# Josua 20:7 (Schlachter 1951)

> Da sonderten sie aus: Kedesch in Galiläa auf dem Gebirge Naphtali, und Sichem auf dem Gebirge Ephraim, und Kirjat-Arba, das ist Hebron, auf dem Gebirge Juda.

## Was es bedeutet

Schau dir an, was hier passiert: Israel steht mitten in der Landverteilung, und plötzlich hält die Erzählung inne, um drei Städte namentlich zu benennen. Das klingt wie ein Verwaltungsdetail – eine Liste, die man überblättern könnte. Aber genau hier liegt etwas Kostbares verborgen.

Josua richtet drei Freistädte im Westjordanland ein: Kedesch ganz im Norden, im Gebiet von Naphtali; Sichem in der Mitte, im Gebirge Ephraim; und Hebron ganz im Süden, im Gebirge Juda. Zusammen mit den drei Städten östlich des Jordan (die im nächsten Vers folgen) waren das sechs Zufluchtsorte, so über das ganze Land verteilt, dass niemand mehr als etwa einen halben Tagesmarsch entfernt war [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Das Gesetz dahinter (aus 4. Mose 35 und 5. Mose 19) regelte einen sehr konkreten Fall: Wenn du versehentlich – ohne Absicht, ohne Hass – jemanden getötet hattest, durftest du in eine dieser Städte fliehen, bevor der Bluträcher der Familie dich einholte. Dort bekamst du ein faires Verfahren statt sofortiger Rache.

Leicht zu übersehen: Der Text sagt, sie „sonderten aus" – im Hebräischen dasselbe Wortfeld wie „heilig machen" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das war kein bloßer Verwaltungsakt, sondern eine öffentliche, feierliche Erklärung: Dieser Ort ist jetzt anders. Er gehört Gott als Schutzraum für den, der zu Unrecht gejagt wird. Und es sind Levitenstädte – die Priesterstämme selbst hüten diese Zuflucht [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry).

Innerhalb des Buches Josua markiert das den Abschluss der eigentlichen Landverteilung: Israel wohnt jetzt im Land, und Gott sorgt nicht nur für Erbteile, sondern auch für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit innerhalb dieses Landes. Über Auslegungsstreit gibt es hier wenig Zank – das meiste Uneinige betrifft eher, wie stark man die Städtenamen symbolisch deuten darf (dazu gleich mehr).

## Historischer Hintergrund

Wir befinden uns wahrscheinlich im 13. oder 12. Jahrhundert vor Christus, kurz nachdem die Israeliten unter Josua – Moses Nachfolger – das Land Kanaan erobert und unter den zwölf Stämmen verteilt haben. Das Buch Josua selbst wurde vermutlich später zusammengestellt und redigiert, greift aber auf alte Überlieferungen und Listen zurück, die diese frühe Landnahme-Zeit festhalten.

Stell dir eine Gesellschaft ohne Polizei, ohne staatliches Gerichtssystem im modernen Sinn vor. Wenn jemand starb, war es Sache der Familie, für Gerechtigkeit zu sorgen – der „Bluträcher" (ein naher Verwandter) hatte das Recht und die Pflicht, den Tod zu rächen. Das Problem: Ein Unfall – ein Beil, das vom Stiel rutscht, ein Stein, der ohne Absicht fällt – wurde dann genauso blutig vergolten wie ein Mord. Genau dafür schuf Gott durch Mose dieses Sicherheitsnetz: sechs Städte, in denen ein Totschläger (kein Mörder) fliehen und ein ordentliches Verfahren bekommen konnte, bevor Rache ihn erreichte.

