Psalmen 118
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Was es bedeutet
Dieser Psalm ist wie eine Klammer: Er beginnt und endet mit demselben Satz – „Danket dem HERRN, denn er ist gütig, denn seine Gnade währt ewig" (V. 1 und V. 29). Alles dazwischen ist die Begründung dafür, warum man das überhaupt sagen kann.
Der Psalm bewegt sich in klaren Szenen. Zuerst ein Aufruf zum gemeinsamen Bekenntnis: Israel, die Priesterschaft (das „Haus Aaron"), und alle, die Gott fürchten, sollen im Chor bestätigen, dass Gottes Gnade ewig hält (V. 1–4) Matthew Henry. Dann wechselt die Stimme zum „Ich" – jemand erzählt eine sehr persönliche Rettungsgeschichte: Er war in Not, umringt von Feinden „wie Bienen", fast zu Fall gebracht – aber der HERR hat ihn nicht dem Tod übergeben (V. 5–18). Das ist der Kern des Psalms: einer, der am Rand des Grabes stand und lebt, um davon zu erzählen.
Dann kommt eine Szene am Tempeltor – eine Prozession fragt nach Einlass, die Priester (oder der Chor) antworten mit einer Liturgie über das „Tor der Gerechtigkeit" (V. 19–21). Es folgt einer der berühmtesten Verse der ganzen Bibel: der Stein, den die Bauleute verworfen haben, wird zum Eckstein (V. 22–23). Danach ein Freudenruf über „diesen Tag" (V. 24), ein Segensspruch über den, der „kommt im Namen des HERRN" (V. 25–27), und schließlich die Rückkehr zum Anfangssatz.
Wer hier spricht – David, ein späterer König, oder ganz Israel als kollektive Person – ist unter Auslegern umstritten Jamieson-Fausset-Brown; wahrscheinlich ist der Psalm bewusst so gebaut, dass jede leidende und gerettete Person (und ganz Israel) sich in dem „Ich" wiederfinden kann. Der Psalm gehört zum sogenannten „Ägyptischen Hallel" ( Psalm 113–118), der beim Passahfest gesungen wurde Tyndale – das ist wichtig, denn genau diese Lieder hat Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl gesungen, bevor er zum Ölberg ging.
Historischer Hintergrund
Wer genau diesen Psalm geschrieben hat, wissen wir nicht sicher – die Überschrift nennt keinen Autor. Viele Ausleger vermuten einen König aus der davidischen Linie, der nach einem militärischen Sieg oder einer schweren persönlichen Bedrohung diesen Dank anstimmt; andere sehen ihn eher als nachexilisches Gemeindelied, also aus der Zeit nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft (nach 538 v. Chr.), als das Volk den Tempel wieder aufbaute und neue Anbetungslieder für die Festgottesdienste brauchte.
Ganz sicher wissen wir das: Psalm 118 ist der letzte Teil des sogenannten „Ägyptischen Hallel" – einer Sammlung von sechs Lobpsalmen (113–118), die beim Passahfest gesungen wurden, dem Fest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert Tyndale. Die Verse über das Tor der Gerechtigkeit (V. 19–21) und das Binden des Opfertiers „mit Stricken bis an die Hörner des Altars" (V. 27) passen genau zu einer echten Tempel-Prozession: Pilger zogen singend zum Tempel hinauf, standen vor den Toren, wurden eingelassen, und ein Opfertier wurde für das Fest zum Altar geführt.
Man kann sich das konkret vorstellen: eine Menschenmenge, die im Wechselgesang singt – eine Gruppe ruft die Zeile, eine andere antwortet mit dem Kehrvers „seine Gnade währt ewig". Das war keine stille Betrachtung, sondern lauter, bewegter Gottesdienst mitten auf der Straße und am Tempeltor. Genau in diesem liturgischen Rahmen hat später auch Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Passahmahl diesen Psalm gesungen ( Matthäus 26,30), kurz bevor er verhaftet und gekreuzigt wurde – und wenige Tage zuvor hatte die Menge in Jerusalem genau eine Zeile aus diesem Psalm über ihn gerufen ( Matthäus 21,9).
Ursprache
Das Wort, das den ganzen Psalm trägt, ist חֶסֶד (chêçêd, H2617) – meist mit „Gnade" übersetzt, aber genauer: die treue, zupackende Güte, die jemand einem anderen verpflichtet erweist, weil eine Bindung besteht. Es steht in V. 1, 2, 3, 4 und 29 – fünfmal wiederholt wie ein Herzschlag Strong's. Das ist kein einmaliges Gefühl Gottes, sondern eine Haltung, die „ewig" (עוֹלָם, ʻôwlâm, H5769) währt – wörtlich: bis an den Punkt, wo man das Ende gar nicht mehr sehen kann.
In V. 1 steht auch יָדָה (yâdâh, H3034) für „danken" – das Wort kommt ursprünglich von der Handbewegung her: die Hände ausstrecken, öffentlich bekennen. Danken war hier kein stiller Gedanke, sondern eine sichtbare Geste Strong's.
V. 5 hat ein wunderschönes Bild: Der Beter ruft aus dem מֵצַר (mêtsar, H4712) – einem engen, drückenden Ort – und Gott antwortet ihn hinein in den מֶרְחָב (merchâb, H4800) – einen weiten, offenen Raum Strong's. Enge zu Weite: Das ist die Grundbewegung von Errettung in der ganzen Bibel.
In V. 8–9 tauchen zwei Verben für „vertrauen" auf: חָסָה (châçâh, H2620), wörtlich „Zuflucht suchen, fliehen unter etwas", und בָּטַח (bâṭach, H982), sich sicher fühlen, sich verlassen auf. Beide sagen: Menschen und Fürsten (נָדִיב, nâdîyb, H5081) sind keine sichere Zuflucht – nur der HERR ist es.
