Lukas 4
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Was es bedeutet
Dieses Kapitel hat drei Bewegungen, und sie hängen enger zusammen, als es beim ersten Lesen scheint. Erst die Wüste (Verse 1–13): Jesus, gerade erst getauft und vom Himmel als geliebter Sohn bestätigt, wird vom Geist – nicht vom Teufel! – in die Einöde geführt. Vierzig Tage lang nichts zu essen, dann drei gezielte Angriffe: Brot aus Stein, Weltherrschaft im Tausch gegen Anbetung, ein Sprung vom Tempeldach. Jedes Mal antwortet Jesus mit einem Zitat aus dem 5. Buch Mose – Worten, die ursprünglich Israel in der eigenen Wüstenwanderung galten. Das ist kein Zufall: Wo Israel vierzig Jahre lang murrte und versagte, besteht der neue, wahre Israel-Sohn die Probe in vierzig Tagen Tyndale. Dann der Wechsel nach Galiläa (14–30): Jesus kommt „in der Kraft des Geistes" zurück, lehrt in den Synagogen, und in seiner Heimatstadt Nazareth liest er aus Jesaja 61 – eine Ankündigung von Befreiung für Arme, Gefangene, Blinde. Er setzt sich und sagt den unerhörten Satz: „Heute ist diese Schrift erfüllt." Erst Staunen, dann – als er andeutet, dass Gottes Gnade auch Heiden wie die Witwe von Sarepta und Naaman den Syrer erreichte – blanke Mordwut. Sie versuchen, ihn den Abhang hinunterzustoßen. Er geht einfach mitten durch sie hindurch. Und dann Kapernaum (31–44): ein Sabbat voller Vollmacht – ein Dämon ausgetrieben, Petrus' Schwiegermutter geheilt, eine ganze Nacht voller Kranker vor der Tür, und am Morgen zieht er weiter, weil er „auch den andern Städten die frohe Botschaft" bringen muss.
Der rote Faden: Vollmacht (griech. exousia, Vers 32, 36), die sich sowohl im Widerstehen der Versuchung als auch im Befehl an Dämonen und Krankheit zeigt. Lukas will, dass du siehst: Der Mensch, der in der Wüste standhielt, ist derselbe, der über Krankheit und Dunkelheit herrscht. Diskutiert wird vor allem, wie wörtlich man die Versuchungsszene nehmen soll (reale Erscheinung des Teufels oder innere Vision?) und ob Jesu Zitat aus Jesaja 61 in Nazareth eine bewusste messianische Selbstoffenbarung ist oder erst im Nachhinein von der Gemeinde so gedeutet wurde – die meisten Ausleger, egal welcher Tradition, lesen es als bewusste, öffentliche Ansage.
Historischer Hintergrund
Lukas schreibt wahrscheinlich zwischen 60 und 85 nach Christus, für einen gebildeten Nicht-Juden namens Theophilus (siehe Lukas 1,3) – vermutlich einen römischen Beamten oder wohlhabenden Gönner, der mehr über diese neue Bewegung wissen wollte. Lukas selbst war wohl ein griechischsprachiger Arzt, kein Augenzeuge, sondern jemand, der sorgfältig recherchiert und Quellen zusammengetragen hat.
Die Szene in Kapitel 4 spielt im Galiläa der 20er Jahre nach Christus, unter römischer Besatzung, mit Herodes Antipas als Marionettenherrscher. Die Synagoge war das soziale Zentrum jedes jüdischen Dorfes – ein Ort, an dem an Sabbaten die Schriftrollen der Propheten laut vorgelesen und ausgelegt wurden, und jeder respektierte männliche Zuhörer durfte eingeladen werden, vorzulesen und zu kommentieren Jamieson-Fausset-Brown. Dass Jesus in Nazareth – seiner eigenen Heimatstadt, wo man ihn als „Josephs Sohn" kannte, den Zimmermannssohn von nebenan – aufsteht und sich selbst als Erfüllung der Jesaja-Prophezeiung ausgibt, ist ein gesellschaftlicher Skandal ersten Ranges. Man kannte diesen Mann seit seiner Kindheit; ihn plötzlich als den Gesalbten Gottes zu akzeptieren, hätte alles über Nacht auf den Kopf gestellt.