Die drei genannten Städte waren keine Zufallsorte. Kedesch lag im Norden, in einem Gebiet, das später „Galiläa der Heiden" genannt wurde, weil dort viele Nicht-Israeliten lebten [Keil-Delitzsch Old Testament Commentary](cite://s?id=keil-delitzsch) – also schon damals eine Grenzregion mit gemischter Bevölkerung. Sichem, mitten im Land gelegen, war uralt heiliger Boden – schon Abraham hatte dort einen Altar gebaut (1. Mose 12,6-7), und Jahrhunderte später sollte hier Rehabeam zum König ausgerufen werden (2. Chronik 10,1). Hebron im Süden war noch älter: Vorher hieß es Kirjat-Arba, „Stadt des Arba", benannt nach einem riesigen Anführer der Enakiter (Josua 14,15) – genau die furchteinflößenden Riesen, vor denen die Kundschafter vierzig Jahre zuvor zurückgeschreckt waren. Dass ausgerechnet diese Stadt nun ein Ort der Barmherzigkeit wurde, ist an sich schon eine kleine Predigt über Gottes Umkehrungen.

## Ursprache

Das Verb hinter „sonderten aus" ist קָדַשׁ (**qâdash**, H6942) – dasselbe Wort, das sonst mit „heiligen" oder „heilig machen" übersetzt wird [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Die Übersetzer haben hier bewusst „aussondern" gewählt, aber im Hebräischen schwingt mit: Diese Städte wurden Gott geweiht, für einen heiligen Zweck reserviert – nicht nur bürokratisch registriert. Passend dazu trägt die erste Stadt selbst diesen Namen: קֶדֶשׁ (**Qedesh**, H6943), abgeleitet von genau demselben Wortstamm – „Heiligtum" oder „heiliger Ort" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Der Ortsname und der Akt, ihn einzurichten, klingen also im Hebräischen wie ein Echo.

חֶבְרוֹן (**Chebrôwn**, H2275), Hebron, kommt von einer Wurzel, die „sich verbinden, Gemeinschaft" bedeutet [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – man könnte es fast mit „Ort der Freundschaft" oder „Bündnis" übersetzen. Adam Clarke und John Gill weisen beide darauf hin, dass diese Namen fast wie eine kleine Landkarte der Rettung lesbar sind [Adam Clarke Bible Commentary](cite://s?id=adam-clarke) [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill): Kedesch – Heiligkeit; Sichem (שְׁכֶם, **Shᵉkem**, H7927, von einer Wurzel für „Schulter, Rücken tragen") – Einer, der die Last trägt; Hebron – Gemeinschaft, Freundschaft. Man sollte hier vorsichtig sein, nicht jede Namensetymologie zu einer verschlüsselten Prophezeiung aufzublasen – aber als geistliche Erinnerungshilfe, als Bild, tragen diese Namen tatsächlich Gewicht.

Kirjat-Arba, קִרְיַת אַרְבַּע (**Qiryath ʼArbaʻ**, H7153), bedeutet wörtlich „Stadt der Vier" oder „Stadt Arbas" (nach dem Riesen) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – ein Name, der die alte, furchterregende Vergangenheit des Ortes noch im Klang trägt, selbst als er längst Hebron heißt und Zuflucht bedeutet.

## Wie es auf Christus hinweist

Hier musst du nicht weit suchen – der Hebräerbrief macht die Verbindung selbst explizit. In Hebräer 6,18 schreibt der Autor, dass wir „unsere Zuflucht" genommen haben, „die dargebotene Hoffnung zu ergreifen" – genau das Wort, das für einen, der zur Freistadt flieht, benutzt wurde [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown). Der Totschläger im Alten Testament, der ohne Absicht Schuld auf sich geladen hat und nun um sein Leben rennt, ist ein Bild von jedem von uns: Wir sind schuldig – auch wenn wir es nicht immer „böse" gemeint haben – und die Konsequenz unserer Sünde jagt uns. Es gibt nur einen Ort der Rettung, und der ist nicht irgendwo verstreut, sondern von Gott selbst festgelegt.

