Psalmen 135
Eine verständliche Vertiefung zum ganzen Kapitel. Kapitel lesen →
Es gibt eine neuere Version dieser Vertiefung.
Was es bedeutet
Dieser Psalm ist wie ein Lobgesang, der aus lauter Bausteinen anderer Psalmen und aus dem 5. Buch Mose zusammengesetzt wurde – fast wie ein Mosaik, das die ganze Glaubensgeschichte Israels noch einmal aufleuchten lässt Keil-Delitzsch Old Testament. Er beginnt mit einem dreifachen "Lobet" (V.1-4), gerichtet an die, die im Tempel dienen und die im Tempel stehen. Dann kippt der Blick: Warum eigentlich loben? Der Psalm antwortet mit einer langen Erinnerung an Taten Gottes – erst in der Schöpfung (Wolken, Blitz, Wind, V.6-7), dann in der Geschichte (der Auszug aus Ägypten mit dem Schlag gegen die Erstgeburt, V.8-9, dann die Eroberung des Landes mit Sihon und Og, V.10-12). Das ist der Mittelteil, das Herzstück: Gott ist nicht nur groß in der Theorie, er hat konkret gehandelt, für dieses eine Volk.
Dann ein kurzer, fast leiser Umschwung (V.13-14): Der Name Gottes bleibt, wenn alles andere vergeht – und dieser bleibende Gott ist einer, der Recht schafft und Mitleid hat. Genau an dieser Stelle klingt Mose an ( 5. Mose 32,36), und das ist kein Zufall: Der Psalm zitiert bewusst das große Abschiedslied des Mose.
Danach folgt der schärfste Teil: eine bissige, fast spöttische Beschreibung der Götzen – Mund ohne Sprache, Augen ohne Sehen, Ohren ohne Hören, kein Atem (V.15-17). Und der Stich sitzt: "Ihnen sind gleich, die sie machen" (V.18) – du wirst wie das, was du anbetest. Das ist die theologische Pointe der ganzen zweiten Hälfte.
Der Psalm endet, wie er begann, mit einem Aufruf zum Lob – aber jetzt nach Gruppen geordnet: Haus Israel, Haus Aaron, Haus Levi, alle Gottesfürchtigen (V.19-20), und schließlich mit einem Ortsnamen: Zion, Jerusalem (V.21). Das Lob kommt von einem bestimmten Ort und für ein bestimmtes Volk – nicht abstrakt.
Im großen Bogen der Psalmen gehört Psalm 135 zu den "Hallel"-Psalmen (135, 136, 146-150), die das Psalter mit reinem Lob abschließen. Wo Christen unterschiedlich lesen: Der Abschnitt über die Götzen wurde in der Reformationszeit oft gegen religiöse Bilder überhaupt gerichtet, während katholische und orthodoxe Ausleger hier eher die Anbetung toter Materie statt lebendiger Bilder/Ikonen im Blick sehen – der Text selbst spricht nicht über Ikonen, sondern über Götzen, die als Ersatzgötter verehrt werden.
Historischer Hintergrund
Wir wissen nicht, wer diesen Psalm geschrieben hat – kein Name steht darüber. Aber die Bauweise verrät viel: Er ist praktisch aus Zitaten zusammengesetzt – aus Psalm 134, Psalm 115, Psalm 136, aus 5. Mose 7,6 und 32,36 Keil-Delitzsch Old Testament. Das spricht dafür, dass er später entstand, wahrscheinlich in der Zeit nach der babylonischen Gefangenschaft – also nachdem Nebukadnezars Armee Jerusalem 586 v. Chr. zerstört hatte und ein Teil der Bevölkerung nach Babylon verschleppt worden war, und nachdem die Perser den Juden ab 539 v. Chr. die Rückkehr erlaubt hatten. In dieser Zeit wurde der zweite Tempel wieder aufgebaut, und die Liturgie – die geordneten Gebete, Lieder und Rituale des Gottesdienstes – musste neu organisiert werden.
