Hesekiel 35
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Was es bedeutet
Dieses Kapitel ist ein einziges, langes Gerichtswort gegen einen Nachbarn: Edom, hier "Gebirge Seir" genannt – die zerklüftete Bergregion südöstlich von Juda, wo die Nachkommen Esaus wohnten Jamieson-Fausset-Brown. Der Aufbau ist klar gegliedert: Zuerst der Auftrag (V.1-4) – Hesekiel soll sein Gesicht gegen den Berg richten, und Gott kündigt Verwüstung an. Dann folgt die Anklage (V.5-6): Edom hegt "ewige Feindschaft" und hat Israel "der Schärfe des Schwertes überliefert" – ausgerechnet in dem Moment, als Juda am Boden lag, beim Fall Jerusalems. Darauf folgt eine zweite, noch schärfere Anklage (V.10-13): Edom hat gesagt, das Land Israels und Judas müsse "unser" werden – als ob der HERR dort gar nicht gegenwärtig gewesen wäre. Und dann kommt das, was man leicht überliest: Edom hat nicht nur gehandelt, sondern geredet – großspurige, freche Worte gegen die Berge Israels ausgestoßen, sich über deren Verwüstung gefreut (V.12-13). Am Ende (V.14-15) dreht Gott den Spieß um: Wie Edom sich über Israels Trümmer gefreut hat, so wird nun ganz Edom zu Trümmern.
Der Refrain "so werdet ihr erfahren, daß ich der HERR bin" (V.4, 9, 15) hält das ganze Kapitel zusammen – es geht Gott nicht nur um Rache, sondern darum, dass seine Wirklichkeit sichtbar wird, gerade dort, wo jemand meinte, er sei abwesend.
Im großen Bogen des Buches steht Kapitel 35 zwischen zwei Verheißungen: Kapitel 34 verspricht Israel einen guten Hirten und Wiederherstellung, Kapitel 36 verspricht den Bergen Israels neues Leben. Dazwischen steht Edom – der Feind, der versuchte, sich das verwaiste Erbe unter den Nagel zu reißen Tyndale. Bevor Gott sein Volk aufrichtet, räumt er mit dem auf, der sich am Fall seines Volkes bereichern wollte. Christen sind sich uneinig, ob dieses Kapitel rein historisch (das reale Edom, das um 550 v. Chr. tatsächlich unterging) oder zusätzlich als Bild für alle Feindschaft gegen Gottes Volk bis ans Ende der Zeit zu lesen ist, ähnlich wie Jesaja 34 und das Buch Obadja Edom als Typus behandeln Jamieson-Fausset-Brown.
Historischer Hintergrund
Hesekiel war Priester und wurde 597 v. Chr. mit einer der ersten Deportationswellen aus Jerusalem nach Babylon verschleppt. Von dort aus, am Fluss Kebar, empfing er seine Visionen. Dieses Kapitel gehört in die Zeit kurz vor oder nach der endgültigen Zerstörung Jerusalems 586 v. Chr. durch Nebukadnezars Truppen Adam Clarke.
Edom war Judas Nachbar im Südosten, ein Bergvolk, das sich auf Esau, Jakobs Zwillingsbruder, zurückführte – eine uralte Familienfehde, die nie wirklich beigelegt wurde Matthew Henry. Als Babylon Juda niederwalzte, stand Edom nicht neutral daneben. Aus anderen biblischen Zeugnissen ( Psalm 137,7; das ganze Buch Obadja) wissen wir: Edom feuerte die babylonischen Soldaten an, plünderte mit, blockierte Fluchtwege und lieferte flüchtende Judäer den Feinden aus. Das ist genau das, was V.5 meint mit "die Kinder Israel der Schärfe des Schwertes überliefert hast zur Zeit ihres Unglücks".
