5. Mose 7
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Was es bedeutet
Dieses Kapitel ist ein Abschiedsgespräch mitten in einem größeren Abschiedsgespräch: Mose steht kurz vor seinem Tod und redet dem Volk ins Gewissen, bevor es über den Jordan zieht. Der Bogen ist klar zu erkennen. Zuerst (V.1–5) eine harte, unmissverständliche Anweisung: Wenn Gott die sieben Völker Kanaans in Israels Hand gibt, gibt es keine Verträge, keine Mischehen, keine halben Sachen mit ihren Altären. Dann kommt die Wende (V.6–11): Mose erklärt warum. Nicht weil Israel groß oder eindrucksvoll wäre – im Gegenteil, sie waren das kleinste unter den Völkern Strong's –, sondern weil Gott sie aus reiner, unverdienter Zuneigung liebt und einem alten Schwur an die Väter treu bleibt. Das ist das Herzstück des ganzen Kapitels: Erwählung ist Liebe, nicht Verdienst. Danach folgt eine Segensverheißung (V.12–16): Fruchtbarkeit, Gesundheit, Sieg – alles als Frucht der Treue, nicht als deren Voraussetzung. Und dann noch einmal eine Wende (V.17–24): Mose spricht die Angst direkt an, die im Raum steht – „Diese Völker sind zahlreicher als ich, wie kann ich sie vertreiben?" – und antwortet nicht mit Statistik, sondern mit Erinnerung: Denk an Ägypten. Das Kapitel schließt (V.25–26) mit einer überraschend praktischen Warnung: Auch das Silber und Gold an den Götzenbildern ist gefährlich – nicht wegen seines Wertes, sondern wegen dessen, woran es klebt.
Was leicht übersehen wird: Der „Bann" (hebräisch cherem) in Vers 2 ist kein allgemeines Kriegsrecht, sondern eine einmalige, zeitlich und geografisch eng begrenzte Anweisung an genau diese sieben Völker in genau dieser Situation Matthew Henry – spätere Jahrhunderte haben daraus leider oft ein allgemeines Prinzip gemacht, das der Text selbst nicht hergibt. Christen sind sich hier uneins: Manche lesen dieses Kapitel vor allem als Bild geistlicher Kompromisslosigkeit, andere ringen ehrlich mit der Gewalt darin und verweisen auf 5. Mose 9,4–5, wo Gott ausdrücklich sagt, es gehe nicht um Israels Verdienst, sondern um das Gericht über die Bosheit der Kanaaniter. Das Kapitel steht im größeren Zusammenhang von 5. Mose als Wiederholung des Gesetzes vor dem Einzug ins Land – ein letztes Aufrütteln, damit Israel nicht das wiederholt, was die Väter in der Wüste taten.
Historischer Hintergrund
Der Text gibt sich als Rede des Mose an der Grenze zum verheißenen Land, kurz vor dem Tod des Mose – also am Ende einer vierzigjährigen Wüstenwanderung, nachdem eine ganze Generation in der Wüste gestorben war. Traditionell wird Mose als Verfasser gesehen; viele heutige Forscher datieren die endgültige Form des Buches jedoch später, manche ins 7. Jahrhundert vor Christus, zur Zeit der Reformen König Josias, andere in die Zeit nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier. So oder so: Die Zuhörer – ob die Generation am Jordan oder spätere Israeliten, die diesen Text lasen – standen vor derselben Versuchung: das Land zu bewohnen und dabei die Religion seiner Bewohner zu übernehmen.
