einer Kultur, in der es keine geschriebenen Verträge oder Aufzeichnungen im heutigen Sinn gab, war das gesprochene Wort bindend und mächtig – ein falscher Zeuge, ein raffinierter Verleumder konnte das Leben eines Menschen zerstören, ohne je ein Schwert zu heben. Genau diese Angst und diese Erfahrung stecken hinter diesem Vers.
Ursprache
Der Vers beginnt im Hebräischen mit dem Verb אָמַר (ʼâmar, H559) – „sagen" Strong's. Es ist ein unscheinbares Wort, aber es markiert genau das, was du beachten sollst: Das ist ein Zitat, keine eigene Rede des Psalmisten. Gott lässt uns die Bosheit im Originalton hören, bevor er antwortet.
Und die Antwort kommt sofort danach, im selben Atemzug des Psalms (hebräisch Vers 5, deutsch Vers 6). Dort steht קוּם (qûwm, H6965), „sich erheben, aufstehen" Strong's – Gott selbst „steht auf", genau wie die Prahler behaupten, niemand könne sie „meistern". Das ist die literarische Pointe: Die Menschen fragen trotzig „Wer wird uns meistern?", und Gott antwortet nicht mit Worten, sondern mit Aufstehen.
Wichtig ist auch das Wortpaar עָנִי (ʻânîy, H6041, „gebeugt, elend") und אֶבְיוֹן (ʼebyôwn, H34, „bedürftig, mittellos") Strong's – genau die Menschen, die unter den glatten Zungen der Mächtigen leiden. Ihr Stöhnen heißt אֲנָקָה (ʼănâqâh, H603, „Seufzen, Schreien") Strong's – ein Wort, das fast lautmalerisch klingt, wie ein unterdrücktes Ächzen. Und das Ziel von Gottes Eingreifen ist יֶשַׁע (*y