# Matthäus 6:33 (Schlachter 1951)

> Trachtet aber zuerst nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles hinzugelegt werden.

## Was es bedeutet

Schau dir den Satz genau an: "Trachtet aber zuerst nach dem Reiche Gottes." Da steht nicht "trachtet auch" oder "trachtet nebenbei" – da steht *zuerst*. Eine Rangordnung wird aufgestellt. Jesus sagt nicht, dass Essen, Kleidung, Miete, Zukunftsangst egal sind – er hat gerade zwei Verse vorher genau darüber geredet (Matthäus 6:32). Er sagt: Diese Dinge sind real, aber sie gehören nicht auf Platz eins. Und dann kommt das Erstaunliche: "so wird euch solches alles hinzugelegt werden." Nicht erkämpft, nicht verdient – *hinzugelegt*. Wie eine Zugabe, die man bekommt, ohne danach gegriffen zu haben.

Zwei Dinge stehen im Fokus deiner Suche: das Reich Gottes – seine Herrschaft, sein Regieren, das mit Jesus selbst angebrochen ist – und "seine Gerechtigkeit". Das ist nicht abstrakte Moral, sondern die Frage: Lebst du so, wie der König es will? Das greift direkt zurück auf Matthäus 5:6, wo die Hungrigen nach Gerechtigkeit selig genannt werden – hier wird aus dem Hunger eine aktive Suche.

Leicht zu übersehen: Der Vers ist die Antwort auf Sorge, nicht auf Faulheit. Jesus rühmt hier nicht Passivität, er verlagert die Energie – weg vom Grübeln über Morgen, hin zum Suchen des Königs heute [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill). Der Vers sitzt am Ende der langen Passage über Sorgen (Matthäus 6:25-34) und ist die Zusammenfassung der ganzen Bergpredigt bis hierher: Königreich und Gerechtigkeit sind die zwei Leitworte der ganzen Predigt [Jamieson-Fausset-Brown](cite://s?id=jamieson-fausset-brown). Wo Christen sich uneinig sind: Manche lesen "alles" fast wörtlich als materiellen Segen (Wohlstandslesarten), andere – zurecht vorsichtiger – betonen, dass "alles Nötige" gemeint ist, nicht "alles Gewünschte". Der Kontext (Vers 32: "was ihr all dieser Dinge bedürft") stützt die zweite Lesart.

## Historischer Hintergrund

Matthäus schreibt sein Evangelium vermutlich zwischen 60 und 90 n. Chr., wahrscheinlich für eine judenchristliche Gemeinde, die mit dem jüdischen Erbe rang und gleichzeitig verstehen musste, wer Jesus wirklich ist. Die Bergpredigt (Matthäus 5–7), aus der dieser Vers stammt, gibt Jesu eigene Worte wieder, gesprochen etwa 28–30 n. Chr. an einfache Leute in Galiläa – Fischer, Bauern, Handwerker, die tagtäglich am Rand des Existenzminimums lebten.

Das ist wichtig, um zu verstehen, wie radikal Vers 33 klang. Für die meisten Zuhörer war Sorge um Essen und Kleidung kein abstraktes Gedankenspiel, sondern die tägliche Realität einer Agrargesellschaft ohne Kühlschrank, ohne Sozialversicherung, ohne Ernteversicherung. Eine schlechte Ernte, eine Krankheit, eine römische Steuererhöhung – und eine Familie stand vor dem Nichts. In diese Welt hinein sagt Jesus nicht "sorgt euch weniger", sondern gibt eine ganz konkrete Umlenkung: Sucht zuerst das Reich.

Das Wort "Reich Gottes" hatte für jüdische Ohren politischen Klang – die Hoffnung, dass Gott selbst eingreift, Rom vertreibt, David wieder aufrichtet. Jesus füllt diesen Begriff neu: Das Reich bricht schon jetzt an, in seiner eigenen Person und seinem Handeln, aber es ist kein politischer Umsturz, sondern eine neue Weise zu leben unter Gottes Herrschaft [Tyndale Open Study Notes](cite://s?id=tyndale). Der Talmud, das spätere Sammelwerk jüdischer Rechtsauslegung, enthält ganz ähnliche Sprichwörter über die Torheit, sich um morgen zu sorgen [John Gill Bible Commentary](cite://s?id=john-gill) – Jesus knüpft also an vertraute Weisheit an, radikalisiert sie aber, indem er sie an seine eigene Person und sein Reich bindet.

## Ursprache

Das Verb, das mit "trachten" übersetzt wird, ist **ζητέω** (*zētéō*, G2212) – "suchen", aber mit Nachdruck, fast im Sinn von "sich intensiv bemühen um etwas, jagen nach" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Es ist kein gelegentliches Interesse, sondern eine ausgerichtete Energie – dasselbe Wort, das benutzt wird, wenn jemand nach einem verlorenen Schatz sucht.

Davor steht **πρῶτον** (*prōton*, G4412) – "zuerst", und zwar nicht nur zeitlich gemeint, sondern in Rang und Wichtigkeit [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Das ist der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Satzes: nicht "auch", nicht "irgendwann", sondern an erster Stelle.

**βασιλεία** (*basileía*, G932) meint nicht in erster Linie ein Territorium, sondern die Herrschaft, das Regieren selbst [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs) – im Deutschen klingt "Reich" nach Landkarte, im Griechischen steckt mehr die Frage: Wer regiert dein Leben?

**δικαιοσύνη** (*dikaiosýnē*, G1343) heißt "Gerechtigkeit", aber mit einem Doppelklang: Es meint sowohl richtiges, gerades Handeln als auch – besonders im christlichen Sprachgebrauch – das Rechtfertigtsein vor Gott [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Beide Bedeutungsebenen schwingen mit: die Gerechtigkeit, die Gott schenkt, und die Gerechtigkeit, die daraus wächst.