Die Wüste, in die Jesus geführt wird, ist vermutlich die judäische Wüste nahe dem Jordan – karges, lebensfeindliches Gebiet, in dem jüdische Asketen wie später die Qumran-Gemeinschaft lebten und wo man sich Dämonen und wilde Tiere als hausende Mächte vorstellte John Gill. Die Verbindung zu Israels vierzig Jahren Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten war für jeden jüdischen Zuhörer sofort erkennbar – Lukas' Publikum musste diese Anspielung nicht erklärt bekommen.
Ursprache
In Vers 1 steht Jesus πλήρης (plḗrēs, G4134) πνεύματος ἁγίου – „voll" des Heiligen Geistes, nicht nur „mit" ihm ausgestattet. Das ist ein Zustand völliger Durchdringung, nicht ein Werkzeug, das er benutzt Strong's. Interessant ist das Verb ἄγω (ágō, G71) in Vers 1: Jesus wird „geführt" – dasselbe Wort, das an anderer Stelle für das Führen von Herden oder Gefangenen benutzt wird. Es ist der Geist, der die Initiative hat, nicht der Teufel Adam Clarke.
In Vers 2 begegnet πειράζω (peirázō, G3985) – „versuchen" oder „auf die Probe stellen". Dasselbe Wortfeld wie ἐκπειράζω (ekpeirázō, G1598) in Vers 12, das Jesus als „auf die Probe stellen" gegen Gott selbst zurückweist – ein feiner Unterschied zwischen geprüft werden und Gott herausfordern.
In Vers 6 sagt der Teufel, alle ἐξουσία (exousía, G1849) – Macht, Vollmacht, Befugnis – der Reiche sei ihm παραδίδωμι (paradídōmi, G3860) „übergeben". Genau dieses Wort exousía kehrt in Vers 32 und 36 zurück, wenn die Menge über Jesu Lehre und seine Macht über Dämonen staunt – Lukas stellt bewusst zwei Vollmachten einander gegenüber: die angemaßte des Teufels gegen die echte, gottgegebene des Sohnes.
In Vers 18 zitiert Jesus Jesaja: Gott hat ihn χρίω (gesalbt) und ἀποστέλλω – gesandt, den Armen εὐαγγελίζομαι (frohe Botschaft) zu verkünden. Das Wort „Christus" bedeutet wörtlich „der Gesalbte" – wenn Jesus dieses Zitat auf sich anwendet, beansprucht er direkt diesen Titel, ohne ihn auszusprechen.
Wie es auf Christus hinweist
Dieses Kapitel ist eigentlich eine einzige lange Christus-Verbindung, aber zwei Stellen tragen das ganze Gewicht. Erstens: die Versuchung selbst. Wo der erste Adam in einem Garten, umgeben von Überfluss, der Versuchung nachgab, widersteht der letzte Adam in einer Wüste, ausgehungert und allein Matthew Henry. Und wo Israel als Gottes „Sohn" (siehe 2. Mose 4,22) in der Wüste vierzig Jahre lang murrte, Götzen anbetete und Gott versuchte, besteht der wahre Sohn genau die drei Prüfungen, an denen Israel scheiterte: Hunger, Anbetung falscher Mächte, das Vertrauen-Erzwingen von Gott. Paulus wird das später auf den Punkt bringen, wenn er Jesus den „letzten Adam" nennt ( 1. Korinther 15,45).
Zweitens: die Nazareth-Rede. Jesus liest Jesaja 61,1-2 – ein Text, den jeder fromme Jude als Beschreibung des kommenden Gesalbten kannte – und sagt: das bin ich, heute. Das ist keine vage Anspielung, sondern eine offene messianische Selbstansage, bestätigt durch Apostelgeschichte 10,38, wo Petrus dieselbe Sprache benutzt: Gott hat Jesus „mit heiligem Geist und Kraft gesalbt". Die Reaktion der Zuhörer – von Staunen zu Mordwut binnen weniger Sätze – nimmt im Kleinen vorweg, was am Ende des Evangeliums mit ganz Jerusalem geschieht.
