Psalmen 70
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Was es bedeutet
Sechs Verse, aber sie haben eine ganze Bewegung in sich. Der Psalm beginnt mit einem Schrei ohne Vorrede: „Eile, o Gott, mich zu erretten" (V.2) – keine Anrede, kein Aufbau, sofort die Not. Dann kommt die Bitte, dass die, die David nach dem Leben trachten, beschämt werden (V.3-4) – ihr Spott „Ha, ha!" soll ihnen selbst zurückfallen. Danach eine Wende: der Blick weitet sich von den Feinden weg auf alle, die Gott suchen – sie sollen sich freuen, Gott soll groß werden in ihrem Mund (V.5). Und dann, ganz am Ende, kehrt der Psalm zu genau dem zurück, womit er anfing: „eile zu mir … säume nicht" (V.6) – aber jetzt mit einem Zusatz, der alles trägt: „Ich aber bin elend und arm." Die ganze Klammer des Psalms ist Eile, Eile – am Anfang und am Ende steht dasselbe dringende Wort Strong's.
Was leicht übersehen wird: Dieser Psalm ist fast wortgleich mit dem Schluss von Psalm 40 (Verse 14-18) Tyndale. David – oder wer auch immer diesen Psalm für den Gottesdienst zurechtgemacht hat – hat ein altes Gebet genommen und es zu einem eigenständigen, tragbaren Notruf gemacht Keil-Delitzsch Old Testament. Das ist selbst schon eine Botschaft: du musst nicht jedes Mal neue Worte finden. Die Überschrift „zum Gedächtnis" ist rätselhaft – niemand weiß genau, was sie bedeutet Tyndale, aber Matthew Henry liest sie schön: es ist ein Gebet, das Gott an seine Zusagen erinnert – nicht weil Gott vergesslich wäre, sondern weil das gläubige Erinnern selbst zum Gebet wird Matthew Henry.
Der Psalm steht im zweiten Buch der Psalmen, mitten in einer Gruppe von Klagepsalmen (68-71), die alle um Bedrängnis und Rettung kreisen. Über theologische Streitpunkte gibt es hier kaum Uneinigkeit unter den Traditionen – es ist ein schlichtes, dringendes Bittgebet, das jede christliche Richtung ähnlich liest.
Historischer Hintergrund
Die Überschrift schreibt den Psalm David zu, also grob dem 10. Jahrhundert vor Christus, als er entweder vor Saul floh oder später von eigenen Widersachern bedrängt wurde. Aber der Vermerk „Dem Vorsänger" zeigt: dieser Text wurde nicht nur einmal im stillen Kämmerlein gebetet, sondern für den öffentlichen Tempeldienst eingerichtet – ein Chorleiter (der „Vorsänger") sollte ihn mit Musik zur Aufführung bringen, wahrscheinlich Generationen nach David, als die Psalmen für den Gottesdienst in Jerusalem gesammelt und geordnet wurden.
Stell dir die Situation konkret vor: Jemand wird gejagt. Nicht nur bedroht, sondern verspottet – Leute stehen da und rufen höhnisch „Ha, ha!", wenn sie sein Unglück sehen. Das ist die Sprache von Menschen, die öffentlich fallen, deren Feinde sich versammeln und applaudieren, wenn es schlecht läuft. In der Welt des alten Israel, wo Ehre und Schande öffentliche, soziale Realitäten waren – nicht nur Gefühle –, bedeutete „beschämt werden" nicht bloß Verlegenheit, sondern gesellschaftlichen Ruin, Gesichtsverlust vor der ganzen Sippe.
Dass fast derselbe Text in Psalm 40 und in Psalm 71:12 wieder auftaucht, zeigt: Diese Worte wurden von der Gemeinde Israels als brauchbares, wiederverwendbares Gebetsgut behandelt – wie ein Kirchenlied, das man immer wieder singt, weil es genau die richtigen Worte für die immer wiederkehrende menschliche Not liefert. Es war kein Einzelstück für ein einziges historisches Ereignis, sondern ein Gebet, das für viele Generationen von Betern unter Druck bestimmt war.
Ursprache
Das Wort, das den ganzen Psalm zusammenhält, ist חוּשׁ (chûwsh, H2363) – „eilen" Strong's. Es steht am Anfang (V.2) und wieder ganz am Schluss (V.6): kein höfliches Bitten, sondern das Wort für Hetze, Drängen, „mach schnell". David betet nicht mit Zeit im Rücken.
In V.2 steht auch נָצַל (nâtsal, H5337), „erretten" – wörtlich „wegreißen, entreißen". Das ist kein sanftes Führen aus der Gefahr, sondern das Bild, jemanden aus einem zuschnappenden Maul herauszureißen Strong's.
Die Feinde sollen „beschämt" werden – zwei verschiedene Wörter dafür: בּוּשׁ (bûwsh, H954), „erbleichen, sich schämen", und חָפֵר (châphêr, H2659), „erröten, zuschanden werden" (beide V.3). Das Hebräische kennt viele Nuancen für Gesichtsverlust – ein Zeichen, wie ernst Ehre und Schande in dieser Kultur genommen wurden Strong's.
Ihr Spottruf in V.4 ist הֶאָח (heʼâch, H1889) – „Ha, ha!" – ein Wort, das im Hebräischen fast ausschließlich als Hohnruf gebraucht wird, das Geräusch der Schadenfreude selbst.