Die sieben genannten Völker waren keine erfundenen Feinde. Die Hetiter gingen wahrscheinlich auf das große anatolische Reich zurück (heute Türkei), dessen Ausläufer bis nach Kanaan reichten; die Amoriter und Jebusiter waren in den Bergen um Hebron und Jerusalem verwurzelt; die Girgasiter sind uns kaum bekannt Tyndale. Diese Völker verehrten Baal und Astarte mit Fruchtbarkeitsriten, Kultsäulen und – nach archäologischen Funden – teils mit Kinderopfern. Verträge zwischen Völkern wurden damals oft durch Eheschließungen zwischen Königshäusern besiegelt und durch das Durchschreiten zerteilter Tieropfer beschworen (daher das hebräische Wort für „Bund", das wörtlich mit „zerschneiden" zusammenhängt). Israel, gerade erst aus der Sklaverei in Ägypten befreit, ohne eigene Städte, ohne stehendes Heer, sollte in dieses dicht besiedelte, kulturell und religiös hochentwickelte Land einziehen. Die Angst, die in Vers 17 laut wird, war also keine Übertreibung, sondern die nüchterne Einschätzung eines kleinen Nomadenvolkes gegenüber befestigten Stadtstaaten.
Ursprache
חָרַם (charam, H2763), Vers 2 – „den Bann vollstrecken". Die Grundbedeutung ist „absondern, unantastbar machen" – etwas wird ganz aus dem normalen Gebrauch herausgenommen und Gott allein überlassen, meist durch Zerstörung. Es ist kein Wort für gewöhnliche Kriegsbeute, sondern für eine radikale, religiös motivierte Übergabe an Gott.
בָּחַר (bachar, H977), Verse 6 und 7 – „erwählen". Wörtlich „prüfen, auswählen". Es ist dasselbe Wort, das für die Wahl eines Königs oder eines Priesters gebraucht wird – eine bewusste, gezielte Entscheidung, kein Zufall.
חָשַׁק (chashaq, H2836), Vers 7 – „Lust haben zu". Dieses Wort trägt die Nuance von „sich anhängen, sich verhaken" – eine anhaftende, festhaltende Zuneigung, nicht bloß Wohlwollen aus der Distanz Strong's.
חֶסֶד (chêsêd, H2617), Verse 9 und 12 – meist mit „Gnade" übersetzt, aber gemeint ist die feste, bündnistreue Liebe, die auch dann hält, wenn der andere sie nicht verdient hat. Es ist das Wort, das im ganzen Alten Testament Gottes Charakter am dichtesten beschreibt.
פָּדָה (padah, H6299), Vers 8 – „erlösen, loskaufen". Es beschreibt einen Freikauf, oft im Zusammenhang mit Sklaven oder Gefangenen – genau das, was in Ägypten geschah.
אָמַן (aman, H539), Vers 9 – die Wurzel hinter unserem „Amen". „Der treue Gott" ist wörtlich „der Gott, der fest, verlässlich, tragfähig ist" – wie ein Fundament, auf dem man bauen kann.
Wie es auf Christus hinweist
Der Kern dieses Kapitels – „nicht weil ihr zahlreicher wäret… sondern weil der HERR euch liebte" (V.7–8) – ist eine der klarsten alttestamentlichen Formulierungen dessen, was Paulus später in Epheser 1,4–5 und Römer 9,11 über Gnade sagt: Erwählung gründet nie in unserer Größe, sondern allein im freien, unverdienten Willen Gottes. Paulus greift sogar ausdrücklich dasselbe Muster auf, wenn er in 1. Korinther 1,27–28 schreibt, dass Gott gerade das Geringe und Verachtete erwählt, um das Starke zuschanden zu machen – genau das Bild aus Vers 7.
Das Wort padah (loskaufen) in Vers 8 – Gott „erlöst" Israel aus dem Sklavenhaus – ist die alttestamentliche Sprache, die das Neue Testament aufnimmt, um zu beschreiben, was Christus tut: „unser Passalamm ist geschlachtet, Christus" ( 1. Korinther 5,7), der uns loskauft „nicht mit vergänglichem Silber oder Gold" ( 1. Petrus 1,18–19) – eine feine, fast ironische Verbindung zu Vers 25, wo Israel gewarnt wird, sich nicht vom Silber und Gold der Götzen einfangen zu lassen. Der Freikauf aus Ägypten ist der Schatten; der Freikauf durch das Blut Christi ist die Erfüllung.
