Psalmen 115:3
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Aber unser Gott ist ja im Himmel; er tut alles, was er will.
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Lies den Satz zweimal. Zuerst steht ein kleines Wörtchen da, das leicht überlesen wird: "Aber". Der Psalm hat gerade die Frage der Völker zitiert: "Wo ist denn ihr Gott?" ( Psalm 115,2) – ein Spott, eine Provokation. Und die Antwort Israels beginnt nicht mit einem Argument, sondern mit einem Gegensatz: Aber unser Gott – anders als eure Götzen aus Holz und Stein, die gleich danach beschrieben werden mit Mündern, die nicht reden, Augen, die nicht sehen Keil-Delitzsch Old Testament – unser Gott ist im Himmel.
Das ist keine geografische Aussage, als wohne Gott irgendwo weit weg. "Im Himmel" heißt: er ist nicht Teil dieser Welt, nicht herstellbar, nicht kontrollierbar, nicht ein Ding unter Dingen. Er thront über allem, was ist John Gill. Und aus dieser Erhabenheit folgt der zweite Satzteil, der eigentliche Hammer: "er tut alles, was er will." Nicht: er kann alles tun. Sondern: er tut es tatsächlich. Sein Wille wird nicht durchkreuzt – nicht von Menschen, nicht von Umständen, nicht von Zeit.
Leicht zu übersehen: Das ist kein philosophisches Statement über Allmacht im Allgemeinen, sondern eine Trotzantwort mitten in einer Krise. Der Psalm wurde wahrscheinlich in einer Zeit gesungen, in der Israel bedrängt, vielleicht sogar gedemütigt war, während die Nachbarvölker ihren Gott lächerlich machten Matthew Henry. Das Bekenntnis zur Souveränität Gottes ist hier kein kühler Lehrsatz, sondern ein Akt des Trotzes im Dunkeln.
Wo Christen sich seit Jahrhunderten uneinig sind: Bedeutet "alles, was er will" auch das Böse, das Leid, das Elend dieser Welt? Calvinistisch geprägte Leser sagen: ja, in dem Sinn, dass nichts ohne Gottes zulassenden oder lenkenden Willen geschieht. Andere betonen stärker die menschliche Freiheit und sehen hier vor allem Gottes letztendliche Souveränität über den Ausgang der Geschichte, nicht über jedes Detail. Der Vers selbst gibt keine Feinregelung – er gibt eine Haltung.
Historischer Hintergrund
Psalm 115 gehört zu den sogenannten "Hallel"-Psalmen ( Psalm 113–118), die beim jüdischen Passahfest gesungen wurden – wahrscheinlich auch von Jesus und seinen Jüngern am Abend vor seiner Kreuzigung (vgl. Matthäus 26,30, wo von einem Lobgesang nach dem letzten Abendmahl die Rede ist). Wer genau den Psalm geschrieben hat, wissen wir nicht – er ist anonym überliefert, wie viele Psalmen aus der Zeit nach dem babylonischen Exil, also nach 538 v. Chr., als die Perser den Juden erlaubten, aus Babylon nach Jerusalem zurückzukehren.
Der Ton des Psalms passt gut in diese Nachexilszeit: Ein kleines, wiederaufgebautes Volk, umgeben von mächtigeren Nachbarn, die eigene, sichtbare Götterbilder anbeteten – goldene und silberne Statuen, die man tragen, anschauen, berühren konnte. Und diese Nachbarn stellten die spöttische Frage: "Wo ist denn ihr Gott?" ( Psalm 115,2). Das war keine harmlose Frage. In der antiken Welt bewies ein Gott seine Existenz und Macht durch sichtbaren Erfolg – Sieg im Krieg, Wohlstand, ein prächtiger Tempel. Israel hatte nach dem Exil nichts davon in beeindruckendem Maß vorzuweisen: kein großes Reich, keinen goldenen Tempel wie einst Salomos, sondern ein bescheidenes, oft bedrängtes Volk.