Und in V. 14 klingt fast wörtlich das Lied des Mose am Roten Meer an: יָהּ עֹזִּי וְזִמְרָת – „Jah [Kurzform von יְהֹוָה] ist meine Stärke (עֹז, H5797) und mein Lied (זִמְרָת, H2176), und er ward mir zur יְשׁוּעָה (yᵉshûwʻâh, H3444) – Rettung." Genau dieses Wort für „Rettung" ist im Hebräischen mit dem Namen „Jesus" (Jeschua) verwandt Strong's.
Wie es auf Christus hinweist
Zwei Verse aus diesem Psalm sind so eng mit Jesus verwoben, dass man sie fast nicht mehr getrennt lesen kann. Der erste: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden" (V. 22). Jesus zitiert genau diesen Vers über sich selbst, nachdem er das Gleichnis von den bösen Weingärtnern erzählt hat, die den Sohn des Gutsherrn töten ( Matthäus 21,42). Petrus wiederholt es vor dem Hohen Rat ( Apostelgeschichte 4,11) und noch einmal in seinem Brief ( 1. Petrus 2,7): Genau der, den die religiösen Führer verwarfen und ans Kreuz brachten, wurde von Gott zum tragenden Grundstein seines ganzen Bauwerks gemacht.
Der zweite: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des HERRN!" (V. 26). Genau diese Zeile ruft die Menge, als Jesus auf einem Esel in Jerusalem einzieht ( Matthäus 21,9; Johannes 12,13) – eine Zeile aus einem Passah-Lied, das die Pilger schon Jahrhunderte lang gesungen hatten, wird plötzlich als Bekenntnis über ihn selbst laut. Und Jesus greift denselben Vers noch einmal auf, als er über Jerusalem weint und sagt, sie würden ihn erst wiedersehen, wenn sie das sagen ( Matthäus 23,39) – er verknüpft diesen alten Jubelruf mit seiner Wiederkunft.
Es gibt noch einen leiseren, aber ergreifenden Faden: Dieser Psalm gehörte zum Liederbuch, das Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl sang, bevor er nach Gethsemane ging ( Matthäus 26,30). Das heißt: Er hat wahrscheinlich selbst die Worte gesungen „Ich werde nicht sterben, sondern leben" (V. 17) und „Der HERR züchtigt mich wohl; aber dem Tod gab er mich nicht" (V. 18) – wenige Stunden bevor er tatsächlich in den Tod ging, um von dort wieder aufzustehen.
Für dein Leben
Es gibt einen Moment in diesem Psalm, der mich jedes Mal trifft: „Du hast mich hart gestoßen, daß ich fallen sollte; aber der HERR half mir" (V. 13). Da spricht kein Mensch, dem es leicht ging. Da spricht jemand, der wirklich fast umgekippt ist – umringt „wie Bienen", von Menschen, die ihn hassten. Und trotzdem endet dieser Psalm nicht mit Klage, sondern mit einem breiten, lauten Danklied.
Die Frage, die dieser Psalm an dich stellt, ist nicht: „Geht es dir gerade gut?" Sondern: „Wem vertraust du, wenn es eng wird?" Vers 8 und 9 sind fast provokant direkt: Es ist besser, beim HERRN Schutz zu suchen, als sich auf Menschen zu verlassen – auch nicht auf die mächtigsten, klügsten, einflussreichsten Menschen, die du kennst. Das kostet etwas. Es bedeutet, dass du in dem Moment, wo du am liebsten selbst die Kontrolle übernehmen oder dich an jemand Mächtigen klammern würdest, stattdessen die Hände ausstreckst (genau das Bild hinter dem Wort „danken" hier) und Gott laut lobst – bevor die Rettung überhaupt sichtbar ist.
Und dann ist da noch dieser eine Satz, der dich persönlich meint: „Dies ist der Tag, den der HERR gemacht; wir wollen froh sein und uns freuen an ihm!" (V. 24). Nicht irgendein Tag – dieser Tag, heute, mit dem, was du gerade durchmachst. Kannst du das ehrlich sagen? Nicht als religiöse Floskel, sondern als jemand, der weiß: Der Stein, den alle verworfen haben, ist Eckstein geworden. Wenn Gott das mit dem größten Unrecht der Geschichte gemacht hat, kann er auch das aus deiner engen Stelle machen, was du gerade nicht siehst.
Gebetsanliegen
- Herr, ich danke dir, dass deine Gnade nicht von meiner Leistung abhängt, sondern ewig hält – hilf mir, das heute wirklich zu glauben, nicht nur zu wiederholen.
- Ich bekenne, wo ich mich in meiner Not lieber auf Menschen und meine eigene Kraft verlasse als auf dich – zeig mir, wo ich dir stattdessen vertrauen soll.
- Danke, dass du mich schon einmal aus der Enge in die Weite geführt hast – ich bringe dir jetzt die Situation, in der ich mich gerade eingeengt fühle.
- Herr Jesus, du bist der verworfene Stein, der zum Eckstein wurde – baue mein Leben so auf dich, dass es nicht wackelt, wenn andere mich ablehnen.
- Hilf mir, diesen Tag – genau diesen, mit allem, was er bringt – als einen Tag anzunehmen, den du gemacht hast, und mich wirklich daran zu freuen.
Zum Nachdenken
- Wo in deinem Leben bist du gerade „von allen Seiten umringt" – und auf wen greifst du zuerst zurück, bevor du zu Gott rufst?
- Kannst du ehrlich sagen „ich fürch