Offenbarung 5
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Was es bedeutet
Offenbarung 5 ist eine einzige Szene mit einer dramatischen Wende. Kapitel 4 hatte dich vor den Thron Gottes gestellt, umgeben von Regenbogen, Blitzen und Gesang. Jetzt richtet sich der Blick auf das, was der Thronende in seiner rechten Hand hält: eine Buchrolle, innen und außen beschrieben, mit sieben Siegeln verschlossen (Vers 1). Dass sogar die Rückseite beschrieben ist, heißt: Hier fehlt nichts, der Plan ist vollständig. Dass sieben Siegel darauf liegen, heißt: Niemand kommt von sich aus heran. Tyndale
Der erste Abschnitt (Verse 1-4) ist eine Krise. Ein starker Engel ruft durch den ganzen Kosmos: „Wer ist würdig?“ Und die Antwort ist Schweigen. Niemand im Himmel, niemand auf der Erde, niemand unter der Erde. Johannes bricht in Tränen aus, und zwar laut und heftig. Warum so verzweifelt? Weil die Rolle Gottes Vorhaben mit der Welt enthält, und wenn sie zu bleibt, bleibt die Geschichte stecken: kein Gericht über das Böse, keine Erlösung, kein Ziel. Matthew Henry
Dann die Wende (Verse 5-7). Ein Ältester sagt: „Weine nicht!“ und kündigt den Löwen aus Juda an, die Wurzel Davids, der überwunden hat. Johannes hört vom Löwen, aber als er sich umdreht, sieht er ein Lamm, und zwar eines „wie geschlachtet“, das trotzdem steht. Das ist der Schlüssel des ganzen Kapitels: Der versprochene Löwe und das geschlachtete Lamm sind dieselbe Person. Der Sieg des Messias sieht aus wie eine Niederlage, und gerade so ist er gewonnen. workingpreacher.org Das Lamm steht „in der Mitte des Thrones“, also nicht daneben, sondern dort, wo Gott selbst regiert. Es hat sieben Hörner (vollkommene Macht) und sieben Augen (vollkommenes Sehen durch den Geist). Und es nimmt die Rolle, ohne dass Gott zögert; das einzige Hindernis war das Fehlen eines Würdigen, nicht ein Zurückhalten Gottes. Jamieson-Fausset-Brown
Der dritte Abschnitt (Verse 8-14) ist eine Anbetung, die sich in drei Wellen ausbreitet. Zuerst die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten mit Harfen und Räucherschalen, die die Gebete der Heiligen sind; sie singen ein neues Lied über das Blut, das Menschen aus allen Völkern erkauft hat. Dann unzählige Engel. Zuletzt jedes Geschöpf im Himmel, auf der Erde, unter der Erde und im Meer. Der Kreis wird immer weiter, bis alles, was lebt, dem Thronenden und dem Lamm gemeinsam die Ehre gibt. Das „Amen“ der vier Wesen und das Niederfallen der Ältesten schließen die Szene ab. Tyndale
Im Aufbau des Buches ist dies die Vorbereitung auf Kapitel 6, wo das Lamm die Siegel eines nach dem anderen öffnet. Nicht alle Christen lesen die Rolle gleich: Manche sehen darin Gottes Geschichtsplan, andere eine Art Besitzurkunde über die Welt, die Christus zurückgewinnt, wieder andere die Schrift selbst, die erst in Christus verständlich wird. John Gill Und ob „sie werden herrschen auf Erden“ (Vers 10) sich auf ein künftiges tausendjähriges Reich bezieht oder schon jetzt in der Kirche begonnen hat, darüber gehen die Meinungen zwischen und innerhalb der Konfessionen bis heute auseinander.
Historischer Hintergrund
Der Verfasser nennt sich Johannes und schreibt von der kleinen Insel Patmos aus, wohin er wegen seines Glaubens verbannt worden war ( Offenbarung 1,9). Die kirchliche Überlieferung sieht in ihm den Apostel; manche Forscher halten ihn für einen anderen Propheten namens Johannes. Die meisten datieren das Buch in die Zeit um 95 nach Christus unter Kaiser Domitian; eine Minderheit setzt es früher an, um 68 bis 69, kurz nach Neros Tod.
