Psalmen 67
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Was es bedeutet
Psalm 67 ist kurz, aber er hat eine klare Bewegung, fast wie ein Trichter, der sich umdreht. Er beginnt eng – "Gott sei uns gnädig und segne uns" – und wird dann immer weiter, bis am Ende "alle Welt" ihn fürchtet. Die Verse 2 und 3 greifen fast wörtlich den alten priesterlichen Segen aus 4. Mose 6,24-26 auf ("er lasse sein Antlitz bei uns leuchten") Keil-Delitzsch Old Testament – aber der Psalmist biegt diesen Segen sofort um: Er bittet nicht, damit Israel sich wohlfühlt, sondern damit ("daß") die ganze Erde Gottes Weg erkennt. Das ist der Schlüssel zum ganzen Lied: Segen ist hier kein Endpunkt, sondern ein Fenster, durch das andere Völker Gott sehen sollen Tyndale.
Dann kommt der Refrain (V. 4 und V. 6, fast wortgleich): "Es sollen dir danken die Völker, o Gott, dir danken alle Völker!" Dieser Refrain rahmt die Mitte des Psalms wie zwei Klammern. Zwischen den Klammern (V. 5) steht der Grund für die Freude der Völker: nicht dass sie reich werden, sondern dass Gott "recht richtet" und die Nationen führt – Gerechtigkeit, nicht nur Wohlstand, ist der Grund zum Jubeln.
Am Ende (V. 7-8) landet der Psalm wieder ganz konkret: "Das Land gibt sein Gewächs." Das ist vermutlich ein Erntedank-Psalm, wahrscheinlich gesungen beim Wochenfest, wenn die Ernte eingebracht war. Aber die letzte Zeile springt sofort wieder ins Universale: "alle Welt fürchte ihn". Eine gute Ernte in einem winzigen Landstrich wird zum Anlass, dass die ganze Erde Gott anerkennt.
Wo Christen unterschiedlich lesen: manche sehen hier vor allem ein liturgisches Erntelied mit missionarischem Einschlag; andere (besonders ältere Ausleger) lesen es fast prophetisch-messianisch, als Vorausschau auf den Tag, an dem tatsächlich alle Völker Gott danken John Gill. Beides muss sich nicht ausschließen. Im Psalter steht Psalm 67 zwischen Liedern, die Gottes Fürsorge in der Schöpfung ( Ps 65) und seine Macht über die Völker ( Ps 66) feiern – er ist die logische Zuspitzung: Gottes Güte an einem Volk zielt auf die ganze Welt.
Historischer Hintergrund
Der Psalm nennt keinen Verfasser, nur die Anweisung "Dem Vorsänger, mit Saitenspiel" – also ein Lied für den Chorleiter im Tempeldienst, begleitet von Streichinstrumenten Strong's. Wir wissen nicht genau, wann er entstanden ist; vermutlich irgendwann während der Zeit der Königsherrschaft in Israel, zwischen dem 10. und 7. Jahrhundert vor Christus, aber das ist eine Vermutung, keine Gewissheit.
Was wir sicherer sagen können: Israel war damals ein kleines, verletzliches Bauernvolk, eingeklemmt zwischen Großmächten wie Ägypten und später Assyrien und Babylon. Eine gute Ernte war keine Selbstverständlichkeit – sie war der Unterschied zwischen Überleben und Hunger. Wenn der Psalm also sagt "das Land gibt sein Gewächs", spricht er aus einer Welt, in der man jedes Jahr wirklich nicht wusste, ob der Regen kommen würde.
