Psalmen 138
Eine verständliche Vertiefung zum ganzen Kapitel. Kapitel lesen →
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Dieser Psalm bewegt sich wie ein Kreis: Er beginnt bei einem einzelnen Menschen, der dankt, weitet sich hinaus bis zu den Königen der ganzen Erde – und kehrt am Ende wieder zurück zu genau diesem einen Menschen, der mitten in Gefahr steckt.
Verse 1–3: David steht am Anfang, ganz persönlich. „Von ganzem Herzen" – nicht halbherzig, nicht aus Pflicht Matthew Henry. Auffällig ist die Formulierung „vor den Göttern will ich dir lobsingen". Das ist eine der umstrittensten Zeilen im ganzen Psalter. Meint David die eingebildeten Götzen der Nachbarvölker, vor denen er trotzig Jahwe erhebt? Meint er menschliche Machthaber – Könige, Richter, „Götter" im übertragenen Sinn wie in Psalm 82? Oder Engel, wie die alte griechische Übersetzung es verstand? John Gill Die Ausleger sind sich bis heute uneinig, und ehrlich gesagt: der Text selbst lässt die Frage offen Keil-Delitzsch Old Testament. Was klar ist: David dankt öffentlich, unverschämt öffentlich, weil Gott sein Wort über alles gestellt hat, was er über sich selbst je offenbart hat (V. 2) – ein Echo der Verheißung, die Gott David einst durch den Propheten Nathan gab Keil-Delitzsch Old Testament. Und der Grund für den Dank: Gott hat geantwortet, als David rief (V. 3).
Verse 4–6 sind der große Sprung: von der eigenen Erfahrung zur ganzen Welt. Alle Könige der Erde werden Gott danken – nicht weil sie Israel bewundern, sondern weil sie „die Worte seines Mundes hören" werden. Und mitten in diesem kosmischen Bild kommt die Pointe des ganzen Psalms: Gott ist erhaben – und sieht gerade deshalb auf die Niedrigen. Größe und Zuwendung zu den Kleinen widersprechen sich bei ihm nicht.
Verse 7–8 kehren zurück zum Ich. Der Psalm endet nicht mit einer Theorie über Gott, sondern mit einem Gebet mitten in Gefahr: „Wenn ich die größte Gefahr laufe…" David vertraut darauf, dass Gott das, was ihn betrifft, zu Ende führen wird – und bittet ihn, das Werk seiner Hände nicht loszulassen.
Dieser Psalm gehört zu einer kleinen Sammlung am Ende des Psalters ( Psalm 138–145), die mit Lob beginnt und endet und dazwischen fünf Klagelieder rahmt Tyndale – ein Muster, das dem Leser zeigt: Klage und Lob gehören zusammen, nicht als Gegensatz, sondern als zwei Seiten desselben Vertrauens.
Historischer Hintergrund
Die Überschrift nennt David, und der Ton passt zu ihm: ein Herrscher, der Krisen erlebt hat und weiß, wie es ist, „mitten in der Gefahr" zu laufen (V. 7). Ob dieser Psalm tatsächlich in Davids eigener Hand entstand (irgendwann zwischen etwa 1010 und 970 v. Chr., während seiner Regierungszeit) oder erst später unter seinem Namen in eine Sammlung eingeordnet wurde, lässt sich nicht sicher sagen – die Forschung ist da gespalten. Sicher ist: Er steht am Anfang einer kleinen, bewusst zusammengestellten Gruppe von acht Psalmen (138–145), die den ganzen Psalter abschließt Tyndale.
Stell dir die Welt vor, in der so ein Text gesungen wurde: ein kleines Volk, umgeben von mächtigen Reichen, jedes mit seinem eigenen Pantheon aus Göttern – Baal, Dagon, die Götter Ägyptens und später Babylons. Wenn Israel sang „vor den Göttern will ich dir lobsingen", war das keine akademische Aussage über Religionsgeschichte, sondern eine Kampfansage: Unser Gott ist größer als alles, was ihr anbetet, und eines Tages werden eure eigenen Könige das zugeben (V. 4). Das war für ein kleines, oft bedrängtes Volk eine gewaltige Behauptung.
