# Lukas 10:19 (Schlachter 1951)

> Siehe, ich habe euch Vollmacht verliehen, auf Schlangen und Skorpione zu treten, und über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch beschädigen.

## Was es bedeutet

Schau genau hin, was hier passiert: Die siebzig Jünger kommen gerade von ihrer ersten Missionsreise zurück – überwältigt, fast euphorisch: "Herr, sogar die Dämonen unterwerfen sich uns in deinem Namen!" (Lukas 10:17). Und Jesus antwortet nicht mit einem "Ja, gut gemacht", sondern mit einer viel größeren Aussage: *Ich* habe euch diese Vollmacht gegeben. Nicht ihr habt sie euch erarbeitet – sie wurde euch verliehen.

Das Bild von Schlangen und Skorpionen ist im Judentum nicht neu. Jesus greift hier Sprache auf, die seine Zuhörer sofort verstanden hätten: Schutz vor tödlicher Gefahr, wie sie in Psalm 91:13 oder Jesaja 11:8 verheißen wird. Aber achte auf den Satzbau – Jesus lässt es nicht bei den Tieren. Er fügt hinzu: "und über alle Gewalt des Feindes". Das ist der Schlüssel. Die Schlangen und Skorpione sind ein Bild, kein Programm für Schlangenbeschwörer [Tyndale Open Study Notes](cite://s?id=tyndale). Es geht um den wirklichen Feind dahinter – Satan selbst, der in der Bibel wiederholt als "die alte Schlange" bezeichnet wird (vgl. Offenbarung 12:9).

Was leicht übersehen wird: Der letzte Satz – "nichts wird euch beschädigen" – ist kein Versprechen körperlicher Unverwundbarkeit. Viele dieser Jünger, und erst recht die Apostel nach ihnen, starben gewaltsam. Hier trennen sich tatsächlich die Lesarten: Manche christliche Bewegungen haben diesen Vers (zusammen mit Markus 16:18) als wörtliche Aufforderung gelesen, gefährliche Schlangen anzufassen, um Glauben zu beweisen. Die meisten Ausleger – von den Reformatoren bis heute – warnen davor: Das ist eine Verkehrung des Textes in sein Gegenteil, denn Jesus verspricht Schutz *im Dienst*, nicht Erlaubnis zur Tollkühnheit [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown). Der eigentliche Sieg, von dem hier die Rede ist, betrifft die Seele, nicht zwangsläufig den Leib.

Im Fluss von Lukas steht dieser Vers am Höhepunkt der Aussendungsrede – bevor Jesus in Vers 20 den Blick noch weiter hebt: Freut euch nicht über die Macht, sondern darüber, dass eure Namen im Himmel stehen.

## Historischer Hintergrund

Lukas schreibt sein Evangelium wahrscheinlich zwischen 60 und 90 n. Chr., vermutlich für einen griechisch-gebildeten Leser namens Theophilus und eine Gemeinde, die weitgehend aus Nichtjuden bestand, die aber die jüdischen Schriften ernst nahmen. Die Szene selbst spielt früher, während Jesu Wirken in Galiläa und auf dem Weg nach Jerusalem, wahrscheinlich um 29–30 n. Chr.

Der Kontext: Jesus sendet siebzig (in manchen Handschriften zweiundsiebzig) Jünger paarweise in die Dörfer Galiläas und Judäas, um vor ihm her das Reich Gottes anzukündigen und Kranke zu heilen. Das war eine Welt, in der Krankheit oft direkt mit dämonischer Bedrängnis in Verbindung gebracht wurde und in der man wortwörtlich mit Giftschlangen und Skorpionen in Wüsten und Feldern rechnete – kein abstraktes Bild, sondern eine reale, tägliche Gefahr für jeden, der zu Fuß durch unwegsames Gelände zog. Die Jünger hatten also gerade selbst erlebt, dass Dämonen ihnen gehorchten, was in einer Kultur, die geistliche Mächte todernst nahm, ein schockierendes, fast schwindelerregendes Erlebnis gewesen sein muss.

