# Lukas 23:34 (Schlachter 1951)

> Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Sie teilten aber seine Kleider und warfen das Los.

## Was es bedeutet

Schau genau hin, was hier gleichzeitig passiert: Jesus hängt am Kreuz, die Nägel sind schon durch sein Fleisch, und in diesem Moment betet er – nicht für sich, sondern für seine Henker. „Vater, vergib ihnen" ist kein frommer Nachsatz, es ist das Erste, was er sagt, während unter ihm die Soldaten würfeln, wer sein letztes Kleidungsstück bekommt. Zwei Bilder in einem Vers: oben Gnade, unten Gleichgültigkeit. Die Soldaten wissen nicht einmal, wessen Gewand sie da verlosen – für sie ist es Dienst nach Vorschrift, ein bisschen Beute am Ende eines langen Arbeitstages [Tyndale Open Study Notes](cite://s?id=tyndale). Das griechische „sie wissen nicht, was sie tun" (dazu gleich mehr) bezieht sich zunächst auf die Soldaten, aber Lukas lässt die Frage offen, wie weit dieser Kreis reicht – die Hohepriester? Die Menge? Adam Clarke merkt zu Recht an: Unwissenheit macht eine Tat nicht unschuldig, aber sie macht sie weniger monströs [Adam Clarke Bible Commentary](cite://s?id=adam-clarke). Wichtig ist: Jesus bittet nicht um Nachsicht, weil sie unschuldig sind, sondern *trotzdem* er weiß, dass sie schuldig sind. Das ist der Unterschied zwischen Ausrede und Gnade.

Manche alte Handschriften lassen diesen Satz übrigens weg – ein bekannter textkritischer Streitpunkt. Die meisten Ausleger, egal welcher Konfession, halten ihn trotzdem für ursprünglich, weil er so tief zu allem passt, was Lukas über Jesus erzählt: einer, der bis zum letzten Atemzug für andere bittet.

Im großen Bogen des Lukasevangeliums ist das der Höhepunkt einer Linie, die schon in der Bergpredigt-Parallele beginnt: Feinde lieben, für Verfolger beten (Lukas 6:27-28) – jetzt tut er selbst, was er gelehrt hat.

## Historischer Hintergrund

Lukas schreibt sein Evangelium wahrscheinlich zwischen 60 und 85 n. Chr., vermutlich für einen gebildeten, nicht-jüdischen Leser namens Theophilus – jemand, der die römische Rechtsordnung und römische Hinrichtungspraxis kannte. Kreuzigung war keine jüdische, sondern eine römische Strafe, reserviert für Sklaven, Rebellen und Nicht-Bürger – eine öffentliche, absichtlich grausame Machtdemonstration, damit jeder auf der Straße sah, was Rom mit Aufrührern macht.

Die Szene spielt sich um 30 n. Chr. auf Golgatha ab, einem Hinrichtungsplatz direkt vor den Toren Jerusalems, sichtbar für jeden, der zur Stadt kam oder ging – bewusst so gewählt. Die Soldaten, die hier würfeln, sind normale römische Legionäre, die diesen Job vermutlich schon dutzende Male gemacht haben. Nach römischem Brauch gehörte die Kleidung des Hingerichteten den ausführenden Soldaten als kleiner Nebenverdienst; sie warfen das Los, weil man ein Gewand nicht in vier gleiche Teile schneiden konnte, ohne es zu zerstören (siehe die Parallele in Johannes 19:23-24) [Tyndale Open Study Notes](cite://s?id=tyndale). Für diese Männer war das hier kein besonderer Tag – nur ein weiterer Gefangener, ein weiteres Stück Stoff.

Politisch steckt Pilatus in der Klemme: Er hat Jesus dreimal für unschuldig erklärt (Lukas 23:4, 14, 22), gibt aber der Menge nach, um keinen Aufstand zu riskieren – ein Statthalter, der seine eigene Karriere über Gerechtigkeit stellt. Die religiösen Führer, die Jesus als Bedrohung ihrer Autorität und ihres brüchigen Friedens mit Rom sahen, hatten ihn bereits vor Herodes Antipas geschickt gehabt, um die Verantwortung abzuschieben [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown). In diesem Geflecht aus Feigheit, Machtkalkül und Routine spricht Jesus sein Gebet.

## Ursprache

Das Herzstück ist das Verb **ἀφίημι** (aphíēmi, G863) – „vergib" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Wörtlich heißt es „wegschicken, loslassen, freigeben". Es ist dasselbe Wort, das für das Erlassen einer Schuld oder das Freilassen eines Gefangenen benutzt wird. Jesus bittet den Vater nicht, wegzuschauen oder die Sache zu vergessen – er bittet, die Schuld wirklich fortzuschicken, wie man eine Kette löst.

Dann **γάρ** (gár, G1063), „denn" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – ein kleines Wörtchen, das eine Begründung einführt. Es zeigt: Die Bitte um Vergebung ist nicht willkürlich, sie hat einen Grund, und der Grund ist die Unwissenheit der Täter.

**οὐ οἴδασιν** – von **εἴδω** (eídō, G1492), das im Perfekt „wissen" bedeutet, obwohl es ursprünglich „sehen" heißt [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Interessant: Es ist dasselbe Wortfeld, das im Deutschen die Verbindung von Sehen und Verstehen bewahrt hat – sie haben *gesehen*, was passiert, und trotzdem nicht *verstanden*, was sie taten.

Und schließlich **διαμερίζω** (diamerízō, G1266), „gründlich aufteilen" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs), zusammen mit **βάλλω** (bállō, G906), „werfen" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – das banale, fast beiläufige Wort für „das Los werfen". Lukas benutzt hier keine dramatische Sprache für die Soldaten. Genau das ist der Punkt: Ihre Gleichgültigkeit steht im schärfsten Kontrast zur Intensität von Jesu Gebet direkt darüber.

