# 1. Korinther 5:11 (Schlachter 1951)

> Nun aber habe ich euch geschrieben, daß ihr keinen Umgang haben sollt mit jemandem, der sich Bruder nennen läßt und dabei ein Unzüchtiger oder Habsüchtiger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trunkenbold oder Räuber ist; mit einem solchen sollt ihr nicht einmal essen.

## Was es bedeutet

Lies genau hin: Paulus sagt hier nicht "meidet alle schlechten Menschen". Er sagt das Gegenteil von dem, was viele erwarten würden. Im Vers davor (5,10) hatte er klargestellt: Mit den "Unzüchtigen dieser Welt" – also mit Nichtchristen, die so leben – könnt und sollt ihr gar nicht aufhören, Umgang zu haben, sonst müsstet ihr die Welt verlassen. Aber jetzt, "nun aber", zieht er die Grenze woanders [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown). Es geht um jemanden, "der sich Bruder nennen läßt" – also jemand, der öffentlich behauptet, Christ zu sein, mit am Tisch der Gemeinde sitzt, sich "Bruder" nennt – und der gleichzeitig ungeniert in einer dieser sechs Sünden lebt: sexuelle Unmoral, Habgier, Götzendienst, üble Nachrede, Trunksucht, Betrug. Das Harte daran: "nicht einmal essen". Gemeinsames Essen war in der antiken Welt kein beiläufiges Ereignis – es war ein Zeichen von Zugehörigkeit, von Familie, von Bündnis. Paulus sagt: Zieh diese Grenze konsequent, sogar bei etwas so Alltäglichem wie einer gemeinsamen Mahlzeit [Adam Clarke Bible Commentary](cite://s?id=adam-clarke).

Was leicht übersehen wird: Es geht nicht um Leute, die kämpfen und straucheln, sondern um Leute, die ihre Sünde zur Lebensweise gemacht haben und trotzdem den Namen "Bruder" beanspruchen. Das Etikett ist das Problem – die Heuchelei, nicht die bloße Schwäche.

Dieser Vers steht mitten in Paulus' Auseinandersetzung mit einem konkreten Skandal in Korinth (ein Mann lebt mit der Frau seines Vaters, 5,1), den die Gemeinde stolz toleriert statt betrauert. Christen sind sich seit jeher uneinig, wie weit diese "Trennung" heute reicht – manche wenden sie streng auf Abendmahlsgemeinschaft an, andere sehen darin ein Prinzip für jede Form geistlicher Nähe und Verantwortung in der Ortsgemeinde, nicht für zufällige Begegnungen im Alltag.

## Historischer Hintergrund

Paulus schreibt diesen Brief um etwa 53–55 n. Chr. von Ephesus aus an die Gemeinde in Korinth, eine Hafenstadt in Griechenland, die für ihren Wohlstand, ihre Handelswege – und ihren Ruf für sexuelle Freizügigkeit berüchtigt war. "Korinthisch leben" war im Griechischen der Zeit fast ein Ausdruck für zügellosen Lebenswandel. Die Gemeinde dort bestand aus Menschen, die aus genau dieser Kultur kamen: Ex-Heiden, die plötzlich Christus folgten, aber viele ihrer alten Denkweisen mitschleppten – Statusdenken, sexuelle Freizügigkeit als normal, Stolz auf "geistliche Freiheit".

Paulus hatte offenbar schon einmal geschrieben (5,9: "ich habe euch in dem Brief geschrieben") – ein Brief, den wir nicht besitzen. Die Korinther hatten seine Anweisung missverstanden, als würde sie bedeuten, sich völlig aus der heidnischen Gesellschaft zurückzuziehen, was in einer Handelsstadt praktisch unmöglich gewesen wäre. Paulus korrigiert dieses Missverständnis und präzisiert: Es geht nicht um die Außenwelt, sondern um die eigene Gemeinschaft.