Die Empfänger sind sieben Gemeinden in der römischen Provinz Asia, im Westen der heutigen Türkei: Ephesus, Smyrna, Pergamon und andere. Das waren reiche, lebendige Hafen- und Handelsstädte. Und genau dort blühte der Kaiserkult. In Pergamon stand ein Tempel für Augustus, in Ephesus wurde unter Domitian ein riesiges Kaiserheiligtum gebaut. Bei Festen zogen Prozessionen durch die Straßen, und die Menge rief dem Kaiser zu: „Würdig bist du!“ Wer da nicht mitmachte, fiel auf.
Für einen Handwerker in Thyatira oder einen Kaufmann in Smyrna war das keine abstrakte Frage. Die Berufsvereine hatten ihre Schutzgötter, ihre Festmahle, ihre Opfer. Wer sich weigerte, verlor Aufträge, Freunde, vielleicht die Freiheit. Antipas in Pergamon war bereits getötet worden ( Offenbarung 2,13). Der Druck war weniger eine landesweite Verfolgung als ein ständiges, lokales Erpressen: Beuge dich ein bisschen, dann bist du in Ruhe gelassen.
In diese Welt hinein ruft Johannes: Nicht der Kaiser ist würdig, sondern das geschlachtete Lamm. workingpreacher.org Das ist politischer Sprengstoff, verpackt in ein Gottesdienstbild.
Auch das Bild der Rolle hätten die Leser sofort verstanden. Bücher waren damals Schriftrollen aus Papyrus oder Pergament. Normalerweise beschrieb man nur die Innenseite; war der Platz knapp, schrieb man auch außen weiter, was als Zeichen eines besonders vollen Dokuments galt. Adam Clarke Und im römischen Recht wurde ein Testament von sieben Zeugen versiegelt und durfte erst nach dem Tod des Erblassers geöffnet werden. Ob Johannes genau daran dachte, ist nicht sicher, aber das Bild passt erstaunlich gut: Das Erbe wird frei, weil jemand gestorben ist.
Ursprache
βιβλίον (biblíon), G975, „Rolle, kleines Buch“, Vers 1. Das Wort ist die Verkleinerungsform von biblos und meint eine Schriftrolle, kein gebundenes Buch. Stell dir eine aufgewickelte Pergamentbahn vor, die man beim Lesen Stück für Stück abrollt. Darum ist das Brechen der Siegel ein Vorgang in Schritten, nicht ein einmaliges Aufklappen. Strong's
κατασφραγίζω (katasphragízō), G2696, „fest versiegeln“, Vers 1, und σφραγίς (sphragís), G4973, „Siegel“. Die Vorsilbe kata verstärkt: nicht einfach zu, sondern gründlich verschlossen. Ein Siegel schützte vor Missbrauch und bewies Echtheit; wer es brach, musste dazu das Recht haben. Strong's
κλαίω (klaíō), G2799, „laut weinen, schluchzen“, Vers 4. Das ist nicht das stille Tränenvergießen, sondern hörbares Klagen. Johannes weint „sehr“ (polý). Der Seher, der eben noch in der Herrlichkeit stand, bricht zusammen, weil die Welt ohne Öffnung der Rolle ohne Ziel bleibt. Strong's
ἄξιος (áxios), G514, „würdig, angemessen“, Vers 4 (und als Ruf in Vers 9 und 12). Ursprünglich das, was auf der Waage das Gegengewicht hält. Der Ruf „Würdig!“ war im römischen Reich ein Zuruf an Kaiser und Feldherren. Johannes nimmt genau dieses Wort und legt es dem Lamm zu Füßen. Strong's
ἀρνίον (arníon), G721, „Lämmchen“, Vers 8. Wieder eine Verkleinerungsform: nicht ein mächtiger Widder, sondern ein kleines Lamm. Dass ausgerechnet dieses Wort in der Offenbarung zum Haupttitel Jesu wird, über zwanzigmal, ist die Pointe des ganzen Buches. Strong's
μυριάς (myriás), G3461, „Zehntausend, unzählbare Menge“, Vers 11. Zehntausend war die größte Zahl, für die das Griechische ein eigenes Wort hatte; „Zehntausendmal Zehntausend“ heißt schlicht: unzählbar.
