Josua 5
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Was es bedeutet
Stell dir die Szene vor: Israel steht am Rand des verheißenen Landes, gerade eben trockenen Fußes durch den Jordan gezogen. Die Kanaaniter-Könige haben davon gehört und ihnen "verging der Mut" – wörtlich: ihr Herz zerschmolz Jamieson-Fausset-Brown. Das ist der perfekte militärische Moment, um sofort zuzuschlagen. Genau jetzt tut Gott etwas völlig Unerwartetes: Er befiehlt Josua, das ganze wehrfähige Volk zu beschneiden. Mitten im Feindesland. Ein Volk, das für Tage kampfunfähig sein wird.
Das Kapitel hat drei Bewegungen. Erstens die Angst der Feinde (V. 1) – die Bühne wird bereitet, aber Gott lässt sie stehen, statt sie sofort zu nutzen. Zweitens die Beschneidung und das Passah (V. 2–12): Wir erfahren, warum die in der Wüste geborene Generation nie beschnitten wurde – ein stiller Nachhall des Ungehorsams der vorigen Generation, die 40 Jahre lang draußen bleiben musste (V. 6). Erst wird die alte "Schande Ägyptens" abgewälzt, dann feiern sie Passah, dann isst das Volk zum ersten Mal vom Ertrag des Landes – und in derselben Woche hört das Manna auf (V. 12). Das ist ein Scharnier: die Wüstenzeit ist wirklich vorbei. Drittens die Begegnung mit dem "Fürsten über das Heer des HERRN" (V. 13–15) – eine Szene, die absichtlich an Mose am brennenden Dornbusch erinnert ("Ziehe deine Schuhe aus … heiliger Boden").
Leicht zu übersehen: Josua fragt den Fremden "Gehörst du uns an oder unsern Feinden?" – als wäre er der Feldherr, der Bündnisse schließt. Die Antwort ist eine sanfte Zurechtweisung: "Nein." Josua ist nicht der General in diesem Krieg; er wird dem General unterstellt. Das rahmt das ganze folgende Buch Keil-Delitzsch Old Testament.
Christen sind sich uneins, wer dieser "Fürst" ist – ein geschaffener Engel (vielleicht Michael) oder eine Erscheinung des vorfleischgewordenen Christus selbst. Das Gewicht der Anbetung, die er annimmt, und die wörtliche Wiederholung der Dornbusch-Formel sprechen für Letzteres, aber der Text selbst lässt es offen.
Im großen Bogen des Buches Josua ist dies die Weihe vor der Schlacht: Bevor Jericho fällt, muss das Volk erst geheiligt, nicht bewaffnet werden.
Historischer Hintergrund
Das Buch Josua erzählt Ereignisse, die traditionell um 1400 v. Chr. angesetzt werden (nach der frühen Chronologie, gestützt auf 1. Könige 6,1), manche Historiker setzen die Landnahme später an, um 1230–1200 v. Chr., in die Zeit des ausgehenden Bronzezeitalters. In beiden Fällen ist Kanaan zu dieser Zeit kein einheitliches Reich, sondern ein Flickenteppich winziger Stadtkönigreiche – daher der Plural "alle Könige" in Vers 1. Diese Kleinstaaten standen politisch im Schatten Ägyptens, das damals über weite Teile der Levante Einfluss hielt, ohne selbst direkt einzugreifen.
Der jüdische Text stammt, wie Vers 1 selbst andeutet, wahrscheinlich zumindest teilweise von einem Augenzeugen: Die Formulierung "bis sie hinübergezogen waren" wechselt im hebräischen Original in die erste Person Plural ("bis wir hinübergezogen waren") John Gill – ein starkes Indiz, dass hier jemand schreibt, der selbst mit dabei war, traditionell Josua selbst oder ein Zeitgenosse, auch wenn das Buch in seiner Endform später redigiert worden sein mag.
