# Offenbarung 21:4 (Schlachter 1951)

> Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

## Was es bedeutet

Schau genau hin, was hier steht: Gott selbst – nicht ein Engel, nicht ein Bote, sondern Gott – wischt die Tränen ab. Es ist eine zärtliche, körperliche Geste, wie ein Vater, der sich zu seinem weinenden Kind herunterbeugt. Und dann kommt eine Liste, die wie ein Trommelwirbel klingt: kein Tod mehr, kein Leid mehr, kein Geschrei mehr, kein Schmerz mehr. Vier Dinge, die dein ganzes Leben bestimmt haben, werden für immer beseitigt.

Leicht zu überlesen ist der letzte Satz: „denn das Erste ist vergangen." Das ist die Begründung. Nicht: Gott tröstet dich trotz der alten Welt, sondern: Gott tröstet dich, weil die alte Welt selbst nicht mehr existiert. Die Ursache ist weg, nicht nur die Symptome. Das ist ein radikalerer Trost, als wir oft denken – es ist keine bessere Bewältigungsstrategie für den Tod, sondern das Ende des Todes als solches.

Diese Verse stehen im großen Finale der Offenbarung, direkt nachdem Johannes „einen neuen Himmel und eine neue Erde" gesehen hat (Offenbarung 21,1) und das neue Jerusalem herabkommen sieht. Es ist die Zielgerade der ganzen Bibel.

Hier gibt es eine ehrliche Meinungsverschiedenheit unter Christen: Manche lesen das als Beschreibung einer irdischen Friedenszeit (des sogenannten Millenniums), andere – und das scheint der Text selbst nahezulegen, weil in einer Zwischenzeit ja noch gestorben würde – als die endgültige, ewige Neuschöpfung nach dem letzten Gericht [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown). Adam Clarke weist zu Recht darauf hin: „kein Tod mehr" setzt logisch eine allgemeine Auferstehung voraus – der Tod kann nicht einfach aufhören, er muss besiegt und rückgängig gemacht werden [Adam Clarke Bible Commentary](cite://s?id=adam-clarke).

## Historischer Hintergrund

Die Offenbarung wurde vermutlich um 95 n. Chr. geschrieben, während der Regierungszeit des römischen Kaisers Domitian, der von Christen erwartete, ihn als „Herr und Gott" anzubeten. Der Autor, Johannes, saß nach eigener Aussage auf der Insel Patmos, verbannt – wahrscheinlich wegen seines Glaubens (Offenbarung 1,9). Er schreibt an sieben Gemeinden in Kleinasien, im heutigen Westtürkei, Gemeinden, die unter Druck standen: manche wegen wirtschaftlicher Ausgrenzung (wer nicht am Kaiserkult teilnahm, konnte oft keine Handelsgeschäfte machen), manche wegen offener Verfolgung, manche wegen innerer Erschöpfung und Kompromissbereitschaft.

Stell dir vor, du bist Christ in Smyrna oder Philadelphia im Jahr 95. Deine Nachbarn opfern dem Kaiser Weihrauch, du weigerst dich, und plötzlich bist du verdächtig, vielleicht sogar in Lebensgefahr. Menschen in deiner Gemeinde sind gestorben – manche eines natürlichen Todes, manche als Märtyrer. Tränen, Geschrei, Schmerz waren keine abstrakten Begriffe für diese Leser, sondern der Alltag.

In diese Situation hinein schreibt Johannes kein Fluchtbuch, sondern ein Buch, das den Vorhang zurückzieht und zeigt, wohin die Geschichte tatsächlich läuft. Die Bilder vom neuen Jerusalem und der abgewischten Träne greifen bewusst auf Jesaja 25,8 und Jesaja 35,10 zurück – Verheißungen, die Israel Jahrhunderte zuvor im babylonischen Exil (als Nebukadnezars Armee Jerusalem 586 v. Chr. zerstörte und die Überlebenden nach Babylon verschleppte) gegeben wurden. Johannes sagt seinen verfolgten Lesern damit: Das, was Gott eurem Volk damals versprochen hat, ist jetzt in Christus endgültig unterwegs zur Erfüllung.

## Ursprache

Das Verb für „abwischen" ist ἐξαλείφω (exaleíphō, G1813) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – wörtlich „ausschmieren" oder „auslöschen", wie man eine Wachstafel glättet oder einen Fleck entfernt. Dasselbe Wort wird an anderer Stelle im Neuen Testament für das Auslöschen von Schuld gebraucht (Kolosser 2,14). Das ist kein zartes Tupfen mit dem Taschentuch – es ist ein vollständiges Beseitigen, so als wäre die Träne nie dagewesen.

πᾶς (pâs, G3956) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – „jede", „alle" – steht bei „jede Träne" (πᾶν δάκρυον). Nichts wird übersehen, keine einzige verweinte Nacht bleibt unbeachtet.

θάνατος (thánatos, G2288) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) wird hier mit οὐκ ἔτι – „nicht mehr" – verbunden. Das kleine Wörtchen ἔτι (éti, G2089) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs), „noch, weiterhin", ist entscheidend: Es sagt nicht nur „Tod gibt es nicht", sondern „Tod wird aufhören zu existieren, wo er vorher da war". Es ist ein Ende, keine bloße Abwesenheit von Anfang an.