Mehr noch: Als Juda entvölkert und geschwächt am Boden lag, sah Edom eine Gelegenheit. Es begann, in das südliche Bergland Judas vorzudringen und Land zu beanspruchen, das nicht ihm gehörte – daher die Formulierung in V.10: "Diese beiden Völker und diese beiden Länder müssen mein werden" (gemeint sind Israel und Juda, die beiden gefallenen Reiche). Für die Menschen in Jerusalem und im Exil war das kein abstraktes Politgeschehen, sondern der Verrat eines Blutsverwandten in der schlimmsten Stunde – vergleichbar damit, wenn ein Nachbar bei einem Hausbrand nicht löscht, sondern die Wertsachen aus den Trümmern klaut.
Ursprache
שֵׂעִיר (Sêʻîyr) H8165, "Seir" – in V.2, 3 und 7 immer wieder genannt. Das Wort bedeutet "rau" oder "behaart" und beschreibt die zerklüftete, wilde Bergwelt Edoms Jamieson-Fausset-Brown. Gott spricht das Gebirge selbst an – als ob das Land für sein Volk einstehen müsste.
אֵיבָה (ʼêybâh) H342, "Feindschaft", V.5 – dasselbe Wort, das in 1. Mose 3,15 für die "Feindschaft" zwischen der Schlange und der Frau steht. Hier ist es eine Feindschaft, die absichtlich am Leben gehalten wird ("ewig", עוֹלָם H5769) – kein Ausrutscher, sondern ein gepflegter Groll Strong's.
דָּם (dâm) H1818, "Blut" – V.6 häufen sich die Wiederholungen: "ich will dich bluten machen, und Blut soll dich verfolgen". Im Hebräischen ist das fast ein Wortspiel, ein Echo dessen, was Edom selbst getan hat – Blut vergossen, das nun Blut nach sich zieht.
קִנְאָה (qinʼâh) H7068 "Eifersucht" und שִׂנְאָה (sinʼâh) H8130/H8135 "Hass" – V.11: Gott sagt, er wird "nach deinem Zorn und nach deiner Eifersucht" handeln. Er spiegelt Edoms eigene Gefühle zurück.
נְאָצָה (nᵉʼâtsâh) H5007, "Lästerung/Schmähung", V.12 – ein starkes Wort für Verhöhnung. Edom hat nicht nur gehandelt, sondern geredet, und Gott sagt ausdrücklich: "Ich habe es gehört" (שָׁמַע H8085) Strong's.
יָדַע (yâdaʻ) H3045, "erkennen/wissen" – der Refrain, der das ganze Kapitel trägt (V.4, 9, 15): "so werdet ihr erfahren, daß ich der HERR bin". Es ist keine bloße Information, sondern eine erschütternde Begegnung mit der Wirklichkeit Gottes.
Wie es auf Christus hinweist
Auf den ersten Blick scheint Kapitel 35 weit weg von Jesus zu sein – es ist purer Zorn gegen einen konkreten, längst verschwundenen Nachbarstaat. Aber lies genauer hin, was Edoms eigentliches Verbrechen ist: Es hat sich am Leiden von Gottes Volk erfreut und sich dessen Erbe angeeignet, weil es dachte, Gott sei "nicht dort" (V.10). Genau diese Lüge – dass Gott abwesend ist, wenn sein Volk leidet – widerlegt das ganze Evangelium. Am Kreuz ist Gott gerade dort am tiefsten gegenwärtig, wo sein Sohn scheinbar von Menschen und Feinden übermannt wird.
Auffallend ist auch, wie persönlich Gott die Schmähungen gegen "die Berge Israels" nimmt (V.12-13): "Ich habe es gehört." Wer sich über sein Volk lustig macht, trifft ihn selbst. Genau das sagt Jesus später zu Saulus: "Saul, Saul, was verfolgst du mich?" ( Apostelgeschichte 9,4) – der Verfolger dachte, er greife nur Christen an, doch er traf Christus selbst.