Der Tempel (V. 2) war zu Davids Zeit noch nicht gebaut – das war die Aufgabe seines Sohnes Salomo –, aber David plante ihn bereits und der Ausdruck kann sich auch auf das Zelt, die Stiftshütte, oder prophetisch auf den kommenden Tempel beziehen. Wichtig ist die Geste: sich in eine bestimmte Richtung wenden, wenn man betet, so wie man sich einem König zuwendet, den man verehrt.
Ursprache
יָדָה (yâdâh, H3034), Vers 1 – das Wort für „danken", das eigentlich bedeutet, die Hände auszustrecken. Dank ist hier keine stille innere Regung, sondern eine körperliche, sichtbare Geste Strong's.
אֱלֹהִים (ʼĕlôhîym, H430), Vers 1 – „Götter" oder „Gott", je nach Kontext auch für Richter oder Machthaber verwendet. Genau diese Doppeldeutigkeit macht Vers 1 so schwer eindeutig zu übersetzen Strong's.
חֶסֶד (chêçêd, H2617) und אֶמֶת (ʼemeth, H571), Vers 2 – zwei Wörter, die im Hebräischen fast immer zusammen auftauchen: Gottes zupackende, treue Güte und seine Zuverlässigkeit, die hält, was sie verspricht Strong's.
גָּדַל (gâdal, H1431) mit אִמְרָה (ʼimrâh, H565), Vers 2 – „du hast dein Wort/deine Zusage über alles groß gemacht, was deinen Namen ausmacht". Das ist eine kühne Aussage: Gottes gesprochene Verheißung überragt sogar alles, wodurch er sich sonst bekannt gemacht hat Strong's Keil-Delitzsch Old Testament.
קָרָא (qârâʼ, H7121) und עָנָה (ʻânâh, H6030), Vers 3 – das Paar „rufen" und „antworten". Das ganze Vertrauen des Psalms hängt an dieser einen erlebten Tatsache: Ich rief, er antwortete.
גָּבֹהַּ (gâbôahh, H1364) und שָׁפָל (shâphâl, H8217), Vers 6 – „der Erhabene" und „der Niedrige", bewusst nebeneinandergestellt. Genau das ist die Pointe des Psalms in zwei Wörtern.
גָּמַר (gâmar, H1584), Vers 8 – „zu Ende bringen, vollenden". Nicht „der HERR wird helfen", sondern „der HERR wird es fertigstellen" – ein Wort für einen abgeschlossenen Bauprozess oder eine erfüllte Aufgabe Strong's.
Wie es auf Christus hinweist
Vers 4 malt ein Bild, das sich erst in Jesus wirklich erfüllt: alle Könige der Erde, die Gott danken, weil sie „die Worte seines Mundes" gehört haben. Paulus greift genau dieses Bild auf, wenn er in Philipper 2,10-11 schreibt, dass sich vor Jesus einmal jedes Knie beugen wird – im Himmel, auf der Erde und unter der Erde – und jede Zunge bekennen wird, dass er der Herr ist. Was hier in Psalm 138 eine Hoffnung ist, wird dort zur Gewissheit über den erhöhten Christus.
Die Bewegung von Vers 6 – Gott ist erhaben, und gerade deshalb sieht er auf die Niedrigen – ist das Muster, das im Neuen Testament in Jesus konkret wird. Maria singt in Lukas 1,52 fast dasselbe Lied: Gott stößt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Und Paulus beschreibt in Philipper 2,6-8 genau diese Bewegung in Jesus selbst: der Höchste, der sich erniedrigt, um die Niedrigen zu erreichen. Der Psalm beschreibt Gottes Charakter; Jesus lebt ihn.