πένθος (pénthos, G3997) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs), das Wort für „Leid" oder „Trauer", ist verwandt mit dem Wort für „leiden" – es beschreibt nicht nur einen flüchtigen Gefühlsanflug, sondern das tiefe, zermürbende Trauern, wie man es nach dem Tod eines geliebten Menschen kennt. Und οὔτε (oúte, G3777) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – „weder … noch" – reiht diese vier Wörter (Tod, Leid, Geschrei, Schmerz) wie vier Särge auf, die alle zugleich für immer geschlossen werden.

## Wie es auf Christus hinweist

Diese Verse sind kein neues Versprechen – sie sind die Einlösung eines uralten. Jesaja hatte Jahrhunderte zuvor geschrieben: „Er wird den Tod auf ewig verschlingen. Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen" (Jesaja 25,8). Johannes zitiert das fast wörtlich – aber jetzt kann er es sagen, weil er weiß, wie Gott den Tod „verschlungen" hat: durch das leere Grab.

Paulus zieht genau diese Linie in 1. Korinther 15,26: „Als letzter Feind wird der Tod abgetan." Und er erklärt, wie: durch die Auferstehung Jesu, die der Erstling einer ganzen Ernte ist (1. Korinther 15,20-23). Das ist keine fromme Behauptung, sondern eine Rechnung: Wenn Christus wirklich leiblich auferstanden ist, dann ist der Tod bereits an seiner Wurzel getroffen, auch wenn er noch nachwirkt wie ein geköpftes Tier, das noch zuckt.

Und schau, wer hier in Offenbarung 7,17 – nur wenige Kapitel zuvor – dasselbe Bild trägt: „das Lamm, das inmitten des Thrones ist, wird sie weiden … und Gott wird abwischen alle Tränen." Das Lamm ist Jesus, der geschlachtete und auferstandene Christus. Der Gott, der die Tränen abwischt, ist derselbe, der selbst weinte (Johannes 11,35), der selbst am Kreuz schrie, der selbst den Tod persönlich durchlitten hat, um ihn von innen her zu sprengen.

Das ist der springende Punkt: Der Trost von Offenbarung 21,4 ist kein billiges „es wird schon gut" – es ist der Trost eines Gottes, der bereits selbst in unsere Tränen, unseren Schmerz und unseren Tod hineingegangen ist, um sie von innen zu zerbrechen. Wenn du hier liest „kein Tod mehr", dann schau auf einen Sonntagmorgen vor zweitausend Jahren – da hat es angefangen [Tyndale Open Study Notes](cite://s?id=tyndale).

## Für dein Leben

Sei ehrlich einen Moment: Welche Träne trägst du gerade mit dir herum, die du niemandem zeigst? Der Verlust, den du nicht verarbeitet hast. Die Diagnose. Die Beziehung, die zerbrochen ist. Das Gebet, das seit Jahren unbeantwortet scheint. Dieser Vers redet nicht abstrakt über „das Leid der Welt" – er redet über genau das.

Und die Versuchung ist, diesen Vers als Betäubungsmittel zu benutzen: „Egal, was jetzt passiert, irgendwann wird's gut." Das ist nicht falsch, aber es ist zu billig, wenn du dabei stehen bleibst. Der Text verlangt mehr von dir: Er verlangt, dass du deinen Schmerz jetzt ernst nimmst – so ernst, dass Gott ihn persönlich mit seiner eigenen Hand abwischen muss – und gleichzeitig glaubst, dass er nicht das letzte Wort ist.

Das kostet dich etwas: Es kostet dich, aufzuhören, deinen Schmerz zu verstecken oder herunterzuspielen, weil „Christen doch eigentlich Hoffnung haben sollten." Nein – gerade weil du Hoffnung hast, darfst du weinen, ehrlich und ungeschönt, wie Jesus am Grab von Lazarus weinte, obwohl er wusste, dass er ihn gleich auferwecken würde. Trauer und Hoffnung schließen sich nicht aus.

Und es kostet dich auch, geduldig zu bleiben. Du lebst zwischen den Zeiten – der Tod ist besiegt am Kreuz, aber er ist noch nicht ausgelöscht auf der Straße, im Krankenhaus, am Grab. Diese Spannung auszuhalten, ohne zynisch zu werden und ohne in billigen Trost zu flüchten, ist selbst ein Akt des Glaubens.

## Gebetsanliegen

- Vater, ich bringe dir die Tränen, die ich niemandem zeige – wisch sie ab, so wie du es versprochen hast.
- Herr Jesus, danke, dass du selbst geweint hast, bevor du den Tod besiegt hast – hilf mir, meine Trauer nicht zu verstecken.
- Ich bitte dich um Geduld für die Zeit zwischen dem, was schon geschehen ist, und dem, was noch kommt.
- Stärke meinen Glauben an die Auferstehung, wenn der Tod gerade sehr real und sehr endgültig aussieht.
- Gib mir ein Herz, das sich nach der neuen Welt sehnt, ohne die Menschen um mich herum in dieser alten Welt zu vergessen.

## Zum Nachdenken

- Welche Träne trägst du gerade, die du bisher niemandem – auch Gott nicht ehrlich – gezeigt hast?
- Glaubst du wirklich, dass der Tod „aufhören wird zu existieren", oder behandelst du ihn insgeheim als das letzte, unumstößliche Wort?
- Wo benutzt du „es wird alles gut" als Ausrede, um deine gegenwärtige Trauer nicht ernst zu nehmen?
- Was würde sich in deinem Alltag ändern, wenn du wirklich glaubtest, dass diese Welt nicht das letzte Kapitel ist?
- Wann hast du zuletzt geweint – und was hat dich davon abgehalten, es vor Gott zu tun?

---

https://dewfall.app/de/read/gersch:66:21:4

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