Der Text ist offensichtlich für den Gottesdienst gemacht: Die "Pause" (Selah) markiert wahrscheinlich musikalische Zwischenspiele, in denen die Instrumente allein weiterspielten, während die Gemeinde nachklingen ließ, was gerade gesungen wurde. Die Anlehnung an den aaronitischen Segen aus 4. Mose 6 zeigt, dass dies wohl im Tempel gesungen wurde, vielleicht sogar als Antwort der versammelten Gemeinde, nachdem ein Priester genau diesen Segen über sie ausgesprochen hatte. Viele Ausleger vermuten eine Verbindung zum Wochenfest (Schawuot), dem Fest der Erstlingsfrüchte – ein Fest, bei dem Israel Gott für die Ernte dankte und das später im Judentum auch mit der Gabe der Tora verbunden wurde. Historisch ist dieser Psalm also weniger ein persönliches Gebet als ein Gemeindelied, gesungen von Menschen, deren tägliches Brot direkt von Regen und Ernte abhing – und die trotzdem, mitten in dieser sehr lokalen Sorge, an die ganze Welt dachten.
Ursprache
Das Wort für "gnädig sein" in Vers 2 ist חָנַן (chanan, H2603) – wörtlich das Bild eines Größeren, der sich zu einem Kleineren herunterbeugt, um ihm Gutes zu tun Strong's. Es ist keine Pflicht, sondern eine Bewegung von oben nach unten, aus freiem Willen. Direkt daneben steht בָּרַךְ (barak, H1288), "segnen" – ein Wort, das eigentlich mit "knien" zu tun hat. Wenn Gott jemanden segnet, kniet er sich sozusagen zu ihm herunter; wenn Menschen Gott segnen (wie es in diesem Psalm die Völker tun sollen), knien sie vor ihm.
In Vers 2 steht auch פָּנִים (panim, H6440), "Angesicht", zusammen mit אוֹר ('or, H215), "leuchten" – das Bild eines Gesichts, das sich einem freundlich zuwendet und dabei aufstrahlt, wie ein Vater, dessen Miene sich hellt, wenn sein Kind hereinkommt.
In Vers 3 taucht יְשׁוּעָה (yeshuah, H3444) auf, "Rettung" oder "Heil" – dieselbe Wurzel, aus der später der Name Jesus (Jeschua) kommt.
In Vers 5 steht שָׁפַט (shaphat, H8199), "richten", zusammen mit מִישׁוֹר (mishor, H4334), das sowohl "Ebene, gerader Weg" als auch übertragen "Geradheit, Gerechtigkeit" bedeutet Strong's – Gottes Richten wird hier nicht als Bedrohung, sondern als Grund zum Jubeln beschrieben.
Und Vers 7 nennt יְבוּל (yebul, H2981), "Ertrag, Ernte" – ein sehr erdverbundenes, materielles Wort mitten in einem Lied, das gerade noch von "allen Nationen" gesungen hat.
Wie es auf Christus hinweist
Das leuchtende Angesicht Gottes aus Vers 2 findet im Neuen Testament eine direkte Antwort: Paulus schreibt in 2. Korinther 4,6, dass derselbe Gott, der Licht aus der Finsternis hervorleuchten ließ, es nun "hell werden lassen" hat "zur Erleuchtung mit der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi." Das, was der Psalmist erbittet – Gottes Antlitz, das sichtbar und persönlich zugewandt ist – bekommt im Neuen Testament ein Gesicht. Nicht mehr nur ein Bild, sondern ein Mensch.
Noch tiefer geht die zentrale Sehnsucht des ganzen Psalms: dass "alle Nationen" Gott danken, sich freuen und ihn fürchten. Das ist genau das Versprechen, das Gott schon Abraham gab ("in dir sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden", 1. Mose 12,3), und das im Neuen Testament in Christus seinen Erfüllungspunkt findet: Paulus segnet in Epheser 1,3 Gott dafür, dass er uns "mit jedem geistlichen Segen... durch Christus" gesegnet hat – nicht mehr an ein Volk gebunden, sondern für alle offen. Der Missionsbefehl ( Matthäus 28,19) und die Vision in Offenbarung 7,9, wo Menschen "aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen" vor dem Thron stehen, sind genau die Erfüllung dessen, wovon Psalm 67 nur singen konnte.