In diese Situation hinein singt der Psalmist nicht eine Verteidigungsrede, sondern ein Bekenntnis. Er dreht die Logik um: Ihr habt Götter, die man sehen kann, aber die nichts tun können. Wir haben einen Gott, den man nicht sehen kann, aber der alles tut, was er will. Das war eine gewagte Behauptung angesichts der äußeren Umstände – ein Glaube, der sich nicht an sichtbarem Erfolg festmacht, sondern an der Art, wer Gott ist.
Ursprache
Das hebräische Wort für "Gott" hier ist אֱלֹהִים (ʼĕlôhîym, H430) Strong's – grammatisch eine Pluralform, aber im Hebräischen ganz normal auf den einen, wahren Gott angewendet als eine Art "Steigerungsform": nicht "Götter" im Sinn von mehreren, sondern der Gott, der über allem steht, was den Namen "Gott" jemals beanspruchen könnte.
שָׁמַיִם (shâmayim, H8064) Strong's ist "Himmel" – wörtlich eine Dualform, die auf das gewölbte Firmament anspielt, in dem Wolken ziehen, und zugleich auf den höheren Raum, in dem Sonne, Mond und Sterne ihre Bahn ziehen. Es ist ein Wort für "das, was über uns liegt und außerhalb unserer Reichweite ist" – ein sehr konkretes Bild für Gottes Unerreichbarkeit durch menschliche Hände (im Gegensatz zu den Götzenbildern, die man mit den Händen formt).
Das Verb für "tun" ist עָשָׂה (ʻâsâh, H6213) Strong's – ein sehr breites, alltägliches Wort für "machen, tun, herstellen", dasselbe Wort, das in 1. Mose 1 für Gottes Schöpferhandeln benutzt wird. Es ist kein exotisches Wort für "wirken" im theologischen Sinn, sondern das ganz normale Wort für "etwas tatsächlich vollbringen".
Und "was er will" – das Verb dahinter ist חָפֵץ (châphêts, H2654) Strong's, das eigentlich "Neigung, Lust, Wohlgefallen" bedeutet. Es ist nicht nur ein kaltes "beschließen", sondern ein "sich zu etwas hingezogen fühlen, Freude daran haben". Gott tut nicht nur, was er beschlossen hat – er tut, wozu er Lust hat, was ihm gefällt. Das macht den Vers persönlicher, als eine bloße Souveränitätsformel klingen würde.
Wie es auf Christus hinweist
Dieser Vers ist kein direktes Prophetenwort über den Messias, aber er zeichnet den Charakter Gottes, den Jesus dann in Person zeigt. Wenn Jesus im Sturm auf dem See steht und sagt "Schweig, verstumme!" ( Markus 4,39), und der Wind gehorcht – da siehst du leibhaftig, was Psalm 115,3 behauptet: Gott im Himmel tut, was er will, und die Naturgesetze widersprechen ihm nicht.
Aber die tiefere Verbindung liegt woanders. Paulus zitiert fast wortwörtlich diesen Gedanken in Epheser 1,11, wenn er von Gott spricht, "der alles wirkt nach dem Ratschluß seines Willens" – und zwar direkt im Zusammenhang damit, dass wir "in Christus" Erben geworden sind. Das heißt: Die Souveränität, die Psalm 115,3 im Allgemeinen über Gott behauptet, wird im Neuen Testament konkret auf das Kreuz angewendet. Das Kreuz war keine Panne, kein Plan-B, keine Niederlage Gottes durch böse Menschen – es war, wie Petrus in Apostelgeschichte 2,23 sagt, "nach Gottes festgesetztem Ratschluss und Vorherwissen" geschehen. Der Gott, der alles tut, was ihm gefällt, hat es ihm gefallen, seinen Sohn für dich hinzugeben.