Wichtig für das Verständnis: Das Bild "auf Schlangen und Skorpione treten" hatte in Israel bereits eine lange Geschichte. Hesekiel bekommt den Auftrag, furchtlos "unter Skorpionen" zu wohnen (Hesekiel 2:6) – ein Bild für feindselige Menschen, nicht für echte Tiere. Psalm 91 verheißt dem, der unter dem Schutz Gottes lebt, dass er über Löwen und Schlangen treten wird. Jesaja malt das messianische Friedensreich, in dem selbst Säuglinge gefahrlos an Schlangenlöchern spielen (Jesaja 11:8). Jesus greift also ein tief verwurzeltes Bild auf und erklärt: Genau das geschieht jetzt, in eurem Dienst.

## Ursprache

Das Wort für "Vollmacht" ist ἐξουσία (*exousía*, G1849) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – und das ist ein starkes Wort. Es meint nicht bloß rohe Kraft (dafür gäbe es δύναμις), sondern *delegierte Autorität* – das Recht, im Namen eines anderen zu handeln. Ein römischer Statthalter hatte exousía, weil der Kaiser sie ihm gegeben hatte. Genau das sagt Jesus: Diese Macht ist nicht eure eigene, sie ist verliehen, geliehen, delegiert von mir.

Das Verb dahinter, δίδωμι (*dídōmi*, G1325) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs), "geben", steht im Präsens/Perfekt-Charakter der Aussage – Jesus stellt sich selbst als den Geber dar, nicht als bloßen Vermittler.

Für "treten" verwendet Lukas πατέω (*patéō*, G3961) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – wörtlich "zertrampeln", dasselbe Bild, das in der Antike für den Sieger benutzt wurde, der buchstäblich seinen Fuß auf den Nacken des besiegten Feindes setzte (denk an Josua 10:24). Das ist kein zaghaftes Ausweichen vor der Gefahr, sondern ein Bild vollständiger Unterwerfung des Gegners.

Und dann das Schlüsselwort: ὄφις (*óphis*, G3789) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs), "Schlange". Strongs Definition merkt ausdrücklich an: bildlich steht das Wort für einen listigen, bösartigen Menschen, "besonders Satan". Das bestätigt, was der Vers selbst schon sagt, wenn er von "aller Gewalt des Feindes" spricht – ἐχθρός (*echthrós*, G2190) [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs), wörtlich "der Hassende", im Neuen Testament oft ein Codewort für den Teufel selbst. Die Schlange ist also von Anfang an mehr als ein Tier im Gras.

## Wie es auf Christus hinweist

Dieser Vers ist ein Echo, das bis nach Eden zurückreicht. In 1. Mose 3:15 sagt Gott zur Schlange: "Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau … sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihr die Ferse zertreten." Das ist das erste Evangelium der Bibel – und es ist genau dasselbe Bild wie hier: Treten, Zertreten, ein Fuß, der die Schlange unter sich bezwingt.

Jesus, der Sohn der Frau, ist derjenige, der diesen uralten Kampf tatsächlich gewinnt – nicht durch militärische Macht, sondern am Kreuz, wo er scheinbar besiegt wird und gerade darin dem Feind den Kopf zertritt. Und jetzt, in Lukas 10:19, gibt er diesen Sieg an seine Jünger weiter, noch bevor er selbst gestorben und auferstanden ist. Das ist erstaunlich: Er teilt seinen noch ausstehenden Sieg im Voraus aus, weil er weiß, dass er ihn erringen wird.

Paulus greift genau dieses Bild auf, wenn er den Gemeinden in Rom schreibt: "Der Gott des Friedens aber wird den Satan unter euren Füßen zermalmen in kurzem!" (Römer 16:20) – fast wörtlich derselbe Satz wie im Garten Eden, jetzt an die Gemeinde übertragen, weil sie in Christus steht.