Und dann Vers 8: „Der HERR wird es für mich vollführen" – das Wort für vollenden (גָּמַר) klingt vor wie Jesu Wort am Kreuz: „Es ist vollbracht" ( Johannes 19,30). David vertraut darauf, dass Gott anfängt, was er auch beendet – genau das Vertrauen, das Paulus in Philipper 1,6 formuliert: der, der ein gutes Werk in euch begonnen hat, wird es vollenden. Das ist eine leise, aber echte Verbindung, kein erzwungenes Zitat: derselbe Gott, dieselbe Treue, jetzt sichtbar am Kreuz und am leeren Grab.
Für dein Leben
Frag dich ehrlich: Wann hast du zuletzt Gott mit ganzem Herzen gedankt – nicht nebenbei, nicht als frommer Reflex, sondern so, dass es dich etwas gekostet hat, es laut zu sagen, „vor den Göttern", vor den Leuten, die vielleicht spöttisch die Augenbrauen hochziehen würden? David dankt öffentlich, unverschämt öffentlich. Das ist der erste Stachel dieses Psalms: Dank, der sich versteckt, ist halber Dank.
Der zweite Stachel sitzt in Vers 6. Du lebst wahrscheinlich in einer Welt, die dir ständig sagt: je größer, desto ferner. Je mächtiger jemand ist, desto weniger sieht er dich. Dieser Psalm widerspricht dem frontal. Der größte, erhabenste, unerreichbarste Gott des Universums – und er sieht speziell auf das Niedrige. Nicht trotz seiner Größe, sondern in ihr. Das heißt: deine kleinen, unscheinbaren Nöte, die dir selbst fast peinlich vorkommen, sind für ihn nicht zu klein.
Und dann der letzte Vers, der wehtut, wenn du gerade mitten in einer offenen Frage steckst: „Das Werk deiner Hände wirst du nicht lassen." David sagt das nicht, weil er schon am Ziel ist, sondern gerade weil er noch „die größte Gefahr" läuft. Das ist der Preis, den dieser Psalm von dir verlangt: dass du Gottes Treue nicht erst dann glaubst, wenn die Sache erledigt ist, sondern jetzt, mitten im Ungewissen. Kannst du heute, mit dem, was gerade unfertig, ängstlich, offen in deinem Leben ist, ehrlich sagen: Der HERR wird es für mich vollführen? Das ist keine billige Beruhigungsformel. Das ist ein Sprung.
Gebetsanliegen
- Herr, ich will dir von ganzem Herzen danken – nicht nur im Stillen, sondern auch dort, wo es mich etwas kostet, es zu zeigen.
- Danke, dass du erhaben bist und trotzdem – nein, gerade deshalb – auf mein Niedriges siehst. Hilf mir, das wirklich zu glauben, wenn ich mich klein und übersehen fühle.
- Ich bringe dir die Sache, die mir gerade Angst macht, die „größte Gefahr", die ich gerade laufe. Streck deine Hand aus.
- Herr, dein Wort hat sich als treuer erwiesen als alles, was ich über dich zu wissen dachte. Lehre mich, diesem Wort mehr zu trauen als meinen Gefühlen.
- Ich bete für die „Könige der Erde" – für die Mächtigen dieser Welt, dass sie eines Tages die Worte deines Mundes hören und dir danken.
Zum Nachdenken
- Wo verstecke ich meinen Dank an Gott, aus Angst, dass andere ihn belächeln würden?
- Glaube ich wirklich, dass Gottes Größe und seine Zuwendung zu meinen kleinen Problemen zusammengehören – oder lebe ich so, als müsste ich erst „groß genug" sein, um seine Aufmerksamkeit zu verdienen?
- Gibt es ein „unfertiges Werk" in meinem Leben, bei dem ich Gott im Grunde nicht zutraue, dass er es zu Ende bringt?
- Wann hat Gott mich zuletzt konkret „gestärkt" und meine Seele ermutigt, nachdem ich zu ihm gerufen habe – und habe ich das seitdem vergessen?
- Was würde sich in meinem Alltag ändern, wenn ich David glaubte: dass Gottes Gnade wirklich ewig währt, gerade in dem, was gerade offen und ungewiss ist?