Und die Namen? Matthew Henry bringt einen Gedanken, der mich jedes Mal wieder trifft: Diese Städte wurden „geheiligt" – und Jesus selbst sagt in Johannes 17,19 über sich: „Ich heilige mich selbst für sie." Der Fluchtort musste geheiligt werden, damit er retten konnte; Christus heiligt sich selbst, damit er uns aufnehmen kann [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Kedesch trägt seinen Namen von Heiligkeit – Christus ist „heilig gemacht … zur Weisheit … und zur Heiligung" (1. Korinther 1,30). Sichem, „die Schulter", erinnert an Jesaja 9,5: „die Herrschaft ruht auf seiner Schulter" – und an das Bild vom guten Hirten, der das verlorene Schaf auf seinen Schultern nach Hause trägt (Lukas 15,4-5) [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill). Und Hebron, „Gemeinschaft" – genau das, was Christus uns anbietet: nicht nur Schutz vor Strafe, sondern Freundschaft mit Gott.

Man sollte hier ehrlich bleiben: Das ist kein direktes Prophetenwort, das „auf Christus zeigt". Es ist ein Muster, ein Bild, das der Hebräerbrief selbst aufgreift und deutet – und das reicht völlig aus, um dich zum Staunen zu bringen.

## Für dein Leben

Frag dich ehrlich: Wohin läufst du, wenn deine Schuld dich einholt? Nicht die Schuld anderer an dir – deine eigene. Der Moment, wo du merkst: Ich habe etwas kaputt gemacht, und jetzt kommt die Rechnung.

Die meisten von uns haben zwei schlechte Reflexe. Der eine: weglaufen, verstecken, hoffen, dass keiner es merkt, bis die Angst uns innerlich auffrisst. Der andere: uns selbst verurteilen, bevor irgendjemand anderes es tut, und in Scham verharren, als wäre das eine Art Buße. Beides ist kein Weg zur Freistadt. Beides ist nur eine andere Art, allein mit dem Bluträcher zu verhandeln.

Gott hat für den Totschläger in Israel keine Ausrede gebaut und kein Versteck – er hat einen konkreten, erreichbaren Ort geschaffen, wohin er wirklich laufen konnte, mit klaren Wegen dorthin, gut instand gehalten [Adam Clarke Bible Commentary](cite://s?id=adam-clarke). Das ist die Herausforderung an dich heute: Christus ist kein Prinzip, das du irgendwie verinnerlichen musst. Er ist ein Ort, zu dem du tatsächlich laufen musst – mit Füßen, mit Worten, mit einem Gebet, das die Sache beim Namen nennt.

Und das kostet etwas: Es kostet dir, aufzuhören, deine eigene Verteidigung zu führen. Der Flüchtling in der Freistadt konnte nicht gleichzeitig behaupten, er brauche keine Zuflucht. Er musste zugeben: Ich bin in Gefahr, ich habe Schuld, ich kann mich selbst nicht retten. Kannst du das heute sagen – nicht abstrakt, sondern über eine konkrete Sache, die dich gerade verfolgt?

## Gebetsanliegen

- Herr, zeig mir ehrlich, wovor ich gerade wegrenne oder mich verstecke – auch vor mir selbst.
- Danke, dass du nicht irgendwo unerreichbar bist, sondern dich zu mir „heilig gemacht" hast, damit ich zu dir laufen kann.
- Gib mir den Mut, meine Schuld beim Namen zu nennen, statt sie zu verharmlosen oder mich selbst dafür zu quälen.
- Danke, dass du mich nicht nur beschützt wie eine Freistadt, sondern mich in echte Gemeinschaft mit dir hineinnimmst.
- Hilf mir, anderen, die vor ihrer Schuld fliehen, ein Wegweiser zu dir zu sein, statt ein weiterer Bluträcher.

## Zum Nachdenken

- Wovor läufst du gerade weg, statt dorthin zu laufen, wo Rettung tatsächlich zu finden ist?
- Gibt es eine Schuld in deinem Leben, die du eher versteckst als sie Gott konkret zu bringen?
- Wie unterscheidest du zwischen echter Reue und bloßer Selbstverurteilung – und wo stehst du gerade?
- Wem in deinem Umfeld könntest du heute ein „Wegweiser zur Freistadt" sein, statt ihn weiter zu jagen?
- Was würde sich ändern, wenn du glaubst, dass Christus dich wirklich aufnimmt – nicht nur schützt, sondern mit dir Gemeinschaft will?

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https://dewfall.app/de/read/gersch:6:20:7

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