Der konkrete Auslöser dieses ganzen Kapitels ist ein Fall von Blutschande in der Gemeinde (5,1), den die Korinther nicht nur duldeten, sondern offenbar mit einer Art aufgeklärtem Stolz trugen – als Beweis ihrer Freiheit von "engstirniger" Moral. Für Paulus ist das keine Freiheit, sondern Fäulnis, die sich wie Sauerteig durch den ganzen Teig zieht (5,6). Gemeinsames Essen – ob bei den "Liebesmahlen" (Agape-Feiern) der frühen Gemeinde oder beim Herrenmahl – war der zentrale Ort christlicher Gemeinschaft, deshalb trifft die Anweisung "nicht einmal essen" genau ins Herz dessen, was Gemeinde damals bedeutete [Tyndale Open Study Notes](cite://s?id=tyndale).

## Ursprache

Das Wort für "keinen Umgang haben" ist **συναναμίγνυμι** (synanamígnymi, G4874) – wörtlich "sich zusammenmischen mit". Man kann fast das Bild sehen: zwei Farben, die ineinanderfließen, bis man sie nicht mehr trennen kann [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Genau davor warnt Paulus: Vermischt euch nicht so eng mit dieser Lebensweise, dass die Grenze verschwimmt.

Wichtig ist auch **ἀδελφός** (adelphós, G80), "Bruder". Das Wort trägt hier das ganze Gewicht des Verses. Es steht im Gegensatz zu den Menschen "dieser Welt" aus Vers 10 – hier geht es um jemanden *innerhalb* der Familie Gottes, jemanden, der den Namen trägt [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs).

Das Verb **ὀνομάζω** (onomázō, G3687) bedeutet "einen Namen tragen, sich nennen lassen" – nicht einfach "ist", sondern "wird so genannt". Paulus zielt bewusst auf den Anspruch, nicht nur auf die Tatsache [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs).

Und dann die Liste der sechs Wörter, die wie Nägel eingeschlagen werden: **πόρνος** (pórnos, G4205, sexuell unmoralischer Mensch), **πλεονέκτης** (pleonéktēs, G4123, jemand, der nie genug hat, gierig nach mehr), **εἰδωλολάτρης** (eidōlolátrēs, G1496, Götzendiener) – und im deutschen Text noch Lästerer, Trunkenbold, Räuber, die im griechischen Original ebenfalls konkrete Berufsbezeichnungen der Sünde sind, keine vagen Vorwürfe [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Auffällig: Habgier steht direkt neben Götzendienst – für Paulus ist die Gier nach Besitz letztlich Anbetung eines anderen Gottes [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown).

## Wie es auf Christus hinweist

Auf den ersten Blick klingt dieser Vers nach Ausschluss, nach einer Tür, die zugeschlagen wird. Aber halte das neben das, was Jesus selbst tat: Er aß mit Zöllnern und Sündern (Matthäus 9,10-11) – zum Entsetzen der Frommen seiner Zeit. Wie passt das zusammen?

Der Unterschied liegt genau in dem, was Paulus hier anspricht: Jesus aß mit Menschen, die *wussten*, dass sie Sünder waren, und die seine Nähe suchten, weil sie einen Arzt brauchten. Er aß nicht mit Menschen, die sich "Gerechte" nannten und gleichzeitig unbußfertig in ihrer Sünde blieben – gerade die selbstgerechten Pharisäer waren es, mit denen er am härtesten ins Gericht ging (Matthäus 23). Der Maßstab ist nie "wie schlimm ist die Sünde", sondern "gibt es Buße oder gibt es Anspruch ohne Wirklichkeit".

Das Herrenmahl, an dem die Korinther zusammen aßen, ist selbst ein Christus-Zeichen: Brot und Wein erinnern an seinen Leib, der für Sünder gebrochen wurde. Genau deshalb ist der Tisch heilig – wer öffentlich in Sünde verharrt und trotzdem "Bruder" heißen will, verhöhnt genau das, was der Tisch bedeutet: dass Christus sein Blut vergossen hat, damit Menschen sich *ändern*, nicht damit sie ungestört weitermachen können.

