Psalmen 111
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Was es bedeutet
Psalm 111 ist ein Loblied, aber kein spontaner Freudenschrei – es ist kunstvoll gebaut. Im Hebräischen ist er ein Akrostichon: Jede Zeile beginnt mit dem nächsten Buchstaben des Alphabets, von Aleph bis Taw. Das siehst du in der deutschen Übersetzung nicht, aber es lohnt sich, es zu wissen: Der Dichter will Gott von A bis Z loben – vollständig, geordnet, nichts ausgelassen Keil-Delitzsch Old Testament.
Der Psalm bewegt sich in zwei Bewegungen. Verse 1 beginnt mit einem persönlichen Entschluss: „Ich will den HERRN loben von ganzem Herzen" – nicht irgendwo im Verborgenen, sondern mitten unter den Aufrichtigen, in der Gemeinde. Lob ist hier keine Privatsache, die man für sich behält Matthew Henry.
Dann, ab Vers 2, wendet sich der Blick von der eigenen Absicht zu den Taten Gottes selbst: groß, glänzend, prächtig, gerecht. Der Psalmist zählt konkrete Geschichte auf – Gott hat Speise gegeben (ein Echo des Exodus und der Wüstenwanderung), er hat sein Volk mit kraftvollen Taten aus Ägypten geführt und ihnen das Land der Völker gegeben (Vers 6), er hat ein „Gedächtnis seiner Wunder" gestiftet – das Passahfest, das jede Generation neu erinnert, was Gott getan hat Keil-Delitzsch Old Testament.
Ab Vers 7 wird es abstrakter, fast juristisch: Gottes Werke sind treu, gerecht, unwandelbar. Das ist kein Widerspruch zu den konkreten Rettungstaten davor – es ist ihre Grundlage. Weil Gott treu ist, sind seine Taten treu. Vers 9 bringt einen Höhepunkt: „Er hat seinem Volk Erlösung gesandt" – ein Wort, das später im Neuen Testament ganz neu aufleuchtet. Und der Psalm endet, wo alle Weisheit beginnt: mit der Furcht des HERRN (Vers 10) – nicht Angst, sondern ehrfürchtiges Staunen, das zum klugen Leben führt.
Der Psalm gehört zu einer kleinen Gruppe ( Psalm 111–117), die traditionell mit „Hallelujah" beginnen oder enden und beim jüdischen Passahfest gesungen wurden Jamieson-Fausset-Brown. Er hat einen Zwillingspsalm: Psalm 112, der fast dieselbe Struktur benutzt, aber über den gottesfürchtigen Menschen statt über Gott selbst spricht. Streit unter Auslegern gibt es hier kaum – eher Vertiefung: manche christliche Leser haben in Vers 5 („Speise gegeben") schon früh einen Hinweis auf das Abendmahl gesehen Keil-Delitzsch Old Testament, andere lesen ihn strenger historisch als Manna-Erinnerung.
Historischer Hintergrund
Wir wissen nicht genau, wer diesen Psalm geschrieben hat oder wann genau – er trägt keinen Namen im Text. Aber die alphabetische Form und der Wortschatz gehören zu einer Gruppe von Psalmen, die wahrscheinlich für den Gottesdienst am Zweiten Tempel zusammengestellt wurden, irgendwann zwischen der Rückkehr aus dem babylonischen Exil (nach 538 v. Chr. – als die Perser den Juden erlaubten, aus Babylon nach Jerusalem zurückzukehren) und den letzten Jahrhunderten vor Christus. Manche Ausleger datieren ihn früher, in die Zeit Davids oder kurz danach; sicher ist das nicht.