προσκυνέω (proskynéō), G4352, „niederfallen, anbeten“, Vers 14. Das Wort beschreibt das Hinwerfen vor einem Herrscher, das Küssen des Bodens. Die Ältesten tun vor dem Lamm, was man nur vor Gott tun darf. Strong's
ἀμήν (amḗn), G281, „fest, zuverlässig, so sei es“, Vers 14. Aus dem Hebräischen übernommen; es bedeutet nicht nur „Ende des Gebets“, sondern: Das steht, darauf kann man sich stellen. Strong's
Wie es auf Christus hinweist
Dieses Kapitel ist keine Andeutung auf Jesus; es ist von Anfang bis Ende über ihn. Aber es lohnt sich zu sehen, wie viele Fäden der ganzen Bibel hier zusammenlaufen.
Der Älteste nennt ihn „Löwe aus dem Stamm Juda“. Das greift auf Jakobs Segen in 1. Mose 49,9-10 zurück, wo Juda ein junger Löwe genannt wird und ihm das Zepter versprochen ist. „Wurzel Davids“ kommt aus Jesaja 11,1 und 11,10: ein Spross aus dem abgehauenen Baumstumpf Isais, auf dem der Geist des Herrn ruht. Beide Titel sind königlich, kriegerisch, siegreich. So hat Israel seinen Messias erwartet.
Und dann steht da ein Lamm. Das Passahlamm aus 2. Mose 12, dessen Blut die Häuser Israels in der Nacht des Gerichts schützte. Das Lamm aus Jesaja 53,7, das stumm zur Schlachtbank geführt wird und die Sünde der Vielen trägt. Johannes der Täufer hatte Jesus genau so genannt: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt“ ( Johannes 1,29). Das „wie geschlachtet“ sagt: Die Wunden sind noch da. Der Auferstandene bleibt der Gekreuzigte; auch im Himmel gibt es keine Herrlichkeit, die an Golgatha vorbeiführt. workingpreacher.org
Das Wort „überwunden“ (Vers 5) ist das Wort Jesu in Johannes 16,33: „Ich habe die Welt überwunden.“ Und in Offenbarung 3,21 verspricht er, dass die Überwinder mit ihm auf seinem Thron sitzen werden. Hier siehst du, wie er selbst dahin gekommen ist: durch sein Blut.
Das neue Lied in Vers 9-10 erklärt das Kreuz als Kauf: Er hat Menschen „für Gott erkauft“. Jesus hatte es selbst so gesagt: Der Menschensohn gibt sein Leben als Lösegeld für viele ( Markus 10,45). Und was die Erkauften werden, „Königreich und Priester“, ist wörtlich die Berufung Israels am Sinai in 2. Mose 19,6, die Petrus auf die Gemeinde überträgt ( 1. Petrus 2,9).
Dass schließlich jedes Geschöpf dem Thronenden „und dem Lamm“ in einem Atemzug die Ehre gibt, ist dasselbe Bild wie in Philipper 2,8-11: Er erniedrigte sich bis zum Tod am Kreuz, darum beugt sich jedes Knie im Himmel, auf Erden und unter der Erde. Paulus und Johannes beschreiben dieselbe Wirklichkeit.
Für dein Leben
Fang bei Johannes an, der weint. Vielleicht kennst du das: Die Welt scheint in den Händen von Leuten, die ihr nicht gewachsen sind, und auch dein eigenes Leben wirkt manchmal wie eine versiegelte Rolle, in die du nicht hineinsehen kannst. Du betest, und der Himmel schweigt. Dieses Kapitel nimmt deine Tränen ernst. Es sagt nicht, dass du dich zusammenreißen sollst. Es sagt: „Weine nicht“, und zeigt dir dann jemanden.
