Psalmen 113
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Was es bedeutet
Dieser Psalm hat eine wunderbar einfache Form – drei kleine Bewegungen, die zusammen ein ganzes Weltbild aufbauen. Er gehört zu einer Gruppe von sechs Psalmen (113–118), die jüdische Tradition das „Ägyptische Hallel" nennt, weil sie beim Passahfest gesungen wurden – Psalm 113 und 114 vor dem Mahl, 115–118 danach Tyndale. Das heißt: Jesus hat wahrscheinlich genau diese Worte gesungen, kurz bevor er zum Ölberg ging.
Vers 1–3: ein Aufruf zum Lob, der sich in Wellen wiederholt – „Lobet... lobet... gepriesen sei..." Das ist kein beiläufiges Gefühl, sondern eine Aufforderung, die man sich selbst und anderen immer wieder sagen muss, weil sie uns nicht natürlich über die Lippen kommt Matthew Henry. Der Lobpreis wird über die ganze Zeit gespannt (von jetzt bis in Ewigkeit) und über den ganzen Raum (vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang).
Vers 4–6: die Kamera schwenkt hoch. Gott ist erhaben über alle Völker, seine Herrlichkeit reicht über den Himmel hinaus. Und dann kommt die überraschende Pointe: dieser Gott, der so hoch thront, muss sich herabbeugen, um überhaupt den Himmel zu sehen – geschweige denn die Erde. Seine Höhe ist so unvorstellbar, dass selbst die Engel im Himmel unter ihm liegen.
Vers 7–9: die Kamera schwenkt runter – und genau hier liegt der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Psalms. Der Gott, der so hoch ist, dass er hinabschauen muss, um den Himmel zu sehen, benutzt diesen Blick, um den Elenden aus dem Staub zu ziehen und ihn neben Fürsten zu setzen. Er macht die kinderlose Frau zur glücklichen Mutter. Höhe und Zärtlichkeit sind kein Widerspruch – sie gehören zusammen.
Manche Ausleger fragen, ob Vers 9 wörtlich (eine tatsächlich unfruchtbare Frau) oder auch bildlich zu lesen ist – als Bild für das ganze Volk Israel, das oft „unfruchtbar" schien und dann doch vermehrt wurde. Beide Lesarten schließen sich nicht aus; der Psalm selbst öffnet die Tür für beides.
Historischer Hintergrund
Wir kennen den Verfasser dieses Psalms nicht – es gibt keine Überschrift mit einem Namen, anders als bei vielen Davidspsalmen. Was wir wissen: Er wurde für den gemeinsamen Gottesdienst geschrieben, nicht für die stille Andacht allein. Die Sprache ist bewusst liturgisch – kurze, wiederholte Zeilen, gemacht zum lauten, gemeinsamen Singen in der Menge.
Zeitlich lässt er sich nur grob einordnen: Das Buch der Psalmen wurde über Jahrhunderte gesammelt, wahrscheinlich zwischen dem 10. und dem 4. Jahrhundert vor Christus, mit einer wichtigen Sammlungsphase nach der babylonischen Gefangenschaft – als Nebukadnezars Heer Jerusalem 586 v. Chr. zerstört und die Überlebenden nach Babylon verschleppt hatte, und das Volk später zurückkehrte und den Tempel wieder aufbaute. Ob Psalm 113 aus der Zeit vor oder nach diesem Ereignis stammt, ist unklar.
Was wir sicher wissen: Dieser Psalm wurde Teil des „Ägyptischen Hallel" – der festen liturgischen Ordnung für das Passahfest, das an die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten erinnert. Stell dir eine jüdische Familie vor, die sich am Passahabend am Tisch versammelt hat, die Geschichte des Auszugs erzählt, den Wein trinkt – und an bestimmten Punkten diese Psalmen singt, gemeinsam, auswendig, seit Generationen. Das Bild einer Nation, die einst selbst „im Staub" lag (als Sklaven in Ägypten) und von Gott herausgehoben wurde, liegt unter der ganzen Passahfeier – und Psalm 113 bringt genau dieses Muster in Worte: der Gott, der Elende aus dem Dreck zieht. </ORIGINAL_LANGUAGE> Fehler – siehe unten korrekt platziert.
Ursprache
Das Wort, das den ganzen Psalm umrahmt, ist הָלַל (hâlal, H1984) – „loben", wörtlich „leuchten machen" oder „laut hervorbrechen" Strong's. Es steckt in „Hallelujah" (יָהּ, Yâhh, H3050 – die kurze Form des Gottesnamens) am Anfang von Vers 1 und am Ende von Vers 9 – der ganze Psalm ist von diesem Wort eingeklammert. Loben heißt hier nicht leise Zustimmung, sondern etwas, das aus dir herausbricht wie Licht.
עֶבֶד (ʻebed, H5650) in Vers 1 – „Knecht" – ist kein entwürdigendes Wort. Es meint die, die zu Gott gehören und ihm dienen; Keil-Delitzsch weist darauf hin, dass dieser Titel besonders im zweiten Teil des Jesajabuches zum festen Ausdruck für das treue Israel wird Keil-Delitzsch Old Testament.
שֵׁם (shêm, H8034), „Name", taucht in Vers 1, 2 und 3 auf. Im Hebräischen ist der „Name" nicht nur ein Etikett, sondern Charakter, Ruf, das ganze Wesen einer Person, das sich zeigt.