Und die Warnung, keine Bündnisse mit dem einzugehen, was das Herz von Gott wegzieht, findet ihr Echo in 2. Korinther 6,14–17 und 1. Johannes 5,21 – „Kindlein, hütet euch vor den Götzen". Es ist keine wörtliche Wiederholung des Befehls an Josua, sondern derselbe Ruf zur ungeteilten Treue, jetzt auf das Herz des Glaubenden angewandt statt auf ein Territorium.
Für dein Leben
Sei ehrlich mit dir: Wo in deinem Leben verhandelst du gerade einen kleinen Frieden mit etwas, das du eigentlich zertrümmern solltest? Dieses Kapitel ist unbequem, weil es keine halben Lösungen zulässt. Nicht „ein bisschen Vertrag", nicht „nur eine Ehe, keine Anbetung", nicht „ich nehme nur das Silber, nicht den Götzen selbst". Vers 25 ist erschreckend konkret: Selbst das Wertvolle, das an der falschen Sache klebt, wird zur Falle, wenn du es dir ins Haus holst. Frag dich, was das für dich heute ist – eine Beziehung, eine Gewohnheit, eine Ambition, die an sich neutral wirkt, aber tief mit etwas verbunden ist, das dich von Gott wegzieht.
Aber bevor du in Selbstverurteilung versinkst: Das Zentrum dieses Kapitels ist nicht deine Leistung, sondern Gottes Liebe zu den Kleinen, den Unbedeutenden, den Zahlenmäßig-Unterlegenen. Wenn du dich gerade fühlst wie Israel in Vers 17 – zu schwach, zu wenige, zu klein gegenüber dem, was vor dir liegt – dann ist die Antwort nicht „Zähl noch mal nach, vielleicht bist du doch stärker". Die Antwort ist: Erinnere dich, was er schon getan hat. Der Gott, der dich losgekauft hat, lässt dich nicht auf halbem Weg allein.
Der Preis, den dieses Kapitel von dir verlangt, ist Kompromisslosigkeit an genau den Stellen, wo Kompromiss am bequemsten wäre. Nicht aus Angst, sondern weil du glaubst, dass der, der dich erwählt hat, treuer ist als jede Verlockung, die du dir stattdessen ins Haus holen könntest.
Gebetsanliegen
- Herr, zeig mir ehrlich, wo ich einen stillen Vertrag mit etwas geschlossen habe, das du zertrümmern willst.
- Danke, dass deine Liebe zu mir nie darauf beruht, wie groß oder beeindruckend ich bin.
- Gib mir Mut, das „Silber und Gold" loszulassen, das an der falschen Sache klebt, auch wenn es mir wertvoll erscheint.
- Wenn ich mich klein und überfordert fühle wie Israel vor den Riesenvölkern, hilf mir, mich an das zu erinnern, was du schon getan hast.
- Mach mich zu jemandem, der deine Treue (dein chesed) genauso festhält, wie du sie mir versprochen hast.
Zum Nachdenken
- Welchen „Vertrag" habe ich mit etwas geschlossen, das mich leise von Gott wegzieht, weil ein klarer Bruch mir zu unbequem wäre?
- Glaube ich insgeheim, dass Gott mich erwählt oder segnet, weil ich es irgendwie verdient habe – und wie verändert sich das, wenn ich Vers 7 wirklich ernst nehme?
- Was ist das „Silber und Gold" in meinem Leben – etwas Gutes oder Neutrales, das aber untrennbar mit etwas Falschem verbunden ist?
- Wo lähmt mich gerade die Angst vor den „größeren, stärkeren Völkern" – und wann habe ich zuletzt bewusst an eine frühere Rettung Gottes zurückgedacht, statt nur die Größe des Problems zu zählen?
- Bin ich bereit, ganze Sache zu machen mit dem, was Gott in meinem Leben abreißen will, oder behalte ich mir insgeheim eine Hintertür offen?