Man sollte hier ehrlich bleiben: Der Psalm selbst spricht nicht von einem kommenden Messias, er ist kein direktes Prophetenwort über Jesus. Aber er zeichnet die Form eines Wunsches vor, den erst Christus mit Fleisch füllt – Gottes Segen, der über eine Grenze hinaus fließt, bis alle Welt ihn fürchtet.
Für dein Leben
Hier ist die unbequeme Frage, die dieser Psalm dir stellt: Wofür bittest du eigentlich, wenn du um Segen betest? Der Psalmist bittet auch um Gnade, auch um ein leuchtendes Gesicht Gottes über sich – aber er hört da nicht auf. Er sagt sofort: damit die Erde deinen Weg erkennt. Segen ist bei ihm kein geschlossenes System, das bei dir endet. Es ist ein Rohr, kein Eimer.
Das kostet etwas. Es ist leicht, Gottes Güte zu genießen und dort stehen zu bleiben – die gute Gesundheit, das gute Jahr, die beantworteten Gebete – und nie zu fragen, wozu das gut sein soll außer für dich selbst. Dieser Psalm zwingt dich, die Frage weiterzudenken: Wenn Gott dich gesegnet hat, wen siehst du dadurch? Wem gibst du davon weiter? Für wen betest du, der noch gar nicht weiß, dass es diesen Gott gibt?
Und beachte, worauf sich die Völker in Vers 5 freuen: nicht auf Wohlstand, sondern darauf, dass Gott "recht richtet". Das ist heute schwer zu schlucken, weil wir Gericht meist mit Angst verbinden. Aber der Psalmist singt darüber wie über eine gute Nachricht. Kannst du das? Kannst du dich freuen, dass Gott am Ende alles gerade rückt – auch die Dinge, die du selbst nicht gerade rücken kannst, auch das Unrecht, das dir angetan wurde, auch das Unrecht, das du selbst getan hast?
Und schließlich: Bevor der Psalm ins Universale springt, bleibt er ganz konkret bei der Ernte, beim täglichen Brot. Vielleicht beginnt Fürbitte für die Welt genau da – bei ehrlichem Dank für das, was tatsächlich auf deinem Tisch liegt.
Gebetsanliegen
- Gott, sei mir gnädig – nicht weil ich es verdient habe, sondern weil du dich zu mir herunterbeugst. Lass dein Gesicht über mir leuchten.
- Ich bitte dich für Menschen, die dich noch nicht kennen: Lass sie deinen Weg erkennen, nicht nur durch Worte, sondern durch das, was sie an mir und an deiner Gemeinde sehen.
- Vergib mir, wenn ich deinen Segen wie einen Eimer behandelt habe statt wie ein Rohr – wenn ich alles bei mir habe enden lassen.
- Hilf mir, mich wirklich über deine Gerechtigkeit zu freuen, auch wenn sie mich selbst betrifft, auch wenn sie unbequem ist.
- Danke für das tägliche Brot, für konkrete Versorgung in diesem Jahr – lass mich das nicht als selbstverständlich hinnehmen.
Zum Nachdenken
- Wenn du ehrlich bist: Endet dein Gebet um Segen meistens bei dir selbst, oder denkst du wirklich daran, wem dein Segen weiterhelfen könnte?
- Wen kennst du, der noch nicht weiß, dass Gottes Angesicht ihm zugewandt sein könnte? Betest du für diese Person konkret?
- Kannst du dich ehrlich über Gottes Gerechtigkeit freuen – auch dort, wo sie dein eigenes Leben, deine eigenen Fehler betrifft?
- Wofür in deinem Leben gerade jetzt (Job, Gesundheit, Beziehungen) hast du Gott noch nicht wirklich gedankt, obwohl es sein "Ertrag" ist?
- Was würde sich in deinem Alltag ändern, wenn du glauben würdest, dass Gottes Güte an dir tatsächlich für andere sichtbar werden soll?