Und der stille, aber vielleicht schönste Beweis dafür, dass dieses Versprechen real ist: Als Paulus auf Malta von einer Giftschlange gebissen wird und ihm nichts geschieht, schreibt Lukas selbst diese Szene auf (Apostelgeschichte 28:5) – als würde er sagen: Seht her, genau das, was Jesus versprochen hat, geschieht wirklich. Die Verheißung ist kein frommer Wunsch, sie hat sich in der Geschichte der Kirche bewahrheitet – nicht immer körperlich, aber immer da, wo es um die Seele geht.

## Für dein Leben

Sei ehrlich mit dir: Wovor fürchtest du dich wirklich? Nicht vor Schlangen im Gras, wahrscheinlich. Aber vielleicht vor der Angst, dass die dunklen Dinge – die Sucht, die dich immer wieder einholt, die Verzweiflung, die Stimme, die dir sagt, du seist verloren, die Menschen oder Umstände, die dich zerstören wollen – am Ende doch stärker sind als du. Dieser Vers sagt dir: Nein. Nicht weil du stark bist. Sondern weil dir Macht *gegeben* wurde – von jemandem, der stärker ist als das, was dich bedroht.

Aber hier ist der Haken, und er ist unbequem: Diese Macht wurde den Jüngern nicht gegeben, damit sie sich sicher fühlen, sondern damit sie hinausgehen und dienen. Sie kam mitten in einer Missionsreise, nicht auf der Couch. Wenn du dich fragst, warum du die Gegenwart Gottes so selten spürst, frag dich zuerst: Bin ich überhaupt losgezogen? Diese Vollmacht ist an den Gehorsam gebunden, nicht an das Zuschauen von der Seitenlinie.

Und noch etwas kostet dich dieser Vers: die Versuchung, ihn falsch zu benutzen. Es gab und gibt Christen, die diesen Text als Blankoscheck für Leichtsinn nehmen – die Gott herausfordern, statt ihm zu vertrauen. Das ist nicht Glaube, das ist Testen. Der wahre Glaube dieses Verses sieht anders aus: ruhig, fest, furchtlos mitten in echter Gefahr – nicht, weil du sie suchst, sondern weil du sie nicht mehr fürchten musst, wenn du im Auftrag Gottes unterwegs bist.

## Gebetsanliegen

- Herr, danke, dass die Macht über das Böse nicht von mir kommt, sondern von dir geliehen ist – hilf mir, das nie zu vergessen.
- Ich bekenne, wo ich mehr Angst vor dem Feind habe als Vertrauen in deinen Sieg – stärke meinen Glauben.
- Zeig mir, wo ich zu leichtsinnig oder zu ängstlich mit geistlicher Gefahr umgehe – gib mir die richtige Balance aus Mut und Demut.
- Danke, dass du am Kreuz der Schlange den Kopf zertreten hast – lass mich in diesem Sieg leben, nicht in Furcht.
- Sende mich hinaus, so wie du die Siebzig gesandt hast – und gib mir Vollmacht dort, wo ich heute dienen soll.

## Zum Nachdenken

- Wovor hast du wirklich Angst – und traust du Jesus zu, dass er größer ist als das?
- Hast du diese Verheißung schon einmal missbraucht, um dich selbst leichtsinnig oder unvorsichtig zu verhalten?
- Bist du überhaupt "unterwegs" im Auftrag Gottes, oder wartest du auf Schutz, ohne je loszugehen?
- Wo in deinem Leben spürst du die Macht des Feindes stärker als die Gegenwart Christi – und was würde es bedeuten, das umzukehren?
- Freust du dich mehr über sichtbare geistliche "Erfolge" (wie die Siebzig in Vers 17) oder darüber, dass dein Name im Himmel steht (Vers 20)?

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Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