Was wir sicherer wissen: Dieser Psalm wurde Teil des sogenannten „Großen Hallel" – einer Gruppe von Psalmen (113–118, manchmal mit 111–112 verbunden), die beim Passahfest gesungen wurden Jamieson-Fausset-Brown. Stell dir eine jüdische Familie vor, die am Sedertisch sitzt, das ungesäuerte Brot isst, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten erzählt – und dann diesen Psalm singt, der genau davon spricht: „Er hat Speise gegeben denen, die ihn fürchten" (Vers 5), „er hat seinem Volk das Erbe der Heiden gegeben" (Vers 6). Das ist kein abstraktes Gedicht über Gott im Allgemeinen. Es ist eine Erinnerungsliturgie – ein Volk, das gerade wieder erlebt hat, was es heißt, aus der Fremde heimgeholt zu werden, singt darüber, dass Gott seine Bündnisse hält.
Die Zerstörung des ersten Tempels 586 v. Chr. durch die Babylonier und der spätere Wiederaufbau prägen den ganzen Psalter mit einem Ton: Gott hat einmal gerettet, Gott rettet wieder, Gottes Bund ist nicht kaputt. Genau dieser Ton klingt in Vers 9 nach: „Er hat seinem Volk Erlösung gesandt."
Ursprache
Das Wort הָלַל (hâlal, H1984), von dem „Hallelujah" kommt, steht am Anfang (Vers 1). Es meint nicht nur „danken", sondern ursprünglich „aufleuchten, glänzen" – wie wenn Licht ausbricht Strong's. Lob ist hier ein Aufleuchten, kein leises Nicken.
In Vers 2 taucht דָּרַשׁ (dârash, H1875) auf – „erforscht". Die Wurzel bedeutet ursprünglich „treten, betreten", wie ein Pfad, den man immer wieder geht Strong's. Gottes Werke zu lieben heißt, sie immer wieder zu begehen, nicht nur einmal anzuschauen.
Vers 4 nennt Gott חַנּוּן (channûwn, H2587) „gnädig" und רַחוּם (rachûwm, H7349) „barmherzig" – zwei Wörter, die im Hebräischen fast immer als Paar auftreten und direkt auf Exodus 34,6 zurückgehen, wo Gott sich selbst so vorstellt, nachdem Israel das goldene Kalb gebaut hat. Der Psalmist zitiert also Gottes eigene Selbstbeschreibung.
In Vers 9 steht פְּדוּת (pᵉdûwth, H6304) – „Erlösung", wörtlich „Auslösung, Loskauf" Strong's. Und im selben Vers בְּרִית (bᵉrîyth, H1285), „Bund" – ein Wort, das ursprünglich mit dem Schneiden verbunden ist, weil ein Bund im Alten Orient oft durch das Zerteilen eines Opfertiers besiegelt wurde.
Zuletzt, Vers 10: יִרְאָה (yirʼâh, H3374), „Furcht", von derselben Wurzel wie „ehrfürchtig sein" – kein Zittern vor Strafe, sondern ein Staunen, das die Knie beugt Strong's. Und רֵאשִׁית (rêʼshîyth, H7225) – „Anfang", dasselbe Wort wie in Genesis 1,1 „Im Anfang". Weisheit beginnt genau dort, wo die Welt begann: bei Gott.
Wie es auf Christus hinweist
Vers 5 – „Er hat Speise gegeben denen, die ihn fürchten" – wird seit den Kirchenvätern immer wieder mit dem Abendmahl in Verbindung gebracht Keil-Delitzsch Old Testament. Das ist keine erzwungene Lesart: Der Psalm ist Teil der Passah-Liturgie, und genau beim Passahmahl hat Jesus das Brot genommen und gesagt: „Das ist mein Leib" ( Matthäus 26,26). Wenn dieser Psalm beim letzten Abendmahl mitgesungen wurde – und das ist historisch sehr plausibel, da Jesus und die Jünger nach dem Mahl „einen Lobgesang" sangen ( Matthäus 26,30) –, dann hat Jesus diese Worte über Gottes Treue und Erlösung buchstäblich in der Nacht gesungen, bevor er selbst zur Erlösung wurde.