Und schließlich **προστίθημι** (*prostíthēmi*, G4369) – "hinzulegen, dazufügen, danebenlegen" [Strong's Concordance](cite://s?id=strongs). Es ist ein Bild von jemandem, der noch etwas obendrauf legt, ohne dass man danach gefragt hätte. Genau dieses Wort trägt die ganze Pointe des Verses: Die materiellen Dinge sind nicht das Ziel der Suche, sondern die Zugabe eines Königs, der weiß, was du brauchst.

## Wie es auf Christus hinweist

Wenn Jesus sagt "trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes", dann redet er nicht über ein abstraktes System, sondern über sich selbst. Er ist der König, durch den dieses Reich angebrochen ist – der ganze Grund, warum er später sagt, sein Reich sei "nahe herbeigekommen" (vgl. Matthäus 4:17). Die Suche nach dem Reich ist am Ende die Suche nach ihm.

Und hier wird es besonders schön, wenn du dieses Wort mit 2. Korinther 5:21 zusammen liest: "Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden." Die Gerechtigkeit, nach der du in Matthäus 6:33 suchen sollst, ist letztlich keine Leistung, die du zusammenkratzt – sie ist etwas, das dir in Christus geschenkt wird. Du suchst eine Gerechtigkeit, die er dir gibt, indem er selbst den Preis dafür trägt.

Das verbindet sich auch mit Johannes 6:27, wo Jesus sagt, man solle nicht für die vergängliche Speise arbeiten, sondern für die Speise, die ins ewige Leben bleibt – die er selbst gibt. Dasselbe Muster: Hör auf, um das Vergängliche zu kreisen, und richte dich auf das aus, was bleibt – auf ihn.

Und Paulus fasst es in Römer 14:17 fast wie ein Echo zusammen: Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Das ist keine neue Idee – das ist Matthäus 6:33, jetzt gelesen im Licht dessen, was Jesus am Kreuz und in der Auferstehung tatsächlich vollbracht hat. Was Jesus als Anweisung gibt, wird nach Ostern zur Beschreibung dessen, was er selbst geschenkt hat.

## Für dein Leben

Sei ehrlich mit dir für einen Moment: Wonach jagst du eigentlich zuerst, wenn du morgens aufwachst? Nicht theoretisch – praktisch. Wonach greift dein Kopf, bevor du überhaupt aus dem Bett bist? Für die meisten von uns ist die ehrliche Antwort nicht "nach Gottes Reich". Es ist die Karriere, das Konto, die Beziehung, die Angst vor dem, was morgen schiefgehen könnte.

Jesus stellt hier keine Frage der Priorität unter mehreren gleichwertigen Dingen. Er stellt eine Frage der Rangordnung, die alles andere verschiebt [Matthew Henry Bible Commentary](cite://s?id=matthew-henry). Und das kostet etwas – nämlich die Kontrolle. Solange du selbst für dein Überleben sorgst, kannst du kalkulieren, planen, absichern. Sobald du zuerst das Reich suchst, gibst du zu, dass du nicht der bist, der am Ende alles zusammenhält. Das ist kein Rezept für Bequemlichkeit. Das ist eine Übung im Vertrauen, die du täglich neu einüben musst, so wie Israel täglich neu das Manna sammeln musste.

Die Verheißung ist nicht, dass du reich wirst, wenn du fromm genug lebst. Die Verheißung ist viel bescheidener und viel tiefer: Was du wirklich brauchst, wird dir dazugelegt, während deine Energie woanders eingesetzt wird. Frag dich heute: Wo verausgabst du deine Sorge-Energie, die eigentlich für Suche nach Gott gedacht wäre? Was müsstest du loslassen, um wirklich zuerst zu suchen – nicht theoretisch, sondern in der Art, wie du deinen Tag, dein Geld, deine Zeit ausrichtest?

## Gebetsanliegen

- Vater, zeig mir ehrlich, wonach ich in Wirklichkeit zuerst suche – nicht was ich behaupte zu suchen, sondern wo mein Herz morgens zuerst hingeht.
- Ich bekenne, dass ich oft mehr Energie in meine Sorgen stecke als in die Suche nach deinem Reich – vergib mir diese verkehrte Reihenfolge.
- Herr, lehre mich, dir die Sorge um morgen wirklich abzugeben, ohne dabei untätig oder verantwortungslos zu werden.
- Danke, dass deine Gerechtigkeit mir in Christus geschenkt wird und ich sie nicht selbst erarbeiten muss.
- Gib mir den Mut, heute konkret etwas zu ändern – in meiner Zeit, meinem Geld, meiner Aufmerksamkeit – damit dein Reich wirklich zuerst kommt.

## Zum Nachdenken

- Wenn jemand einen Tag lang deine Gedanken beobachten könnte – wonach würde er sagen, dass du wirklich zuerst trachtest?
- Was genau müsstest du loslassen, wenn du diesen Vers wörtlich nehmen würdest – nicht als schöne Idee, sondern als Handlungsanweisung für diese Woche?
- Wo verwechselst du "Gottes Reich suchen" mit bloßer religiöser Aktivität, ohne dass sich dein Vertrauen wirklich verschiebt?
- Traust du Gott wirklich zu, dass er "hinzulegt", was du brauchst – oder hältst du insgeheim einen Plan B für den Fall bereit, dass er es nicht tut?
- Welche konkrete Sorge nagt gerade an dir – und wie würde es aussehen, sie heute bewusst gegen die Suche nach Gott einzutauschen?

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https://dewfall.app/de/read/gersch:40:6:33

Schlachter Bibel 1951, Genfer Bibelgesellschaft (CC BY 4.0)
