Jeremia 50
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Was es bedeutet
Dieses Kapitel ist das längste Gerichtswort in Jeremia gegen ein fremdes Volk – länger sogar als manches Wort gegen Juda selbst Tyndale. Es beginnt mit einem Paukenschlag: „Babel ist eingenommen!" (V. 2) – als wäre es schon geschehen, obwohl es Jahrzehnte in der Zukunft liegt. Die Götzen Bel und Merodach, die Staatsgötter des Weltreichs, werden öffentlich blamiert.
Dann macht der Text eine überraschende Wendung (V. 4–7): mitten im Triumphgeschrei gegen Babel schiebt sich ein leises, weinendes Israel ins Bild – Nordreich und Südreich zusammen, obwohl das Nordreich seit über hundert Jahren in alle Winde zerstreut war. Sie suchen Gott, wollen einen „ewigen Bund" schließen. Dazwischen das Bild verlorener Schafe, von den eigenen Hirten in die Irre geführt.
Von Vers 8 an wechselt der Ton wieder: ein Aufruf zur Flucht aus Babel, dann eine lange, wuchtige Kriegsdichtung (V. 14–32), die fast wie ein Trommelwirbel „das Schwert!" wiederholt – gegen Pferde, Wagen, Söldner, Schätze, Wasser. Mitten darin ein Rückblick: Assur hat Israel gefressen, Babel hat die Knochen abgenagt (V. 17) – Geschichte als Kette von Raubtieren, bis Gott selbst eingreift.
Dann, wie ein Gerichtssaal, tritt Gott als „starker Erlöser" auf, der Israels Rechtssache führt (V. 33–34) – ein Rechtsanwalt-Bild mitten im Kriegslärm. Der Schluss (V. 35–46) häuft Fluch auf Fluch: Sodom und Gomorra als Vergleichsgröße, dann ein Löwe, der aus dem Dickicht des Jordan steigt – genau dasselbe Bild, das Jeremia früher gegen Juda selbst benutzt hatte (vgl. Jer 4,7), jetzt gegen dessen Peiniger gewendet.
Christen sind sich uneins, wie wörtlich das zu nehmen ist: Babylon fiel 539 v. Chr. an Kyros fast kampflos – nicht in der brutalen Belagerung, die dieses Kapitel schildert. Manche lesen das Kapitel deshalb auch als Vorschau auf ein größeres „Babylon", das erst in der Offenbarung endgültig fällt. Manche kritische Ausleger bezweifeln zudem, ob Jeremia selbst diese Kapitel 50–51 verfasst hat; die Überschrift beansprucht es ausdrücklich Keil-Delitzsch Old Testament. Das Kapitel steht am Höhepunkt eines Blocks von Völkersprüchen ( Jeremia 46–51), bevor Kapitel 52 nüchtern berichtet, was mit Jerusalem tatsächlich geschah.
Historischer Hintergrund
Jeremia wirkte etwa von 627 bis in die 580er Jahre v. Chr. – durch die letzten Jahrzehnte des Königreichs Juda hindurch, durch die Eroberung Jerusalems 586 v. Chr. und die Deportation der Überlebenden nach Babylon. Dieser Spruch gegen Babel wurde aller Wahrscheinlichkeit nach geschrieben, während Babylon noch auf dem Höhepunkt seiner Macht stand – eine ganze Generation, bevor der Perserkönig Kyros die Stadt 539 v. Chr. tatsächlich einnahm John Gill. Man muss sich das so vorstellen: Babylon hatte gerade Assyrien zerschlagen (612 v. Chr.), Ägypten bei Karkemisch besiegt (605 v. Chr.) und Juda in drei Wellen ausgeplündert (605, 597, 586 v. Chr.). Wer diese Zeilen zum ersten Mal hörte, saß vermutlich als Verschleppter irgendwo an einem Kanal in Mesopotamien, sah babylonische Prozessionen mit den Götterbildern Bel und Marduk vorbeiziehen und fragte sich ernsthaft, ob der Gott Israels dem Gott Babylons unterlegen war.
Genau diese Angst greift das Kapitel auf und dreht sie um: Nicht der Gott Israels ist besiegt, sondern die Götzen Babels werden bald zuschanden. Interessant ist die Erwähnung, dass „die Kinder Israels" und „die Kinder Juda" gemeinsam zurückkehren (V. 4) – das Nordreich Israel war schon 722 v. Chr. von den Assyrern zerstreut worden, über hundert Jahre vor dieser Prophezeiung, seine Bewohner in fremden Ländern aufgegangen. Dass Gott auch diese längst verlorenen Schafe noch im Blick hat, war für die frisch deportierten Judäer eine erschütternde Zusage: Verbannung ist bei Gott kein Endpunkt.
Ursprache
בָּבֶל (Bâbel, H894) – kommt von bâlal, „verwirren". Der Name der Stadt trägt ihr Urteil schon in sich: gebaut, um sich selbst einen Namen zu machen ( 1. Mose 11), heißt sie am Ende buchstäblich „Verwirrung" – und genau das wird sie Strong's. Das Wort zieht sich durch fast das ganze Kapitel (V. 1, 2, 8, 9, 10, 13, 14 u.ö.).
בֵּל (Bêl, H1078) und מְרֹדָךְ (Mᵉrôdâk, H4781) aus Vers 2 – das sind keine abstrakten Symbole, sondern die tatsächlichen Staatsgötter Babylons. Dass sie „zuschanden" (châthath, H2865 – niedergeschlagen, zerbrochen) werden, ist eine direkte Kampfansage an das, worauf Babylon sein Selbstvertrauen gründete.
שׁוֹבָב (shôwbâb, H7726) aus Vers 6, übersetzt „irregeführt" – meint eigentlich „abtrünnig", ein aktiveres Wort als bloßes Verirren. Die Schafe sind nicht einfach verloren gegangen, sie wurden von ihren eigenen Hirten in die Abtrünnigkeit geführt.
נָוֶה צֶדֶק (nâveh tsedeq, H5116/H6664) aus Vers 7 – „Aue der Gerechtigkeit". Ein Name für Gott selbst als die eigentliche Heimat Israels – gerade das, wogegen die Feinde behaupten, Israel habe gesündigt.
בְּרִית עוֹלָם (bᵉrîyth ʻôwlâm, H1285/H5769) aus Vers 5 – „ewiger Bund", der nicht „vergessen" (shâkach) werden soll. Mitten in der Verbannung ist das kein frommer Wunsch, sondern eine harte Zusage gegen die Angst, Gott habe sein Volk fallen gelassen.
נְאֻם יְהֹוָה (*nᵉʼum Yᵉhôv