Apostelgeschichte 7
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Was es bedeutet
Stell dir den Raum vor: der Hohe Rat, dieselbe Institution, die Jesus verurteilt hat, sitzt jetzt über Stephanus zu Gericht. Die Frage des Hohepriesters klingt fair – „Verhält sich dieses also?“ –, aber sie ist eine Falle Adam Clarke. Stephanus antwortet nicht mit einer Verteidigung. Er erzählt eine Geschichte. Und genau das ist der Trick: Er nimmt die Geschichte, auf die sich seine Ankläger am meisten berufen – Abraham, Mose, den Tempel – und zeigt ihnen, dass sie selbst mitten in dieser Geschichte stehen, und zwar auf der falschen Seite davon.
Die Rede bewegt sich in drei großen Schritten Tyndale: Zuerst Abraham (V. 2–8) – Gott ruft, bevor er irgendetwas gibt; Abraham besitzt nicht einmal einen Quadratmeter des verheißenen Landes. Dann Joseph und vor allem Mose (V. 9–43) – der längste, wichtigste Teil. Und hier taucht ein Muster auf, das sich wiederholt: Gottes eigenes Volk stößt den Mann weg, den Gott gesendet hat, um es zu retten. Josephs Brüder verkaufen ihn. Die Israeliten weisen Mose zweimal zurück – erst als er sich zum Retter aufwirft, dann noch einmal in der Wüste, wo sie sich lieber ein goldenes Kalb bauen. Der dritte Schritt (V. 44–50) ist der Tempel selbst: Ja, Gott wollte eine Wohnung, aber der Höchste wohnt nicht in Häusern von Menschenhand. Das ist die Nadel, die er in den wunden Punkt seiner Ankläger sticht.
Dann kippt alles (V. 51–53). Stephanus hört auf, Geschichte zu erzählen, und zeigt mit dem Finger direkt auf die Männer vor ihm: „Ihr seid genau wie eure Väter.“ Das ist keine Beleidigung nebenbei – das ist der Höhepunkt der ganzen Argumentation. Die Reaktion ist sofort körperlich: Zähneknirschen, Geschrei, Steine. Und mitten im Sterben sieht Stephanus, was kein Mensch vorher gesehen hat – den Himmel offen und den Menschensohn stehend zur Rechten Gottes.
Wo sitzt das im großen Ganzen der Apostelgeschichte? Genau hier bricht die Verfolgung auf, die die Gemeinde aus Jerusalem hinaustreibt – und genau hier taucht zum ersten Mal ein junger Mann namens Saulus auf. Christen sind sich uneins über Details wie die Zahlenangaben in V. 4 und V. 14, die von den hebräischen Texten der Genesis leicht abweichen (Stephanus folgt hier offenbar der griechischen Übersetzung des Alten Testaments); und manche fragen, ob diese Rede den Tempel grundsätzlich ablehnt oder nur die Verwechslung von Gottes Gegenwart mit einem Gebäude entlarvt.
Historischer Hintergrund
Lukas schreibt die Apostelgeschichte wahrscheinlich in den 60er bis 80er Jahren nach Christus, an einen gewissen Theophilus – vermutlich einen römischen Beamten oder wohlhabenden Gönner, der mehr über diese neue Bewegung wissen will. Die Szene selbst spielt viel früher, nur wenige Jahre nach Pfingsten, irgendwo Mitte der 30er Jahre, in Jerusalem.
Stephanus gehört zu den sieben Männern, die kurz zuvor eingesetzt wurden, um die griechischsprachigen Witwen in der jungen Gemeinde zu versorgen ( Apostelgeschichte 6,1-6) – er ist also ein „Hellenist“, ein Jude aus der weiteren griechisch-römischen Welt, kein Einheimischer aus Judäa. Seine Ankläger kommen aus einer Synagoge von „Freigelassenen“ – Nachkommen von Juden, die einst als Sklaven nach Rom verschleppt und wieder freigelassen worden waren, dazu Leute aus Kyrene, Alexandria, Kilikien und der Provinz Asia ( Apostelgeschichte 6,9). Das ist eine Diaspora-Gemeinde, die besonders empfindlich reagiert, wenn jemand am Tempel und am Gesetz des Mose rüttelt – dem Einzigen, was ihre jüdische Identität weit weg von der Heimat zusammenhält.