Gilgal, der Lagerplatz in der Ebene bei Jericho, wird der erste feste Stützpunkt Israels im Land – ein Ort, an dem man buchstäblich zwölf Steine aus dem Jordan aufgestellt hatte ( Josua 4). Die Beschneidung als Bundeszeichen geht zurück auf Abraham ( 1. Mose 17), Passah auf die Nacht des Auszugs aus Ägypten ( 2. Mose 12). Für die Leser damals war beides mehr als Ritual: Es war die Neu-Ausstellung ihrer Ausweispapiere als Bundesvolk, bevor sie einen Fuß weiter ins Land setzten. Das Manna, das seit vierzig Jahren täglich vom Himmel fiel, hört in genau diesem Moment auf – ein Übergang von Wüstenversorgung zu bäuerlichem Leben im Land, den jeder Israelit am eigenen Leib und Magen spürte.
Ursprache
In Vers 2–3 befiehlt Gott Josua, חַרְבוֹת צֻרִים – "Messer" gebildet aus צוּר (tsûwr, H6697, eigentlich "Fels" oder "Feuerstein") und חֶרֶב (chereb, H2719, "Schwert/Messer") Strong's. Das sind Steinmesser aus Feuerstein – keine Improvisation, sondern vermutlich bewusster Rückgriff auf das uralte, archaische Werkzeug des Bundeszeichens, das schon Abraham kannte.
Das Verb מוּל (mûwl, H4135) heißt "beschneiden", trägt aber auch die Bedeutung "abstumpfen, zerstören" Strong's – dasselbe Wort für einen körperlichen Schnitt und für ein "Abschneiden" von etwas Altem. Der Hügel, wo es geschieht, heißt גִּבְעַת הָעֲרָלוֹת (V. 3) – von גִּבְעָה (gibʻâh, H1389, "Hügel") und עׇרְלָה (ʻorlâh, H6190, "Vorhaut") – wörtlich "Hügel der Vorhäute". Ein derb-konkreter Name für einen heiligen Ort.
In Vers 9 sagt Gott: "Heute habe ich die חֶרְפָּה (cherpâh, H2781) Ägyptens von euch גָּלַל (gâlal, H1556, 'gerollt/abgewälzt')" – und genau dieses Verb galal steckt im Ortsnamen גִּלְגָּל (Gilgâl, H1537) Strong's. Der Text macht hier bewusst ein Wortspiel: der Ort trägt für immer den Klang dessen, was Gott dort getan hat.
Und schließlich: Josuas hebräischer Name יְהוֹשׁוּעַ (Yᵉhôwshûwaʻ, H3091) setzt sich zusammen aus יְהֹוָה (H3068) und יָשַׁע (retten) – "Der HERR rettet" Strong's. Derselbe Name, griechisch ausgesprochen: Jesus.
Wie es auf Christus hinweist
Fang mit dem Namen an: Josua heißt auf Hebräisch Jehoschua – "Der HERR rettet" – exakt derselbe Name, den später ein jüdisches Kind in Nazareth tragen wird, griechisch übersetzt: Jesus. Nicht zufällig zieht der Hebräerbrief später die Linie: "Denn wenn Josua sie zur Ruhe gebracht hätte, würde er nicht von einem andern Tag danach reden" ( Hebräer 4,8). Der erste Jehoschua führt sein Volk ins Land der Ruhe – aber nur vorläufig, nur bildhaft. Der zweite, größere Jehoschua führt endgültig hinein.
Dann die Beschneidung: Paulus greift dieses Bild direkt auf, wenn er von "der Beschneidung, die ohne Hände geschieht, im Ablegen des fleischlichen Leibes, in der Beschneidung Christi" spricht ( Kolosser 2,11-12) – etwas Altes wird buchstäblich weggeschnitten, damit ein Mensch neu vor Gott stehen kann. Genau das geschieht hier physisch, bevor Israel einen Fuß nach Jericho setzt.
Am stärksten aber ist die Begegnung am Ende: ein Mann mit gezücktem Schwert, der nicht Josuas Verbündeter, sondern sein Befehlshaber ist, der Anbetung entgegennimmt (nicht abwehrt, wie Engel es später tun, vgl. Offenbarung 19,10) und Josua auffordert, die Schuhe auszuziehen – wörtlich dieselbe Formel wie am brennenden Dornbusch ( 2. Mose 3,5). Ob das schon eine Erscheinung des vorfleischgewordenen Sohnes Gottes ist, bleibt offen im Text selbst – aber die Ehrfurcht, die er verlangt, gehört zu Gott allein. Es ist ein leiser, aber de