Und da liegt die eigentliche Gnade dieses harten Verses: Der Ausschluss ist kein Racheakt, sondern – wie Paulus in 5,5 schreibt – geschieht "damit der Geist gerettet werde am Tage des Herrn Jesus". Es ist der letzte, schmerzhafteste Liebesdienst, den eine Gemeinde einem verlorenen Bruder erweisen kann: ihm die Illusion zu nehmen, dass alles in Ordnung sei, damit er zum Kreuz zurückfindet, wo die eigentliche Vergebung wartet.

## Für dein Leben

Dieser Vers ist unbequem, und das aus gutem Grund. Er verlangt von dir etwas, das gegen jeden Instinkt geht: einem Menschen, den du "Bruder" oder "Schwester" nennst, mit dem du vielleicht sogar befreundet bist, bewusst die Nähe zu entziehen – nicht aus Kälte, sondern weil sein Leben und sein Bekenntnis auseinanderklaffen und niemand ihm das mehr sagt.

Frag dich ehrlich: Bist du eher der Typ, der zu schnell verurteilt, oder der Typ, der zu bequem schweigt? Die meisten von uns heute neigen zum Zweiten. Wir nennen es Toleranz, Liebe, "nicht richten wollen" – aber manchmal ist es einfach Feigheit. Es ist einfacher, mit jemandem weiter Kaffee zu trinken und nichts zu sagen, als das Risiko einzugehen, die Freundschaft zu verlieren, weil du ihm die Wahrheit über sein Leben zumutest.

Aber dieser Vers zwingt dich auch zu einer zweiten, unbequemeren Frage: Bist du selbst dieser Bruder? Trägst du den Namen Christi und lebst gleichzeitig ungeniert in etwas, das du dir nie erlauben würdest, wenn jemand genau hinsähe? Habgier zum Beispiel – die Sünde, die Paulus direkt neben Götzendienst stellt, weil sie so leicht übersehen wird, weil sie so "normal" aussieht.

Der Preis, den dieser Vers von dir verlangt: dass du bereit bist, unbequem zu sein – dir selbst gegenüber und anderen gegenüber –, weil echte Liebe manchmal genau das bedeutet: die Illusion zu zerbrechen, damit die Wahrheit heilen kann.

## Gebetsanliegen

- Herr, zeig mir ehrlich, wo ich selbst den Namen "Christ" trage, aber in einem Bereich meines Lebens lebe, als gäbe es dich nicht.
- Gib mir den Mut, einem Freund oder einer Freundin die Wahrheit zu sagen, statt aus Bequemlichkeit zu schweigen.
- Bewahre mich davor, andere vorschnell und selbstgerecht zu verurteilen, während ich meine eigene Sünde übersehe.
- Lehre mich, Konsequenz und Liebe zusammenzuhalten – dass Grenzen setzen manchmal die tiefste Form der Fürsorge ist.
- Danke, dass du am Kreuz genau für diese Sünden gestorben bist, die in diesem Vers genannt werden – lass mich nie vergessen, dass ich selbst begnadigt bin.

## Zum Nachdenken

- Gibt es eine Sünde in meinem Leben, die ich als "normal" abtue, obwohl ich sie bei anderen sofort erkennen würde?
- Wen aus meinem Umfeld müsste ich vielleicht liebevoll, aber klar konfrontieren – und warum habe ich es bisher vermieden?
- Verwechsle ich manchmal Bequemlichkeit mit Toleranz, wenn es um den Umgang mit Sünde in meiner Nähe geht?
- Wie würde sich mein Leben verändern, wenn jemand mich mit demselben Maßstab prüfen würde, den ich an andere anlege?
- Was sagt mir dieser Vers über den Unterschied zwischen echter Buße und bloßem Bekenntnis mit den Lippen?

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https://dewfall.app/de/read/gersch:46:5:11

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