Und dann ist da die Frage der Vergeltung: "Blut soll dich verfolgen" (V.6). Im Neuen Testament wird diese Rache nicht abgeschafft, sondern umgelenkt – Paulus schreibt: "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr" ( Römer 12,19). Am Kreuz trägt Christus selbst den Zorn, der eigentlich den Feinden Gottes gebührt hätte – auch dir und mir, die wir alle irgendwann Edom waren, bevor Gnade uns fand. Kapitel 35 zeigt also nicht direkt auf Jesus, aber es zeigt scharf das Muster, das er am Ende auflöst: Gottes Zorn über Bosheit ist real – und Christus ist der Ort, an dem dieser Zorn entweder getragen oder, für die, die sich weigern, am Ende sichtbar vollstreckt wird (vgl. Offenbarung 19,15).
Für dein Leben
Es ist einfach, dieses Kapitel zu lesen und zu denken: "Gut, dass ich kein Edomiter bin." Aber schau nochmal genau hin, was Edoms Sünde eigentlich war. Es hat nicht selbst zugeschlagen – es hat sich gefreut, als jemand anderes fiel. Es hat einen alten Groll gepflegt, jahrhundertelang, bis er ganz normal wurde. Und es hat sich eingeredet, Gott sei nicht dabei, also könne man sich holen, was übrig blieb.
Frag dich ehrlich: Wo trägst du einen Groll mit dir herum, den du längst "vergessen" haben solltest, aber in Wahrheit nur eingefroren hast? Wo hast du dich – vielleicht nur innerlich, nur für eine Sekunde – gefreut, als jemand fiel, der dir wehgetan hat? Das ist kein kleines Ding vor Gott. Er sagt: "Ich habe es gehört" (V.13). Nicht nur Taten, auch die leise Genugtuung im Herzen, wenn ein Rivale stolpert, wird gehört.
Und die andere Seite: Wo hast du geglaubt, Gott sei irgendwo nicht dabei – bei deinem Leid, beim Leid eines anderen – und dir deshalb erlaubt, dich zu bedienen, wo du eigentlich Barmherzigkeit schuldig gewesen wärst?
Die Kosten dieses Kapitels sind konkret: einen alten Groll loslassen, der sich richtig anfühlt, weil er "gerecht" erscheint. Aufhören, sich innerlich zu freuen, wenn es jemandem schlecht geht, den du nicht magst. Und glauben – wirklich glauben –, dass Gott auch dort gegenwärtig war, wo du dachtest, du könntest ungesehen zugreifen.
Gebetsanliegen
- Herr, zeig mir die Grolle, die ich jahrelang mit mir herumtrage, ohne sie beim Namen zu nennen – und hilf mir, sie loszulassen.
- Vergib mir die Momente, in denen ich mich heimlich gefreut habe, wenn jemand fiel, der mir wehgetan hat.
- Gib mir den Glauben, dass du gegenwärtig bist, auch wenn ich Leid sehe, das ich nicht verstehe – hilf mir, nicht so zu handeln, als wärst du abwesend.
- Bewahre mich davor, mir zu nehmen, was mir nicht gehört, nur weil es gerade schwach oder verwaist daliegt.
- Danke, dass du hörst, wenn Menschen leiden – und danke, dass du am Kreuz selbst den Zorn getragen hast, den ich verdient hätte.
Zum Nachdenken
- Gibt es einen Menschen oder eine Gruppe, gegen die ich eine "ewige Feindschaft" pflege, ohne sie so zu nennen?
- Wann habe ich mich zuletzt innerlich gefreut, als jemand, den ich nicht mag, gescheitert ist?
- Habe ich mich je an etwas bedient – Zeit, Ruf, Beziehung, Vorteil –, das mir gehörte, nur weil der Besitzer gerade schwach war?
- Wo glaube ich insgeheim, Gott sei "nicht dort", und erlaube mir deshalb Dinge, die ich sonst nicht täte?
- Wenn Gott jedes Wort hört, das ich über andere sage, wie würde sich mein Reden heute ändern?