Psalmen 107:20
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Er sandte sein Wort und machte sie gesund und ließ sie ihren Gräbern entrinnen,
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Was es bedeutet
Schau dir den Satz genau an: "Er sandte sein Wort und machte sie gesund und ließ sie ihren Gräbern entrinnen." Kein Zauberspruch, kein Ritual, keine Medizin wird hier erwähnt – nur ein Wort, das Gott aussendet, und das reicht. Das ist der Kern: Gott muss nicht handgreiflich eingreifen wie ein Chirurg, er spricht, und die Sache geschieht Tyndale.
Diese Zeile steht mitten in Psalm 107, der wie ein Bilderbogen vier verschiedene Notlagen durchgeht – Verirrte in der Wüste (V. 4-9), Gefangene in Ketten (V. 10-16), Kranke am Rand des Grabes (V. 17-22) und Seeleute in einem tödlichen Sturm (V. 23-32) Matthew Henry. Unser Vers gehört zur dritten Gruppe: Menschen, die wegen ihrer eigenen Torheit und Schuld (V. 17!) krank geworden sind, "ihrer Speise ekelte ihnen" und sie "nahten sich zu den Toren des Todes" (V. 18). Erst dann schreien sie zu Gott – und er antwortet nicht mit einer Predigt, sondern mit Rettung.
Leicht zu übersehen: "ihren Gräbern entrinnen" ist wörtlicher gemeint, als man denkt. Diese Leute standen nicht nur "irgendwie schlecht da" – sie waren buchstäblich auf dem Weg ins Grab. Das Wort Gottes holt sie von der Türschwelle des Todes zurück.
Wo Christen unterschiedlich lesen: Manche sehen hier vor allem körperliche Heilung als Muster für Gebet bei Krankheit; andere lesen das "Wort" breiter – als Bild für jedes rettende Eingreifen Gottes, ob körperlich, seelisch oder geistlich, wie es auch in Psalm 147,15 beschrieben wird, wo Gottes Wort "gar schnell" auf der Erde läuft.
Historischer Hintergrund
Psalm 107 ist ein Loblied ohne Verfassernamen, aber die meisten Ausleger setzen ihn nach der babylonischen Gefangenschaft an – also nach 539 v. Chr., als der Perserkönig Kyros den Judäern erlaubte, aus Babylon nach Jerusalem heimzukehren. Der erste Vers des Psalms ruft dazu auf, dass "die Erlösten des HERRN" erzählen sollen, "die er aus der Hand des Bedrängers erlöst hat" (V. 2) – das passt genau zu einer Gemeinde, die gerade selbst aus der Fremde zurückgekehrt ist.
Der Psalm ist wie ein liturgisches Sammelalbum gebaut: Er nimmt vier typische Notlagen der damaligen Welt und macht daraus vier kleine Erzählungen, jede mit demselben Refrain ("da schrien sie zum HERRN in ihrer Not..."). Das war keine akademische Übung, sondern etwas, das man beim Gottesdienst gemeinsam sang – vermutlich beim Erntedankfest oder bei einem Dankopfer, wenn Menschen, die tatsächlich gerade eine Krankheit, eine Gefangenschaft oder eine Seereise überlebt hatten, öffentlich Zeugnis ablegten und ihr Gelübde einlösten (vgl. Psalm 56,13, wo genau dieses Muster – Gelübde und Dankopfer nach Rettung – beschrieben wird).
Die dritte Strophe, in der unser Vers steht, spricht von Kranken, deren Leiden ausdrücklich als Folge ihrer eigenen "Übertretung" (V. 17) beschrieben wird – im alten Israel war Krankheit oft eng mit der Frage nach Schuld verknüpft, auch wenn das Alte Testament (siehe Hiob) diese einfache Gleichung immer wieder in Frage stellt. Für die Hörer war das eine vertraute Realität: keine Krankenhäuser, keine Antibiotika, nur das Gebet und die Hoffnung, dass der Gott Israels tatsächlich eingreift, wenn man zu ihm schreit.
Ursprache
Das Verb, das alles trägt, ist שָׁלַח (shâlach, H7971) – "aussenden, wegschicken" Strong's. Es ist dasselbe Verb, das benutzt wird, wenn Gott einen Boten, einen Engel oder einen Propheten schickt. Hier schickt er kein Wesen, sondern דָּבָר (dâbâr, H1697) – ein "Wort", das aber im Hebräischen viel mehr meint als nur Laute in der Luft: dâbâr kann auch "Sache", "Ereignis", "Angelegenheit" bedeuten Strong's. Gottes Wort ist bei ihm nie nur Information – es ist eine Kraft, die etwas bewirkt, sobald sie unterwegs ist.
Dann kommt רָפָא (râphâʼ, H7495), "heilen" – wörtlich ursprünglich "flicken, zusammennähen" Strong's. Man kann sich fast vorstellen, wie ein zerrissenes Stück Stoff wieder zusammengefügt wird. Krankheit reißt etwas kaputt; Gottes Wort näht es wieder zusammen.
Und schließlich מָלַט (mâlaṭ, H4422) – "entrinnen lassen, retten", mit der ursprünglichen Bedeutung von "glatt, schlüpfrig sein", also im übertragenen Sinn: "wie durch die Finger schlüpfen, entkommen" Strong's. Das Bild ist fast komisch, wenn man es sich vorstellt: Der Tod hatte diese Menschen schon fast in der Faust, und sie sind ihm entglitten wie ein nasser Fisch. Das, wovon sie entrinnen, heißt שְׁחִית (shᵉchîyth, H7825) – "Fallgrube", ein Wort, das sowohl wörtlich eine Grube meint, in die man fällt, als auch bildlich das Grab, den Untergang Strong's.