Der eigentliche Angelpunkt des Psalms liegt aber im Kontrast zweier Verben: גָּבַהּ (gâbahh, H1361) in Vers 5 – „hoch sein, sich erheben" – beschreibt den Thron Gottes; und שָׁפֵל (shâphêl, H8213) in Vers 6 – „sich niedersenken, herabbeugen" – beschreibt seinen Blick. Derselbe Gott ist beides zugleich: unerreichbar hoch und tief herabgebeugt.
Und dann die konkreten, fast schmutzigen Bilder in Vers 7: עָפָר (ʻâphâr, H6083), „Staub, Erde, Schlamm", und אַשְׁפֹּת (ʼashpôth, H830), „Misthaufen, Müllhaufen" – dorthin greift Gott, um den דַּל (dal, H1800), den „Schwachen, Ausgemergelten", herauszuziehen.
Wie es auf Christus hinweist
Wenn die Zeitangabe des Ägyptischen Hallel stimmt, dann hat Jesus selbst diesen Psalm gesungen – am Abend vor seiner Kreuzigung, beim letzten Passahmahl mit seinen Jüngern ( Matthäus 26:30: „Und als sie den Lobgesang gesprochen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg"). Denk kurz darüber nach, was das bedeutet: In derselben Nacht, in der er sang „seine Herrlichkeit ist höher als der Himmel" – der hoch erhabene Gott – ging er hinaus, um sich tiefer herabzubeugen, als irgendjemand es je getan hat. Bis in den Staub, bis in den Tod.
Genau die Bewegung des Psalms – der Hohe, der sich herabbeugt, um den Elenden aus dem Dreck zu holen und ihn neben Fürsten zu setzen – wird in Christus Person und Geschichte. Philipper 2:6-8 beschreibt es fast wie eine Nacherzählung dieses Psalms: Er, der in Gestalt Gottes war, erniedrigte sich selbst bis zum Tod am Kreuz.
Und Vers 7-9 – der Elende, der neben Fürsten sitzt; die unfruchtbare Frau, die eine fröhliche Mutter wird – hallt direkt in Marias Lobgesang wider ( Lukas 1:52-53: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen"). Die Umkehrung, die Gott in Psalm 113 besingt, wird in der Menschwerdung Jesu konkret Fleisch: Gott wählt eine unbedeutende junge Frau, einen Stall, ein Volk unter römischer Besatzung – und dreht die Ordnung der Welt um.
Für dein Leben
Hier ist die Falle, in die du leicht tappst: Du denkst, du müsstest zwischen einem Gott wählen, der groß und erhaben und ein bisschen unnahbar ist – oder einem Gott, der dir nah ist, aber irgendwie kleiner, kuscheliger, weniger mächtig. Dieser Psalm sagt dir: Das ist eine falsche Wahl. Genau derselbe Gott, dessen Herrlichkeit höher ist als der Himmel, ist derselbe, der sich herabbeugt, um dich im Staub zu sehen.
Das kostet dich etwas. Es kostet dich, zuzugeben, dass du vielleicht gerade tatsächlich im Dreck liegst – nicht nur bildlich, sondern wirklich: erschöpft, übersehen, kinderlos in dem Sinn, dass etwas in deinem Leben einfach nicht fruchtbar wird, egal wie sehr du dich anstrengst. Der Psalm verlangt von dir, das nicht zu verstecken. Und er verlangt von dir, zu glauben – nicht zu fühlen, sondern zu glauben –, dass genau dorthin der Blick Gottes gerichtet ist.
Und er verlangt noch etwas: Lob als Übung, nicht als Stimmung. „Lobet... lobet... gepriesen sei" – das ist eine Anweisung, kein spontanes Gefühl. Kannst du Gott heute loben, obwohl deine Umstände sich noch nicht geändert haben? Nicht weil du dich fühlst wie es, sondern weil sein Charakter sich nicht ändert – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, von jetzt bis in Ewigkeit? Das ist der Kern der Übung: nicht warten, bis er dich hebt, sondern schon jetzt anfangen zu loben, weil du weißt, wer er ist.
Gebetsanliegen
- Herr, ich will dich heute loben – nicht weil sich meine Umstände geändert haben, sondern weil du derselbe bist, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
- Vergib mir, dass ich denke, du seiest zu hoch und zu weit weg, um mein kleines, staubiges Leben wirklich zu sehen.
- Ich bitte für ___, die sich gerade im „Staub" oder auf dem „Misthaufen" ihres Lebens fühlen – hebe sie auf, Herr, so wie du es versprichst.
- Danke, dass Jesus die Bewegung dieses Psalms selbst gelebt hat – der Höchste, der sich bis zum Kreuz herabbeugte, um mich zu erreichen.
- Gib mir Glauben für den unfruchtbaren, hoffnungslosen Bereich meines Lebens, in dem ich noch auf deine Umkehrung warte.
Zum Nachdenken
- Wo in deinem Leben fühlst du dich gerade wie „im Staub" oder „auf dem Misthaufen" – glaubst du wirklich, dass Gott dorthin schaut?
- Ist dein Lob an Gott abhängig davon, wie es dir gerade geht, oder ist es eine Gewohnheit, die du pflegst, egal was passiert?
- Fällt es dir leichter, an einen erhabenen, mächtigen Gott zu glauben oder an einen nahen, zärtlichen Gott – und warum tust du dich mit der jeweils anderen Seite schwer?
- Welche „unfruchtbare" Situation in deinem Leben wartest du darauf, dass Gott sie umkehrt – und was würde es bedeuten, ihm das heute anzuvertrauen statt es selbst zu erzwingen?
- Wenn Jesus diesen Psalm in der Nacht sang, in der er verraten wurde – was sagt dir das darüber, wie Lob und Leiden zusammengehören können?