Der Hohe Rat, der Sanhedrin, ist die höchste jüdische Gerichtsbehörde – 70 Älteste plus der Hohepriester, vermutlich Kaiphas, derselbe Mann (oder sein unmittelbarer Nachfolger), der Jesus verurteilt hatte John Gill. Die Anklage gegen Stephanus ( Apostelgeschichte 6,13-14) lautet: Er rede gegen den Tempel und das Gesetz, er behaupte, Jesus von Nazareth werde den Tempel zerstören und die Sitten ändern, die Mose überliefert hat. Das ist keine Nebensache – der Tempel war das religiöse, politische und wirtschaftliche Zentrum ganz Judäas. Wer daran rüttelt, rüttelt an allem. Die Steinigung am Ende, außerhalb der Stadt, entspricht genau dem alttestamentlichen Verfahren gegen Gotteslästerer ( 3. Mose 24,14) – auch wenn eine solche Hinrichtung ohne römische Genehmigung eigentlich illegal war, was zeigt, wie sehr die Situation außer Kontrolle geraten ist.
Ursprache
Gleich im zweiten Vers nennt Stephanus Gott ὁ θεὸς τῆς δόξης (ho theòs tēs dóxēs) – „der Gott der Herrlichkeit“, δόξα (dóxa), G1391 Jamieson-Fausset-Brown. Das ist kein zufälliger Titel. Er setzt den Ton für die ganze Rede: Dieser Gott zeigt sich in strahlender Größe bevor er irgendwo einen Tempel oder ein Land hat. Herrlichkeit hängt nicht am Gebäude – das ist die These, die am Ende (V. 48-50) explizit wird Strong's.
In Vers 4 steht μετοικίζω (metoikízō), G3351 – „umsiedeln, wie einen Kolonisten oder Verbannten versetzen“. Es ist dasselbe Wortfeld, das man später für die Verbannung nach Babylon benutzt (vgl. V. 43). Gott selbst „versetzt“ Abraham – und ironischerweise wird genau dieses Wort später zur Strafe für Israels Untreue. Ein feiner Haken, den man leicht überliest Strong's.
Vers 6 bringt πάροικος (pároikos), G3941 – „einer, der als Fremder in der Nähe wohnt“, ein Beisasse ohne eigenes Land. So beschreibt Gott Abrahams Nachkommen in Ägypten. Das Wort taucht später nicht wörtlich wieder auf, aber die Idee durchzieht das ganze Kapitel: Gottes Volk ist immer wieder heimatlos, unterwegs, nie im festen Besitz dessen, was Gott verheißen hat – ein Gegenbild zu der Selbstsicherheit, mit der der Sanhedrin am Tempel klebt.
In Vers 9 heißt es, die Patriarchen waren ζηλόω (zēlóō), G2206 – „eifersüchtig, von starkem Gefühl gegen jemanden erfüllt“ – auf Joseph. Und in Vers 10 wird Joseph von Gott ἐξαιρέω (exairéō), G1807 – „herausgerissen, gerettet“ – aus all seinen Bedrängnissen. Eifersucht auf den Erretter, gefolgt von Rettung trotz allem: Das ist das Muster, das sich mit Mose wiederholt und in Christus seine letzte, größte Form findet.
Wie es auf Christus hinweist
Das ganze Kapitel ist im Grunde eine lange Vorbereitung auf einen einzigen Satz: „ihr, deren Verräter und Mörder ihr nun geworden seid, indem ihr den Gerechten getötet habt“ ( Apostelgeschichte 7,52). Joseph, von seinen eigenen Brüdern verworfen, wird zum Retter, der sie am Leben erhält. Mose, von seinem eigenen Volk zweimal abgewiesen – „Wer hat dich zum Obersten und Richter gesetzt?“ –, wird trotzdem von Gott als Erlöser gesendet. Beide sind Schatten, keine perfekten Kopien, aber das Muster ist unübersehbar: Gott