# Lukas 17:1 (Schlachter 1951)

> Er sprach aber zu den Jüngern: Es ist unvermeidlich, daß Ärgernisse kommen; wehe aber dem, durch welchen sie kommen!

## Was es bedeutet

Schau dir die Verse genau an: Jesus wendet sich hier direkt an seine **Jünger** – nicht an die Volksmenge, nicht an die Pharisäer, sondern an die, die ihm am nächsten stehen. Er sagt zwei Dinge, die auf den ersten Blick fast im Widerspruch stehen. Erstens: Es ist "unvermeidlich" – wörtlich fast "unmöglich, dass es anders wäre" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) –, dass Ärgernisse, also Stolpersteine für den Glauben, kommen werden. Zweitens: Wehe dem, durch den sie kommen. Mit anderen Worten: Dass so etwas passiert, überrascht Gott nicht – aber das entschuldigt niemanden, der es tut.

Das ist die Stelle, an der es leicht ist, etwas zu übersehen: Jesus sagt nicht "Ärgernisse werden wahrscheinlich kommen", sondern benutzt ein sehr starkes Wort, das eher heißt "es ist gar nicht denkbar, dass sie ausbleiben" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). In einer gefallenen Welt, mit gefallenen Menschen, wird immer jemand da sein, der andere zu Fall bringt. Und trotzdem – genau hier liegt die Spannung, über die Christen seit Jahrhunderten nachdenken – bleibt der Mensch, der es tut, voll verantwortlich. Gottes Vorherwissen entlastet nicht die menschliche Schuld [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Manche lesen darin sogar einen Hinweis auf Gottes souveränen Plan, der selbst durch das Böse hindurch sein gutes Ziel erreicht [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry), andere betonen einfach die nüchterne Beobachtung über die Verdorbenheit des menschlichen Herzens [Adam Clarke Bible Commentary](cite://s?id=adam-clarke).

Im größeren Erzählbogen des Lukasevangeliums steht dieser Vers direkt nach der Geschichte vom reichen Mann und Lazarus (Lukas 16) und leitet über zu Jesu Lehre über Vergebung und Glauben (Lukas 17:3-6) – Jesus rüstet seine Gemeinschaft für ein Leben aus, in dem Enttäuschung und Verrat von innen kommen werden, nicht nur Angriffe von außen.

## Historischer Hintergrund

Lukas schreibt sein Evangelium wahrscheinlich zwischen etwa 60 und 85 n. Chr., adressiert an einen gewissen Theophilus – vermutlich ein römischer Beamter oder wohlhabender Gönner, der mehr über den Glauben wissen wollte, den er schon angenommen hatte oder gerade prüfte. Lukas schreibt für ein Publikum, das größtenteils aus Nichtjuden besteht, Menschen also, die keine jahrhundertelange Vertrautheit mit den jüdischen Schriften hatten.

Die Szene selbst spielt auf Jesu langem Weg nach Jerusalem – ein Weg, der bei Lukas fast zehn Kapitel einnimmt (Lukas 9,51 bis 19,27) und geprägt ist von Lehre für die enge Jüngerschar, während Jesus dem Kreuz entgegengeht. Diese kleinen, verletzlichen Gemeinschaften von Nachfolgern – oft ohne festen Ort, ohne gesellschaftliche Macht, teils verfolgt oder verspottet – waren extrem anfällig dafür, dass ein einziger Mensch mit falschem Verhalten, falscher Lehre oder moralischem Versagen die ganze Gruppe zum Wanken bringen konnte. Denk an eine kleine Hausgemeinde von zwanzig Leuten: Wenn einer, der als geistlicher Vorbild galt, öffentlich sündigte oder log, konnte das den Glauben von Neubekehrten regelrecht zerschmettern.

Das griechische Wort für "Ärgernis" – σκάνδαλον – stammt ursprünglich aus der Jägersprache und bezeichnete den Auslösestab einer Tierfalle, den Stock, der bricht und die Falle zuschnappen lässt [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Für Menschen der damaligen Zeit war das ein sehr konkretes Bild: nicht bloß "etwas Anstößiges", sondern ein präzise gebauter Mechanismus, der jemanden zu Fall bringt, ohne dass er es kommen sieht. In einer Welt voller Wanderprediger, Sekten und religiösem Wettbewerb war die Sorge um falsche Lehrer und Verführer keine akademische Frage, sondern eine tägliche, existenzielle Gefahr für die junge Kirche.

## Ursprache

Drei Wörter tragen das ganze Gewicht dieses Verses. **ἀνένδεκτος (anéndektos, G418)** – "unvermeidlich" – ist ein seltenes, verstärktes Wort: nicht "es wird wahrscheinlich passieren", sondern "es ist schlicht nicht vorstellbar, dass es ausbleibt" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Jesus rechnet nüchtern mit der Realität einer gebrochenen Welt.

**σκάνδαλον (skándalon, G4625)** – das "Ärgernis" – ist, wie oben gesagt, ursprünglich der Auslösemechanismus einer Falle [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Im übertragenen Sinn ist es das, was jemanden zum geistlichen Straucheln bringt: eine falsche Lehre, ein schlechtes Vorbild, eine Verletzung, die den Glauben zum Wanken bringt. Es ist kein bloßes "Ärgernis" im deutschen Alltagssinn (etwas, das nervt), sondern ein Mechanismus, der Menschen aktiv zu Fall bringt.

**οὐαί (ouaí, G3759)** – "Wehe" – ist kein Fluch im magischen Sinn, sondern ein Schrei des Schmerzes und der Klage [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs), derselbe Ausruf, den Jesus über Jerusalem ausstößt (Lukas 19,41-44) oder über die Pharisäer (Lukas 11,42-52). Es ist die Sprache eines, der wirklich trauert über das, was kommen wird – nicht kalte juristische Verurteilung, sondern tiefe, warnende Klage.