## Wie es auf Christus hinweist

Hier erfüllt sich vor deinen Augen, was Jesaja Jahrhunderte vorher über den leidenden Gottesknecht geschrieben hat: „er hat für die Übeltäter gebetet" (Jesaja 53:12). Nicht irgendein Prophet hat das gesagt – der Text sagt voraus, dass der, der die Sünden vieler trägt, genau in diesem Moment der größten Ungerechtigkeit gegen ihn selbst für seine Peiniger Fürsprache einlegt. Das ist kein Zufall, das ist die Handschrift Gottes, die Jahrhunderte vorher schon feststand [Adam Clarke Bible Commentary](cite://s?id=adam-clarke).

Und schau, wie sich der Kreis schließt: Genau das, was Jesus in der Bergpredigt lehrte – „liebet eure Feinde... bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen" (Matthäus 5:44) – tut er jetzt selbst, am äußersten Rand des menschlich Möglichen. Kein Prediger, der nur redet; einer, der lebt, was er lehrt, bis in den Tod hinein.

Diese Fürbitte pflanzt sich fort. Stephanus, der erste christliche Märtyrer, betet beim Steinigen wortwörtlich dasselbe: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu" (Apostelgeschichte 7:60). Er ahmt seinen Herrn nach, weil er ihn gesehen hat. Paulus selbst, der später schreibt, er habe „unwissend, im Unglauben" gegen die Gemeinde gewütet (1. Timotheus 1:13), ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass genau diese Art von Unwissenheit – aggressiv, überzeugt, blind – von diesem Gebet mit umfasst wird. Petrus bestätigt später den Führern Jerusalems direkt: „ich weiß, daß ihr in Unwissenheit gehandelt habt" (Apostelgeschichte 3:17). Das Kreuz ist nicht nur der Ort, wo Jesus für Sünde bezahlt – es ist der Ort, wo er aktiv um Vergebung für die bittet, die ihn gerade umbringen. Wenn du je gezweifelt hast, ob Gott dir wirklich vergeben will, obwohl du weißt, wie schlimm du warst – hier ist die Antwort, blutend am Kreuz.

## Für dein Leben

Stell dir die Szene noch mal ganz konkret vor: Die Nägel sind schon drin. Der Schmerz ist real, körperlich, unerträglich. Und in diesem Moment – nicht danach, nicht wenn alles vorbei ist und er sich beruhigt hat – betet Jesus für die, die ihm das antun. Das ist keine schöne Theologie, das ist eine Zumutung. Denn wenn er das kann, was ist dann deine Ausrede?

Du trägst wahrscheinlich eine Liste mit dir herum – Menschen, die dich verletzt haben, die dich betrogen, ignoriert, verraten haben. Und dieser Vers stellt sich direkt vor diese Liste und fragt: Kannst du das? Nicht: Kannst du sie tolerieren. Nicht: Kannst du höflich bleiben. Sondern: Kannst du für sie beten, dass Gott ihnen vergibt?

Das kostet etwas Echtes. Vergebung ist kein Gefühl, das irgendwann von selbst kommt, wenn du nur genug Zeit vergehen lässt. Sie ist eine Entscheidung, die du oft mehrmals am Tag neu triffst, mit zusammengebissenen Zähnen, während der Schmerz noch da ist – genau wie Jesus es tat, während der Schmerz noch da war.

Aber schau auch genau hin, wer diese Bitte spricht: „Vater". Nicht „Richter", nicht „Gott, der Ferne" – Vater. Selbst hier, am dunkelsten Punkt, bleibt die Beziehung intakt. Das ist deine Einladung: Du musst nicht warten, bis du „genug vergeben" hast, um zu Gott als Vater zu kommen. Komm jetzt, mit deiner unfertigen, halben, widerwilligen Vergebungsbereitschaft, und bitte ihn, dir zu geben, was du selbst nicht aufbringen kannst.

## Gebetsanliegen

- Vater, ich bringe dir die Namen der Menschen, die mich verletzt haben – hilf mir, für sie zu beten, so wie Jesus für seine Henker gebetet hat.
- Herr, ich gestehe, dass ich oft genau weiß, was ich tue, wenn ich sündige – zeige mir, wo ich mich hinter Ausreden versteckt habe.
- Danke, Jesus, dass du selbst am Kreuz nicht aufgehört hast, Fürsprache zu leisten – lehre mich, in meinem eigenen Leid nicht nur um mich selbst zu kreisen.
- Gib mir die Kraft, Vergebung nicht als Gefühl, sondern als tägliche Entscheidung zu leben, auch wenn der Schmerz noch da ist.
- Vater, danke, dass du mich trotz meiner Unwissenheit und meines Unglaubens angenommen hast, so wie du es bei Paulus getan hast.

## Zum Nachdenken

- Gibt es jemanden in deinem Leben, für den du bewusst *nicht* betest, weil du innerlich willst, dass er büßt?
- Wo in deinem Leben tust du Dinge „ohne zu wissen, was du tust" – blind vor Gewohnheit, Wut oder Bequemlichkeit?
- Wenn Jesus am Kreuz für seine Mörder betete, was hält dich davon ab, für die zu beten, die dir viel weniger angetan haben?
- Nennst du Gott in deinem Schmerz noch „Vater" – oder ziehst du dich in diesen Momenten von ihm zurück?
- Was würde sich in deiner nächsten Woche ändern, wenn du Vergebung als tägliche Entscheidung statt als fernes Gefühl behandeln würdest?

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https://dewfall.app/de/read/gersch:42:23:34

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