Das ist der Punkt, an dem der Vers aufhört, bloß beeindruckend zu sein, und anfängt, tröstlich zu werden. Ein Gott, der einfach nur allmächtig ist, könnte auch gleichgültig sein. Aber der Gott, dessen Wille sich am Kreuz zeigt, ist ein Gott, dessen unwiderstehlicher Wille Rettung, nicht Willkür ist. Wenn du also in Psalm 115,3 liest "er tut alles, was er will", darfst du das nicht loslösen von dem, was er tatsächlich getan hat: Er wollte einen Sohn opfern, um dich heimzuholen. Das ist keine kalte Souveränität – das ist Souveränität mit einem Kreuz in der Mitte.
Für dein Leben
Hier ist die unbequeme Frage, die dieser Vers dir stellt: Glaubst du das wirklich, oder nickst du nur zustimmend, solange dein Leben nach Plan läuft?
Der Psalm wurde nicht im Wohlstand gesungen, sondern in einer Zeit, in der Menschen Israel spöttisch fragten: "Wo ist denn euer Gott?" Vielleicht stellt dir gerade jemand diese Frage – nicht mit Worten, aber mit einem Blick, wenn du von deinem Glauben erzählst und dein Leben äußerlich nicht danach aussieht, als hätte Gott alles im Griff. Vielleicht stellst du dir selbst diese Frage, mitten in der Nacht, wenn die Diagnose gekommen ist oder die Beziehung zerbrochen oder das Gebet unbeantwortet blieb.
Der Vers verlangt von dir keine Erklärung, warum Gott das oder jenes zugelassen hat. Er verlangt etwas Härteres: ein Bekenntnis mitten im Nichtverstehen. "Aber unser Gott" – trotz allem, was gerade nicht so aussieht, als hätte er alles im Griff. Das kostet dich etwas: die Illusion, dass du Gottes Handeln verstehen oder gar rechtfertigen musst, bevor du ihm vertraust.
Und es kostet dich noch etwas: die Kontrolle. Wenn Gott wirklich tut, was er will, dann bist du nicht der Regisseur deines Lebens. Das kann beängstigend klingen – bis du dich fragst, wessen Wille du lieber am Ruder hättest: deinen eigenen, begrenzten, ängstlichen, kurzsichtigen Willen, oder den Willen dessen, der seinen eigenen Sohn für dich hingegeben hat? Lege heute etwas ab, das du krampfhaft festhältst, weil du glaubst, du müsstest es kontrollieren. Er ist im Himmel. Du bist es nicht. Das ist keine schlechte Nachricht.
Gebetsanliegen
- Vater, ich bekenne, dass ich oft so tue, als müsste ich alles kontrollieren – hilf mir, dir wirklich zu vertrauen, dass du im Himmel bist und tust, was du willst.
- Herr, wenn Menschen um mich herum fragen "Wo ist denn dein Gott?", gib mir den Mut, mein Vertrauen zu bekennen, auch wenn meine Umstände nicht danach aussehen.
- Ich danke dir, dass dein Wille am Kreuz sichtbar wurde – nicht als Willkür, sondern als Liebe, die mich rettet.
- Gott, zeig mir die Bereiche in meinem Leben, wo ich dir die Souveränität nicht wirklich zugestehe, und hilf mir, sie loszulassen.
- Schenke mir Frieden angesichts dessen, was ich nicht verstehe, weil ich weiß, wer im Himmel thront.
Zum Nachdenken
- In welchem Bereich deines Lebens tust du gerade so, als läge die Kontrolle bei dir, nicht bei Gott?
- Wenn jemand dich fragen würde "Wo ist denn dein Gott?" angesichts deiner aktuellen Umstände – was würdest du ehrlich antworten?
- Gibt es etwas, das Gott getan oder zugelassen hat, das du ihm innerlich noch nicht verziehen hast?
- Macht dich der Gedanke, dass Gott "alles tut, was er will", eher ängstlich oder eher getrost – und warum genau?
- Wo in deinem Leben verwechselst du sichtbaren Erfolg mit dem Beweis für Gottes Gegenwart?