Und schließlich **διά (diá, G1223)** – "durch" – markiert den Kanal, den Vermittler: nicht "wehe der Sünde selbst", sondern "wehe dem Menschen, durch den sie ihren Weg in die Welt findet" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Genau hier liegt die persönliche Verantwortung, die Jesus niemandem erlässt.

## Wie es auf Christus hinweist

Hier ist etwas Faszinierendes: Dasselbe Wort, σκάνδαλον, das Jesus hier auf die Sünde anwendet, wird an anderer Stelle auf **ihn selbst** angewendet. Paulus nennt Christus einen "Stein des Anstoßes" (1. Korinther 1,23; Römer 9,33; 1. Petrus 2,8) – für die Juden ein skandalon, für die Griechen eine Torheit. Jesus selbst wird zum Prüfstein, an dem sich zeigt, wer glaubt und wer sich abwendet.

Erinnere dich auch an Matthäus 16,23, wo Jesus genau dieses Wort auf Petrus anwendet: "Du bist mir ein skandalon", sagt er, weil Petrus ihn vom Kreuzweg abbringen will. Selbst ein gutmeinender, geliebter Jünger kann zur Falle werden, wenn er menschlich statt göttlich denkt. Das ist keine ferne Warnung – das trifft jeden von uns, der schon einmal jemandem geraten hat, Gottes schwierigen Weg zu vermeiden.

Aber die tiefste Verbindung liegt woanders: Jesus selbst nimmt das "Wehe" auf sich, das eigentlich uns treffen müsste. Am Kreuz wird er "für uns zur Sünde gemacht" (2. Korinther 5,21) – er trägt die Konsequenz, das Gewicht des Mühlsteins (Lukas 17,2), das wir verdient hätten, weil wir andere zu Fall gebracht haben. Er ist der einzige Mensch, der nie jemanden zum Straucheln brachte, und trotzdem stirbt er den Tod dessen, der es tat. Wo dieser Vers Angst einflößt – zu Recht –, zeigt das Evangelium: Es gibt Vergebung sogar für den, der ein skandalon war, wenn er sich zu dem wendet, der selbst zum "Fels des Anstoßes" wurde, damit wir nicht mehr fallen müssen.

## Für dein Leben

Es ist verlockend, diesen Vers zu lesen und sofort an andere zu denken – an den Prediger, der gefallen ist, an den Freund, der dich enttäuscht hat, an die Kirche, die Skandal um Skandal produziert. Aber Jesus spricht hier zu seinen Jüngern, zu den Insidern, zu dir. Die unbequeme Frage lautet nicht "wer hat mich zu Fall gebracht", sondern: **Wem bin ich zur Falle geworden?**

Denk an deine Kinder, die dich beobachten, wie du über andere sprichst. Denk an den neuen Christen in deinem Freundeskreis, der zusieht, wie du mit Geld, mit Wut, mit Ehrlichkeit umgehst. Denk an den Kollegen, der noch nie einen echten Christen erlebt hat – und du bist sein einziges Bild von Jesus. Dieser Vers lässt dich nicht mit der Ausrede davonkommen "Ärgernisse müssen ja sowieso kommen, das ist eben so". Genau das ist der Trick: Jesus sagt beides in einem Atemzug – ja, es ist unvermeidlich, UND wehe dir, wenn du derjenige bist.

Das kostet etwas. Es kostet die Bequemlichkeit, dein eigenes Verhalten mit "so ist die Welt eben" zu entschuldigen. Es kostet die Ehrlichkeit, zuzugeben, dass dein Sarkasmus, deine Heuchelei am Sonntag, deine Bequemlichkeit mit kleinen Lügen – dass all das für jemanden, der dich beobachtet, ein Auslösestab in einer Falle sein könnte. Bete heute nicht "Herr, schütze mich vor denen, die mich zu Fall bringen" – bete zuerst: "Herr, zeig mir, wem ich zur Falle geworden bin." Das ist unbequemer. Aber genau da will Jesus dich hinführen.

## Gebetsanliegen

- Herr, zeig mir ehrlich, wem ich in meinen Worten, meiner Ungeduld oder meiner Heuchelei zum Stolperstein geworden bin.
- Vergib mir die Stellen, an denen ich mich hinter "so ist die Welt eben" versteckt habe, statt Verantwortung für mein Verhalten zu übernehmen.
- Gib mir Wachsamkeit über das, was ich vor den "Kleinen" in meinem Leben tue und sage – meine Kinder, neue Gläubige, Menschen, die mich beobachten.
- Danke, dass du selbst das Wehe getragen hast, das ich verdient hätte, und mir vergibst, wenn ich zur Falle geworden bin.
- Hilf mir, andere zu ermutigen und aufzubauen, statt sie unbeabsichtigt zum Straucheln zu bringen.

## Zum Nachdenken

- Wem bist du in der letzten Woche – durch ein Wort, eine Reaktion, eine Gewohnheit – zur Falle geworden, ohne es zu merken?
- Nutzt du manchmal die Aussage "Sünde ist eben unvermeidlich" als Ausrede, um dein eigenes Verhalten nicht zu ändern?
- Gibt es jemanden – ein Kind, einen jungen Christen, einen Kollegen – dessen Glaube du unbewusst schwächst, statt ihn zu stärken?
- Wenn Jesus dich heute mit dem "Wehe" aus diesem Vers konfrontieren würde, wovor würdest du erschrecken?
- Wo hast du selbst durch andere Stolpersteine erlitten – und trägst du das noch als Bitterkeit statt es Gott zu bringen?

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https://dewfall.app/de/read/gersch:42:17:1

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