Genau dafür ist dieser Psalm gemacht: Er ist ein liturgisches Stück, gedacht für den gemeinsamen Gottesdienst im Tempel, wahrscheinlich im Wechselgesang gesungen – ein Vorsänger ruft, die Gemeinde antwortet. Die Anrede an "Knechte des HERRN, die ihr stehet im Hause des HERRN" (V.1-2) passt genau zu Priestern und Leviten, die tatsächlich Tag und Nacht im Tempeldienst standen Matthew Henry.
Die Erwähnung der Götzen "von Silber und Gold, von Menschenhand gemacht" (V.15) ist kein abstraktes Thema, sondern eine direkte Frontstellung: Israel lebte umgeben von Völkern, deren Religion aus geschnitzten und gegossenen Kultbildern bestand – ägyptische, kanaanäische, später babylonische und persische Götterstatuen. Nach der Erfahrung des Exils, in der Israel gesehen hatte, wie mächtig diese fremden Reiche mit ihren Göttern schienen, war die Erinnerung "unser Gott hat wirklich gehandelt, eure Statuen können nicht einmal sprechen" ein Akt des Trotzes und der Hoffnung zugleich.
Ursprache
Das Wort הָלַל (hâlal, H1984), von dem "Hallelujah" kommt, steckt in V.1 und V.3 – es bedeutet ursprünglich "hell scheinen, aufleuchten" und wurde dann übertragen zu "rühmen, laut loben, sogar sich selbst zur Schau stellen" Strong's. Loben ist also im Hebräischen kein leises Kopfnicken, sondern ein Aufleuchten nach außen. Verbunden damit steht in V.1 das kurze יָהּ (Yâhh, H3050), eine verkürzte Form des Gottesnamens יְהֹוָה (Yᵉhôvâh, H3068) – Keil-Delitzsch weist darauf hin, dass der Psalm den vollen Namen und diese Kurzform bewusst dreifach ineinander verschränkt Keil-Delitzsch Old Testament.
In V.4 taucht ein besonderes Wort auf: סְגֻלָּה (çᵉgullâh, H5459), übersetzt mit "besonderes Eigentum". Die Wurzel meint "etwas fest Verschlossenes, Kostbares, das man wegschließt" Strong's – wie ein Schatz, den man nicht einfach herumliegen lässt. Israel wird hier nicht als beiläufiger Besitz, sondern als bewusst gehüteter Schatz Gottes beschrieben.
V.13 bringt עוֹלָם (ʻôwlâm, H5769) – "Ewigkeit", wörtlich fast "das, was sich dem Blick entzieht, weil es zeitlich keinen Rand hat" Strong's. Und in V.14 das Verb נָחַם (nâcham, H5162), das ursprünglich "schwer atmen, seufzen" bedeutet und dann zu "Mitleid haben, sich erbarmen" wird Strong's – Gottes Erbarmen wird bildlich als ein Aufatmen über sein Volk beschrieben, keine kalte Rechtsentscheidung.
Wie es auf Christus hinweist
Das Wort סְגֻלָּה (çᵉgullâh, "besonderes Eigentum") aus V.4 ist keine Randnotiz. Genau dieses Wort aus 5. Mose 7,6 nimmt Titus 2,14 auf, wenn es von Jesus heißt, er habe sich hingegeben, "um sich selbst ein Volk zum Eigentum zu reinigen" – und Petrus greift dieselbe Sprache auf, wenn er die Gemeinde ein "auserwähltes Volk, ein königliches Priestertum … ein Volk zum Eigentum" nennt ( 1. Petrus 2,9). Was Gott mit Israel begann – ein Volk, das er sich hütet wie einen Schatz –, weitet er in Christus auf alle aus, die zu ihm gehören.
Noch deutlicher wird es in V.14: "Der HERR wird seinem Volke Recht schaffen und mit seinen Knechten Mitleid haben" ist fast wörtlich aus 5. Mose 32,36. Genau diesen Satz zitiert der Hebräerbrief ( Hebräer 10,30) und wendet ihn auf das Gericht Gottes über sein Volk an – ein Gericht, das durch das Blut Christi entweder abgewendet oder bestätigt wird, je nachdem, ob man in ihm bleibt.