Wie es auf Christus hinweist
Hier ist die Verbindung nicht erzwungen – sie liegt direkt auf der Oberfläche des Neuen Testaments. Als der römische Hauptmann in Matthäus 8,8 zu Jesus sagt: "sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund werden", zitiert er im Grunde Psalm 107,20, ohne es vielleicht zu wissen Tyndale. Er hat verstanden, was die Israeliten Jahrhunderte vorher gesungen hatten: Wenn dieser Gott spricht, geschieht es. Und Jesus staunt über genau diesen Glauben.
Johannes geht noch einen Schritt weiter zurück und nennt Jesus selbst "das Wort" ( Johannes 1,1.14) – nicht nur ein Wort, das Gott sendet, sondern das Wort, das Gott IST, das Fleisch wird und unter uns wohnt. Wenn Psalm 107,20 sagt "er sandte sein Wort", dann ist das im Licht des ganzen Evangeliums eine Vorschattung darauf, dass Gott eines Tages nicht nur einen Befehl, sondern seinen Sohn senden würde – die endgültige, verkörperte Rettung aus der Fallgrube des Todes.
Und das Grab? Psalm 107 spricht davon, dass Menschen "ihren Gräbern entrinnen" – aber jeder, der so gerettet wurde, ist am Ende trotzdem gestorben. Die Heilung war real, aber vorläufig. Jesus dagegen geht selbst in das Grab hinein, und sein eigenes Entrinnen daraus – die Auferstehung – ist keine Verzögerung des Todes, sondern sein endgültiges Ende ( 1. Korinther 15,54-55). Was Psalm 107,20 als Bild zeigt, wird in Christus zur letzten Wirklichkeit.
Für dein Leben
Hier ist die unbequeme Wahrheit, die im Psalm selbst steckt, bevor die Rettung kommt: Diese Menschen waren krank wegen ihrer eigenen Torheit und Schuld (V. 17). Bevor du zu diesem Vers als reiner Trostkarte greifst, halt kurz inne. Der Psalm lädt dich ein, ehrlich zu sein über die Wege, auf denen du dich selbst an den Rand deines eigenen Grabes gebracht hast – durch Gewohnheiten, Bitterkeit, Ausweichen, Lügen, die du dir selbst erzählst. Das ist der Preis, den dieser Vers von dir verlangt: nicht nur "Gott, heile mich", sondern "Gott, ich habe mitgeholfen, mich kaputt zu machen."
Aber dann die andere Seite: Du musst nicht erst perfekt oder unschuldig sein, damit Gott dein Wort schickt. Der Refrain in diesem Psalm ist immer derselbe – "da schrien sie zum HERRN in ihrer Not". Nicht "da bewiesen sie ihre Reue durch gute Werke", sondern einfach: sie schrien. Das ist die ganze Bedingung.
Frag dich heute: Wo bist du gerade näher an deiner eigenen Fallgrube, als du zugeben willst? Ein zerbrochenes Verhältnis, eine Krankheit, eine Sucht, eine Depression, die dir die Freude am Essen und am Leben nimmt (V. 18)? Der Psalm sagt dir nicht "reiß dich zusammen". Er sagt dir: schrei. Und dann glaub, dass das Wort, das die ganze Welt ins Dasein sprach ( 1. Mose 1,3), auch stark genug ist, dich aus deiner Grube zu holen – nicht, weil du es verdient hättest, sondern weil er ein Gott ist, der sendet, wenn man ruft.
Gebetsanliegen
- Herr, ich gebe zu, dass ein Teil meiner jetzigen Not durch meine eigene Torheit, meine eigenen Entscheidungen mitverursacht ist – ich will das nicht länger verschleiern vor dir.
- Sende dein Wort in die Bereiche meines Lebens, die krank und kaputt sind – meinen Leib, meine Beziehungen, mein Denken – und flicke, was zerrissen ist.
- Danke, dass du nicht wartest, bis ich perfekt bin, bevor du hörst, wenn ich schreie – lehre mich, ehrlich zu schreien statt stumm zu leiden.
- Öffne mir die Augen, wo ich, wie diese Kranken, schon fast an der Tür des Grabes stehe, und ich es noch nicht bemerkt habe.
- Jesus, du bist das Wort, das Fleisch wurde – hilf mir, dir zu vertrauen wie der Hauptmann, der wusste: ein Wort von dir genügt.
Zum Nachdenken
- Welche konkrete "Torheit" oder Schuld in meinem eigenen Leben hat mich näher an eine Art Grab gebracht – körperlich, seelisch oder in einer Beziehung?
- Schreie ich wirklich zu Gott in meiner Not, oder versuche ich stattdessen, mich selbst zu heilen und tue nur so, als ob ich bete?
- Glaube ich wirklich, dass Gottes Wort genug Kraft hat, um mein konkretes Problem zu lösen – oder behandle ich sein Wort eher wie eine nette Idee?
- Wo in meinem Leben warte ich noch darauf, dass Gott "hörbar" eingreift, obwohl er vielleicht schon durch sein Wort, die Bibel, gesprochen hat und ich es überhört habe?
- Habe ich schon einmal öffentlich Zeugnis abgelegt – wie es die Israeliten in diesem Psalm taten – davon, wie Gott mich aus einer echten Fallgrube gerettet hat?