Vers 9 ist der stärkste Faden: „Er hat seinem Volk Erlösung gesandt." Im Alten Testament ist das die Rettung aus Ägypten. Im Neuen Testament nimmt Lukas fast dieselbe Sprache auf, wenn Zacharias über den kommenden Messias singt: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat besucht und Erlösung geschaffen seinem Volk" ( Lukas 1,68). Das ist kein Zufall – es ist ein Echo, das absichtlich klingt.
Und Vers 10, „Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang", findet seinen Höhepunkt in einer Person, die Paulus „die Weisheit Gottes" nennt ( 1. Korinther 1,24). Die Furcht des Herrn führt nicht zu einem Prinzip, sondern zu einem Gesicht.
Für dein Leben
Frag dich einmal ehrlich: Wann hast du zuletzt Gott gelobt, weil du dich an etwas Konkretes erinnert hast, das er getan hat – nicht weil du „solltest", sondern weil dir wirklich etwas eingefallen ist? Dieser Psalm lobt nicht abstrakt. Er zählt auf: Speise gegeben, Land geschenkt, Bund gehalten, Erlösung gesandt. Das ist kein Gefühl, das ist eine Liste.
Die Kosten, die dieser Psalm dir stellt, sind zweierlei. Erstens: Er verlangt Gedächtnis. Du lebst in einer Zeit, die alles vergisst, jeden Tag neu. Dieser Psalmist baut absichtlich ein „Gedächtnis" (Vers 4) – eine Struktur, ein Fest, ein Lied –, damit er nicht vergisst, was Gott getan hat. Was ist dein Gedächtnis? Wenn du nichts hast, das dich zwingt, dich zu erinnern, wirst du vergessen, und Vergessen ist der erste Schritt zur Undankbarkeit.
Zweitens: Er verlangt Furcht – nicht Angst vor Strafe, sondern die Art von Ehrfurcht, die dein ganzes Leben ordnet. Vers 10 sagt: Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit, nicht ein netter Zusatz. Wenn du klug leben willst – Entscheidungen treffen, Beziehungen führen, mit deinem Geld umgehen – ohne dass Gottes Größe und Heiligkeit dabei im Zentrum stehen, wirst du am Ende dumm handeln, egal wie intelligent du bist.
Dieser Psalm lädt dich nicht ein, Gott zu bewundern wie ein Kunstwerk im Museum. Er lädt dich ein, mitzusingen – „im Kreise der Redlichen und in der Gemeinde" –, weil Lob, das nur privat bleibt, unvollständig ist.
Gebetsanliegen
- Herr, hilf mir, mich konkret an das zu erinnern, was du in meinem Leben getan hast – nicht nur in vagen Gefühlen, sondern in Ereignissen, die ich benennen kann.
- Gib mir ein Herz, das dich von ganzem Herzen lobt, nicht nur mit halber Aufmerksamkeit zwischen anderen Dingen.
- Lehre mich die Furcht des Herrn, die nicht lähmt, sondern klug macht – zeig mir, wo mir diese Ehrfurcht fehlt.
- Danke, dass dein Bund unwandelbar ist, auch wenn ich unbeständig bin.
- Hilf mir, mein Lob nicht privat zu halten, sondern es mit anderen zu teilen – in meiner Gemeinde, mit meiner Familie.
Zum Nachdenken
- Wann hast du zuletzt Gott für etwas Konkretes gelobt – nicht allgemein, sondern für eine bestimmte Tat, die du benennen kannst?
- Hast du eine Struktur in deinem Leben, die dich zwingt, dich an Gottes Treue zu erinnern – oder verlässt du dich auf spontane Gefühle, die schnell verblassen?
- Was bedeutet „Furcht des Herrn" für dich konkret – wo würde sich dein Alltag ändern, wenn du diese Furcht wirklich ernst nähmst?
- Lobst du Gott lieber allein, im Verborgenen, oder scheust du dich davor, es mit anderen zu teilen? Warum?
- Wenn du auf dein Leben zurückblickst wie der Psalmist auf die Geschichte Israels – welche „großen Werke" Gottes würdest du aufzählen können?