Und die Heilungen in Kapernaum sind kein bloßer Beweis göttlicher Macht, sondern die Erfüllung dessen, was er gerade in der Synagoge vorgelesen hatte: „Heilen, die zerbrochenen Herzens sind... Blinden, daß sie wieder sehend werden." Das Programm aus Vers 18 wird ab Vers 33 sofort in die Tat umgesetzt.
Für dein Leben
Hier ist etwas, das dich vielleicht überrascht: Der Geist, der Jesus mit Kraft und Freude erfüllt hatte – gerade eben noch, am Jordan, mit der Stimme des Vaters über ihm –, ist derselbe Geist, der ihn direkt in Hunger, Einsamkeit und Angriff hineinführt. Nicht der Teufel initiiert die Wüste. Gott tut es. Das ist unbequem, wenn du gerade eine geistliche Höhe erlebt hast und dann plötzlich in eine trockene, angefochtene Zeit fällst – vielleicht ist das kein Zeichen, dass Gott dich verlassen hat, sondern dass er dich bewusst prüft, weil er dir zutraut, standzuhalten.
Und beachte, womit Jesus jeden Angriff kontert: nicht mit einem Wunder, nicht mit einer eigenen klugen Antwort, sondern mit Schrift, die er auswendig kannte und die tief in ihm saß. Wenn du wirklich ehrlich bist – wie viel Schrift trägst du wirklich in dir, wenn der Hunger, die Einsamkeit, die Versuchung zur Abkürzung kommt?
Die zweite Herausforderung liegt in Nazareth. Die Leute dort waren nicht dumm oder böse aus dem Nichts – sie kannten Jesus zu gut, um ihn wirklich zu sehen. Die Frage an dich: Ist Jesus für dich zu vertraut geworden? Hast du ihn so oft gehört, dass er aufgehört hat, dich zu erschüttern? Die Kosten dieses Kapitels sind konkret: Vertrautheit mit Gott aufgeben, die dich blind macht, und stattdessen bereit sein, ihn neu, unbequem, gegenwärtig zu hören – auch wenn das bedeutet, dass er Dinge sagt, die deine kleine Vorstellung von Gnade sprengen.
Gebetsanliegen
- Herr, wenn du mich gerade jetzt in eine trockene, angefochtene Zeit führst, hilf mir zu glauben, dass es dein Geist ist, der mich leitet, nicht dass du mich verlassen hast.
- Gib mir dein Wort so tief ins Herz, dass ich im Moment der Versuchung nicht nach eigener Klugheit, sondern nach deiner Wahrheit greife.
- Vergib mir die Momente, in denen ich dich – wie die Menschen in Nazareth – zu gut zu kennen glaubte, um mich noch von dir überraschen zu lassen.
- Herr, mach mich bereit, deine Gnade auch dort zu sehen, wo sie mir unbequem oder ungerecht vorkommt – bei Menschen, die ich lieber ausschließen würde.
- Danke, dass deine Vollmacht über jede Dunkelheit, jede Krankheit, jede gebrochene Seele steht – gib mir Vertrauen, dich um Heilung zu bitten, wo ich sie brauche.
Zum Nachdenken
- Wann hast du zuletzt eine geistliche Wüstenzeit als Strafe oder Gottesferne gedeutet, obwohl es vielleicht eine Prüfung war, die Gott selbst zugelassen hat?
- Welche „Abkürzung" bietet dir der Versucher gerade an – ein Weg, das zu bekommen, was Gott dir verspricht, aber ohne den Weg zu gehen, den er vorgesehen hat?
- Ist Jesus für dich so vertraut geworden, dass du aufgehört hast, wirklich hinzuhören, wenn sein Wort gelesen wird?
- Gibt es eine Gruppe von Menschen, deren Einschluss in Gottes Gnade dich – wie die Nazarener – eher wütend als dankbar macht?
- Wenn du ehrlich bist: Wie viel von der Schrift trägst du wirklich in dir, bereit zum Gebrauch, wenn der Druck kommt?