Sacharja 6
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Was es bedeutet
Sacharja hat schon sieben Nachtvisionen hinter sich, und trotzdem hebt er noch einmal die Augen – als könnte er von diesem Blick auf Gottes Handeln gar nicht genug bekommen Matthew Henry. Diese achte und letzte Vision ist der Schlussstein der ganzen Reihe, die in Kapitel 1 begann. Vier Streitwagen kommen zwischen zwei Bergen aus Erz hervor – wahrscheinlich ein Echo der beiden bronzenen Säulen, die einst den Eingang zu Salomos Tempel flankierten Tyndale. Die Pferde sind rot, schwarz, weiß und gescheckt. Der Engel erklärt: Das sind die „vier Winde des Himmels", die sich erst vor dem „Herrscher der ganzen Erde" gestellt haben, ehe sie losziehen. Das ist die eigentliche Pointe: Nichts, was auf der Erde geschieht – kein Reich, keine Katastrophe, keine Wende der Geschichte –, bewegt sich, ohne vorher vor Gottes Thron Bericht erstattet zu haben. Die Wagen ziehen nach Norden (Richtung Babylon) und Süden, durchziehen die ganze Erde, und als die nach Norden ziehen, „lässt Gottes Geist sich nieder" im Land des Nordens – Babylons Griff, der Israel einst gefangen hielt, kommt endlich zur Ruhe Jamieson-Fausset-Brown.
Dann macht der Text einen scharfen Schnitt: von der Vision zur konkreten, greifbaren Handlung. Heimkehrer aus Babylon – mit Namen genannt – bringen Silber und Gold. Sacharja soll daraus Kronen machen und sie dem Hohepriester Josua aufs Haupt setzen, während er eine Ankündigung spricht über einen Mann namens „Sproß": Er wird den Tempel bauen, königlichen Schmuck tragen, auf seinem Thron sitzen und regieren – und zugleich Priester sein auf diesem Thron. „Ein Friedensbund wird zwischen ihnen beiden bestehen" – zwischen Königtum und Priestertum, die sonst getrennte, oft konkurrierende Ämter waren.
Hier ist etwas leicht zu übersehen: Es ist von „Kronen" (Plural) die Rede, aber nur ein Kopf wird gekrönt. Manche Ausleger vermuten, ursprünglich seien zwei Männer gekrönt worden – Josua und der davidische Statthalter Serubbabel –, passend zu den „zwei Gesalbten" aus Kapitel 4. Das ist eine offene Frage, an der sich Gelehrte bis heute reiben. Was aber unbestreitbar bleibt: Dieses Kapitel schaut über Josua und Serubbabel hinaus auf einen kommenden Einzelnen, der beide Ämter in sich vereint – und bereitet damit direkt die Königs- und Hirtenbilder der späteren Kapitel Sacharjas vor (etwa 9,9).
Historischer Hintergrund
Sacharja wirkte um 520–518 v. Chr., zur selben Zeit wie der Prophet Haggai, unter der Herrschaft des persischen Königs Darius I. Die Ausgangslage: 586 v. Chr. hatte der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem niedergebrannt und die Oberschicht nach Babylon verschleppt. Fast siebzig Jahre später, 538 v. Chr., erlaubte der persische König Kyrus den Juden die Rückkehr. Doch der Wiederaufbau des Tempels stockte fast zwei Jahrzehnte lang – aus Erschöpfung, Widerstand der Nachbarn und schlicht Mutlosigkeit. Erst 520 v. Chr. bringen Haggai und Sacharja das Volk dazu, wirklich weiterzubauen.
Diese Situation steckt in jeder Zeile von Sacharja 6. Die Rückkehrer, die hier mit Namen genannt werden – Cheldai, Tobia, Jedaja – sind keine Symbolfiguren, sondern reale Männer, gerade erst aus Babylon eingetroffen, die Silber und Gold als Geschenk mitbringen. Sie übernachten im Haus eines gewissen Josia, Sohn des Zephanja – eine ganz alltägliche Adresse in Jerusalem. Josua, der Hohepriester, war eine der beiden zentralen Führungsfiguren dieser kleinen, verletzlichen Gemeinschaft (die andere war Serubbabel, ein Nachkomme Davids und persischer Statthalter). Ein Volk, das gerade erst aus der Fremde zurückgekommen ist, ohne eigenen König, ohne fertigen Tempel, unter der Fuchtel des persischen Weltreichs – genau diesen Leuten wird gesagt: Die Weltgeschichte liegt fest in Gottes Hand, und aus eurer Mitte wird einer kommen, der Priester und König zugleich sein wird. Das ist keine abstrakte Theologie, sondern ein Wort an entmutigte Bauleute, die kaum noch an ihre eigene Zukunft glaubten.