Und hier wird es ernst. Johannes wollte einen Löwen sehen. Du willst wahrscheinlich auch einen. Du willst, dass Gott deine Gegner umhaut, dass die Ungerechten endlich bezahlen, dass dein Glaube sich als Stärke zeigt. Johannes bekommt ein Lamm mit Schlachtwunden. Und der Himmel sagt: Genau das ist der Sieg.
Was kostet dich dieses Kapitel? Es kostet dich deine Vorstellung von Stärke. Wenn das Lamm regiert, dann ist das Kreuz nicht ein Umweg zur Herrlichkeit, sondern ihr Weg. Das heißt für dich: Die Kränkung, die du nicht heimzahlst; der Streit, in dem du nicht das letzte Wort behältst; das Geld oder die Karriere, die du nicht bekommst, weil du dich nicht beugst, wo alle anderen sich beugen. Die Christen in Smyrna wussten, was es heißt, dem Kaiser das „Würdig!“ zu verweigern. Du wirst herausfinden müssen, welchem Kaiser du es heute noch zurufst.
Zweitens: Du bist erkauft. Nicht angeworben, nicht überzeugt, sondern mit Blut bezahlt. Das nimmt dir jeden Grund zur Selbstherrlichkeit, und es nimmt dir jeden Grund zur Verzweiflung. Du gehörst jemandem, der dich teuer bezahlt hat.
Drittens: Deine Gebete sind in Vers 8 nicht verloren gegangen. Sie stehen als Räucherwerk in goldenen Schalen vor dem Thron. Auch die gestammelten, auch die, auf die noch keine Antwort kam. Also hör nicht auf zu beten, nur weil du die Rolle nicht lesen kannst. Das Lamm kann es. Und am Ende wird jedes Geschöpf, auch du, auch deine Feinde, auch das Meer, ihm die Ehre geben. Du darfst jetzt schon damit anfangen.
Gebetsanliegen
- Herr, ich weine wie Johannes über das, was ich nicht verstehe: über die Gewalt in der Welt und über die verschlossenen Fragen meines eigenen Lebens. Lass mich heute den hören, der sagt: „Weine nicht!“
- Lamm Gottes, du hast mich mit deinem Blut für Gott erkauft. Ich danke dir, dass ich nicht mir selbst gehöre, und ich bitte dich, dass ich heute so lebe, wie es einem Erkauften entspricht.
- Herr Jesus, ich wollte einen Löwen, und du zeigst mir ein geschlachtetes Lamm. Nimm mir meinen Hunger nach Macht und Rechthaben und lehre mich deinen Weg des Überwindens.
- Vater, du hast mich zum Priester gemacht. Hilf mir, für die Menschen um mich zu beten und zu dienen, auch für die, die mir das Leben schwer machen.
- Du, der auf dem Thron sitzt, und du, das Lamm: Euch gebührt Lob, Ehre, Ruhm und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Zum Nachdenken
- Johannes weinte „sehr“, weil niemand würdig war. Worüber habe ich zuletzt wirklich geweint, und was sagt das darüber, worauf ich meine Hoffnung setze?
- Wem oder was rufe ich in meinem Alltag „Würdig bist du!“ zu, durch meine Zeit, mein Geld, meine Angst vor Ablehnung?
- Der Älteste kündigt einen Löwen an, Johannes sieht ein Lamm. Wo erwarte ich von Gott eine Machtdemonstration, wo er mir stattdessen den Weg des Kreuzes zumutet?
- Meine Gebete liegen als Räucherwerk vor dem Thron (Vers 8). Welche Gebete habe ich aufgegeben, weil ich dachte, sie seien ins Leere gegangen?
- Ich bin „zu einem Königreich und zu Priestern“ gemacht. Für wen trete ich konkret vor Gott ein, und wen habe ich stillschweigend von dieser Fürbitte ausgeschlossen?