Und dann ist da der Kontrast zwischen den stummen Götzen (V.15-18) und dem lebendigen Wort. Johannes greift genau dieses Bild auf, wenn er seinen ersten Brief mit der Warnung schließt: "Kinder, hütet euch vor den Götzen" ( 1. Johannes 5,21) – direkt nachdem er von Jesus als dem "wahren Gott und ewigen Leben" gesprochen hat. Wo die Götzenbilder einen Mund haben und nicht reden können, ist Jesus das Wort, das wirklich spricht, das wirklich sieht, das wirklich hört ( Johannes 1,1.14) – der lebendige Gegenentwurf zu jedem toten Bild.
Für dein Leben
Dieser Psalm fordert dich zu etwas Konkretem heraus: nicht bloß Gott zu loben, weil man das eben tut, sondern dein Loben an eine Geschichte zu binden. Der Psalmdichter lobt nicht aus dem Bauch heraus – er zählt auf, was Gott getan hat. Frag dich ehrlich: Kannst du das auch? Kannst du fünf Minuten lang aufzählen, was Gott konkret in deinem Leben getan hat – nicht theoretisch, sondern nachweisbar, an Namen und Daten festgemacht? Wenn du das schwer findest, ist das selbst schon ein Gebet wert: "Hilf mir, mich zu erinnern."
Und dann kommt der unbequeme zweite Teil. "Ihnen sind gleich, die sie machen" (V.18) ist kein Satz über Bronzestatuen in einem Museum. Es ist ein Satz über dich. Was du anbetest, formt dich – und wenn du dein Vertrauen in etwas Stummes legst (Geld, das nicht antwortet, wenn du in Not bist; Status, der nicht tröstet, wenn du krank wirst; Kontrolle, die dir nichts sagt über den Sinn deines Lebens), dann wirst du selbst stumm, taub, blind für das, was wirklich zählt. Das ist keine ferne Warnung an "die Heiden" – das ist eine Frage an dein eigenes Herz heute.
Die Kosten, die dieser Psalm dir zumutet: ehrliche Bestandsaufnahme. Wovor beugst du dich wirklich – nicht in der Sonntagsandacht, sondern montags um neun Uhr, wenn die Angst kommt? Der Gott, der Sihon und Og geschlagen hat, der Ägypten heimsuchte, ist derselbe, der Mitleid hat mit seinen Knechten (V.14). Er verdient nicht nur Lippenbekenntnisse, sondern dein tatsächliches Vertrauen.
Gebetsanliegen
- Herr, hilf mir, mich konkret zu erinnern, was du in meinem Leben getan hast – nicht nur allgemein zu glauben, dass du gut bist, sondern es benennen zu können.
- Zeige mir die stummen Götzen in meinem Leben – die Dinge, denen ich vertraue, die aber nicht antworten können, wenn ich rufe.
- Dein Name bleibt für und für, während alles andere vergeht – gib mir Ehrfurcht vor dieser Beständigkeit, wenn ich mich an vergängliche Dinge klammere.
- Danke, dass du Mitleid hast mit deinen Knechten – lehre mich, mich als dein Eigentum zu sehen, nicht als jemanden, der sich selbst gehört.
- Öffne meinen Mund zum wirklichen Lob, nicht nur zu leeren Worten – lass mein Leben zeigen, was ich mit meinen Lippen bekenne.
Zum Nachdenken
- Wenn du gefragt würdest, drei konkrete Taten Gottes in deinem eigenen Leben zu nennen – könntest du das sofort tun, oder müsstest du lange nachdenken?
- Was in deinem Leben hat "einen Mund und redet nicht" – etwas, dem du vertraust, das dir aber in Wahrheit nichts zurückgeben kann?
- Der Psalm sagt: Wer Götzen anbetet, wird wie sie. Wo in deinem Charakter erkennst du die Spuren dessen, was du wirklich anbetest?
- Lobst du Gott nur, wenn es dir gut geht, oder auch, wenn du dich an seine Taten in schweren Zeiten erinnerst?
- Fühlst du dich wirklich als "besonderes Eigentum" Gottes – oder lebst du eher so, als müsstest du dir seine Zuwendung verdienen?