Ursprache
Das hebräische Wort für „Streitwagen" in Vers 1, מֶרְכָּבָה (merkâbâh, H4818), meint ein Kriegsgefährt – ein Bild für schnelle, entschlossene Macht, die auf Befehl losfährt Strong's.
Besonders reizvoll ist רוּחַ (rûwach, H7307). In Vers 5 sind die Wagen „die vier Winde des Himmels" (רוּחַ), und in Vers 8 lässt Gott „seinen Geist" (dasselbe Wort רוּחַ) sich im Nordland niederlassen Strong's. Das Hebräische kennt hier keinen Unterschied zwischen „Wind" und „Geist" – ein und dasselbe Wort trägt beides. Die Boten, die Gottes Willen ausführen, und Gottes eigener Geist, der zur Ruhe kommt, sind sprachlich eng verwoben.
אָדוֹן (ʼâdôwn, H113), „Herrscher/Souverän", steht in Vers 5 für den, vor dem die vier Winde sich aufstellen – „der Herrscher der ganzen Erde". Kein Reich der Erde steht außerhalb dieser Zuständigkeit.
Das theologische Herzstück des Kapitels ist צֶמַח (tsemach, H6780) in Vers 12 – „Sproß", von der Wurzel צָמַח (tsâmach, H6779), „hervorsprossen". Ein zartes, fast unscheinbares Bild – etwas, das aus dem Boden hervorbricht, klein anfängt, aber wächst.
Und in Vers 13 stehen zwei Wörter dicht beieinander, die man im Alten Israel eigentlich nicht zusammen erwartet: כֹּהֵן (kôhên, H3548), „Priester", und כִּסֵּא (kiççêʼ, H3678), „Thron". Ein Priester auf einem Thron war in Israels Ordnung undenkbar – Königtum und Priestertum waren strikt getrennte Ämter. Genau diese Verbindung nennt der Text עֵצָה שָׁלוֹם (ʻêtsâh shâlôwm) – „einen Ratschluss/Bund des Friedens" (H6098, H7965) zwischen beiden.
Wie es auf Christus hinweist
Dieses Kapitel zeigt eine der klarsten Vorausschauen im ganzen Alten Testament. „Sproß" ist kein zufälliger Titel – dasselbe Bild taucht bei Jesaja ( Jesaja 11,1: ein Zweig, der aus der Wurzel Isais hervorgeht) und bei Jeremia ( Jeremia 23,5: „ein gerechter Sproß" aus Davids Haus) auf. Es ist eine feste messianische Erwartung: ein König aus Davids Linie, der aus scheinbar totem Holz neu hervorbricht.
Was Sacharja 6 einzigartig macht, ist die Verschmelzung der beiden Ämter. Josua, der Hohepriester, wird gekrönt – ein Priester trägt ein Königszeichen. Und der kommende „Sproß" wird selbst „Priester sein auf seinem Thron", mit einem „Friedensbund" zwischen beiden Rollen. Der Hebräerbrief entfaltet genau das an Jesus: Er ist Priester nach der Ordnung Melchisedeks – zugleich König und Priester, ein Amt, das es sonst in Israel nicht gab ( Hebräer 7,1–3, 7,17). Und dass der „Sproß" „den Tempel des HERRN bauen" wird, findet sein Echo in Jesu eigenem Wort über den Tempel seines Leibes ( Johannes 2,19–21) und im Bild der Gemeinde als Bauwerk, das auf Christus als Eckstein wächst ( Epheser 2,20–21).
Auch der letzte Vers – „man wird aus der Ferne kommen und bauen am Tempel des HERRN" – ist mehr als eine Randnotiz. Es ist ein leiser Vorgriff darauf, dass Menschen aus allen Völkern, nicht nur aus Israel, am Haus Gottes mitbauen werden – genau das, was Paulus in Epheser 2,19 beschreibt, wenn er Heiden und Juden gemeinsam als „Hausgenossen Gottes" bezeichnet. Und die Grundlage von allem – die vier Winde, die sich erst vor dem „Herrscher der ganzen Erde" stellen müssen, bevor sie losziehen – sp