David beschreibt sich am Ende (V.6) mit zwei Wörtern: עָנִי (ʻânîy, H6041), „gebeugt, elend", und אֶבְיוֹן (ʼebyôwn, H34), „mittellos, arm" Strong's. Das sind keine übertriebenen Selbstmitleidsworte, sondern die technischen Begriffe für den Menschen, der wirklich nichts mehr in der Hand hat.
Und in V.5 begegnet dir יְשׁוּעָה (yᵉshûwʻâh, H3444) – „Heil, Rettung". Genau diese Wortwurzel steckt im Namen Jeschua – Jesus.
Wie es auf Christus hinweist
Das Wort für „Heil" in Vers 5 (יְשׁוּעָה, yeshu'ah) trägt dieselbe Wurzel wie der Name, den ein Engel Josef befiehlt, seinem Sohn zu geben: Jesus – „denn er wird sein Volk retten" ( Matthäus 1:21). Wenn David hier sagt „die dein Heil lieben", betet er ohne es zu wissen nach dem Namen, der eines Tages Fleisch werden würde.
Noch näher liegt das Muster des leidenden, verspotteten Gerechten. David wird gejagt und verhöhnt, während er auf Gott wartet – genau dieses Muster spitzt sich am Kreuz zu: Vorübergehende verspotten Jesus, schütteln den Kopf, rufen ihre eigene Version von „Ha, ha!" ( Markus 15:29-32). Jesus betet am Kreuz nicht Psalm 70, sondern den verwandten Psalm 22 – aber die Grundhaltung ist dieselbe: der Gerechte, der in äußerster Not schreit und sich Gott ausliefert, statt sich selbst zu rächen.
Und das Bekenntnis „ich bin elend und arm" (V.6) – das ist die Sprache, die Paulus auf Christus selbst anwendet: „er, der reich war, wurde arm um euretwillen" ( 2. Korinther 8:9). Jesus betet nicht nur wie der Bedürftige – er wird der Bedürftige, damit du in deiner Bedürftigkeit einen findest, der genau weiß, wie sich das anfühlt: elend, arm, auf schnelle Hilfe angewiesen, ohne Polster.
Das ist kein erzwungener Bogen, sondern ein leises, ehrliches Echo: Wo immer in den Psalmen ein Mensch ganz unten schreit, hörst du im Neuen Testament die Stimme dessen mit, der ganz unten war – und der jetzt genau deshalb weiß, was du meinst, wenn du „eile" betest.
Für dein Leben
Frag dich ehrlich: Wann hast du zuletzt so gebetet – ohne Anrede, ohne höfliche Einleitung, einfach „Eile, Gott, hilf mir jetzt"? Wir haben oft das Gefühl, ein „richtiges" Gebet müsste geordnet, dankbar, formuliert sein. David zeigt dir das Gegenteil: manchmal ist das ehrlichste Gebet ein Notruf, der nicht mal zu Ende formuliert wird.
Das Kostspielige an diesem Psalm ist Vers 6: „Ich aber bin elend und arm." Das zu beten kostet etwas, weil es bedeutet, öffentlich – vor Gott, vor dir selbst – zuzugeben, dass du es nicht im Griff hast. Kein Polster, keine Reserve, keine eigene Lösung. Die meisten von uns bauen ihr ganzes Leben darauf auf, genau das zu vermeiden: den Eindruck zu erwecken, wir kämen zurecht. David lässt diese Fassade fallen, und genau in diesem Fallenlassen findet er Gott.
Und dann ist da noch die unbequeme Bitte um Beschämung der Feinde. Bevor du das wegwischst als „alttestamentlich" und unchristlich – frag dich, ob es nicht ehrlicher ist, Gott zu bitten, Unrecht zu richten, als es selbst in die Hand zu nehmen. David rennt nicht los, um Rache zu üben. Er betet. Das ist der Unterschied zwischen Zorn, der Gott übergeben wird, und Zorn, der zur Tat wird.
Heute lädt dich dieser Psalm ein, einmal ganz ohne Schminke vor Gott zu treten: dringend, bedürftig, ohne den Anspruch, alles im Griff zu haben – und trotzdem mit dem Vertrauen, dass „meine Hilfe und mein Retter bist du."
Gebetsanliegen
- Herr, ich bitte dich heute ohne Umschweife: eile mir zu helfen, wo ich gerade festhänge.
- Ich bekenne vor dir, dass ich elend und arm bin – nicht so stark, wie ich anderen zeige.
- Ich übergebe dir das Unrecht, das mir angetan wurde, statt selbst Vergeltung zu suchen.
- Lass mich zu denen gehören, die sich an dir freuen und sagen: Gott ist groß.
- Danke, dass du kein fernes, unberührtes Wesen bist, sondern einer, der mit dem Bedürftigen mitfühlt.
Zum Nachdenken
- Wann hast du zuletzt Gott ein ungeschminktes, dringendes Gebet zugerufen, statt es „schön" zu formulieren?
- Was hindert dich daran, vor Gott zuzugeben: „Ich bin elend und arm"?
- Wem gegenüber wünschst du dir insgeheim Beschämung – und hast du das je Gott hingelegt, statt es selbst zu betreiben?
- Freust du dich wirklich an Gott, oder suchst du ihn nur, wenn die Not groß ist?
- Was würde sich verändern, wenn du glaubtest, dass Gottes Verzögerung nicht Gleichgültigkeit bedeutet?